01. Welcome Back, Brats (and Aaron)

Nora ist tot. Und es ist irgendwie meine Schuld.
Meine Schwester war eine narzisstische Ratte und meine beste Freundin scheinbar eine Mörderin. Paradoxerweise konnte ich nicht entscheiden, was das schlimmere Übel sein sollte. Hazel terrorisierte mich von der VIP-Lounge der Hölle aus. Céline hatte mir soeben gestanden, die Verlobte meines Ex-Freunds, mit dem ich genau genommen nie zusammen gewesen war, umgebracht zu haben. Oder zumindest an ihrem Tod schuld zu sein. Aber was machte das schon für einen Unterschied? Es ist irgendwie meine Schuld, klang zwar nach einem ungünstigen Ausrutscher, doch ich kannte Céline seit meinem ersten Atemzug. Sie verlor nicht einfach so die Kontrolle.
»Soll ich es noch einmal …«, setzte sie zögernd an, als ich sie eine halbe Ewigkeit lang bloß regungslos angestarrt hatte.
»Nein, ich habe dich schon beim ersten Mal gehört. Nora ist tot und es ist deine Schuld«, unterbrach ich sie kopfschüttelnd, ließ mich nach hinten, in die niedrige Lehne des Designerstuhls sinken und holte tief Luft, bevor ich spottend fragte: »Was genau bedeutet das? Hast du sie umgebracht?«
»Nein. Natürlich nicht.« Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, in der Céline schweigend auf ihre zartrosa manikürten Fingernägel starrte, bis sie sich schließlich eine der losen platinblond gebleichten Haarsträhnen hinters Ohr schob und den Kopf schüttelte. »Du erinnerst dich an die Vermutung, dass Dave sie ebenfalls mindestens geschlagen haben soll?«
»Ja«, antwortete ich nickend.
»Unser Plan, auf der Halloweenparty mit ihr darüber zu sprechen, ist ja ins Wasser gefallen, da sie dort nicht aufgetaucht ist. Seitdem habe ich versucht, Randy dazu zu bringen, mit ihr zu reden, damit sie sich wenigstens ein Mal mit uns trifft. Was leider eher weniger gut funktioniert hat«, begann sie ihre Erklärung.
»Was du nicht sagst«, schnaubte ich spottend.
»Fühl dich bloß nicht zu wohl. Ich kann dich immer noch fragen, warum hier lauter Polaroids mit Nacktbildern und beschriftete Kondome herumliegen. Oder, wieso du aussiehst, als hättest du dich erst mit Nora geprügelt und sie anschließend auf die Subway Tracks geschubst«, konterte meine beste Freundin sofort.
Mir jagte ein eisiger Schauer die Wirbelsäule hinunter, der mich heftig zusammenzucken ließ.
»Sie hat sich auf die Gleise gelegt?«, vergewisserte ich mich ungläubig.
Céline schüttelte den Kopf. »Nein. Sie hat sich auf einer Toilette im JFK einen goldenen Schuss gesetzt.«
Die Vorstellung hinterließ ein übles Gefühl in meiner Magengegend. Nicht, dass ich sonderlich lang um sie trauern würde. Wir waren zwar zusammen zur Schule gegangen, hatten in all den Jahren aber nicht mehr als zwei Sätze miteinander gewechselt. Nora Salinger und ich waren durch nichts verbunden gewesen, außer der Tatsache, dass fucking Dave uns beide geschlagen hatte.
Dennoch hätte sie nicht sterben sollen. Das war tragisch.
»Hat sie es nicht mehr ausgehalten?«, hakte ich zögernd nach.
»Kann man so sagen, ja. Aber nicht wegen Dave, seinen Eltern oder den Medien. Ich«, Céline hielt einen Augenblick inne, »befürchte, dass ich sie dazu gebracht haben könnte.«
»O Nein, bitte nicht«, murmelte ich und schloss kurz die Augen, während ich mir mit beiden Händen durchs Gesicht fuhr.
»Randy hat es in den letzten drei Wochen nicht hinbekommen, Nora dazu zu bringen, mit uns oder wenigstens dir zu sprechen. Deswegen hatte ich es eigentlich längst aufgegeben. Aber am Samstag hat sich plötzlich unser Privatdetektiv bei mir gemeldet, weil er etwas gefunden hat. Und …«, fuhr meine beste Freundin fort, kam jedoch schon wieder nicht sonderlich weit.
»Erstens seit wann habt ihr einen verdammten Privatdetektiv? Und zweitens habe ich keine Ahnung, womit genau du ihn beauftragt haben solltest«, schnitt ich ihr das Wort ab.
Das wurde immer abstruser.
»Er sollte herausfinden, wer der enge Bekannte von Dave ist, der dem Luxe Ledger erzählt hat, dass du eine dunkle Seite hast und obendrein kalt und kontrollierend bist.« Als ihr klar wurde, dass ich ihr immer noch nicht folgen konnte, begann sie zu zitieren: »Dave ist Teil der Superreichen, aber im Grunde genommen ist er ein einfacher Mann mit großen Träumen. Er hat sich nicht in Lily, sondern ihre perfekte Fassade verliebt.« Céline sah mich auffordernd an. »Klingelt da etwas?«
»Ja, ich erinnere mich«, stimmte ich unglücklich zu. Wie hatte ich diesen verdammten Artikel über Daves fehlgeschlagenen Suizidversuch auch nur eine Sekunde lang vergessen können?
