Chapter 1
ALESSIA
Ich hab nie gedacht, dass ich dieses Mädchen bin, über welches in all den Mafia-Romanen gelesen werden kann. Ich war doch nur eine einfache unbedeutende Kellnerin in einem kleinem mexikanischen Diner, welches sich durch verteufelt guten Kaffee, familiäre Atmosphäre und wirklich sensationell gutes Essen auszeichnete. Ich war mit meinem sehr bescheidenden Leben mehr als zufrieden.
Hatte ein Dach über dem Kopf, stets einen vollen Kühlschrank, hin und wieder genügend Geld, um mir eine Flasche Wein zu gönnen - oder ins Kino zu gehen - und mit meiner Katze, Rain, die beste Gesellschaft, die ich mir vorstellen konnte. Und dann eines Tages stolperte ich in eben diese Mafia Geschichte hinein, die mein Leben mal so absolut auf den Kopf stellen sollte. Angefangen damit, dass meine beste Freundin Kathi von einem Drogensüchtigen abgestochen wurde, und mir ihr zuckersüßes, kleines, vierjähriges Mädchen hinterließ. Einiges an Schicksalsschlägen später machte ich bei dem falschen Schmuckstück aus schierer Verzweiflung lange Finger und hatte von diesem Augenblick an die russische Bratwa New Yorks auf den Fersen.
Maxim Suderow, der Sahneschnittige Anführer der ganzen Bagage sah in mir etwas, was sich zu behalten lohnte, und tütete mich kurzerhand ein. Ob ich jetzt wollte oder nicht, war dem Hotti mit mehr Muskeln, als es von der Krankenkasse gutgeheißen war sowas von egal. Und da ich mit Kind und einer sehr durchgeknallten Mieze mit Sinn für Dramaturgie und einem ausgewachsenen Gottkomplex daherkam, wurde kurzerhand alles, was auch nur entfernt mit mir zutun hatte der Suderow-Familie einverleibt.
Und jetzt standen wir also hier, ich in dem teuersten Stück Brautmode, dass ich je gesehen hatte, mit meinen praktischen Stilbruch-Sneakern … in dieser wundervoll dekorierten Kirche, unzählige Blütenblätter auf dem Boden – meine Adoptivtochter Kiara, aka Kiki war ausgesprochen enthusiastisch bei ihrem Job als Blumenmädchen zugange gewesen – und knutschten uns selig ins Nirvana. Meine Brautjungfern, Valeria – meine Chefin aus dem Diner und gleichzeitig gute Freundin - und die beiden Schwestern Sarina und Helena Smirnov kicherten hochprofessionell vor sich hin. Währenddessen fragte Kiki ihren neuen Onkel Dego, besser bekannt als Diego Martins, Cheffolterer, Computerexperte und linke Hand meiner Sahneschnitte in typischer Kinderlautstärke, warum ihr neuer Papa da gerade ihre Mama aufessen würde. Also alles völlig normal, bis…
„WAFFE!"
Diegos tiefe Stimme schnitt wie ein Peitschenknall unsere wilde Knutscherei und ein Schuss krachte in der Stille, die diesem Wort folgte.
Ich riss die Augen auf und sah, wie rote Blutspritzer auf einmal einen scharfen Kontrast zu dem Perlweiß meines Kleides bildeten ... über die panischen Laute der sich zerstreuenden Gäste hörte ich eine Frau laut „NEIIIIIN!" schreien.
Ein schweres Gewicht sackte kurz gegen mich und für ein, zwei Herzschläge lang war ich vollkommen perplex. Dann sickerte so allmählich Verständnis ein und ich wurde sauer. Nicht leicht bis mittelschwer angezickt sauer, sondern derartig wütend, dass sich ein roter Schleier über meine Sicht legte. Jemand hatte es gewagt auf meiner mehr oder weniger erzwungenen Hochzeit doch tatsächlich rumzuballern und dabei meinen just frisch angetrauten Gemahl erwischt.
Ein kurzer Blick – zu mehr blieb keine Zeit – zeigte mir, dass Maxim zwar aus einer Schulterwunde stark blutete, aber er stand schon wieder auf eigenen Beinen und hatte einen klitzekleinen Wutanfall. Was im Prinzip nichts anderes bedeutete, als dass er, Sergej und Kikis Onkel Dego aus allen Rohren auf die Todeswunschkandidaten feuerten, die es gewagt hatten unsere Filmreife Kuss-Szene zu unterbrechen. Derweil war ich von Mutter Suderow zu Boden getakelt worden, wobei die ehemalige Bratwakönigin sehr sorgfältig meine winzig kleine Babymurmel geschützt hatte und wurde nun hinter den Altar gezogen.
