Episode 3 - Der Märchenmörder I
Kapitel 1
Der Flug nach Lissabon ist verspätet. Der Abflug verschiebt sich um mehrere Stunden in die Nacht.
Er sucht sich eine ruhige Ecke im Terminal. Er sitzt mit dem Rücken zur Wand, den Blick auf die Zugänge gerichtet, wie immer. Es ist Gewohnheit, keine Paranoia.
Ott stellt sich auf eine lange Wartezeit ein. Noch zwei Stunden bis zum Boarding, dreieinhalb Stunden Flugzeit. Genug Zeit, um nachzudenken und die losen Fäden der letzten Tage neu zu ordnen.
Er greift nach seinem Handy und wählt Hanka.
„Die Kanzlerin kommt nach Düsseldorf.“
„Der Bericht ist angekommen. Unser Plan ist komplett durcheinandergeraten. Löw hört nicht auf zu schimpfen.“
Hankas Stimme klingt angespannt.
„Leider wahr“, sagt Löw trocken. Ott hat ihn in die Leitung geholt.
„Das erhöht den Druck“, sagt Ott ruhig. „Ihre bloße Anwesenheit steigert das Risiko. Der Zerstörer wird das als Herausforderung begreifen.“
„Oder als Geschenk“, erwidert Löw. „Die Beute kommt freiwillig. So oder so – es wird brennen.“
„Du glaubst, er schlägt zu, nur um ein Zeichen zu setzen?“, fragt Hanka.
„Er ist de facto unaufhaltsam“, sagt Ott. „Mit jeder Tat wächst sein Ego. Er sucht nicht nur Wirkung – er sucht eine Bühne. Und Düsseldorf ist derzeit das hellste Licht im Land.“
„Das eskaliert“, sagt Löw leiser.
„So funktioniert er“, antwortet Ott. „Mehr Risiko. Mehr Gewinn. Er testet, wie weit er gehen kann – und wie weit wir zurückweichen.“
Hanka schweigt einen Moment. „Wie lange bist du weg?“
Ott zögert kurz. „Auf unbestimmte Zeit.“
Eine kurze Stille legt sich über die Leitung.
„Das ist scheiße“, sagt Löw.
„Ich weiß.“
Mehr sagt Ott nicht.
„Laut dem Generalbundesanwalt stehen wir hier allein“, sagt Hanka. „Wir dürfen nicht mehr auf dich zählen. Was ist in Berlin passiert?“
Ihre Stimme bleibt ruhig, doch Zweifel schwingen mit.
Ott antwortet sachlich. „Ich muss eine Entscheidung treffen. Es ist gefährlich. Es ist tödlich. Aber ich muss eine Wahl treffen. Du hast Löw auf deiner Seite. Ich muss die Fesseln der Politik durchbrechen.“
Wieder Stille.
„Das ist wirklich scheiße“, sagt Löw.
„Ja“, sagt Ott weiter, „ich bekomme Spuren, die ganz nach oben führen.“
„Wir halten hier dicht“, schließt Löw.
Ott hört ihn, dann beendet er das Gespräch.
Er lässt einige Minuten verstreichen und beobachtet das Terminal. Geschäftsreisende mit Rollkoffern. Familien mit müden Kindern. Vereinzelte Sicherheitskräfte. Niemand schenkt ihm besondere Aufmerksamkeit.
Dann ruft er Fischer an. Protokoll 24 ist aktiv.
„Wie sieht es aus?“
„Alle Systeme laufen stabil“, antwortet Fischer. „Zugriff auf sämtliche Akten besteht. Ich arbeite fachübergreifend, wie du es wolltest. Ich halte alle Perspektiven parallel offen.“
„Der Zerstörer ist kein gewöhnlicher Serienmörder“, sagt Ott ruhig. „Aber er folgt einer inneren Logik.“
„Er ist krank“, sagt Fischer. „So etwas zu tun, wie er es tut – das ist abartig.“
„Deshalb stoppen wir ihn nicht mit gewöhnlichen Methoden.“
Ott blickt durch die Glasfront auf das Rollfeld. Die Maschinen stehen reglos im künstlichen Licht.
„Worauf soll ich mich konzentrieren?“, fragt Fischer.
Ein paar Sekunden vergehen.
„Auf die Person“, sagt Ott schließlich. „Nicht auf die Coverversionen. Nicht auf die Märchen. Nicht auf die Tatorte. Ich will denjenigen, der das alles umsetzt.“
„Den Macher.“
„Genau.“
„Verstanden.“
Ott beendet das Gespräch.
Eine Durchsage kündigt eine weitere Verzögerung an. Einige Passagiere murren. Ott bleibt reglos.
Er lehnt sich zurück.
Lissabon ist nicht zufällig gewählt. Der Kinder-Hacker wartet dort nicht – er stammt von dort.
Seine Adresse ist abgesichert. Die Route dorthin ist verschlüsselt. Ott hat nach einem Treffpunkt gefragt. Die Koordinaten erhält er erst nach der Landung.
Der Hacker ist jung, aber sein Kopf ist für dieses Spiel mehr als bereit. Er lebt in einer digitalen Festung – scheinbar unangreifbar.
Ott sieht erneut hinaus auf das Rollfeld.
Während hier alles stillsteht, bereitet sich irgendwo in Düsseldorf jemand auf den Besuch der Kanzlerin vor. Und der Zerstörer liebt nichts mehr als große Bühnen.
Kapitel 2
Ott glaubt, dass der Junge der Schlüssel ist. Dieses unscheinbare Genie ist sein As. Er soll ihn näher an den Zerstörer bringen.