»Gut. Wie gesagt, unser Privatdetektiv hat mich am Samstag angerufen – bevor du wieder fragst, ich verwette die Söhne meiner Schwester darauf, dass Ted und Vicky ebenfalls beide einen haben –, weil er herausgefunden hat, wer diesen Mist der Klatschpresse erzählt hat. Wie sich herausgestellt hat, ist Daves enger Freund genau genommen eine Freundin. Oder noch spezifischer ausgedrückt, seine Verlobte.« Céline sah kurz auf die Polaroids. »Eigentlich wollte ich das zuerst mit dir durchsprechen, aber ich konnte dich nicht erreichen. Bei dir ist entweder die Mailbox rangegangen oder du hast mich weggedrückt und mit irgendwelchen kryptischen Nachrichten abgefrühstückt, weshalb du nicht zurückrufen kannst.«
»Daran kann ich mich nicht erinnern«, bemerkte ich knapp.
»Das habe ich mir gedacht«, sagte sie unbeeindruckt.
Ich antwortete bloß mit einem trockenen Schnauben. Zu beteuern, dass ich diesmal nur zwei Bier getrunken hatte, bevor meine Erinnerung aussetzte, war sinnlos. Das genügte nicht, um einen Blackout zu bekommen. Schon gar keinen, der ein ganzes Wochenende andauerte.
Céline deutete mein Schweigen als Aufforderung, weiterzusprechen: »Da ich dich nicht erreichen konnte und Randy mich gestern beim Dinner mit unseren Eltern pausenlos vollgejammert hat, wie sehr Nora unter Dave leidet, ist mir heute Morgen endgültig der Kragen geplatzt. Ich bin zu ihr gefahren, habe sie aus dem Bett geklingelt und angefangen, auszuquetschen.«
»O Gott«, murmelte ich leise.
»Du hast noch nicht den schlimmen Part gehört«, behauptete sie, strich sich ein paar der einzelnen losen Haarsträhnen aus dem Gesicht und gestand: »Das Ganze ist ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. Nora wollte nicht mit mir sprechen und ich habe nicht locker gelassen. Deshalb hat sich die Situation immer weiter hochgeschaukelt, bis ich übergekocht bin und ihr an den Kopf geworfen habe, an allem, was Dave getan hat, ebenfalls schuld zu sein. Du weißt schon, Gewalt gegen Frauen, die rassistischen Aussagen, die ihm gerne mal rausgerutscht sind, dass er seine minderjährige Cousine vögelt und natürlich die Vergewaltigung an Aldo.«
»Von der ich mir nach wie vor nicht sicher bin, ob sie tatsächlich stattgefunden hat«, ergänzte ich.
»Außerdem habe ich sie als rückgratlose Heuchlerin bezeichnet«, fuhr Céline fort, ohne auf meinen Einwand einzugehen.
»Und dann hat sie entschieden, nicht mehr leben zu wollen?«, schlussfolgerte ich zögernd, auch, wenn es eher nach einer Frage klang.
»Nein. Dann hat sie zurückgeschleudert und mir gesagt, was für ein riesiger Hypokrit ich bin, weil ich so auf ihr herumhacke, während mir der Mut fehlt, meinen Eltern zu sagen, dass die von ihnen arrangierte Beziehung mit Randy nicht mehr funktioniert. Und, dass Wes sich nicht für mich, sondern für meinen Treuhandfond interessiert. Deshalb habe ich ihr daraufhin vorgeworfen, Dave erst dazu gebracht zu haben, Aldo zu vergewaltigen, weil der sie während der High School nicht rangelassen hat und sie somit nie die Chance hatte, sich in Roccos Musiklabel einzuschleusen«,
Ich nickte langsam, schluckte einen Schwall Übelkeit hinunter und meinte vorsichtig: »Klar, das hätte besser laufen können, aber das klingt bisher nicht schlimm genug, um deshalb in einer Flughafentoilette sein Leben zu beenden.«
»Es sei denn, ich habe einen wunden Punkt erwischt«, wandte Céline ein.
»Selbst dann. Für so eine Entscheidung ist doch ein bisschen mehr nötig, als zu realisieren, dass man mit einem Wichser verlobt ist, der …«, setzte ich an, verstummte jedoch, als ich innerlich all die Dinge durchgegangen war, die Nora sich von meiner besten Freundin hatte anhören müssen.
Deshalb habe ich ihr daraufhin vorgeworfen, Dave erst dazu gebracht zu haben, Aldo zu vergewaltigen.
»Scheiße, Céline, du weißt gar nicht, wie gern ich mich grade übergeben würde«, nuschelte ich, während ich mir mit beiden Händen durchs Gesicht fuhr und den nächsten Übelkeitsschwall herunterwürgte.
»Ich habe eine grobe Vorstellung«, entgegnete sie, holte ihr Handy hervor, tippte darauf herum und schob es mir zu. »Das hat Josy vor einer Stunde dazu hochgeladen.«
Mein Kopf dröhnte zu stark und das viel zu helle Licht von draußen brannte schmerzhaft mit dem des grellen Displays in meinen Augen um die Wette. Deshalb überflog ich den langen Text nur halbherzig, den Josy auf ihrem Gossip Blog The Fifth Avenue Files gepostet hatte, auf dem sie über die aktuellen Dramen der High Society von Manhattan berichtete. Wie üblich war dieser Beitrag in einem überspitzt skandalversprechenden Stil formuliert. Das Schwarz-Weiß-Foto von Nora, das sie im niedlichen Sommerkleid auf einer Gartenparty in den Hamptons zeigte, passte nicht zu einer beinahe schadenfroh klingenden Todesanzeige.
Josy hatte es sich nicht nehmen lassen, mehrfach zu erwähnen, dass Céline die letzte Person war, mit der man Nora gesehen hatte. Genauso wenig, wie die etlichen Wiederholungen, dass ausgerechnet eine meiner engen Freundinnen in den Suizid der Verlobten meines Ex-Freunds verwickelt zu sein schien, der felsenfest behauptete, sein Suizidversuch wäre meine Schuld gewesen. Natürlich hatte sie es irgendwie geschafft, mich auch noch in den Schlamassel mit reinzuziehen.
