Der Fremde im Waldlandreich
Der Düsterwald nahm Fremde selten freundlich auf. Im Norden von Mittelerde, dort, wo die Bäume dichter standen und das Licht schwerer durch das Blätterdach fiel, erstreckte sich das Waldlandreich Thranduils. Es war ein Reich ohne Mauern und ohne sichtbare Grenzen – und doch spürte jeder, der es betrat sofort, dass er einen Schritt zu weit gegangen war. Der Wald selbst war Grenze genug.
Es war ein kühler Sommermorgen und Nebel zog noch zwischen den Wurzeln der alten Bäume empor, als Legolas eine kleine Gruppe lautlos über einen schmalen Pfad führte. Moos dämpfte ihre Schritte, Farn streifte die Säume ihrer Gewänder und das Grün und Braun des Waldes verschmolzen so selbstverständlich mit ihren Gestalten, dass sie selbst im offenen Licht kaum mehr waren als Bewegungen im Schatten. Ihre Bögen lagen entspannt in ihren Händen, doch Entspannung bedeutete im Düsterwald selten Nachlässigkeit.
Das Licht zwischen den Stämmen war trügerisch. Es fiel in goldenen Flecken auf den dunklen Grund, als wolle es Wärme versprechen, wo doch nur Kühle lauerte. Es lag etwas Unstimmiges in dieser Ordnung, etwas, das Legolas und seine Gefährten nicht zu benennen vermochten. Selbst die Vögel schwiegen. Er kannte dieses Schweigen. Es war ein Zeichen und der Wald gab es nicht leichtfertig her.
Als sie sich einer Lichtung näherten, hob Legolas die Hand. Seine Begleiter blieben augenblicklich stehen. Einen Herzschlag lang lauschte er, als könne er in der Stille den Grund für das Verstummen der Tiere finden, dann ließ er den Blick über das Blätterdach und die Stämme gleiten.
Vor ihnen öffnete sich die Lichtung – weit und ungewöhnlich schön, als hätte sich die Bäume hier selbst einen ehreürdige Platz geschaffen. Das Gras stand hoch und weich, durchsetzt mit kleinen weißen Blüten, die der Wind sanft bewegte. Alles wirkte friedlich und unberührt.
Aber in genau diesem friedliche Bild lag etwas, das nicht stimmte. Der Elb trat aus dem Schutz der Bäume hervor, doch noch immer war kein Geräusch zu vernehmen. Nicht einmal das Rascheln eines kleinen Tieres im Unterholz. Die Stille lag so dicht, dass sie auf der Haut zu liegen schien. Er wandte den Kopf, ließ seinen Blick über die Gräser schweifen. Dann sah er es. Ein Körper. Ein junger Mann lag ausgestreckt im Gras, als hätte er sich dort niedergelegt, um zu schlafen und sei einfach nicht wieder aufgestanden. Vorsichtig trat er näher heran. Die Kleidung des Mannes reflektierte das Sonnenlicht – ein seltsames Stoffgewebe, das Legolas noch nie gesehen hatte, glatt, fremd, zu fein für das, was Menschen in diesen Gegenden trugen. Sein Haar war blond, beinahe golden und breitete sich wie ein heller Fleck im Grün um ihn herum aus. Seine Brust hob und senkte sich, schwach – aber gleichmäßig.
Er lebte also. Vorsichtig traten nun auch die anderen beiden näher und sie bildeten einen Kreis um den Fremden. Niemand wagte es zu sprechen. Ihre Blicke glitten über das Gras, suchten nach Spuren, nach einem Zeichen, nach irgendeiner Logik, wie dieser junge Mann hierher gelangt war – doch da war nichts. Kein zerdrückter Halm, kein abgebrochener Zweig, keine Fährte, die zu ihm hin oder von ihm weg führte. Als wäre er einfach… erschienen, mitten in dieser Lichtun.