Doch Ott muss äußerste Vorsicht walten lassen. Weder der Junge noch seine Großmutter dürfen ins Visier des Zerstörers geraten. Keiner von beiden darf geopfert werden.
Der Junge ist wegen Ott bereits einmal tief im Darknet verankert gewesen. Er hat sich in den schlimmsten Abgründen dieser Welt bewegt und ist dennoch unbeschadet davongekommen. Damals ging es um Menschenhandel, Geldwäsche und organisierten Kindesmissbrauch.
Aber auch um Floppys persönliche Rache. Sie haben nie offen darüber gesprochen. Auch die Großmutter schweigt. Zu schmerzhaft. Doch Ott hat genug Erfahrung, um die Zeichen zu lesen.
Aber diesmal ist es anders.
Diesmal geht es nicht um ein Katz-und-Maus-Spiel mit reichen und mächtigen Perversen. Diesmal geht es um ein strategisches Mastermind. Um einen Täter, der ungehindert tötet und Macht versteht – und gezielt formt.
Der Zerstörer ist der ideale Feind, um Floppy seine volle digitale Gewalt entfesseln zu lassen. Ungezügelt und ungebremst.
Während das Flugzeug weiter nach Süden fliegt, kehren Otts Gedanken zu Dr. Pullmann zurück. Dieser hat in ihm ein ungutes Gefühl ausgelöst. Je länger Ott ihn beobachtet, desto klarer wird das Unbehagen.
Dann dieser Moment im Krankenhaus: Pullmanns kontrolliertes Lächeln. Zu vorbereitet. Zu kalkuliert. Otts Instinkt schlägt Alarm.
Und jetzt kehrt dieses Gefühl zurück – wegen des Treffens im Kanzleramt.
Ott sieht die Gesichter vor sich: Die Kanzlerin. Der Innenminister. Der Justizminister. Der Generalbundesanwalt. Der Direktor.
Einer von ihnen spielt ein eigenes Spiel. Er weiß noch nicht, wer. Aber er traut keinem. Außer dem Direktor.
Die Frage ist nicht mehr, ob die Politik berührt ist. Die Frage ist, wo sie endet – und wo das Verbrechen beginnt.
Ott teilt diese Gedanken mit niemandem. Selbst als er dem Direktor die Möglichkeit eines Verrats andeutet, bleibt er bewusst vage.
Lissabon rückt näher. Ott weiß, dass sich zwei Bewegungen aufeinander zubewegen – seine und die des Zerstörers. Sie werden sich kreuzen. Es ist unvermeidbar.
Als das Flugzeug landet, vibriert sein Telefon.10:00 Uhr. Parque das Nações.
Der Hacker wartet, bis die Maschine aufsetzt. Erst dann sendet er die Nachricht.
Ott verlässt das Terminal ohne Eile. Er steigt nicht in ein Taxi, sondern geht zu Fuß. Die Strecke beträgt knapp fünf Kilometer.
Nach all den Jahren im Einsatz ist Vorsicht seine zweite Natur. Außerdem hilft Bewegung beim Denken.
Nach gut einer Stunde erreicht er die Esplanade im Parque das Nações. Der Tejo liegt ruhig in der Morgensonne. Jogger ziehen vorbei. Touristen fotografieren die moderne Architektur. Jugendliche fahren mit Skateboards über den glatten Beton.
Ott setzt sich an einen kleinen Tisch mit Blick auf das Wasser. Er bestellt Kaffee und ein Sandwich mit Käse und Schinken.
Ein paar Minuten später setzt sich die Großmutter zu ihm. Kurz darauf kommt der Junge mit einem Skateboard unter dem Arm auf sie zu.
Er wirkt wie ein normaler Teenager. Ein zu großer Hoodie, schmale Schultern, drahtige, noch wachsende Statur.
Doch seine Augen sind dieselben, an die Ott sich erinnert. Wach. Prüfend. Zu aufmerksam für sein Alter. Und zugleich liegt darin etwas Gesundes.
„Er macht nächstes Jahr sein Abitur“, sagt die Großmutter mit sichtbarem Stolz. Sie hat ihn allein großgezogen, seit dem Tod der Eltern.
Ott nickt. „Nicht schlecht.“
Er zögert einen Moment. Dann benutzt er bewusst den alten Namen. „Floppy Disk.“
Der Junge lächelt. Im Darknet ist dieser Name gefürchtet. In geschlossenen Foren traut man sich nicht, ihm zu nahe zu kommen.
„Er ist im Skaterverein und geht einmal die Woche schwimmen“, sagt die Großmutter. „Genau wie Sie es empfohlen haben. Er kommt raus aus dem Keller.“
Ott registriert die Veränderung. Der Junge ist noch immer klein und schmal, aber kräftiger.
Und dennoch bleibt ein Gedanke stets präsent: Er ist hier, um Hilfe zu bitten – und bringt damit erneut Dunkelheit in ihr Leben.
Ott legt die Hände ruhig auf den Tisch. „Oma“, sagt er leise, „ich würde verstehen, wenn Sie nicht wollen, dass er in diesen Fall verwickelt wird.“
Die Großmutter sieht ihn lange an. Dann ihren Enkel. „Inspektor“, sagt sie schließlich ruhig, „wir schulden Ihnen mehr, als wir je zurückgeben können. Wenn er es will und wenn keine unmittelbare Gefahr besteht, dann vertraue ich Ihnen.“
Floppy lächelt entschlossen. Er verfolgt die Ereignisse in Düsseldorf seit dem ersten Märchenmord, und damit verfolgt er auch Ott. Für ihn ist Ott mehr als ein Ermittler. Er bewundert ihn.