Ich wollte mich gerade darüber aufregen, als ich den Hinweis sah, dass es Josy ebenfalls gelungen war, an ein Foto des Abschiedsbriefs zu kommen, den man am Tatort gefunden hatte. Und im Gegensatz zu dem von Dave war dieser erschreckend kurz.
ES TUT MIR LEID.
Vier Worte. Das war alles, was Nora Salinger hinterlassen hatte.
»Okay, ich würde das eigentlich lieber nicht sagen, aber das klingt tatsächlich sehr danach, dass …«, begann ich und schob Céline ihr großes iPhone über die glatte Oberfläche des langen Esstischs zurück, als ich von der Klingel unterbrochen wurde.
Das heute fürchterlich schrill klingende Geräusch sorgte dafür, dass ich unwillkürlich zusammenzuckte und scharf die Luft einzog. Es fühlte sich an, als hätte jemand verursacht, mit einem Akkuschrauber meinen Schädel zu durchbohren.
Ich brauchte wirklich dringend eine Schmerztablette.
»Das ist wahrscheinlich Louis und ich bin mir ziemlich sicher, dass er die anderen mitgebracht hat. Er hat dreißig Sekunden, nachdem Josys Post online gegangen ist, einen Code Pink ausgerufen«, seufzte Céline unglücklich.
»Aber das ist unser Codewort für Notfälle«, wandte ich ein und kam nicht umhin, zusätzlich die Augen zu verdrehen. Ich fühlte mich zu zermatscht, um jetzt mit der Clique darüber zu diskutieren, wie wir die Situation angehen sollten.
Mit Ausnahme von Keira standen sie ohnehin alle auf meiner Verdächtigenliste, was diese verdammten Briefe anging. Und, dass ausgerechnet nur ihr Name nicht dabei war, sorgte dafür, dass ich ihn sicherheitshalber doch dazu geschrieben hatte. Wenn auch nur in Klammern.
»Komm schon, Lily, du weißt genau, wie dringend Louis zum Code Pink Club gehören will. Er hat immerhin angefangen, es überhaupt als Club zu bezeichnen«, erinnerte meine beste Freundin mich und nickte dann beiläufig auf den Flechtkorb und die Polaroids. »An deiner Stelle würde ich die wegräumen. Ich habe mich bisher zurückgehalten, aber du kennst Louis. Er wird auf keinen Fall den Mund halten, wenn er die ganzen Nacktfotos von dir sieht. Oder die mit Namen versehenen Kondome. Das ist viel zu …«
»… aufregend skandalös, ich weiß«, beendete ich ihren Satz.
»Ach, und es wäre nicht schlecht, wenn du dir etwas Längeres anziehst. Es sei denn, du willst dringend darüber sprechen, wieso du so aussiehst, als wärst du schon wieder eine Treppe heruntergefallen«, fügte sie trocken hinzu.
Dass sie sich diesmal für einen anderen Vergleich als zuvor entschieden hatte, ließ mich übel aufstoßen.
»Da meine letzte Erinnerung daraus besteht, wie ich bei Myles auf dem Sofa gesessen und ein zweites Bier getrunken habe, kann das durchaus sein«, entgegnete ich und hob augenblicklich eine Hand, als Céline den Mund für einen Konter öffnete. »Spar’s dir. Ich weiß, Josy hat ein eindeutiges Beweisvideo hochgeladen, dass er sich nicht in meiner Nähe befunden hat, aber ich weiß, dass er mich geschubst hat.«
»Ich dachte, das Thema hätten wir abgehakt«, stöhnte sie. Doch ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie viel lieber »ich habe dir von Anfang an gesagt, halt dich von ihm fern« geantwortet hätte.
»Ja, hatten wir.« Ich drückte mich ächzend aus dem Stuhl hoch, worauf jede Faser meines Körpers schmerzerfüllt aufstöhnte. »Aber das war, bevor mir ein ganzes Wochenende an Erinnerungen gefehlt hat. Ich habe Freitag Nacht bei ihm zwei Bier getrunken und jetzt habe ich einen über achtundvierzig Stunden andauernden Blackout und sehe so aus.« Zur Verdeutlichung richtete ich beide Hände auf meine nackten Beine. »Das ist nicht normal.«
»Nein, ist es nicht«, stimmte Céline mir zu.
Ihre dünnen Augenbrauen zogen sich langsam zusammen. Ich konnte sehen, wie die Zahnräder in ihrem Kopf sich zu drehen begannen. Doch ich wandte mich von ihr ab, als die Klingel schon wieder ertönte. Viel zu laut. Der ungewöhnlich schrille Ton klingelte noch immer in meinen Ohren, als der Portier, wie zu erwarten, Louis ankündigte. Natürlich war mein bester Freund nicht allein gekommen, sondern hatte Ashton und Keira mitgebracht. Die Clique war somit vollständig.
Meine Freude darüber hielt sich in Grenzen.
Céline räumte im Eiltempo die Polaroids und Kondome zurück in den Flechtkorb und versteckte alles zusammen hinter ein paar Schuhkartons in einer staubigen Ecke meines Ankleidezimmers. Ich befolgte währenddessen ihren Ratschlag und tauschte das lockere Shirt gegen einen dicken Rollkragenpullover, der die knallrot leuchtenden Handabdrücke an meinem Hals verschwinden ließ. Die heftigen Blutergüsse an den Beinen bedeckte ich mit Hilfe einer Jogginghose. Abgesehen von ein paar blauen Flecken an den Handgelenken sah ich unversehrt aus. Und die würden kaum Fragen aufwerfen. Die Üblen wurden von der Kleidung verdeckt.
