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Summary

Tauche ein in eine Welt voller Sinneseindrücke und künstlerischer Inspiration. Entdecke fesselnde Kurzgeschichten, inspiriert von berühmten Gemälden renommierter Künstler, die den Raum für neue Perspektiven und Emotionen öffnen. Spüre die Tiefe jedes Pinselstrichs, die Kraft jeder Szene. Das hier ist ein sinnliches Experiment, ein Zusammenspiel von Sehen, Lesen und Fühlen. Eine Einladung, Kunst neu zu erleben und sich von ihrer stillen Magie berühren zu lassen. Ein sinnliches Leseerlebnis für alle, die sich auf das Phantastische einlassen.

Status
Ongoing
Chapters
7
Rating
n/a
Age Rating
13+

Diego Velázquez „Las Meninas“ (1656)

Das große Landhaus des Alfonso Mateo de la Torre war erfüllt von dem üblichen Chaos – die Dienerinnen flitzten hin und her, Alfonso selbst lümmelte im Salon und stopfte sich Oliven in den Mund, während seine Frau Antonia mit strengem Blick über das Arrangement ihrer neuen Vasenkollektion wachte. “Die Rosen müssen symmetrisch sein!” herrschte sie eine erschrockene Zofe an.

Heute war Lucías großer Tag – die Anprobe ihres Brautkleides. Das Kleid, das Antonia extra aus Sevilla hatte kommen lassen, lag wie ein weißer Berg auf dem Bett der jungen Frau. “Zieh es an!” befahl ihre Mutter, während sie regungslos hinter dem dunkelroten samtenen Fenstervorhang stand und den Stalljungen bei seiner Arbeit beobachtete.

Antonia beobachtete ihn wie ein Falke seine Beute.

Plötzlich blickte er zu ihr auf.

Sein Name war Diego, und er war nichts weiter als ein einfacher Stallbursche mit sonnengebräunter Haut und muskulösen Oberarmen. Jedes Mal, wenn seine Bürste über das Fell der braunen Stute glitt, spannten sie sich an, eine flüchtige Demonstration seiner Kraft und Jugend.

Er spürte Antonias Blick und hob den Kopf - lächelte verhalten, als er sie erkannte. Mit einer nonchalanten Handbewegung, winkte sie ihn zu sich heran. Sie wollte ihr Versprechen einlösen, das sie ihm heute bei ihrer morgendlichen Begegnung im Stall gegeben hatte. Dort hatte er es ihr gegenüber klar gemacht: “Señora”, hatte er geflüstert, während die Pferde unruhig stampften, “meine Dienste haben ihren Preis.”

Jetzt war dieser Preis fällig.

Ihr Blick glitt vom Hof zu ihrem Schlafzimmer und dem schweren Schmuckkästchen auf der Kommode. Sie wusste, was darin lag: Nicht nur Goldschmuck, sondern auch wertvolles mit Edelsteinen besetztes Geschmeide – mehr als genug, um Diegos Forderung für das kommende Jahr zu begleichen.

Mit zitternden Fingern öffnete sie den Deckel, wählte hastig einige besonders prächtige Schmuckstücke aus und verstaute sie in einem kleinen Lederbeutel. Unbemerkt ließ sie ihn aus dem Fenster fallen. Diego fing ihn auf und nickte ihr kaum merklich zu – ein Zeichen von Dankbarkeit und seinem Einverständnis.

Antonia blieb am Fenster stehen. Heute Abend hatte sich ihr Mann mit dem Conde de Alva zum Kartenspielen verabredet. Für sie war das eine günstige Gelegenheit, sich auch ein wenig zu vergnügen...

Während Antonia ihren Blick in die Ferne schweifen ließ, starrte Lucía ihr Brautkleid an und spürte, wie ihr Magen sich dabei umdrehte – nicht nur wegen des Geruchs, den das Parfüm ihrer Mutter im Raum hinterlassen hatte, sondern weil sie wusste, dass ihr Schicksal seit drei Tagen feststand. Seit drei Tagen hatte sie Gewissheit.