Nach dem Kaffee gehen Ott und Floppy scheinbar zufällig gemeinsam am Ufer entlang. Sie setzen sich auf eine niedrige Mauer.
Ott spricht präzise, ohne unnötige Details oder Dramatisierung. Er erklärt, dass der Täter das Darknet nutzt, ohne Spuren zu hinterlassen. Dass er vermutlich über eine eigene digitale Infrastruktur verfügt. Dass herkömmliche Ermittlungsarbeit nicht ausreicht.
„Ich brauche Zugriff auf sein Darknet-Universum“, sagt Ott. „Auf seine Infrastruktur. Auf die Schnittstellen, an denen er glaubt, unsichtbar zu sein.“
Floppy hört aufmerksam zu.
„Du sollst ihn nicht angreifen“, ergänzt Ott. „Nur beobachten. Wie ein Tracker.“
Floppy grinst kurz.
Am Nachmittag kehren Ott, Floppy und die Großmutter in ihr Haus zurück, ein altes Familienhaus nahe des Flughafens.
Ohne Zeit zu verlieren, gehen Ott und Floppy in den Keller. Drei flache Monitore hängen an der Wand. Der Schreibtisch ist mit Kabeln, Mikroprozessoren und Speichermedien überladen. Die Internetanbindung läuft über mehrere verschleierte Knotenpunkte.
Ott beginnt ruhig: „Der Zerstörer ist strategisch. Einzigartig. Er ist kein alter Ideologe. Er ist modern, anpassungsfähig, wahrscheinlich unter fünfzig. Und er denkt langfristig.“
Floppy legt die Hände auf die Tastatur. „Dann suchen wir ihn im Hintergrundrauschen.“
Ott reicht ihm zwei vollständig isolierte Laptops, Air-Gap-Geräte ohne externe Schnittstellen.
Floppy lacht leise. „Was soll ich damit, Ott?“
„Moment. Ich habe jemanden, der deine Sprache spricht“, sagt Ott ruhig. „Fischer.“
Er aktiviert die Verbindung und startet gleichzeitig eine Software zur Stimmverzerrung. „Mein Kontakt hat Fragen.“
Floppys Stimme klingt nun metallisch.„Habt ihr Zugriff auf dedizierte Server außerhalb der BND-Netze mit skalierbarer Speicherkapazität?“
Stille liegt im Raum.
Zum ersten Mal hat Ott das Gefühl, dass sie nicht nur reagieren, sondern beginnen, selbst die Initiative zu übernehmen.
„Ja“, sagt Fischer. „Wir haben Zugriff auf eine exklusive Serverfarm. Speicher ist kein Problem.“
Floppy nickt. „Gut. Du bekommst passiven Zugriff. Keine Interaktion. Ich habe einen eurer Laptops mit meinem System gekoppelt.“
„Bin drin“, bestätigt Fischer.
Und in diesem Moment beginnt etwas, das der Zerstörer nicht eingeplant hat – ein Zugriff, der nicht stören will, sondern geduldig beobachtet.
„Wir gehen jetzt ins Darknet“, sagt Floppy ruhig. „Ich nehme dich über einen administrativen Knoten mit. Ich habe Admin-Rechte.“
Plötzlich herrscht Stille. Ott hört, wie Fischer scharf die Luft einsaugt.
„Du hast was?“, fragt Fischer. „Ott, wer zur Hölle sitzt da neben dir?“
Ott reagiert nicht auf den Tonfall. „Bleib konzentriert, Fischer.“
Floppy bleibt ruhig. Ein schmales Lächeln liegt in seinem Mundwinkel.
„Ich habe dir ein Klonprofil erstellt. Es bewegt sich wie ein Bot im Hintergrund. Du rührst weder Tastatur noch Maus an.“
„Verstanden“, sagt Fischer nun gefasster.
„Alles wird in Echtzeit auf deine Server gespiegelt. Du bekommst vollständige Datenpakete – aber erst nach unserer Sitzung.“
Fischer schüttelt hörbar den Kopf. „Verdammt, Ott. Ich weiß nicht, wer da neben dir sitzt, aber das hier ist größer als ein Jackpot.“
„Dann nutz es“, sagt Ott knapp.
Floppy dreht sich zu ihm. „Wann genau hat der Informant mit dir gesprochen?“
„Vor anderthalb Jahren.“
„Genauer.“
Ott denkt nach.
Fischer durchsucht parallel die Akten. „Exakt vor einem Jahr, sechs Monaten und dreiundzwanzig Tagen.“
„Danke.“
Floppy tippt die Zeitkorrelation in seine Analysealgorithmen. Mehrere Skripte laufen parallel an. Er rekonstruiert archivierte Traffic-Fragmente und Metadatenreste, die nur unvollständig gelöscht wurden.
Auf einem Monitor erscheint die rekonstruierte digitale Chronologie. Social-Media-Profile. Suchverläufe. Wallet-Transaktionen. Anmeldezeiten.
Dann zeigt sich eine klare Veränderung – exakt am Tag nach dem Gespräch mit Ott. Die Aktivität verlagert sich vollständig in ein geschlossenes Netzwerk.
Floppy folgt der Spur. Seine Finger bewegen sich schnell und präzise. Er nutzt eine Schwachstelle in einer veralteten Verschlüsselungsbibliothek, die der Informant weiterverwendet hat. Kein Zufall, sondern eine typische Nachlässigkeit eines Nutzers, der sich für unangreifbar hält.