Um meine zerzausten Haare zu sortieren, fehlte mir die Zeit. Das galt ebenfalls für die etlichen Benachrichtigungen, die auf meinem Handy aufleuchteten, als ich es mir in die Hosentasche schob. Dabei gefiel mir der Gedanke, auf der Stelle die Chats und Anrufe des Wochenendes durchzugehen, damit ich zumindest halbwegs rekonstruieren konnte, was alles geschehen war, deutlich besser, als dieses Notfalltreffen mit meinen Freunden.
Louis machte in der Sekunde auf sich aufmerksam, in der er das einundsechzigste Stockwerk betrat: »Ich habe Champagner, Kaffee und einen genialen Schlachtplan mitgebracht!«
»Wir sind im Esszimmer«, rief Céline zurück, während sie mich dorthin schob.
»Wieso können wir nicht ins …«, setzte ich an, verstummte jedoch, kaum tauchte mein bester Freund auf.
Ich war Louis’ knallige Outfits gewöhnt. Er war zwar nur unbedeutend größer als ich, wurde dennoch nie von einer Menge verschluckt. Heute sah er allerdings aus, als wäre er auf dem Weg zu einem Kostümwettbewerb, bei dem er seine französischen Gene verteidigen musste. Unter einem leuchtend roten Kunstfedermantel trug er ein schwarz-weiß gestreiftes Oberteil, um seinen Hals baumelte ein viel zu dünner roter Schal und seine goldenen Engelslöckchen quollen unter einer schwarzen Baskenmütze hervor. Selbstverständlich hatte er dazu keine gewöhnliche dunkle Jeans ausgesucht, sondern eine quietschende Lacklederhose, mit der er innerhalb des Bruchteils einer Sekunde an der glatten Oberfläche meiner Designerstühle festkleben würde.
»Hast du deine Baguette zuhause vergessen oder sie unterwegs an einen Obdachlosen verschenkt?«, fragte Céline spottend.
»Ha ha, sehr witzig, Ce-Cee.« Louis warf ihr einen finsteren Blick zu. »Wir sind hier, weil Lily seelischen Beistand braucht, und dir fällt nichts Besseres ein, als dich über meine Kleidung lustig zu machen.«
»Du siehst aus, als hättest du dir den Look in der französischen Abteilung eines Kostümverleihs ausgesucht«, konterte Céline unbeeindruckt, während ich murmelnd log: »Mir geht es eigentlich blendend.«
»Es ist nicht meine Schuld, dass ich nicht aus einer Linie schneeweißer Rassisten komme. Manche Leute stehen gern zu ihrer Herkunft«, antwortete Louis in schnippischem Tonfall. Dabei zog er sich die große Sonnenbrille von der Nase, wodurch sichtbar wurde, dass er deutlich zu viel rosa Blush aufgetragen hatte.
»Du bist auch weiß«, erinnerte Keira ihn skeptisch.
»Ich bin nicht so weiß«, widersprach Louis ihr gedehnt.
»O Gott, Louis, nicht schon wieder«, murmelte ich, verdrehte die Augen und nahm dankend den Kaffeebecher an, den Ashton mir gemeinsam mit einem entschuldigenden Lächeln überreichte. »Du bist weiß. Deine Eltern kommen beide aus Frankreich. Das bedeutet, du bist Europäer und das ist keine ethnische Kategorie.«
»Nicht alle Franzosen sind weiß«, warf er ein.
»Du schon«, entschied ich knapp.
Er setzte zum nächsten Konter an, Céline kam ihm allerdings zuvor, indem sie seufzte: »Louis, das haben wir mindestens tausend Mal besprochen. Du, Ashton und ich sind weiß. Daran ändert sich nichts, wenn du jede Woche mit einer frischen Selbstbräunerschicht deinen Teint aufrecht hältst. Und, nur, weil du weiß bist, bedeutet das nicht automatisch, dass du dich in meine Eltern verwandeln musst.«
Ich verzog instinktiv unglücklich das Gesicht. Cecily und Conrad Wellington gehörten nicht nur durch und durch zum alten Geld der steinreichen New Yorker Familien, sondern waren obendrein in ihren Ansichten ebenso alt wie ihr Vermögen. Keira, deren Mutter Filipina und Vater Mexikaner war, hatte nicht grundlos nur zu offiziellen Veranstaltungen das Penthouse von Célines Eltern betreten. Josy hatte ich noch nie dort gesehen. Laut Céline war ich nur schon immer bei ihnen willkommen gewesen – auch, wenn wir uns hauptsächlich bei mir getroffen hatten –, weil mein Vater reich genug war, damit sie über die Herkunft meiner Mutter hinwegsehen konnten. Jeder, der nicht die richtige Hautfarbe oder die entsprechenden Finanzen vorweisen konnte, hatte in ihrem Leben nichts zu suchen.
Ausgenommen ihre Hausmädchen und Putzkräfte.
»Leute, nichts für ungut, aber deshalb sind wir nicht hier. Nora ist tot, schon vergessen? Und du«, Ashton deutete mit der Steige gefüllter Kaffee To-Go-Becher auf seinen Freund, »hast die ganze Fahrt behauptet, du hättest einen genialen Schlachtplan parat. Also, entweder beginnen wir jetzt damit oder verschwinden wieder. Denn du«, er wandte sich an mich, »machst nicht den Eindruck, als wärst du fit genug, für stundenlange Gesellschaft.«
»Schon okay«, log ich, als ich dabei zusah, wie Louis’ eine bedröppelte Miene auflegte.
