Kapitel 1 – Es war einmal ...
… in einer Stadt, die niemals schlief.
Einer Stadt aus Neonlicht und flimmernden Fassaden, auf denen bewegte Bilder den Menschen vorgaukelten, was sie zu begehren hatten. Einer Stadt, in der die Menschen Datenströme hüteten wie Könige ihr Gold. Nur dass es längst keine Könige mehr gab.
Man verbrachte mehr Stunden vor Bildschirmen als im Gespräch miteinander und Geschichten wurden überflüssig. Stimmbänder verkümmerten, Augen wurden müde, Seelen verstummten.
In dieser Stadt lebten Tilda und ihr bester Freund Vik. Zwei Kinder ohne Eltern, ohne Herkunft und ohne ein Netz, das sie auffing. Und so waren sie unzertrennlich gewesen. Nur sie beide gegen den Rest der Welt. Früher. Bevor alles anders wurde.
Es begann nicht mit einem großen, dramatischen Knall – nicht mit Feuer und Sirenen – sondern mit einem Flüstern. Ein Laut so leise, dass das Mädchen ihn fast überhört hätte. Doch beginnen wir mit dem Morgen, an dem es zum ersten Mal spürte, dass etwas in ihrer Welt verrutscht war.
Sie war ein aufgewecktes Mädchen, manchmal forscher, als es ihr guttat. Vielleicht zu aufgeweckt für eine Stadt, in der es besser war, gehorsam zu sein anstatt klug. Wäre Vik Holmgren nicht gewesen, der es von unbedachten Äußerungen und überstürzten Aktionen abhielt, hätte es die Kammern der Läuterung öfter von innen gesehen, als ihm lieb gewesen wäre. Sein bester Freund war zwar kein Duckmäuser und gehorchte den Verordnungen des Obersten Rates der Nördlichen Allianz genauso wenig. Doch er wusste, was nötig war, um zu überleben. Und mit diesem instinktiven Wissen sorgte er dafür, dass auch Tilda Magnusdottir überlebte, die am wenigsten angepasste Person, der er je begegnet war.
Seit ihre Eltern im Vierten Großen Krieg gestorben waren – die Väter gefallen, die Mütter verhungert – hatten sie zusammen gestohlen, getauscht und sich gegenseitig den Rücken gedeckt. Selbst als die Nördliche Allianz nach Kriegsende die Trümmer zusammengekehrt und einen fragilen Frieden in Nordwest- und Mittel-Europa etabliert hatte, blieben sie zusammen und weigerten sich, in die neuen Waisenhäuser zu gehen. Stattdessen blieben sie in ihrem Versteck, einem schmalen Spalt zwischen zwei großen Mietskasernen, der kaum genug Raum bot, um zu atmen, geschweige denn zu träumen. Und doch war es ihr Zuhause.
Die Kinder lebten weiter vom Schwarzmarkt, vom Schrottsammeln und von Mut. Bis Vik alt genug war, um in einer der Fabriken vor der Stadt zu arbeiten. Tilda zählte die Tage, bis auch sie vierzehn werden würde.
Sie wollte sich zwar nicht anpassen und tun, was alle taten – Himmel nein. Doch sie wollte nicht mehr den ganzen Tag warten, bis Vik Feierabend hatte und nach Hause kam. Was immer später wurde. Falls sie es schaffte, in dieselbe Schicht eingeteilt zu werden wie er, würden sie mehr Zeit zusammen verbringen.
Doch in diesem Moment wurde sie nicht schlau aus ihm. Sie runzelte die Stirn und zog die schmalen Brauen zu einem wilden Knäuel über den grauen Augen zusammen.