Ein verschlüsseltes Backup-Archiv erscheint.
„Er glaubte, er sei anonym“, murmelt Floppy.
„War er das nicht?“, fragt Ott ruhig.
„Niemand ist das.“
Nach einigen Minuten öffnet sich der Container. Ein vollständiges Backup seiner Darknet-Aktivitäten. Konversationen. Transaktionen. Dateien. Strukturierte Ordner.
Fischer sitzt mit offenem Mund vor seinem Bildschirm. „Mein Gott.“
„Alles läuft auf deine Server“, sagt Floppy, um ihn zu beruhigen.
Zwischen den Kommunikationsprotokollen taucht immer wieder derselbe Alias auf. Ein konsistentes digitales Muster, erkennbar nur für jemanden mit Floppys Erfahrung. Immer dieselbe Verschlüsselungsroutine, immer dieselbe zeitliche Taktung.
Ott beugt sich näher zum Bildschirm.
„Das ist er“, sagt Floppy leise.
Nach weiteren fünfundvierzig Minuten intensiver Analyse haben sie eine belastbare Darknet-ID des Zerstörers. Nicht seine reale Identität – aber ein präzises Schattenprofil, das seine digitale Handschrift eindeutig trägt.
Dreieinhalb Stunden später ergeben sich drei konkrete Ansatzpunkte:
Erstens: eine Ursprungs-IP-Adresse. Zweitens: die Postadresse eines Lieferanten. Drittens: wiederkehrende Bestellungen chemischer Vorprodukte, chirurgischer Instrumente und spezialisierter Geräte.
Ein digitaler Warenkorb des Grauens.
Doch auch ein Darknet-Geschäft braucht physische Infrastruktur – Lagerflächen, Transportwege, Personal. Selbst Perfektion benötigt Logistik.
Genau darauf hat Ott gehofft, und er hat sich nicht geirrt.
„Der Lieferant ist der schwächste Punkt“, sagt Ott ruhig. „Unser Eintrittspunkt.“
Floppy nickt knapp. „Dann bereite dich vor.“
Dann loggt er sich auf der Plattform ein, auf der der Zerstörer seine Düsseldorfer Märchen-Videos veröffentlicht. Eine geschlossene, kuratierte Umgebung mit strengem Zugang, ein selektiv freigeschaltetes Archiv mit klarer Hierarchie und strukturierten Ebenen.
Ein Video startet automatisch.
Ott reagiert einen Augenblick zu spät. Er stoppt es sofort.
„Nicht weiter ansehen“, sagt er scharf.
Doch die ersten Sekunden reichen.
Ott hat nicht mit einer solchen Systematik gerechnet. Die Plattform ist organisiert wie eine Bibliothek – Kategorien, Kapitel, Versionen.
Alles ist dokumentiert. Akribisch. Von der Entführung bis zur finalen Inszenierung. Die Verabreichung eines synthetischen Toxins, das die Motorik blockiert, während das Bewusstsein erhalten bleibt. Die chirurgische Präzision. Die Konstruktion der Coverversionen. Der Abtransport. Die Platzierung am Tatort.
In jedem Schritt wirkt der Zerstörer methodisch. Nicht getrieben, sondern überzeugt. Kein Zögern, kein Chaos, kein Impuls. Nur ein sauberer Ablauf.
In allen Videos gibt es eine Konstante: Die Opfer bleiben bei Bewusstsein. Sie können sich nicht bewegen, aber sie erleben alles.
Ott zwingt sich zur kalten Rationalität.
„Er übt totale Kontrolle aus“, sagt er ruhig. „Für ihn sind Märchen keine Drohung. Sie sind ein System.“
Floppy schluckt und schließt die Plattform. „Wir haben genug.“
Ott nickt. „Dank dir.“
In wenigen Stunden erreicht Floppy, wofür klassische Ermittlungen Monate gebraucht hätten.
Die Identität des Zerstörers kennen sie noch nicht. Aber sie haben Zugriff auf seine Infrastruktur – und damit auf sein Fundament.
Floppy übergibt Fischer verschlüsselte Admin-Zugänge. „Nur lesend.“
„Verstanden“, sagt Fischer ernst.
Floppy wirkt erschöpft. Das tiefe Tauchen in der Dunkelheit fordert seinen Preis. Aber seine Augen glänzen entschlossen. Er wird es nicht loslassen. Er kann das nicht. Er will das nicht.
Bevor Ott geht, reicht ihm die Großmutter ein kleines Päckchen. „Kuchen. Damit Sie unterwegs nicht nur von Kaffee und Stress leben.“
Ott nimmt es mit einem knappen Nicken entgegen. Eine stille Geste aus einer normalen Welt, die es noch gibt.
Dann verlässt er das Haus, zügig und ohne sich umzudrehen.
Auf dem Weg zum Flughafen ruft er Fischer an.
„Ott?“
Otts Stimme bleibt kühl. „Das hier war eine einmalige Sache.“
Fischer zögert nicht. „Verstanden.“
Kapitel 3
Fischer erkennt die Tragweite dessen, was Floppy offengelegt hat, schneller als erwartet. Ein nüchternes, professionelles Alarmsignal ersetzt jedes Staunen; er schaltet sofort in den Modus operativer Verwertung.
Ott bucht kurzfristig ein Ticket nach München. Er landet in vier Stunden – es ist die nächste verfügbare Verbindung nach Deutschland.