»Ich habe eigentlich keinen richtigen Plan. Aber Céline hat mir andauernd gesagt, dass ich mich nicht einmischen soll. Da hatte ich Angst, ihr zieht das hier allein durch«, gestand er zähneknirschend, senkte den Blick und fügte zögerlich hinzu: »Seit Dave von seinem Balkon springen wollte, meldest du dich sowieso immer weniger. Ich habe das Gefühl, wir sehen uns nur noch bei Veranstaltungen oder in der Uni.«
»Das stimmt. Wir haben uns am Freitag auf der Kunstausstellung gesehen und davor zuletzt an Halloween. Dazwischen lagen drei Wochen, in denen du ein einziges Mal auf eine meiner Nachrichten in unserem Gruppenchat reagiert hast«, pflichtete Keira ihm bei.
Das schlechte Gewissen überrollte mich auf Knopfdruck. Sie hatten Recht. Beide. Ich meldete mich in letzter Zeit kaum noch bei meinen Freunden. Das lag teilweise daran, dass sie alle unter Verdacht standen, mich heimlich ruinieren zu wollen.
Nur konnte ich ihnen das schlecht sagen, weshalb ich es mit einer Halbwahrheit versuchte: »Das ist keine Absicht und hat nichts mit euch zu tun. Ich hänge in der Uni hinterher, was durch diese verdammten Bänderrisse nur noch schlimmer geworden ist. Und dank fucking Dave beruft Dads PR-Team andauernd irgendwelche Treffen ein, bei denen ich anwesend sein muss. Kendra präsentiert mir ständig einen neuen Plan an Social Media Content, mit dem ich mein Image aufpolieren soll, aber selbst dazu fehlt mir die Zeit.«
Das war nicht einmal gelogen. Die erste Woche nach der Halloweenparty hatte ich mich noch überwiegend an die strikte Bettruhe gehalten, die die Orthopädin mir wegen des verletzten Knöchels verordnet hatte. Seitdem bestanden meine Tage jedoch aus Besuchen im Krankenhaus, Studium, Physiotherapie, zusätzlichen Trainingsstunden, um in der Uni aufzuholen, weiteren, um die Choreographien für den Kurzfilm zu lernen. Seitdem er vor einer Woche zum ersten Mal wieder vollkommen klar gewesen war, sprach mein Bruder andauernd von Comic Rhythm. Das Projekt schien ihm wichtiger zu sein, als ich erwartet hatte. Noch lag Aaron auf der Intensivstation, aber die Ärzte hatten am Donnerstag gesagt, dass er diese Woche auf eine normale verlegt werden würde, die als Überbrückung dienen sollte, bis eine passende Rehaklinik für ihn gefunden war.
»Du hast einen ziemlich vollen Kalender, das verstehe ich ja, aber für Romeo hast du auch Zeit«, protestierte Louis.
»Wir sehen uns meistens nur bei den PR-Gesprächen«, widersprach ich kopfschüttelnd.
Das entsprach sogar großteils der Wahrheit. Seitdem ich wusste, dass er im Label arbeitete, bemühte er sich nicht mehr darum, im Penthouse zu sein, wenn ich es war. Und, da er kaum schlief, verzog er sich zwischendurch, entweder in sein eigenes Studio, zu seinen etlichen Büchern oder ins Fitnessstudio des Wolkenkratzers. Das nächtliche stundenlange Putzen hatte er eingestellt, nachdem ich mich beschwert hatte, bei den scharfen Gerüchen der Reinigungsmittel nicht schlafen zu können. Aktuell war ich abends zu müde, um ewig herumzuknutschen, also hatte das – vorerst – aufgehört.
Louis öffnete den Mund, vermutlich für den nächsten Einwand, Céline unterbrach ihn jedoch: »Leute, wir sind schon unser ganzes Leben lang miteinander befreundet. Louis und Ashton haben wir fast zwölf Monate kaum zu Gesicht bekommen, nachdem sie zusammengekommen sind. Keira brauchen wir an den Wochenenden gar nicht mehr fragen, ob sie Zeit hat, weil das Lusty Lola dort auf Hochtouren läuft. Nach dem Unfall mit Lennox damals war Lily monatelang wie vom Erdboden verschluckt. Der einzige Grund, weshalb ich mich nicht zurückgezogen habe, als ich offiziell mit Randy zusammen gekommen bin, ist, da es nicht echt ist. Aber, seitdem ich die Affäre mit Wes habe, hänge ich auch nicht mehr täglich mit euch ab. Jeder von uns hat sich in den letzten Jahren mal phasenweise rar gemacht. Das ist kein Weltuntergang.«
»Und Lily hat selbst gesagt, dass bei ihr aktuell die Hölle los ist«, unterstützte Ashton meine beste Freundin.
»Was überhaupt nichts mit euch zu tun hat«, fügte ich hastig hinzu, auch, wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach.
»Ja ja, schon klar, ich habe es verstanden«, knickte Louis ein, verschränkte die Arme unter der Brust, was die vielen Federn an seinem Kurzmantel raschelnd wackeln ließ, und brummte: »Das letzte Mal, als jemand gestorben ist und ein Sextape die Runde gemacht hat, mussten wir fast ein halbes Jahr lang ohne dich auskommen, Lily. Ich möchte einfach nicht, dass es diesmal genauso läuft.«
»Wir studieren zusammen«, erinnerte ich ihn, verkniff mir dabei aber, dass ich nicht wusste, wie lange ich noch an der Juilliard durchhalten würde.
Nach Halloween war ich einem Gespräch mit Dekanin Salinger nur haarscharf entkommen. Aber sie hatte mich im Blick. Das Semester neigte sich allmählich dem Ende zu und meine angesammelten Fehlzeiten waren enorm. Wenn ich bei den Abschlussprüfungen im Dezember nicht herausragend abschnitt, würde ich vor einem weiteren Problem stehen.