„KIKIIIII…!“
Ich brüllte gegen den ohrenbetäubenden Lärm an und gestaltete mich als NBA Kämpfer, als ich vergeblich versuchte, Maxims Mutter abzuschütteln um im Kugelhagel nach meiner Tochter zu suchen. Mittlerweile hatten auch Helena und Sarina den Weg zu uns gefunden und zu dritt bewältigten die Frauen meinen Ausbruch recht mühelos.
„ALESSIA! Hör auf mir zwischen die Beine zu treten! Ich bin kein Kerl, das tut zwar weh, setzt mich aber nicht außer Gefecht!“ zeterte meine neue blonde Busenfreundin und deren Schwester nickte ächzend, weil ich ihr gerade zünftig einen in die Rippen gehämmert hatte.
„Schau doch: da hinten bei der Orgel. Val und ihr Papa haben Kiki bei sich! Beruhige dich, wenn du dich jetzt da draußen abknallen lässt, weil dein Gehirn just sich in die Walachei verabschiedet hat, ist niemandem geholfen!“
Sarina hockte in ihrem schicken Petrolfarbenen Brautjungfernkleid über mir und war im Begriff mir wortwörtlich Vernunft mit einigen Ohrfeigen wieder in meinen Dickschädel zu pfeffern, als ihre Worte endlich Zugang fanden. Kiki war nicht mitten im Getümmel, was ich ihr – so wie ihr Onkel Dego derzeit auf sie abfärbte – durchaus zugetraut hatte.
Nachdem die drei russischen Damen doch noch einmal davon überzeugt hatten, dass ich zumindest in den nächsten zweieinhalb Minuten halbwegs zu Vernunft fähig war, zogen sie ihre eigenen Waffen. Wo Mrs. Suderow und Helena jeweils einen zierlichen Revolver aus der Befestigung am Strumpfband hervorzauberten, hatte Sarina auf einmal eine Wumme in der Hand, die fast so lang wie ihr Unterarm war. Wie eine besoffene Fledermaus blinzelte ich entgeistert auf das beachtliche Ding und versuchte mit aller Macht mich nicht zu fragen, von wo sie die Knarre gerade hervor geholt hatte – denn: so etwas wie eine Umhängetasche war bei dem Brautjungfer-Ensemble definitiv nicht dabei gewesen! Helena grinste wissend in meine Richtung und dann schlossen sich die Bratwafrauen dem allgemeinen Geballer an.
Und nachdem also beide Parteien freundschaftlich eine Weile Blei ausgetauscht hatten, passierte genau das, was ich die ganze Zeit panisch befürchtet hatte. Kiara riss sich von Daddy P los und stürzte sich kreischend wie eine Banshee auf Koks in Getümmel. Nur Sekunden später hing sie außer sich vor Wut brüllend am Knie eines der feindlichen Schützen und biss den Kerl doch glatt! Und kaum hatte der Mann es geschafft, sich von ihren kleinen Milchzähnen loszureißen, ging mein furchtloses Kind mit geballten Fäustchen auf seine Kronjuwelen los.
Dieser Anblick riss mich dann doch endlich aus meiner Schockstarre und mit einem Aufschrei war ich hechtsprungmässig hinter dem steinernen Altar hervor und die drei Stufen in den Hauptraum hinunter. Dabei ignorierte ich selbstverständlich gewissenhaft die gebrüllten „ALESSIA!“ - Schreie meines angeschossenen Göttergatten nebst Familie und ging mit fliegenden Fahnen zum Angriff über. Die Kugeln schossen mir nur so um den Kopf, der Geruch von Blut und Schießpulver schwängerte die Luft, aber ich hatte die Faxen endgültig dicke!
DAS WAR MEINE VERDAMMTE HOCHZEIT!
DAS WAR MEIN DURCHGEKNALLTES KIND, WELCHES GERADE IN GEFAHR WAR und wo ich schon mal dabei war:
DAS WAR MEINE RUSSISCHE SAHNESCHNITTE, DIE DA AUS MINDESTENS EINER SCHUSSWUNDE BLUTETE!
Irgendwann war nun mal der Zeitpunkt, wo Frau Farbe bekennen und einfach mal den Kopf aus dem Arsch ziehen musste! Also zwecksenfremdete ich spontan einen der mannshohen massiven Kerzenständer und benutzte das Teil kurzerhand wie einen Speer. Der erste Kerl, den ich traf hatte verhältnismäßig noch Glück, denn wie durch ein Wunder war die Kerze noch in ihrer Halterung, Sekunden später pulte sich der dreimal verfluchte Mistkerl Wachs aus dem Bauchnabel, während sein Mörder-Buddy zur Linken nun die volle und ungebremste Ladung Messing von mir und einen Herzschlag später eine Kugel in den Kopf von Maxims Vater abbekam.