Es wird dringend. Die Zeit verengt sich spürbar, und das Risiko wächst mit jeder Stunde.
Ott schickt eine Nachricht an den Direktor. Sie sollen sich persönlich treffen, außerhalb des BND, an einem diskreten und gesicherten Ort.
Der Direktor organisiert alles. Anwesend sind nur er, Ott und sein persönlicher Assistent. Außerdem stellt er einen Hubschrauber bereit, der Ott unmittelbar nach seiner Landung nach Berlin bringt.
Fast dreiundsiebzig Stunden sind vergangen, seit Ott seine Scheinkündigung und den inszenierten Bruch mit der Kanzlerin vollzogen hat. In diesen knapp drei Tagen wurde mehr erreicht als in den Wochen zuvor – vor allem durch den Zugriff des Kinder-Hackers Floppy Disk.
Während der Hubschrauber Richtung Berlin steigt und München unter ihnen kleiner wird, meldet sich Floppy erneut.
„Der Zerstörer hat einen neuen Post für seinen geschlossenen Kreis veröffentlicht.“
Ott sitzt allein auf dem Rücksitz. Seine Stimme bleibt frei von jeder Regung. „Wie lautet er?“
„Die drei Spinnerinnen. Und dann schreibt er: Die Fäden sind schon gespannt“, zitiert Floppy. Danach fügt er hinzu: „Ich glaube nicht, dass es wie die vorherigen wird. Dieser Post liest sich anders, Ott. Näher kann ich es nicht erklären, aber ich bleibe drin.“
Ott schweigt einen Moment. Er will nicht, dass Floppy tiefer hineingeht, doch er weiß, dass er ihn nicht stoppen kann, ohne wertvolle Informationsvorsprünge zu verlieren.
„Ich möchte nicht, dass du weitergräbst“, sagt Ott ruhig. „Was du in den letzten Stunden getan hast, hat uns Wochen, vielleicht Monate erspart. Aber ich will verhindern, dass er dich bemerkt.“
„Hallo?“, erwidert Floppy. „Der Zerstörer wird mich im Netz nicht finden, wenn ich es nicht will. Und Fischer? Er ist gut in seiner Spionagewelt, aber er ist kein Hacker, kein Angreifer. Lass mich beobachten. Ich melde mich, wenn etwas Neues auftaucht.“
Ott atmet langsam aus. Er weiß, dass Floppy recht hat. „Kein Eingriff. Und sei vorsichtig.“
„Ja, Mann.“
Die Verbindung bricht ab.
Während des Fluges arbeitet Ott weiter. Fischer analysiert ununterbrochen das Material, das Floppy gesichert hat. Die Märchen-Videos werden forensisch zerlegt, Frame für Frame, Metadatum für Metadatum.
Die Grundlage für Otts nächsten Schritt steht. Doch er weiß nicht, ob er und der Zerstörer direkt aufeinandertreffen werden oder ob sie sich weiter über Umwege nähern.
Während Ott glaubt, große Schritte in Richtung des Zerstörers zu machen, versinkt Düsseldorf seit zwei Tagen in einem Zustand permanenter Anspannung.
Die Angst liegt spürbar über der Stadt. Nicht panisch, sondern wachsam und angespannt.
Der Direktor hat Otts Warnung zur obersten Priorität erklärt. Die Sicherheitsmaßnahmen rund um die Kanzlerin werden drastisch verschärft. Der Personenschutz wird verdoppelt. Bewegungsabläufe werden minimiert. Spezialeinheiten sind sichtbar präsent.
Der Feind soll erkennen, dass der Staat nicht weicht. Doch tief im Inneren wissen alle, dass der Zerstörer ihnen bislang mehrere Schritte voraus ist.
Die Kanzlerin absolviert ihre Termine: Treffen mit der Landesregierung, Gespräche mit Angehörigen der Opfer, ein Besuch in der Kirche, die selbst Tatort wurde.
Die Medien übertragen alles live. Jede Geste, jedes Wort wird kommentiert, analysiert, bewertet.
Doch Worte reichen nicht, wenn jemand im Schatten die Kontrolle testet.
Am späten Nachmittag trifft die Kanzlerin im Polizeipräsidium ein. Sie spricht mit Ermittlern, mit Beamten, mit der Mordkommission.
Hanka Marie berichtet sachlich: „Nach all diesen Morden gibt es weiterhin keine belastbare Identität, kein klares Motiv und kein verwertbares Täterprofil.“
Ludwig Löw nimmt an den politischen Gesprächen nicht teil. Er hält nichts von Floskeln in einer Lage, die jederzeit kippen kann. Ihn leiten Erfahrung und Instinkt. Und sein Instinkt sagt ihm, dass es bald brennen wird.
Er steht lieber auf der Straße als im Konferenzraum.
Kurz nach zwei Uhr in der Nacht eskaliert die Lage.
Mehrere Personenschützer der Kanzlerin zeigen plötzlich identische Symptome: Übelkeit, Schwindel, Sehstörungen.
Innerhalb weniger Minuten wird das Notfallprotokoll aktiviert. Die Kanzlerin wird evakuiert. Ein Bundeswehrjet bringt sie und ihre Minister zurück nach Berlin.
Erste Hinweise deuten auf eine gezielte Kontamination der Mineralwasserflaschen hin. Die Dosierung ist nicht tödlich, sondern präzise kalkuliert.
Betroffen sind ausschließlich Personenschützer, die in einem separaten Hotel untergebracht sind. Das unmittelbare Kernteam der Kanzlerin bleibt symptomfrei.