Aber vielleicht hatte sie dank des Suizids ihrer Tochter aktuell Besseres zu tun, als meine Leistungen in sämtlichen Kursen zu beobachten.
»Ja, und wir wollen helfen. Okay, die Dave-Angelegenheit wurde von Ted uns einem PR-Team übernommen. Aber diesmal muss es doch etwas geben, was wir tun können. Mon dieu, Josy hat ein Sextape von dir ins Internet gestellt! Das können wir nicht tatenlos hinnehmen«, protestierte Louis entschlossen.
»Wenn es irgendetwas gäbe, womit wir sie erpressen können …«, setzte Keira sofort an, kam allerdings nicht sonderlich weit.
»Habt ihr den Verstand verloren?«, fragte Ashton im gleichen Moment ungläubig, in dem Céline ernst klarstellte: »Wir werden niemanden erpressen. Die ungefragte Veröffentlichung eines Sextapes fällt in New York unter Unlawful Dissemination or Publication of an Intimate Image. Das ist eine Straftat und kann bis zu einem Jahr Haft bedeuten. Alles, was Lily tun müsste, wäre Josy anzuzeigen.«
»Das wäre aber nicht aufregend«, beschwerte mein bester Freund sich sofort.
»Sie kann ihren Blog nicht betreiben, wenn sie hinter Gittern sitzt«, bemerkte Ashton ernst.
»Ja. Für ein Jahr«, stellte Keira klar. »Spätestens nach zwölf Monaten ist sie wieder draußen und dann wird sie es erst recht auf Lily abgesehen haben.«
»Ach, und, wenn wir sie erpressen, nicht?«, schnaubte Ashton.
Die drei verfielen in eine immer lauter werdende Diskussion darüber, was die bessere Option warum, um Josy und ihren verfluchten Blog ein für alle Mal in die Schranken zu weisen. Zuerst bemühte ich mich noch darum, ihnen aufmerksam zu folgen, nach einigen Minuten gab ich es auf. Mein Schädel dröhnte, ihre Stimmen klingelten in meinen Ohren, die helle Einrichtung meines Stockwerks reflektierte die kräftigen Sonnenstrahlen so heftig, dass es mir immer schwerer fiel, die Augen offen zu halten. Obendrein schmerzte mein Körper mittlerweile so sehr, dass ich nicht einmal mehr sagen konnte, von wo genau die Schmerzen stammten. Es fühlte sich an, als würde jede einzelne Faser auf mich einprügeln.
Und dann war da noch diese schreckliche Übelkeit. Sie schien sekündlich ein Stück weiter meine Kehle hinauf zu klettern. Es fehlte nicht viel und ich würde mich tatsächlich übergeben müssen.
Deshalb war ich auch mehr als dankbar, dass Céline plötzlich stumm in Richtung Flur nickte, der von den dreien wegführte, und mir unauffällig eine Hand hinhielt. Die anderen schienen gar nicht mitzubekommen, wie wir uns von ihnen entfernten. Trotzdem wagte ich es erst, tief durchzuatmen, als ich den unberührten Kaffeebecher auf den Nachttisch gestellt hatte und in die weiche Matratze meines Bettes sank. Die Berührung sorgte dennoch dafür, dass mein zerbeulter Körper protestierte.
»Danke«, murmelte ich, während ich unter die Decke kroch.
Céline vollführte eine abwinkende Handbewegung, bevor sie begann, die Vorhänge vor den deckenhohen Panoramafenstern zuzuziehen. Dunkel wurde es dadurch zwar nicht, sie dämpften das Licht jedoch genug, damit es nicht mehr so sehr in meinen Augen brannte.
»Tut mir leid. Wenn ich gewusst hätte, wie mitgenommen du bist, hätte ich mir irgendetwas ausgedacht, um sie fernzuhalten«, seufzte sie, rutschte zu mir unter die Decke und musterte mich einen Moment. Dann sagte sie langsam: »Du siehst übrigens nicht aus, als hättest du nur zwei Bier getrunken.«
»Ich fühle mich auch nicht so«, stimmte ich ihr zu.
Mehr sagte ich nicht. Dabei brannten die Worte auf meiner Zunge. Céline war meine beste Freundin, verdammt. Ich wollte ihr alles erzählen. Von den Briefen, die nie aufgehört hatten. Von Carter, der mich zwar einerseits in den Wahnsinn trieb, gleichzeitig entschieden zu viel Platz in meinem Kopf einnahm, obwohl ich ihm eigentlich mit Hazels Tod endgültig abgeschworen hatte. Von der Beziehung mit ihm, die nichts weiter als ein Plan von Dads PR-Managerin war. Von Myles, der offenbar irgendetwas in den vergangenen achtundvierzig Stunden mit mir angestellt hatte, und dafür gesorgt haben musste, dass ich mich nicht mehr daran erinnerte.
Aber ihr Name stand auf der Verdächtigenliste. Und so lange ich ihn nicht wenigstens in Klammern setzen konnte, durfte ich ihr nichts anvertrauen, was sie gegen mich verwenden konnte.
»Und du kannst dich wirklich an gar nichts erinnern?«, fragte sie nach einer Weile.
»Nein.« Ich rutschte etwas tiefer ins Bettzeug und starrte auf meine Fingernägel. Der durchsichtige Nagellack war größtenteils abgeblättert, manche waren eingerissen und teilweise sah es aus, als würden Blutreste unter ihnen festkleben. »Freitagnacht bin ich zu Myles nach Stapleton gefahren, weil …« Ich geriet ins Stocken, was Céline fordernd die Augenbrauen heben ließ. »Kein Wort zu den anderen, okay? Schon gar nicht zu Louis.«
»Versprochen«, willigte sie ohne zu zögern ein.
