Kapitel 1
Als ich aufwachte, kam direkt diese Übelkeit. Und diese Bauchschmerzen. Ich wusste, wovon. Von den zehn Tabletten gestern. Ich hatte zehn von den Novaminsulfon 500 genommen. Ich wollte nicht mehr hier sein. Nicht mehr hier bei meinem „Vater“. Ich kann ihn nicht mehr so nennen seit – seit er das getan hat. Ich kann nicht daran denken.
Heute wieder Schule. Ich schaffe das nicht. Er würde mich auch nicht zu Hause lassen. Ich könnte mir unterwegs den Rettungsdienst rufen, dann komme ich ins Krankenhaus. Die Symptome habe ich ja. Dann wäre ich erstmal sicher vor ihm. Aber wie kann ich das machen?
Erst mal muss ich aufstehen, ohne zu kotzen. Hinsetzen wenigstens. Schon beim leichten Bewegen meines Kopfes drehte sich alles. Ich drehte den Kopf, um mein Handy zu finden. Vielleicht fällt ja heute die Schule aus.
Langsam griff ich nach meinem Handy, trennte es vom Kabel und entsperrte es. Enttäuscht musste ich feststellen, dass ich heute alle acht Stunden hatte: erst Doppelstunde Gesundheit, dann Mathe, Gestaltung und dann Deutsch. Hatte ich Hausaufgaben auf? Keine Ahnung. Aber es kann doch eigentlich egal sein. So oft wie ich dieses Jahr schon geschwänzt habe, habe ich eh nichts Besseres als eine Vier. Wie ich das am Ende des Jahres erklären soll, weiß ich noch nicht. Also falls ich dann überhaupt noch lebe.
So langsam muss ich aber wirklich aufstehen, sonst kommt er nachher in mein Zimmer und schreit mich wieder an oder macht die schlimmen Dinge wieder.
Ich zog mich nicht an, ich hatte ja noch die Sachen von gestern an. Ich hatte es mal wieder nicht geschafft, mich umzuziehen. Ich weiß, extrem ekelig, aber es ging einfach nicht. Ich weiß ja selbst nicht mal, wieso.
Ich stand also auf. Aber es blieb immer noch die Frage, wie ich es schaffen sollte, mir den Rettungsdienst zu rufen. Vor meinem Bett stehend, öffnete ich Google und gab ein: „Wie kann ich den Rettungsdienst ohne Anrufen informieren?“ Ich fand die Website der Nora-App. Es sollte eine App sein, mit der man den Notruf verständigen kann, ohne zu telefonieren. Ich lud sie mir herunter. Das war vielleicht die einzige Möglichkeit, wie ich Hilfe bekommen konnte.
Die App erschien mit einer Art rotem Kreuz und einem Finger, der darauf zeigte, auf meinem Bildschirm. Nach dem Öffnen wurde ich aufgefordert, meine Nummer einzugeben und diese mit einem Bestätigungscode zu bestätigen.
Dann musste ich meinen Namen eingeben: Luis Schmidt. Und dann ging es weiter. Ein Bildschirm mit der Aufschrift „Nora Notrufapp“ und dem Button „Notruf starten“ erschien. Oben gab es noch eine Art Menü-Icon. Dort drückte ich auf „Persönliche Angaben“. Mal gucken, was man hier so eintragen kann.
Es gab die Frage: „Können Sie am Telefon sprechen?“ Ich wählte „Nein“ aus. Ich kann nicht telefonieren, dafür ist die Angst viel zu groß. Ich gab auf der nächsten Seite mein Alter (16 Jahre) und mein Geschlecht an. Danach kamen noch Fragen zu Vorerkrankungen und Behinderungen.
Damit war es dann abgeschlossen. Und ich musste mich fertig machen, um loszugehen.
Ganze 15 Minuten ging ich in Richtung Schule. Dann musste ich mich auf die Bank bei der Bushaltestelle setzen. Mir war schwindelig. Alles drehte sich.