Während der Sicherheitsapparat noch reagiert, folgt der nächste Schlag.
Ein Notruf vom Burgplatz. Schlossturm.
Eine Frau lehnt reglos aus einem Fenster im oberen Stockwerk.
Vor Ort hören Beamte eine Stimme aus einem versteckten Lautsprecher: „Hanka, Hanka. Wo bleibt dein Retter?“
Ein perfides Schauspiel in wiederholter Endlosschleife.
Ludwig Löw ist unter den Ersten am Tatort. Er erkennt sofort die Inszenierung. Rapunzel. Und er weiß, wer oben gemeint ist. Diese Coverversion richtet sich an ihn und an Ott. Wer sonst sollte Hankas Retter sein?
Das Tor wird aufgebrochen. Löw stürmt hinein. Er nimmt die Treppe im Laufschritt, Stufe für Stufe, ohne zu zögern.
Er ist der Erste bei Hanka Marie. Sie lebt.
Doch ihr Mund ist von innen chemisch verätzt. Sie war während der gesamten Zeit bei Bewusstsein – bewegungsunfähig, aber nicht bewusstlos.
Löw kniet neben ihr. „Einen Arzt. Sofort.“
Er trägt sie selbst die Treppe hinunter, bis die Notärzte übernehmen.
Dann schreit Hauptkommissar Ludwig Löw. Kein kontrollierter Laut, sondern rohe, ungefilterte Wut.
Er steigt mit in den Rettungswagen.
Löw weint. Nicht laut, sondern stumm, während das Blaulicht die Nacht zerreißt.
Und dann schwört er – leise, aber hörbar –, dass er den Zerstörer stellen wird.
Mit Eskorte fahren sie zur Uniklinik. Dr. Granderath ist informiert. Ein Team wartet bereits.
Zur gleichen Zeit steht Ott in Berlin neben dem Direktor. Sie treffen sich in einem anonymen Haus am Rand der Stadt, einem Ort, an dem man kommen und gehen kann, ohne Spuren zu hinterlassen.
Die Märchen-Videos laufen auf mehreren Monitoren.
Alles ist akribisch dokumentiert: von der Entführung bis zur Platzierung am Tatort, die Verabreichung des künstlichen Giftes, die chirurgische Präzision der körperlichen Eingriffe, die Inszenierung der Märchen.
Alles wirkt zugleich gefühllos und kalkuliert.
Ott sieht zu. Dann spricht er leise: „Er ist ein Schlangenölverkäufer.“
Der Direktor blickt zu ihm. „Wie meinst du das?“
„Die Morde sind Werbung“, sagt Ott. „Das ist nichts anderes als eine Marketingkampagne. Nur tödlich.“
Ein Leistungsnachweis.
Ott richtet sich auf. „Der Lieferant hat oberste Priorität.“
Er sieht den Direktor an. „Er ist unsere beste Chance. Er hat persönlichen Kontakt zum Zerstörer.“
Der Direktor nickt. Dann fügt er hinzu: „Du hast einen Verdacht gegen einen der engsten Vertrauten der Kanzlerin.“
Stille liegt im Raum.
Der Direktor weiß, dass Ott kein Mann für leere Worte ist. Und er versteht, wie schwer diese Andeutung wiegt.
Ott geht auf die Frage nicht ein. Er konzentriert sich weiter auf die Monitore, auf Muster, auf Abläufe, auf Schwachstellen.
Die Opfer leiden vor den Augen zweier Männer, die sich vorgenommen haben, den Zerstörer zu stoppen.
Kapitel 4
Sie versucht, sich zu konzentrieren. Sie zwingt ihren Geist zur Ordnung, obwohl ihr Körper ihr nicht mehr gehört.
Sie gibt sich große Mühe, so zu denken wie Ott. So zu handeln wie Ott – wenigstens in ihrem Kopf.
Sie kann sich nicht bewegen. Nur mit den Augenlidern blinzeln und die Augen minimal verschieben. Doch ihr Sichtfeld ist stark begrenzt, als läge ein unsichtbarer Rahmen um ihre Wahrnehmung.
Atmen kann sie. Mit Druck auf der Brust, flach und kontrolliert, aber es geht.
Sie leidet unter keinem Gedächtnisverlust, keiner Verwirrung. Ihr Kopf ist klar. Sie erinnert sich exakt, was geschehen ist.
Der uniformierte Polizeibeamte vom LKA – der Verräter – hat sie in eine Falle gelockt, als sie nach dem Termin mit der Kanzlerin das Präsidium verlässt. Er behauptet, Löw habe ihn geschickt, um sie abzuholen. Seine Stimme klingt routiniert, sein Auftreten unauffällig. Nichts deutet auf einen Bruch, auf eine Unregelmäßigkeit hin.
Als sie sich auf den Rücksitz setzt, spürt sie einen Stich. Kurz. Präzise. Dann wird alles schwarz.
Jetzt ist ihr Geist wach. Sie fühlt keine geistige Einschränkung. Sie weiß, wer vor ihr steht. Schweigend. Beobachtend.
Es ist der Zerstörer.
Er ist von Kopf bis Fuß wie ein Chirurg gekleidet: OP-Haube, Maske, Schutzvisier. Selbst seine Augen liegen hinter Kunststoff verborgen, sodass sie ihre Farbe nicht erkennen kann. Ob sie blau, grün oder braun sind, bleibt unklar.
Er steht einfach da und sieht sie an.
Warum sagt er nichts? Warum wartet er?
Sie zwingt sich, wie Ott zu denken. Nie aufgeben. Analysieren. Auch wenn alles hoffnungslos erscheint.
