Kapitel 1
Ich bin zu hoffnungsvoll gewesen. Angestachelt von romantischen Komödien und Büchern. Übervoll hoffend, dass Nico am Bahnsteig auf mich wartet. Absurd. Immerhin steckt hinter meiner Ankunft ein großes Ding, das sich Überraschung nennt. Er weiß nicht, dass ich komme. Wie soll er da am Bahnsteig auf mich warten? Ich habe keine kryptischen Nachrichten geschickt, die ihm Hinweise hätten geben können. Eigentlich habe ich seit einer Woche gar keine Nachricht mehr geschickt, nachdem die Worte ›Ich vermisse dich, Clementine‹ in unserem Chat gelandet sind. Sondern habe einen Plan geschmiedet, der jeder Rom-Com-Geste Konkurrenz machen würde.
Die Semesterferien beginnen zwar erst nächste Woche, aber ich habe so viele Credits gesammelt, dass ich nach der stressigen Prüfungsphase meine Freizeit genießen kann. In meinen restlichen Kursen herrscht keine Anwesenheitspflicht. Deshalb habe ich Megan gebeten, mir ihre Notizen per Mail zu schicken. Kurzerhand habe ich mein Konto geplündert und mir ein Zugticket gebucht. Nico und ich wollten uns schon letztes Jahr wiedersehen, doch es kam immer etwas dazwischen.
Seine Band ist plötzlich überall gewesen. Festivals, Radioshows, mehrere Wochen Tour durch die Provinzen. Dann hatte ich Prüfungen und musste mir ein neues Zimmer im Wohnheim organisieren. Familienfeste, Feiertage, Verabredungen, Urlaube und Termine. Irgendetwas ist immer gewesen. Und jetzt greife ich die Gelegenheit am Schopf, denn ich weiß, aus sicherer Quelle, dass er für die nächsten vier Monate zurück zu Hause ist. Ich konnte überhaupt nicht anders.
Saltmere Cove riecht noch genau, wie ich es in Erinnerung habe. Nach Meeressalz, süßen Blumen und einer Spur Karamell. Ich sauge den Duft ein und schnappe mir den Henkel meines Rollkoffers. Schließlich kann ich nicht den ganzen Vormittag auf dem Bahnsteig stehen. Ich muss die Schlüssel für meine Unterkunft abholen. Kadia hat die Spontanaktion mit einer Aufregung unterstützt, die ich ihr überhaupt nicht zugetraut hätte. Deshalb sind die Schlüssel bei ihr hinterlegt. Sie war vor zwei Jahren meine Chefin bei dem Sommerjob und wir sind in Kontakt geblieben. Ihre gewöhnlich reservierte Art ist plötzlich verschwunden, als ich sie um Hilfe gebeten habe. Sie hat gequietscht. Ziemlich untypisch für die Blondine.
Ich schlendere durch das kleine Bahnhofsgebäude, in dem immer noch der Mann arbeitet, den ich schon bei meinem ersten Besuch hier gesehen habe. Er sitzt allein hinter dem einzigen Schalter und knabbert an einem Bagel. Die Scheibe ist blankpoliert und es riecht leicht nach Zitrusputzmittel. Euphorisch hüpfe ich die Stufen zum Mietwagenverleih herunter. Auch darum habe ich mich gekümmert. Ha! Siehst du mal, wie organisiert ich bin, Nico Windfall. Von wegen Chaotin in Ausbildung.
Meine Finger zittern, während ich der Frau meinen Führerschein hinhalte. Sie lächelt großmütterlich. »Bist du zum ersten Mal in Saltmere Cove?«, fragt sie. Nebenbei tippt sie meine Daten ein und wühlt dann in einer Box mit Schlüsseln.
»Nein. Vor zwei Sommern bin ich für einen Ferienjob hergekommen. Was soll ich sagen? Ich habe mich einfach verliebt«, plappere ich. Sie lacht.