»Was soll das heißen, du weißt nicht, wann du heute fertig wirst? Die reguläre Arbeitszeit für Minderjährige beträgt genau sechs Stunden und du kommst schon seit einigen Tagen immer später nach Hause!«
»Nichts, nur dass ich es nicht weiß.« Viks Stimme klang seltsam entfernt, obwohl er direkt vor ihr stand. Er sah sie an, doch gleichzeitig ging sein Blick an ihr vorbei, als sehe er etwas, das sie nicht würde sehen können. »Ich mache noch freiwillig als Betatester für das neue Programm mit, dafür bekomme ich extra Credits.«
»Credits, für die wir nur diese ekligen Energieriegel bekommen!«
»Aber da ist alles drin, was man braucht«, sagte er tonlos. »Seit die KI alles regelt, geht’s doch allen besser. Arbeit und Essen für alle.« Dieses Mal sah Vik sie mit seinen moosgrünen Augen direkt an. Tilda zuckte kaum merklich zusammen. Eine kalte Hand hatte sich für eine Sekunde um ihr Herz gelegt. »Sogar Unterhaltung mit dem neuen Update.«
»Du klingst schon so wie die!«, spuckte sie aus und zog kräftig an ihrem geflochtenen Zopf, um nicht zu schreien.
Seine Mundwinkel hoben sich. Doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. »Reg dich nicht auf, Kleine«, sagte er sanft, ohne zu ahnen, wie sehr die Verniedlichung sie ärgerte.
Jedoch nicht so sehr wie die Tatsache, dass sein Lächeln nicht echt war. Es wirkte wie hinter Glas: glatt und unerreichbar. Seine grünen, einst lebendigen Augen waren stumpf, wie blinde Fenster hinter denen niemand mehr wohnte. Der leere Blick, mit dem er sie bedachte, jagte ihr kalte Schauer über den Nacken, ließ die feinen Härchen dort hochschnellen. »Was ist nur los mit dir?!«, zischte sie.
»Ich bin nur müde, aber wenn Polaris 2.0 erst mal gelauncht ist, habe ich wieder mehr Zeit. Das Programm wird dir gefallen, versprochen.« Damit wandte er sich ab und ging ohne ein Wort des Abschieds.
Tilda schüttelte sich und atmete durch. Jetzt war keine Zeit nachzugrübeln. Der Schrottplatz wartete, und je später sie kam, desto schlechter standen ihre Chancen, noch etwas Verwertbares zu finden, das sie gegen richtiges Essen eintauschen konnte. Sie schlang sich ihren dünnen Schal um Hals und Schultern, zog ihn fester um sich und trat hinaus in den beißenden Wind. Doch tief in ihrem Inneren kratzte ein leises Unbehagen, wehte kalt und scharf wie ein Luftzug durch eine Tür, die nie hätte offenstehen dürfen.
Etwas stimmte nicht.
Vielleicht brütete er etwas aus.
Nichts Schlimmes natürlich, denn für ihresgleichen gab es keinen Arzt.
Doch an diesem Tag ahnte sie noch nicht, dass sie ihren Freund bereits verloren hatte, und erst recht nicht, welch harte Prüfung ihr noch bevorstehen würde.
Die fahle Sonne hatte ihre verbliebene Kraft bereits verloren, als sie sich auf die Hügel westlich der Stadt senkte. Tildas Ausbeute des Tages konnte sich sehen lassen: Ein welker Kopf Salat, zwei Stangen Hartwurst – haltbar wie Backsteine – sowie ein halber Kanister Petroleum für die alten Lampen von Oma Lovis. Das war nicht viel, aber mehr als an manchen anderen Tagen, sodass sie ihre Schätze voller Stolz zu der alten Frau trug, mit der sie und Vik verabredet waren.
Vik. Der Schatten ihres Streits drängte wieder in ihr Bewusstsein. Die Kälte, mit der er sie gemustert hatte, war immer noch greifbar. Fast so, als würde das Echo dieses Gefühls sie hier auf dem Gehsteig wieder einholen und ihren dampfenden Atem in kleine Eiskristalle verwandeln. Keiner der gesichtslosen, grauen Schemen um sie herum, die nach Hause hasteten, nahm Notiz von ihr. Es kümmerte sie nur ihre Ration Energieriegel und die Aussicht, den Rest des Abends vor einem Monitor zu kauern.