Der Zerstörer beugt sich leicht nach vorne. Mit einer kaum sichtbaren Bewegung übernimmt er die Kontrolle über den Raum. Seine Präsenz verdichtet die Luft, macht sie schwerer.
Hanka liegt in einem OP-Saal. Nicht völlig flach, aber nahezu horizontal. Ihr Körper ist fixiert, professionell gelagert.
„Dr. Hanka Marie“, sagt er mit seidenweicher, emotionsloser Stimme. „Die erfahrene und renommierte Vertreterin des Bundes. Was für ein Verlust für unser Land.“
Hanka fixiert sein Gesicht. Sie kann nicht sprechen, aber sie kann hören. Und er weiß das. Er wollte es so.
„Schade, dass Sie die Haare so kurz tragen. Aber das macht nichts.“
Sie sieht die minimale Bewegung seines Kiefers unter der Maske. Er lächelt.
„Wie sagt Herr Ott? Coverversion, nicht wahr?“
Er macht eine kurze Pause, als würde er ihr Zeit geben zu reagieren.
„Ich habe recherchiert, was er damit meint. Es gefällt mir. Es macht mich modern. Gegenwärtig. Nah an unserer Jugend.“
Er richtet sich auf. Sie erkennt seine ganze Statur. Groß. Kräftig. Gesund. Kein Zittern, kein Zögern.
„Aber wir müssen hier ein wenig nachhelfen“, fährt er fort. Der Ton ist nicht geschäftlich, aber auch nicht hysterisch. Er bleibt kontrolliert. Kühl. Überlegt.
„Es wird bald vieles passieren. Und Sie müssen bereit sein. Am richtigen Platz.“
Was meinst du? Was willst du?
„Ich frage mich, wer Sie retten wird. Herr Ott oder Herr Löw? Wer wird zuerst bei Ihnen sein? Wer erleidet den größeren Schock?“
Du krankes Schwein.
Plötzlich spürt sie Kälte. Dann Schmerz.
Etwas dringt in ihren Mund. Sie kann nicht sehen, was er tut. Aber es brennt. Es frisst sich in die Schleimhaut und die Nervenbahnen.
Oh mein Gott.
Der Schmerz ist unfassbar. Er ist hell, grell, alles überlagernd.
Sie schreit – lautlos, gefangen in ihrem eigenen Schädel.
Warum werde ich nicht ohnmächtig? Warum muss ich alles fühlen?
Sie wusste nicht, dass man im eigenen Kopf so laut schreien kann.
Und er beobachtet sie. Ruhig. Interessiert. Fast wissenschaftlich.
Nein, denkt sie. Bitte hör auf. Bitte.
Denk an Ott. Er wurde gestochen. Beschossen. Und er blieb ruhig. Stoisch.
Bleib stark.
Was hat er gerade gesagt? Er wird mich nicht töten?
Was will er dann?
„Also, Frau Dr., ich lasse Sie nicht wegrutschen“, sagt er ruhig. „Sie bleiben bei mir und erleben alles, solange ich es wünsche.“
Kann er Gedanken lesen?
„Sie wissen, warum Rapunzel im Turm eingesperrt wurde, nicht wahr? Ich muss es Ihnen nicht erklären. Es spricht für sich.“
Er löst die Fixierung und hebt sie hoch.
Oh Gott, er ist stark.
Es ist dunkel draußen.
Wie lange spielt er schon mit mir?
Will er mich aus dem Fenster werfen?
Nein. Natürlich nicht. Ich bin Rapunzel. Ich stehe im Turm und warte auf meinen Retter.
Aber Ott wird nicht kommen. Er ist nicht da.
Aber Löw. Löw ist wild genug.
„Rapunzel, Rapunzel, was lässt du herunter?“, sagt er leise.
Er lacht.
Dieses Lachen klingt kalt und trocken. Es ist frei von jeder Freude, nur ein Echo von Kontrolle.
„Die Fäden sind gespannt, Rapunzel. Ich lasse dich retten. Aber nicht unbeschadet. Du wirst keine Prinzessin. Ich bestimme, was und wie.“
Er positioniert sie am Fenster. Präzise. Berechnet. Sichtbar von unten.
Es ist Wahnsinn. Und zugleich perfekte Inszenierung.
„Wir werden uns wiedersehen, Frau Dr. Es gibt noch so viele Coverversionen.“
Er tritt zwei Schritte zurück und betrachtet sein Werk.
Zufrieden.
„Ich liebe dieses Konzept. Es passt so gut. Tschüss, Rapunzel.“
Dann ist er weg.
Sie ist allein.
Der Burgplatz unter ihr ist voller Menschen. Blaulicht flackert. Stimmen hallen durch die Nacht.
Und dieses schreckliche Lautsprechergeräusch wiederholt sich unaufhörlich.
Löw, ich höre dich. Bitte halt mich fest. Bleib bei mir. Hilf mir. Es tut so weh.
Ich wusste nicht, dass man im eigenen Kopf so laut schreien kann.
Löw, ich bin noch hier. Ich bin noch da.
Kapitel 5
Die Tür fliegt auf. Abrupt. Ohne Anklopfen.
Ott und der Direktor drehen gleichzeitig den Kopf.
Der persönliche Assistent des Direktors steht keuchend im Türrahmen. „Die Kanzlerin – ihr Sicherheitsteam – vergiftet.“
Ott erstarrt nicht sichtbar, aber sein Körper spannt sich minimal an.
