MONTABAUR - 001
Der Samstag roch nach Regen und Brötchen.
Maja stand barfuß in der Küche und wartete darauf, dass der Kaffee durchlief. Draußen hing der Himmel tief über Koblenz, so grau und gleichmäßig, dass man nicht sagen konnte, ob es noch Morgen war oder schon immer Nachmittag. Oktober. Der Rhein würde heute die Farbe von Blei haben, und die Touristen auf der Festung Ehrenbreitstein würden ihre Handys zücken und enttäuschte Fotos machen. Maja mochte Koblenz an solchen Tagen. Wenn die Stadt aufhörte, sich Mühe zu geben, wurde sie ehrlich.
Die Kaffeemaschine gluckste. Tobias’ Schritte im Flur, das Rascheln der Bäckertüte. Er stellte sie auf die Arbeitsplatte, ohne ein Wort, küsste sie auf die Schläfe und verschwand ins Bad. Das war ihr Samstagmorgen-Protokoll, so verlässlich wie Gezeiten. Tobias holte die Brötchen, Maja machte Kaffee. Er nahm immer zwei Körner und ein Laugenbrötchen. Sie ein Roggenbrötchen, aufgeschnitten, die untere Hälfte mit Butter, die obere mit Frischkäse. Seit drei Jahren. Seit sie zusammen wohnten. Seit die Wohnung aufgehört hatte, seine zu sein, und ihre geworden war.
Maja öffnete die Tüte und zählte. Vier Brötchen. Zwei Körner, ein Laugen, ein Roggen. Tobias vergaß nie, was sie brauchte. Es war eine seiner besten Eigenschaften und manchmal, an Tagen, die weniger grau waren als dieser, fragte sich Maja, ob es auch seine einzige war. Dann schämte sie sich für den Gedanken und bestrich ihr Brötchen.
Sie trug sein altes T-Shirt, ein ausgewaschenes Ding mit dem Logo irgendeiner Entwicklerkonferenz, das weich geworden war wie ein Versprechen. Ihre Haare – dunkelblond, lang, meistens zusammengebunden – hingen offen über ihre Schultern. An Samstagen durfte alles offen sein. Haare, Zeitpläne, Fragen. An Samstagen musste sie nicht die Frau sein, die im Lager der Spedition Kontrollnummern abglich und LKW-Routen optimierte, bis die Disponenten aufhörten, sie zu fragen, und einfach taten, was sie sagte.
Tobias kam zurück, die Haare noch feucht, und setzte sich an den Tisch. Er roch nach diesem Duschgel, das er in Großpackungen kaufte, weil er behauptete, alle Duschgels röchen gleich und man könne genauso gut das billige nehmen. Maja hatte ihm letztes Weihnachten ein teures geschenkt. Es stand ungeöffnet im Badschrank.
„Hast du den Wetterbericht gesehen?“, fragte er.
„Ich stehe in der Küche und schaue aus dem Fenster. Das ist der Wetterbericht.”
Er lächelte. Das tat er oft, wenn sie etwas sagte, das knapper war als nötig. Tobias war Softwareentwickler, er dachte in Systemen, in Wenn-Dann-Schleifen, in sauberen Lösungen. Maja dachte in Engpässen. Was fehlt, was stockt, wo bricht die Kette. Es machte sie gut in ihrem Job und anstrengend beim Abendessen. Tobias hatte einmal gesagt, mit ihr zu diskutieren sei wie gegen eine Logistiktabelle zu argumentieren: Man verlor nicht, weil sie recht hatte, sondern weil sie schneller rechnete.
Sie frühstückten schweigend, und es war die gute Art von Schweigen. Die Art, die entsteht, wenn zwei Menschen sich nicht beweisen müssen, dass sie zusammengehören. Draußen begann es zu regnen, ein feines, entschlossenes Nieseln, das den Tag endgültig zu einem Drinnen-Tag erklärte. Maja goss sich die zweite Tasse ein. Schwarz. Immer schwarz. Nicht aus Prinzip – sie mochte einfach den Geschmack, unverfälscht, direkt, ohne dass Milch die Kanten abschliff.
Tobias räumte den Tisch ab, und Maja zog die Beine auf den Stuhl und schlang die Arme um die Knie. Durch die offene Küchentür konnte sie den Fernseher im Wohnzimmer sehen, den Tobias vor dem Brötchenholen eingeschaltet und auf stumm gestellt hatte. Irgendetwas lief. Irgendein Samstagsmorgen-Programm, das niemand bewusst einschaltete, aber das in jeder deutschen Wohnung als visuelles Grundrauschen existierte.
Sie griff zur Fernbedienung und stellte den Ton an.
Werbung. Natürlich Werbung. Eine Katze – orange, satt, zufrieden – fraß aus einem Näpfchen, das aussah, als hätte es ein Industriedesigner im Auftrag einer Sterneküche entworfen. Eine Stimme aus dem Off versprach „artgerechte Ernährung mit echten Fleischstückchen in Gelee”. Die Katze sah aus, als wäre ihr das egal. Katzen sahen immer so aus, als wäre ihnen alles egal. Maja beneidete sie manchmal darum.
Schnitt.
Musik. Dramatisch, aber nicht zu dramatisch. Ein Hubschrauber über einer Landschaft, die nach Grafikkarte aussah. Dann ein junger Mann in Flecktarn, der ernst in die Kamera blickte, als hätte man ihm gesagt, er solle an etwas Wichtiges denken, und er hätte an seine Steuererklärung gedacht. BUNDESWEHR stand in weißen Buchstaben über dem Bild. Darunter, etwas kleiner: Mach, was wirklich zählt.