Ich setzte mich auf der Bank nach vorne gebeugt hin, die Ellenbogen auf den Knien. Mein Handy rutschte fast aus meiner Hand, so sehr zitterten meine Finger. Ich öffnete die App. Der Bildschirm wirkte plötzlich viel zu hell. Das rote Symbol, der Schriftzug. Notruf starten.
Ich starrte einen Moment darauf. Mein Herz schlug mir bis in den Hals. Wenn ich jetzt drückte, gab es kein Zurück mehr. Ich hörte Schritte auf dem Gehweg hinter mir und zuckte zusammen. Niemand blieb stehen. Niemand achtete auf mich.
Ich drückte.
Der Bildschirm wechselte. Eine Seite mit meinem Standort und der Aufforderung, meine Adresse zu bestätigen, also dass ich da bin. Dann musste ich auswählen, was passiert ist. Ich wählte Erkrankung/Verletzung/Sturz aus. Dann wählte ich „Schmerzen“ aus und sendete den Notruf ab.
Es erschien ein Bildschirm, auf dem stand: „Ihr Notruf wurde gesendet. Sie sind jetzt mit der folgenden Notrufleistelle verbunden.“
Dann erschien ein zweiter Textblock. „Ihr Notruf wird nun bearbeitet. Vielleicht hat die Leitstelle weitere Fragen oder Hinweise.“
Eine Nachricht der Leitstelle traf ein. „Können Sie mir sagen, wo genau Sie sind? Dann können wir ihnen Hilfe schicken.“
Ich antwortete, dass ich in dem Bushaltestellenhaus sitze. Eine weitere Nachricht traf ein.
„Sind Sie alleine? Bleiben Sie da, wo Sie jetzt sind.“
Ich antwortete mit „ja“ und es tauchte ein weiterer Block auf. „Hilfe ist unterwegs. Bleiben Sie ruhig. Folgen Sie möglichen Anweisungen."
Dann kam eine Nachricht von der Leitstelle: „Der Rettungsdienst ist auf dem Weg zu Ihnen.“
Der Rettungswagen stand schon, als ich das Martinshorn bewusst wahrnahm. Es war nicht mehr laut, nur noch präsent, wie ein Nachhall. Die Seitentür öffnete sich, Metall gegen Metall, dann Stimmen.
„Rettungsdienst.“
Der Mann, der das sagte, ging sofort in die Hocke. Er nahm Raum zurück, statt ihn zu beanspruchen. „Ich bin Thomas Schmidt. Das ist mein Kollege Philipp Stehling.“
Philipp blieb einen Schritt zurück, ließ den Blick kurz über die Umgebung wandern, dann über mich. Nicht wertend. Prüfend. Beruflich.
„Du hast uns über die Notruf-App gerufen“, sagte Thomas. „Du musst jetzt nichts erklären. Wir sind erstmal da.“
Ich nickte. Mein Magen zog sich zusammen, nicht vor Übelkeit, sondern vor Anspannung. Mein Körper war müde, aber mein Kopf stand unter Strom.
„Dann komm erstmal mit ins Auto“, schlug Thomas vor und half mir, einzusteigen.
„Können wir kurz deine Werte nehmen?“, fragte Philipp.
Ich streckte ihm mechanisch den Arm entgegen. Die Blutdruckmanschette schloss sich darum, kühl, fest. Das Gerät begann zu arbeiten.
Philipp runzelte leicht die Stirn. „Blutdruck eher niedrig.“
Thomas nickte. „Okay.“
Er sah mich direkt an. „Wie fühlst du dich gerade? Körperlich und… Innerlich.“
Ich zögerte. Dann sagte ich das, was stimmte. „Leer. Und es tut weh. Nicht hier.“ Ich tippte mir an die Brust. „Hier.“
Thomas ließ einen Moment Stille zu. Kein vorschnelles Einordnen.
„Hast du Medikamente genommen?“, fragte er dann.