„Die Personenschützer. Nicht sie“, präzisiert der Assistent hastig. „Schwere Vergiftungserscheinungen. Die Kanzlerin ist bereits in der Luft, auf dem Weg zurück nach Berlin.“
Der Direktor schließt für einen Moment die Augen.
Doch der nächste Schlag folgt sofort.
Der Assistent ringt nach Worten. „Bundesanwältin Hanka Marie ist das nächste Opfer des Zerstörers. Es war Rapunzel.“
In diesem Moment, kaum sind die Worte ausgesprochen, verändert sich etwas in Ott. Nicht äußerlich – innerlich. Es ist kein sichtbarer Bruch, sondern eine tektonische Verschiebung.
„Hauptkommissar Löw hat sie gefunden. Er ist nicht von ihrer Seite gewichen. Er hat sie selbst in die Uniklinik gebracht. Sie schwebt zwischen Leben und Tod. Genauere Informationen liegen noch nicht vor.“
Stille erfüllt den Raum.
Kein Ausbruch von Ott. So sieht es nicht aus, wenn man weiß, was im Inneren eines Vulkans kurz vor dem Ausbruch geschieht.
Otts Blick wird nicht wütend. Er wird endgültig.
Langsam dreht er sich zum Direktor. „Das war Ihre Schuld.“
Der Direktor sieht ihn an. „Ott …“
„Wenn die Kanzlerin nicht nach Düsseldorf gefahren wäre, hätte es diese Machtdemonstration nicht gegeben“, sagt Ott ruhig. „Er wollte eine größere Bühne. Man hat sie ihm geliefert.“
Die Temperatur im Raum scheint messbar zu sinken.
Der Direktor kennt diesen Ton. Nicht die strategische Version von Ott, sondern die Version, die keine Rücksichten mehr kennt. Es kommt selten, aber wenn er da ist …
Ott dreht sich zurück zu den Monitoren mit den Standbildern der Märchen-Videos. Die leidenden Gesichter der Opfer flimmern eingefroren über mehrere Bildschirme.
„Ich kümmere mich persönlich um den Lieferanten.“
Seine Stimme ist kaum lauter als zuvor, aber jede Wärme ist verschwunden.
„Schicke einen Hubschrauber für Löw. Bring ihn nach Frankfurt.“
Es ist keine Bitte.
Der Direktor richtet sich auf. „Du wirst jetzt nicht zu dem einzigen Menschen gehen, der uns direkt zum Zerstörer führen kann.“
Ott sieht ihn an. „Und wer wird mich aufhalten?“
Sein Blick ist klar. Unnachgiebig.
Absolute Stille.
Dann sagt Ott: „Du weißt, was zu tun ist.“
Der Direktor weiß, dass er ihn nicht aufhalten kann. Er weiß, dass jede weitere Diskussion nur Zeitverschwendung ist.
Er tut das Einzige, was ihm bleibt. Er nickt. „Ja.“
Vierzig Minuten später steht Ott auf einem Bauernhof in Brandenburg. Hankas Zuhause.
Alle Lichter brennen im Haus.
Ott klingelt nicht.
Er geht direkt zur offenen Küchentür.
Drinnen sitzen ihr Ehemann und zwei Kinder im Teenageralter.
Sie weinen nicht laut. Sie sitzen wie unter Schock, reglos, mit geröteten Augen.
Dann sehen sie ihn.
Einen Mann, der den Tod nicht in den Händen, sondern in der Entschlossenheit seiner Augen trägt.
Der Ehemann steht auf. Er stellt sich instinktiv zwischen Ott und die Kinder.
Ott bleibt stehen.
Seine Stimme ist leise. „Mein Name ist Ott. Ich arbeite mit Ihrer Frau.“
Der Mann atmet schwer. „Ich weiß, wer Sie sind.“
Ott nickt kaum merklich. „Dann wissen Sie auch, dass ich mein Wort nie breche.“
Stille.
Dann spricht Ott, ohne die Stimme zu heben. „Es wird keine Gerechtigkeit für Hanka geben. Kein Gericht. Kein Prozess. Kein Urteil.“
Der Ehemann erstarrt.
„Es wird nur Konsequenzen geben.“
Ott hält seinem Blick stand.
„Ich werde jeden finden, der daran beteiligt war.“
Ein Atemzug.
„Und ich werde sie beenden.“
Es ist keine theatralische Drohung. Es ist eine nüchterne, beinahe administrative Feststellung.
Der Ehemann zittert leicht, nicht aus Angst vor Ott, sondern vor dem, was diese Worte bedeuten.
Ott dreht sich um.
Er verlässt das Haus so ruhig, wie er gekommen ist.
Im Wagen bleibt er einen Moment sitzen.
Sein Blick ist fest. Kein Zweifel. Kein Zögern.
Er nimmt das Telefon. „Wie sieht es aus?“, fragt er, als Löw abhebt.
Löws Stimme ist angespannt. Unterdrückte Wut liegt darin „Sie lebt. Sie operieren noch.“
Ott schließt kurz die Augen. „Bleib bei ihr. Sobald die Operation vorbei ist, komm nach Frankfurt. Ein Hubschrauber ist auf dem Weg zu dir.“
„Ich komme. Aber Ott – das ist Mist.“
Das Gespräch endet.
Ott startet den Motor.
Zwei Männer, getrieben von Zorn und Loyalität, bewegen sich nun auf denselben Punkt zu. Sie bleiben kontrolliert, doch ihre Entschlossenheit ist kompromisslos.
Und sie kommen nach Frankfurt am Main.