„Oh Gott”, sagte Maja.
Tobias schaute aus der Küche. „Was?”
„Die Bundeswehr wirbt wieder. Direkt nach dem Katzenfutter.”
Tobias trocknete sich die Hände ab und lehnte sich an den Türrahmen. Auf dem Bildschirm rannte jetzt eine Frau durch einen Hindernisparcours, in Zeitlupe, mit einem Gesichtsausdruck, der Entschlossenheit bedeuten sollte und nach Laktoseintoleranz aussah.
„Zielgruppengerechte Platzierung”, sagte Tobias. „Erst das Tier versorgen, dann das Land.”
„Ich bin nicht die Zielgruppe.”
„Nein. Deren Zielgruppe ist achtzehn und beeindruckbar. Du bist fünfundzwanzig und zynisch.”
„Was davon stört dich mehr?”
„Das Zynische. Das Fünfundzwanzigjährige finde ich attraktiv.”
Maja warf ihm einen Blick zu, den er mit einem Lächeln parierte. Auf dem Bildschirm erklärte jetzt ein Offizier in einem Büro, das verdächtig nach Kulisse aussah, dass die Bundeswehr „mehr als ein Arbeitgeber” sei. Maja kannte den Satz. Ihr Vater – Oberstabsfeldwebel, Logistikbataillon, dreißig Dienstjahre – hatte ihn anders formuliert: Die Bundeswehr ist ein Arbeitgeber, der dich nicht bezahlt, dich nicht ausrüstet und sich dann wundert, warum keiner mehr kommt. Er hatte es beim Abendessen gesagt, in seinem letzten Dienstjahr, und ihre Mutter hatte „Thomas” gesagt, in dem Ton, der bedeutete, dass sie ihm recht gab, aber nicht vor dem Kind.
„Mein Vater sagt, die bräuchten keine Werbung, sondern funktionierende Schützenpanzer”, sagte Maja.
„Dein Vater sagt viel, wenn der Tag lang ist.”
„Mein Vater hat dreißig Jahre in einem Logistikbataillon verbracht. Er weiß, wovon er redet. Die bestellen Ersatzteile und kriegen drei Jahre später eine Teillieferung und einen Entschuldigungsbrief.”
Tobias hob die Hände. „Ich streite nicht. Ich sage nur: Du wirst jedes Mal emotional, wenn du diese Werbung siehst.”
„Ich werde nicht emotional. Ich werde sachlich wütend. Das ist ein Unterschied.”
Die Werbung endete. Ein junger Soldat salutierte vor einer Fahne, die im Wind wehte, obwohl er in einer Kaserne stand, was bedeutete, dass entweder ein Ventilator lief oder die Physik nicht mehr galt. Dann kam die nächste Werbung – Waschmittel – und Maja stellte den Ton wieder aus.
Regen an den Fenstern. Tobias setzte sich neben sie auf das Sofa, das sie letztes Jahr zusammen bei IKEA gekauft hatten und das sie beide zu klein fanden, aber keiner wollte zugeben, dass der jeweils andere recht gehabt hatte, als er das größere vorschlug. Er legte den Arm um sie. Sie lehnte sich an ihn, automatisch, wie Wasser, das seinen Weg findet.
„Was machen wir heute?“, fragte er.
Maja überlegte. Sie könnte sagen: den Keller aufräumen. Oder: den Sonntagseinkauf vorziehen, weil morgen alles voll sein würde. Oder: die Steuererklärung, die seit Mai auf dem Schreibtisch lag und sie anstarrte wie ein vorwurfsvoller Hund. Es gab immer etwas zu tun. Es gab immer eine Liste.
Stattdessen sagte sie: „Nichts.”
„Nichts?”
„Nichts. Wir machen den ganzen Tag nichts. Wir bleiben hier, wir schauen aus dem Fenster, wir essen die Brötchen, die übrig sind, und wenn uns langweilig wird, machen wir uns eine Tütensuppe und schauen einen Film, der schlecht genug ist, dass man dabei einschlafen kann.”
Tobias sah sie an, als hätte sie gerade eine Fremdsprache gesprochen. Maja Brandt, die Frau, die ihre Einkaufslisten alphabetisch sortierte, die Frau, die im Urlaub am ersten Tag einen Zeitplan erstellte und ihn am zweiten Tag verwarf, weil er nicht effizient genug war – diese Maja wollte nichts tun.
„Wer bist du”, sagte er, „und was hast du mit meiner Frau gemacht?”
„Deine Frau hat beschlossen, dass dieser Samstag planfrei ist. Samstags-Anarchie. Keine Listen, keine Pläne, keine optimierten Abläufe.”
„Das wird dich physisch schmerzen.”
„Wahrscheinlich.”
Er küsste sie auf die Stirn. „Dann Nichts. Ich bin dabei.”
Sie saßen auf dem zu kleinen Sofa und schauten dem Regen zu, und für eine Weile war die Welt ein überschaubarer Ort. Zwei Zimmer, eine Küche, ein Bad. Ein Mann, der die richtigen Brötchen kaufte. Eine Frau, die ihren Kaffee schwarz trank. Der Rhein irgendwo da draußen, grau und geduldig, wie immer. Und ein Samstagmorgen im Oktober, der keiner Erwähnung wert war, außer dass er, Jahre später, in Majas Erinnerung leuchten würde wie ein Bernstein – golden, warm und für immer verschlossen.
Aber das wusste sie noch nicht.
Und Tobias holte noch zwei Jahre lang die Brötchen.