Ich schluckte das Gefühl, einen riesigen Fehler zu begehen, gemeinsam mit der drückenden Übelkeit hinunter. Mir war klar, dass es falsch war. Ich sollte ihr das nicht erzählen. Trotzdem weihte ich sie im Schnelldurchlauf in das ein, was Carter mir nach der Ausstellung gebeichtet hatte. Wie seine Eltern bei einem Autounfall gestorben waren, der durch Myles’ Bruder Justin ausgelöst worden war. Justin, der Carters Schwester im Auto gehabt hatte, die er vorher auf einer Halloweenparty unter Drogen gesetzt hatte, damit nicht nur er sie problemlos hatte vergewaltigen können, sondern andere gleich mit. Und natürlich von den Fotos, die Myles geschossen hatte. Fotos von den brennenden Autos und Carters schwerverletzter Schwester.
Die für sie nicht relevanten Details ließ ich aus. Genauso wie den Teil, in dem ich Carter seine Schlafmittel untergejubelt hatte, um ihn erfolgreich auszuknocken, sodass er nicht mehr zu Myles fahren konnte.
»Deswegen bin ich zu ihm gefahren. Weil ich hören wollte, was er zu seiner Verteidigung zu sagen hat. Schließlich knipst man nicht mal eben schnell ein paar Bilder von so einem Unfall. Er muss doch zumindest den Wagen seines Bruders erkannt haben.« Ich hielt inne. Von der Aufgabe wollte ich ihr nichts sagen. Das war zu viel. Deshalb stellte ich die Wahrheit ein wenig um: »Er hatte Freunde da, also habe ich gewartet, bis sie weg waren. Währenddessen habe ich ein Bier getrunken und es wurden ein paar Joints herumgereicht. Myles hat versucht, sich rauszureden. Da hatte ich das zweite Bier. Und dann habe ich ihm angeboten, die Nacktfotos von mir zu schießen …«
»Du hast was?«, unterbrach Céline mich ungläubig.
»Er hat mir im Sommer erzählt, dass er von einer Fotostrecke träumt, die aus Aktbildern von einer Frau besteht. Ich dachte, wenn er sie bekommt, braucht er die Bilder von dem Unfall nicht mehr«, behauptete ich schulterzuckend.
Der letzte Part entsprach nicht der Wahrheit, aber das musste er auch nicht. Es ging bloß um eine plausible Erklärung, wieso ich mich von ihm hatte nackt ablichten lassen.
»O Gott, Lily. Das ist aus so vielen Gründen falsch«, seufzte meine beste Freundin.
»Ich weiß. Aber jetzt ist es zu spät. Er hat die Bilder bekommen. Das weiß ich, weil sie sich auf diesen ganzen Polaroids befinden. Anscheinend hatten wir auch Sex, daran kann ich mich allerdings nicht erinnern«, antwortete ich schluckend.
»Du meinst, das Sextape ist dieses Wochenende entstanden?«, hakte Céline nach. Plötzlich klang sie seltsam alarmiert.
»Es muss am Wochenende gewesen sein. An unsere vorherigen Treffen kann ich mich vollständig erinnern und da haben wir nicht miteinander geschlafen«, versicherte ich ihr, sah ihr einen Moment dabei zu, wie ihre dünnen Augenbrauen sich stetig weiter zusammenzogen und fragte dann: »Wieso? Stimmt damit irgendetwas nicht?«
»Ob mit dem Sextape von dir und einem ekelhaften Wichser, an das du dich nicht erinnern kannst, irgendetwas nicht stimmt?«, spottete sie, wurde jedoch augenblicklich wieder ernst. »Sei mir nicht böse, aber ich habe es mir vollständig angesehen. Aus Recherche Gründen.«
»Okay«, meinte ich langsam.
»Erstens siehst du darauf nicht weggetreten genug aus, um dich jetzt nicht daran erinnern zu können. Damit meine ich, du wirkst vollkommen klar. So, als hättest du weder zwei Bier getrunken, noch an ein paar Joints gezogen. Und zweitens passt es nicht zusammen. Du hast seit Sommer sichtbar abgenommen«, sie hob sofort beide Hände, um mich vom Reagieren abzuhalten, »was an dem ganzen Terror liegen kann, der bei dir los ist. Aber in dem Sextape hast du definitiv mehr auf den Rippen. Das ist mir schon gestern aufgefallen. Da dachte ich, es muss älter sein.«
»Wie genau hast du es dir bitte angesehen?«, murmelte ich, während ich mein Handy aus der Jogginghose fummelte, um nach dem Tape zu suchen.
»Nur ein Mal. Aber es ist ziemlich lang«, meinte sie augenrollend.
Das war es tatsächlich. Es dauerte nur ein paar Klicks, dann hatte ich das einstündige Video gefunden. Auf Josephines Blog befand sich eine zensierte Version, eine unzensierte hatte es bereits auf etliche Pornowebsites geschafft. Mir drehte sich der Magen um, bevor ich es anklickte. All das war schrecklich vertraut. Als würde das Universum mir einen Streich spielen wollen. Der einzige Unterschied zu dem Video, das es nach Lennox’ Tod damals ins Internet geschafft hatte, war, dass ich es hier mit Céline und nicht allein in meinem Kinderzimmer in Tribeca zum ersten Mal sah. Selbst die Website war die gleiche.
»Falls das Myles’ Wohnung ist, ist sie übrigens wirklich hässlich«, bemerkte meine beste Freundin, kaum hatte ich das Video gestartet.
»Ich weiß«, murmelte ich.