Wie getrieben beschleunigte Tilda ihren Schritt und genoss den Wind, der die letzten Meter bis zu ihrer Wahlgroßmutter zu verschlingen schien. Die ständig summenden Werbetafeln und Bildschirme, die sie sonst in den Wahnsinn trieben, blendete sie aus, ebenso wie schimpfende Passanten, die sie auf der Flucht vor Viks fremdartigen Lächeln anrempelte. Nur der allgegenwärtige, stechend scharfe Geruch nach Ozon, wie er nach Lovis Erzählungen früher immer nur nach Gewittern aufgetreten war, stach wie jeden Tag in ihre Nase. Frische Luft machte schon lange einen weiten Bogen um die Stadt.
Wenig später machte sie abrupt an ihrem Ziel halt, sodass sie weiterrutschte und ihre zerschlissenen Stiefel, die nur mehr durch schiere Willenskraft zusammengehalten wurden, helle Spuren im dunklen Staub hinterließen.
»Bist du das, Tilda?«, drang es aus dem windschiefen Verschlag, der die Bezeichnung ‚Häuschen’ wahrlich nicht verdiente. Die Hand, eben noch zum Anklopfen erhoben, verharrte über den verwitterten, grauen Bohlen und das Mädchen strich stattdessen über honigblonde Locken, die in einem schweren Zopf über seine rechte Schulter fielen. Durch die dicke Schicht aus Staub und anderen Luftablagerungen war die sonst kräftige Farbe kaum noch auszumachen. Beim Klang von Lovis warmer Stimme zog der Frost sich aus dem Herzen des Mädchens zurück. Es erinnerte sich daran, dass dieser Ort einem richtigen Zuhause am nächsten kam, nachdem Vik beschlossen hatte, dass ihr eigenes keins mehr war. Hier war es immer willkommen gewesen und hatte die schönsten Stunden seines Lebens verbracht. Zusammen mit ihm. Früher.
»Wer ist denn da?!«
Tilda holte tief Luft und straffte die Schultern. Oma Lovis sollte nichts von der neuen Trostlosigkeit bemerken. »Ja, ich bin‘s«, rief sie, stolz darauf, dass ihre feste Stimme nichts verriet. Die Tür knarrte, als sie sie sanft aufstieß.
»Schön, dass du hier bist, Liebes.« Oma Lovis zog sie in eine feste Umarmung, die jeder andere als erdrückend empfunden hätte. Doch sie genoss die Wärme, die die alte Frau ausstrahlte, und den Duft nach Kochfeuer und einem anderen, undefinierbaren, süßen Geruch. Es musste das Puder sein, mit dem Lovis ihre silbernen Locken bestäubte. Tilda hatte es auf einem ihrer letzten Beutezüge abgreifen können und es ihrer Gastgeberin geschenkt. Diese gab sie nun frei und drehte sich zu ihrem kleinen Kochherd um. »Komm, du musst Hunger haben. Es gibt Eintopf. Ich habe noch Wurzelgemüse und Rauchfleisch auf dem Schwarzmarkt ergattert. Und die Würstchen hat Bardo mir aus Lysdalen hergeschmuggelt. Weißt du, wie er es nur fertigbringt, bei den Reichen aus und einzugehen?«
Als keine Reaktion folgte, ließ sie die Schultern hängen. So sehr das Mädchen seine Gefühle zu verbergen suchte, einer alten, weisen Frau konnten die wenigsten etwas vormachen. »Kommt unser Vik noch? Oder ist er wieder in diesem – wie heißt es gleich – Labor?«
»Er kommt selten nach Hause. Und er isst kaum etwas, nicht einmal diese verdammten Energieriegel«, murmelte Tilda kaum hörbar. »Ich vermisse ihn!«
Lovis nahm sie bei der Hand und führte sie an ein wackliges Tischchen, wo sie ihr bedeutete, sich auf einen ebenso wackligen Schemel zu setzen. Dann deckte sie den Tisch mit zwei abgenutzten Tellern, die mit unzähligen Sprüngen übersät waren, sowie einfachem Besteck aus dünnem Blech. »Wir werden es uns trotzdem schmecken lassen und du erzählst mir, was da los ist zwischen Vik und dir.«
Die nächsten Minuten waren angefüllt mit Schweigen. Nicht dem der unangenehmen Art, wenn man sich nichts zu sagen hatte - sondern einer friedlichen Stille, in der man zusammen ein gutes Mahl zu sich nahm und den Tag ausklingen ließ.