„Er ist kein Waldmensch“, murmelte der Gefährte zu Legolas’ Rechter leise, „und wie mir scheint auch kein Beorninger.“
Legolas nickte. Auch ihm war es aufgefallen. Dieser junge Mann wirkte anders – in einer Weise, die sich nicht allein mit der fremden Kleidung erklären ließ. Er war ungewöhnlich… schön. Doch nicht auf die grobe, laute Art, wie Schönheit bei den Menschen auftrat. Seine Züge waren klar, fast erhaben, sein helles Haar fing das Licht – als hätte die Helligkeit selbst beschlossen, auf ihm zu verweilen. Und Legolas hatte das Gefühl, als würde das Licht ihn finden.
„Ein Elb ist er nicht“, sagte Legolas leise. Langsam, Schritt für Schritt, trat er noch näher an dieses fremde Wesen heran. Seine Hand lag bedächtig am Dolch an seiner Seite. Schönheit bedeutete im Düsterwald wenig. Schönheit konnte ebenso gefährlich wie anziehend sein und Legolas hatte gelernt, dass gerade das Verlockendste oft auch das Tödlichste war.
Er kniete sich neben den Fremden. Aus dieser Nähe wirkte er noch seltsamer – fast wie etwas das nicht hierher gehörte. Vorsichtig strich Legolas ein paar Strähnen zur Seite und sah auf die Ohren. Rund. Keine Spitze. Definitiv.
„Also doch ein Mensch?“, fragte sein zweiter Begleiter leise.
Legolas antwortete nicht sofort. Menschen waren ihm vertraut – doch dieser hier passte einfach nicht ins Bild.
„Vielleicht ein Mischling“, warf der andere ein. „Halb Elb, halb Mensch?“.
Legolas schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe Halbelben gesehen. Sie tragen beide Welten in sich.“ Er sah wieder auf den Fremden hinab. „Doch dieser hier scheint keiner von beiden anzugehören.“
Die Sonne sank langsam tiefer. Das Licht auf der Lichtung hatte bereits etwas Spätes, etwas, das den Abend ankündigte.
„Die Nacht naht, mein Herr“, sagte einer der Begleiter leise. „Und wir wissen nicht, ob er gefährlich ist.“
Legolas’ Blick blieb an den geschlossenen Lidern hängen. In diesem Moment regten sie sich leicht. Der junge Mann blinzelte. Es war kaum mehr als ein Reflex – und doch schimmerte für einen Wimpernschlag ein helles Blau durch, so klar und fremd, dass es Legolas’ Magen einen Moment lang zusammenzog.
Er beugte sich vor. „Hört Ihr mich?“, fragte er ruhig – erst in der Sprache der Menschen, dann noch einmal auf Elbisch. Keine Antwort.
„Wer seid Ihr?“ Die Augen öffneten sich ein wenig weiter. Tiefes Blau, doch unklar, als läge Müdigkeit wie Nebel darin. Dann fielen die Lider wieder zu.
„Er scheint sehr schwach“, sagte Legolas, mehr zu sich als zu den anderen, und richtete sich langsam auf. „Wir nehmen ihn mit.“ Sein Entschluss stand fest.
„Dann sollten wir ihm die Hände verbinden“, meinte einer der Begleiter. „Nur für alle Fälle.“
Legolas zögerte – lang genug, um zu zeigen, dass ihm das Widerstrebte, doch er nickte. „Das sollten wir wohl.“
Er nahm das Seil, das ihm der dunkelhaarige Gefährte reichte und band dem Fremden die Hände locker vor der Brust zusammen – nicht so fest, dass es schnitt, aber fest genug, dass es beruhigte, falls der Unbekannte plötzlich erwachte.
Dann hob Legolas ihn an. Der Körper war überraschend leicht, leichter, als er erwartet hatte und für einen Moment war ihm so, als trüge er etwas Zerbrechliches, das nicht in diese Welt gehörte. Er drehte sich um, trat zurück zwischen die Stämme und der Düsterwald schloss sich hinter ihnen, als hätte er die Lichtung nie preisgegeben.
Tief in den Hallen des Waldlandreiches, unter Wurzeln und Bäumen, wurde ein Gemach bereitet – für jemanden, der ein Fremder war. Vielleicht ein Feind. Vielleicht ein Gast.
Noch vermochte es keiner von ihnen zu benennen.