Das war eindeutig sein zerkratztes Ledersofa, auf dem ich lag. Nackt. Gut gelaunt. Kein bisschen angeekelt von Myles’ Hand, mit der er die Konturen meines Körpers nachzeichnete. Er selbst war zwar nicht richtig zu sehen, doch ich erkannte seine Stimme, was genügte, um mich angewidert das Gesicht verziehen zu lassen. Mein entblößtes Spiegelbild auf dem Handydisplay kicherte dafür dämlich, als er sie raunend als »wahnsinnig sexy« bezeichnete.
Außerdem hatte Céline recht. Ich sah nicht weggetreten aus, sondern bei klarem Verstand. Das Video war offenbar bei Tageslicht aufgenommen worden, denn helle Sonnenstrahlen zeichneten die in die Länge gezogenen Umrisse der Fensterrahmen auf meinen nackten Bauch. Aber das war alles. Auf Myles’ Händen sowie seinen Armen betonte die Sonne deutlich die hervortretenden Sehnen. Mein Körper hingegen war glatt. Es gab keine Schatten, die meinen Bauch konturierten. Mit ein bisschen Konzentration konnte man meine Schlüsselbeine erahnen, als ich meine Arme bewegte, doch das war alles.
»Du hast Recht, ich bin zu dick«, nuschelte ich, pausierte das Video und schob die schwere Bettdecke von mir.
»Was soll das werden?«, fragte Céline irritiert.
Ich schob den Rollkragenpullover bis zu meinen Brüsten nach oben, damit mein Bauch frei lag, und den Bund der Jogginghose ein Stück nach unten. Dann sah ich auf das Handy und versuchte, mehr oder weniger die gleiche Position einzunehmen. Anschließend forderte ich Céline dazu auf, zu vergleichen.
»Okay.« Sie setzte sich auf und begann konzentriert zwischen mir und dem pausierten Video auf meinem Handy hin und her zu sehen. »Die ganzen Blutergüsse sind ein bisschen geschwollen, das verfälscht natürlich alles minimal. Aber deine Beckenknochen sind deutlich zu erkennen und deine Rippenbögen auch. Und ich kann Bauchmuskeln erahnen. In der Aufnahme müsstest du schätzungsweise um die zwanzig Kilo mehr wiegen. Mindestens.«
»Was ist mit meinen Brüsten?«, hakte ich nach, während ich den Pullover noch weiter nach oben schob.
Sie grinste schadenfroh und meinte: »Die sind zu klein.«
»Das bedeutet, das Sextape ist nicht echt«, schlussfolgerte ich. »Vielleicht ist es ein Deepfake.«
»Sowas in der Art habe ich auch schon vermutet. Aber, wie gesagt, ich habe es mir komplett angesehen, und die ganzen typischen Merkmale waren alle nicht da. Deshalb dachte ich, das Video ist älter«, entgegnete sie skeptisch.
»Ich tanze seit siebzehn Jahren Ballett und Mom erstellt mir schon genauso lange strikte Ernährungspläne. Möglicherweise habe ich in den letzten Wochen durch den ganzen Stress ein bisschen abgenommen, aber nicht um die zwanzig Kilo«, widersprach ich ihr ernst.
Ich spulte etwa zur Hälfte des Videos. Bereits das aktualisierte Standbild sorgte dafür, dass ich das Display viel lieber mittels Tastensperre hätte einschlafen lassen, anstatt auf Play zu tippen. Die Kamera wurde mittlerweile nicht mehr von Myles gehalten, sondern stand so auf das Sofa gerichtet, dass man uns beide sehen konnte.
»Du gibst ihm erst einen …«, begann Céline, mir den Ablauf des Videos zu erklären, doch ich ließ sie nicht ausreden.
»Ist mir egal«, fuhr ich ihr dazwischen. »Ich habe nicht vor, es mir komplett anzuschauen.«
»Verglichen mit anderen Amateurvideos ist es gar nicht so schlecht.« Sie zuckte mit den Schultern, als ich ihr einen mahnenden Blick zuwarf. »Sorry. Aber nüchtern betrachtet, ist es so.«
Ich verkniff mir jeglichen Kommentar, gab mir einen Ruck und tippte auf Play. Quasi im gleichen Moment ertönte Myles’ tiefes Stöhnen aus den metallischen Handylautsprechern.
Mir kam ein wenig Kotze hoch.
Leider konnte ich nicht wegsehen. Ich versuchte, mich weniger auf die Handlung zu konzentrieren, sondern eher darauf, wie ich aussah. Irgendeinen Hinweis musste es geben. Unnatürliches Blinzeln, falsch ausgerichtete Augen, künstliche Gesichtsausdrücke, flackernde Kanten, farbliche Unterschiede zwischen Gesicht und Nacken. Die Möglichkeiten waren quasi endlos.
Aber da war nichts.
Céline hatte recht. Es sah echt aus. Zu echt. Selbst, als ich an mein Gesicht zoomte, um winzige Fehler besser erkennen zu können, war es das noch.
Ich wollte gerade aufgeben, da stieß mein Abbild schon wieder dieses dümmliche Kichern aus, und keuchte dann: »O mein Gott.«
Mir wurde schlagartig eiskalt. Auf einen Schlag hörte ich bloß noch meinen Puls in meinen Ohren wummern. Das Sextape verschwamm vor meinen eigenen Augen und ich wagte es kaum, zu atmen.
Das konnte nicht sein.
Nein, das durfte nicht sein.
»Lily?«, fragte Céline. Ihre Stimme drang zuerst nur dumpf zu mir durch. Erst, als ich ein Mal fest blinzelte, wurde sie klar. »Alles okay?«
Ich schüttelte resignierend den Kopf, dann schluckte ich ein Mal, atmete tief ein und sagte: »Das ist kein Deepfake. Das ist meine verdammte Schwester.«