Rechts und links von mir fielen die Eindringlinge nun wie die Fliegen, niedergemäht von konzentriertem Schützenfeuer, was mich auf der einen Seite dann doch schon etwas verärgerte! Ich war fuchsteufelswild und brauchte dringend ein Ventil für all diesen Zorn, die Angst und Panik und nun fühlte ich mich absurderweise meiner gerechtfertigten Rache beraubt!
Ich erwischte die vorbei krabbelnde Kiki an den langen Schleifenbändern ihres pinkfarbenen Blumenmädchen-Kleides und zog mein Kind mit einem Ruck zu mir. „Merk dir das bitte für die Zukunft, meine Kleine: wenn geschossen wird, halten wir uns versteckt! Also Abflug zurück zu der Daddy P, wird es bald?“ Ich musste als Mutter Ersatz auf ganzer Linie versagt haben, denn Kiara versuchte allen Ernstes einen Dackel Blick bei mir, um mich dazu zu überreden, weiterhin mitspielen zu dürfen. Da das Kind aber weder an irgendeiner Waffe ausgebildet war, noch schutzmäßig in einem Ganzkörper-Panzeranzug steckte, hatte ich da dann doch schon ein bisschen was dagegen.
Also klemmte ich mir die renitente Zuckermaus unter den Arm und krabbelte mehr schlecht als recht in Richtung Orgel los. Dabei fluchte ich wie ein Kesselflicker und nutzte Begriffe, für die ich mir selber später den Mut mit Seife würde auswaschen müssen, während sich mein Kind vermutlich eifrig mentale Notizen davon machte. Nicht gerade mein stolzester Moment, das gebe ich gerne zu, aber was soll ich sagen?
Ich war sauer!
Und da ich bei dem Gerangel mit meiner kleinen Tochter, mein provisorischen Sperr verloren hatte, war ich jetzt leider auch unbewaffnet und somit nicht wirklich in der Verfassung, um noch irgendjemanden den Schädel einzuschlagen. Kaum bei der Orgel angekommen, drückte ich das widerspenstige Kind in die Arme meines Ersatz-Vaters und knurrte wie ein Wolf auf Diät: „Du bleibst jetzt hier, hast du verstanden, Kiara? Sonst gibt es drei Wochen Umgangsverbund mit Onkel Diego!“
Kiki klappte der Unterkiefer runter, und sie sah mich vorwurfsvoll an. Das ging nun wirklich viel zu weit in ihren Augen…
Val schüttelte heftig ihren Kopf und ihre Hand schloss sich wie ein Schraubstock um mein Handgelenk. „Dein Ernst jetzt? Wie wär’s, wenn du dann mal für dein Kind ein Vorbild bist und ebenfalls hierbleibst? Denn nur für den Fall, dass du es vergessen hast, Missy: du bist schwanger. Du bist schwanger! Du bist nicht bewaffnet, und du hast definitiv nichts in einer Gott verfluchten Schießerei zu suchen! Also geh gefälligst auf Tauchstation, wie jeder normal denkende Mensch es tut, sobald Kugeln anfangen zu fliegen!“ Ich blinzelte überrascht zum einen: das war mal eine Ansage!
Zum anderen sie hatte bedauerlicherweise recht, auch wenn ich immer noch stinksauer darüber war, dass jemand es wagt auf meiner Hochzeit herumzuschießen, ich hatte definitiv einen Braten in der Röhre! Und der kleine Braten sollte doch schließlich sicher in die Welt gebracht werden! Also, machte ich zum ersten Mal seit der ganze Scheiß angefangen hatte genau das, was von mir sagte. Ich ging in Deckung! Kiara funkelte mich wütend an, die Drohung, dass ich ihr den Umgang mit ihrem Waffen schwingenden Muskelprotz von Bodyguard, Schminkpuppe, Barbieersatz und Pferd verbieten wollte, machte meinem Schätzchen doch sehr zu schaffen. Ich hingegen machte mir dezente Sorgen, in welche Richtung sich mein kleines, noch nicht ganz fünf Jahre altes Mädchen entwickelte. Himmelherrgott… Kathi drehte sich vermutlich gerade zum 20.000 Male im Grabe um, während sie als Geist zusehen musste, wie ich die Erziehung ihrer Tochter so völlig in den Sand setzte.