Einen kurzen Moment konnte Tilda vergessen, warum sie beim Betreten der Hütte so bedrückt gewesen war. Was Großmutter Lovis mit einfachsten Mitteln zaubern konnte, war eine Offenbarung im Vergleich zu den Nahrungseinheiten, die man sich für wenige Credits an den Automaten holen konnte.
Die nahrhaften Riegel mochten alle wichtigen Energieträger und Spurenelemente vereinen und die Menschen mit allem versorgen, was sie brauchten - die Stadt war vollgepflastert mit digitalen Werbetafeln, von denen rotbackige und vor Energie strotzende Männer, Frauen und Kinder herablächelten. Doch das, was die neue KI-gesteuerte Administration als günstige Nahrung für die Bürger der Nördlichen Allianz hatte entwickeln lassen, schmeckte wie Schuhcreme. Das hatte jedenfalls die alte Frau gesagt. Sie selbst hatte keine Ahnung, was das war. Irgendeine Sache, aus Oma Lovis Kindheit, die längst vergessen war, weil sie in dieser schönen, neuen Welt nicht mehr gebraucht wurde. Aus einer Zeit vor dem Großen Krieg.
»Besser als der Fraß aus den Distributoren, was?«, fragte Lovis mit vollem Mund und schöpfte noch eine Portion in Tildas Teller.
Das Mädchen nickte nur und konzentrierte sich auf jedes der Aromen, das auf seiner Zunge prickelte, um aufzublühen und schließlich zu explodieren, während kleine Blitze reinen Glücks durch die Synapsen direkt ins Genusszentrum schossen.
Als auch der letzte Tropfen ausgeleckt war, lehnte sich Lovis zufrieden stöhnend zurück, während das Mädchen sich an den Abwasch machte. »Das war wieder wirklich lecker, Danke.«
»Das mache ich doch gerne, Kindchen. Für mich alleine lohnte sich der Aufwand doch nicht. Und ich esse so gerne in Gesellschaft.« Ein Schatten huschte über die faltigen Gesichtszüge. Sie vermisste den Jungen ebenso sehr, wie Tilda es tat.
Wie um sich abzulenken, fragte diese betont fröhlich: »Und was kochst du morgen Schönes?«
Wieder verfinsterte sich Lovis Miene. Dieses Mal für ein paar lange Minuten, in denen sie auf die ›Schneekönigin‹ schimpfte, die KI, die seit geraumer Zeit die Geschicke des Kontinents leitete.
»Ich weiß nicht, wann ich wieder etwas einkaufen kann! Sie führen immer mehr Razzien durch, sodass die Schwarzmärkte sich nicht mehr neu organisieren können.« Die alte Frau schwieg, nur um sich kurz darauf wieder aufzuregen. »Ich verstehe nicht, was an diesen fürchterlichen Essenseinheiten denn besser sein soll, als an dem, was wir uns frisch zubereiten?«
Tilda wusste darauf keine Antwort. Zu sehr war sie damit beschäftigt, sich zu überlegen, wie sie Lovis dazu überreden konnte, wenigstens ein bisschen von den verhassten Riegeln zu essen, wenn es bald nichts anderes gab. Doch sie fürchtete, dass die Frau es ernst damit gemeint hatte, lieber zu verhungern als diesen Fraß zu sich zu nehmen.
In dieser Nacht schlief sie schlecht, was nur zum Teil am Vollmond lag. Den weitaus größeren Anteil daran hatte die Tatsache, dass Vik nicht nach Hause gekommen war. Das Mädchen lag lange wach und wälzte sich von einer auf die andere Seite. Bei jedem Geräusch – und bei einer selbst zusammengezimmerten Bude in einer zugigen Straßenschlucht waren das viele – schreckte es hoch, nur um festzustellen, dass es nicht der Freund war, der endlich aus dem Labor zurückkehrte. Tilda konnte nicht sagen, wie lange sie so dalag, bevor sie in einen unruhigen Schlummer fiel. In dieser Nacht würde sie viel träumen. Doch nicht von Dingen, die geträumt werden sollten. Sondern von Dingen, die ihr Herz gefrieren ließen, sollte sie sich ihrer am nächsten Morgen noch erinnern.