Lucía war nicht dumm. Oh nein, sie war alles andere als das. ‚Intelligent‘ wäre geradezu eine Beleidigung für sie gewesen. Gutaussehend? Sie war atemberaubend! Und zwar auf eine Art, die Männern die Luft nimmt und Müttern Angst macht. Lucía war ein Wirbelsturm, gefangen in einem viel zu engen Körper.

Und sie war im perfekten Alter - das war das Schlimmste.

Nicht dass sie einer Ehe abgeneigt gewesen wäre... Es war nur diese gottverdammte Bezeichnung: das perfekte Alter. Als wäre sie ein Stück Fleisch, das zur rechten Zeit in die Pfanne gehörte! Ihr Vater hatte einen perfekten Mann für sie gefunden – einen Langweiler mit mehr Geld als Verstand, dessen einzige Aufgabe darin bestand, ihren Vater noch reicher zu machen. Was scherte es ihn, das er die Seele seiner Tochter im Austausch gegen einen Adelstitel, ein paar kleinere Ländereien und einen beträchtlichen Geldbetrag an ihn verschacherte? Lucía erwartete eine Ehe, die nach altem Geld stank, nach lästigen Pflichten und die sie in ein Leben ohne eigenes Lachen zwängte.

“Ich will nicht!” platzte es aus ihr heraus. Antonia stellte sich ungeduldig mit verschränkten Armen hinter sie und wollte den Trotzanfall ihrer aufmüpfigen Tochter im Keim ersticken.

“Was hast du da gerade gesagt?” Die Stimme ihrer Mutter klang eisig.

“Das Kleid ist hässlich! Und ich werde diesen alten Mann nicht heiraten!” Lucía schnappte sich den Saum des Kleides und riss es vom Bett, als wollte sie den Boden damit wischen.

Ihr Vater Alfonso, der das Geschrei gehört hatte, watschelte heran, und schleckte dabei seine fleischigen Finger ab, die noch fettig waren von den gebratenen Chorizos, die er sich gerade einverleibt hatte. “Was ist hier los?” grummelte er, während er das restliche Fett an seinen Fingern mit wischenden Bewegungen gleichmäßig über seine Hosenbeine verteilte.

Antonia warf Lucía einen warnenden Blick zu. “Zieh das Kleid an! Du wirst Don Pedro heiraten. Ende der Diskussion!”

Lucía lachte hysterisch. “Und wenn ich ‚Nein‘ sage?”

“Dann prügel ich dich windelweich!” brüllte Alfonso und holte mit seiner fleischigen Hand zum Schlag aus.

Doch Lucía wich ihm geschickt aus. “Versuch’s doch!” Sie griff nach einer nahestehenden Vase – eine dieser Vasen die Ihre Mutter gerade so sorgfältig arrangiert hatte – und warf sie vor die Füße ihres Vaters, wo sie auf dem harten Marmorboden in tausend Scherben zersprang.

Antonia schrie entsetzt auf. “Du undankbares Ding! Du ruinierst alles! Ist das etwa der Dank, dass wir dich aufgezogen haben? Dass es dir an nichts gemangelt hat? Dass du einen Schrank voll hübscher Kleider hast? Mit deiner Boshaftigkeit und Sturheit wirst du unser aller Zukunft zerstören!” Sie packte Lucías Arm so fest, dass ihre Fingerabdrücke zurückblieben.

Magdalena, Lucías jüngere Schwester, die die ganze Szene von der Tür aus beobachtet hatte, betrat das Zimmer und wagte einen Vorstoß: “Mama… Papa… hört doch auf… bitte…”

“Halt den Mund!” fuhr Antonia sie an. “Was mischst du dich in Dinge ein, von denen du keine Ahnung hast? Geh wieder in dein Zimmer und hör auf, auf meinen Nerven herumzutrampeln! Ich habe schon genug damit zu tun deine ältere Schwester zu zähmen. Da kann ich nicht noch eine widerspenstige Tochter gebrauchen!”