„Ja.“
„Was genau?“
„Novaminsulfon 500. Zehn Stück.“
„Wann?“
„Gestern Abend.“
„Mit dem Gedanken, nicht mehr leben zu wollen?“
Die Frage war ruhig. Ohne Schärfe. Ohne Falle.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich wollte nicht sterben. Ich wollte, dass es aufhört. Ich konnte diesen Druck nicht mehr tragen. Ich wusste keinen anderen Weg.“
Thomas nickte langsam. „Psychischer Schmerz“, sagte er, mehr feststellend als fragend.
Philipp hatte inzwischen meine Jacke etwas zur Seite gezogen, um Elektroden für ein EKG anzulegen. Sein Blick fiel dabei auf meine Unterarme. Die Narben. Alte Linien, manche heller, manche dunkler.
Er sagte nichts. Aber er sah zu Thomas. Kurz. Eindeutig.
Thomas ergriff den Blick, ohne ihn zu kommentieren. „Danke, dass du so ehrlich bist“, sagte er zu mir. „Das hilft uns, richtig zu handeln.“
„Mir ist schwindelig“, sagte ich.
„Okay“, sagte Philipp sofort. „Wir legen dir einen Zugang. Du bist sehr angespannt, und dein Kreislauf ist nicht stabil.“
„Kann ich was trinken?“, fragte ich leise.
Philipp schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Wir geben dir Flüssigkeit über die Vene. Das ist jetzt besser.“
Philipp desinfizierte meinen Arm. „Kleiner Pieks“, sagte er.
Ich spürte ihn kaum. Der Zugang saß schnell, sicher. Er fixierte ihn sorgfältig, prüfte den Rückfluss.
„Ich gebe dir Jonosteril, also eine Kochsalzlösung“, sagte er und hängte den Beutel ein.
Das Tropfen begann. Regelmäßig. Beruhigend.
Thomas setzte sich neben mich auf den Klappsitz. Nicht zu nah, nicht zu weit weg. Er hielt Blickkontakt, ohne zu starren.
„Ich frage das jetzt noch einmal klar“, sagte er. „Hast du im Moment konkrete Gedanken, dir etwas anzutun?“
„Nein.“
„Gab es sie gestern?“
Ich überlegte. „Ich wollte aufhören zu fühlen. Nicht verschwinden.“
„Okay“, sagte er. „Dann halten wir das so fest.“
Er schrieb es auf. Langsam. Lesbar.
Während der Fahrt sagte niemand unnötig viel. Thomas blieb ansprechbar, stellte zwischendurch kurze, präzise Fragen.
„Schläfst du im Moment?“
„Kaum.“
„Isst du?“
„Unregelmäßig.“
„Gibt es jemanden, bei dem du dich sicher fühlst?“
Ich schwieg.
Er nickte, als hätte er die Antwort verstanden.
Der Wagen fuhr gleichmäßig. Kein Martinshorn. Keine Eile. Nur Bewegung.
Irgendwann sagte Thomas: „Weißt du, du hast richtig gehandelt. Nicht, weil alles jetzt gut ist. Sondern weil du dir Hilfe geholt hast, bevor es noch schlimmer wurde.“
Ich spürte, wie mir die Kehle eng wurde.
Er griff in seine Brusttasche, zog einen kleinen Notizzettel hervor. Schrieb etwas darauf. Riss ihn sauber ab.
„Das ist meine Nummer“, sagte er und legte den Zettel vorsichtig neben mein Handy. „Wenn du irgendwann reden willst und niemand erreichbar ist, kannst du schreiben. Wenn ich kann, antworte ich.“
Ich sah ihn an. Ungläubig.
Philipp sagte nichts. Aber er nickte einmal kaum sichtbar.
Der Tropf lief weiter. Mein Körper fühlte sich schwer an, aber nicht mehr so haltlos.
Als der Wagen abbremste und zum Stehen kam, wusste ich, dass wir da waren. Krankenhaus. Übergabe. Nächster Schritt.
Aber für diesen einen Moment, noch im RTW, mit dem gleichmäßigen Tropfen neben mir und dem Zettel unter meiner Hand, war der Druck leiser geworden.
Nicht weg.
Aber leiser.