Sie riss Lucías Arm hoch. “Jetzt zieh das verdammte Kleid an oder... ich schicke dich ins Kloster!”

Lucía, kam es vor, als wenn ihre Mutter ihr den Arm zerquetschen wollte.

Magdalena sprang auf und krallte sich an den Ärmel ihrer Mutter. “Nein! Lass sie los! Ihr dürft ihr nichts tun! Sie ist doch… - schwanger!

Antonia blieb das Wort im Halse stecken. Was hatte Magdalena da gerade gesagt?

Alfonso donnerte mit seiner Faust auf den großen Holztisch, dass die Gläser klirrten.

“Ist das wahr, Lucía?”

“Ja”, entgegnete Lucía mit eiserner Stimme.

Antonia spürte, wie eine unsichtbare Hand ihre Kehle umklammerte und ihr die Luft zum atmen abschnürte. Alles, was sie sich mühsam aufgebaut hatte – der Respekt der Adeligen, die geheiligte Ehe mit Alfonso, die Zukunft ihrer Töchter – alles war mit einem Schlag weggewischt.

“Wir sind ruiniert!“, kreischte Antonia. Auch Alfonso fing an Lucía schwere Vorwürfe zu machen.

“Wie konntest du nur? Mit wem?“, brüllte er sie an. “Du machst uns nur Schande! Ja, Schande bringst du über unsere Familie. Schande und Verderben!” Alfonso war blind vor Wut.

Lucía wich zurück, Tränen bahnten sich ihren Weg über ihre Wangen. “Wieso hätte ich es euch sagen sollen? Ihr hättet mich sowieso nicht verstanden!”

“Hältst du uns etwa für dumm?” Alfonso spuckte Gift und Galle. “Du hast unsere Familie entehrt! Wenn du doch nur nicht auf die Welt gekommen wärst! Du bist keine Tochter mehr, du bist... ein Fluch!”

Diese Worte trafen Lucía wie ein Messerstich ins Herz. Sie drehte sich um - und rannte davon.

“Komm zurück, du undankbares Ding!“, rief ihr Antonia nach, doch Lucía hörte ihr nicht mehr zu. Sie lief in Richtung der Pferdeställe, der einzige Ort auf diesem Grundstück, der ihr jemals Schutz und Hoffnung geboten hatte.

Die Flüche ihres Vaters hallten ihr noch im Ohr, als sie durch das Stalltor stürmte.

Und da war er.

Neben einer gesattelten, ungeduldig schnaubenden Stute stand Diego. Er hatte alles vorbereitet. Als er Lucia sah, deren Gesicht tränenüberströmt und verzweifelt war, trat er auf sie zu und küsste sie zärtlich auf den Mund.

“Lucía...“, murmelte er sanft, seine Stimme ein beruhigender Anker in dem stürmischen Chaos. “Ist alles nach Plan gelaufen?”

Sie nickte schnell, unfähig zu sprechen. Er öffnete eine Tasche an seinem Gürtel und holte einen schweren Lederbeutel hervor. Das Klirren von Goldschmuck war das einzige Geräusch, das für einen Moment die entfernten Schreie ihrer Eltern übertönte.

“Für uns”, sagte er einfach.

“Ja”, flüsterte sie. “Es ist Zeit.”

Durch das offene Fenster des Hauses sah Alfonso sie davonreiten. Er ballte seine Faust so fest, dass die Knöchel weiß wurden. “Siehst du, Antonia? Sie ist durchgebrannt! Mit diesem… Stallburschen!”

Antonias Blick folgte der flüchtenden Gestalt ihrer Tochter, dem jungen Mann auf dem Pferd und dem Schmuck, mit dem sie sich erkaufen wollte, was ihre Tochter jetzt geschenkt bekam.

Liebe.

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