»Ja, unsere Stadt ist schon etwas ganz Besonderes. Der Jeep steht an der Ausfahrt. Viel Spaß.« Sie schiebt mir den Schlüssel und meinen Führerschein über den Tresen und wendet sich ab. Ich korrigiere sie nicht.
Die Schmetterlinge in meinem Bauch sind entschieden dagegen. Sie wollen es in die Welt hinausschreien, aber ich behalte es für mich. Nico ist zwar kein Geheimnis, trotzdem kenne ich die Blicke zu Genüge, wenn ich erzähle, dass ich ihn kenne und einen himmlischen Sommer mit ihm verbracht habe. Megan wurde sogar schon einmal gefragt, ob ich eventuell unter Wahnvorstellungen leide. Obwohl ich nicht nachvollziehen kann, weshalb es so abwegig ist, dass ein erfolgreicher – sehr, sehr, sehr erfolgreicher, laut Nico – Gitarrist und Leadsänger Freunde hat. Wir hatten nichts miteinander. Kein Sex, kein Gefummel, nicht einmal ein Kuss. Trotzdem kann ich den Schwarm Schmetterlinge in meinem Bauch nicht leugnen.
Ich mag Nico Windfall unheimlich. Und vielleicht geben mir die nächsten drei Wochen Aufschluss darüber, ob wir womöglich längst mehr als beste Freunde sind.
Mein Koffer landet nicht im Kofferraum, sondern auf der Rückbank des Jeeps – hintereinander geparkten Fahrzeugen traue ich nicht. Dann hüpfe ich auf den Fahrersitz. Der Motor erwacht schnurrend. Ich lasse die Fenster runter, um die Brise riechen zu können. Mit einem breiten Lächeln verbinde ich mein Handy mit dem Soundsystem und lasse mich von Black Lighthouse beschallen. Zwar bin ich nicht Fan der ersten Stunde, aber ich bin Fan. Riesenfan. Nicos Stimme ist beflügelnd, ebenso wie die tief gegrollten Background-Vocals, bei denen ich jedes Mal eine Gänsehaut bekomme.
Der Weg vom Bahnhof in die Altstadt führt an einem kurzen Stück Küstenstraße entlang. Ich bin versucht, anzuhalten, die Aussicht zu genießen und so lange zu bleiben, bis ich den Sonnenuntergang bestaunen kann, aber dafür habe ich noch drei Wochen Zeit. Ich muss mich an meinen Ablaufplan halten.
Das malerische Ortsschild kommt in Sicht und ich kann ein freudiges Quieken nicht unterdrücken. Nico wird vor Freude ausflippen.
Ich biege in die Seitenstraße, die ich vor zwei Jahren immer zu Fuß durchschlendert habe, und parke den Jeep in einer Parkbucht. In der leichten Meeresbrise quietscht das rostige Fahrrad, das über der Eingangstür zum Verleih hängt. Genau wie damals.
Nostalgie befällt mich und ich schaue mich wehmütig um. Ich habe es wirklich geliebt, hier zu arbeiten. Wie sehr werde ich es wohl lieben, nicht jeden Morgen um sechs Uhr aufstehen und an die Arbeit gehen zu müssen? Einfach faulenzen. An jedem Tag meines Aufenthalts. Zeit mit Nico. Zeit am Meer. Zeit zum Abschalten und Erholen.
»Na, sieh sich mal einer an, was der Wind aus der großen Stadt hergebracht hat.« Ich drehe mich grinsend um und stehe Kadia gegenüber. Eine Hand in die Hüfte gestemmt und die andere um den Türrahmen gelegt, führt sie prüfend eine Ganzkörpermusterung durch. Ein Pfiff entweicht ihren vollen Lipglosslippen. »Verdammt, Mädel. Du siehst fabelhaft aus«, fügt sie hinzu. Sie zu sehen, fühlt sich an, als würde ein Puzzlestück an die richtige Stelle gesetzt. Überschwänglich flitze ich auf sie zu und schlinge meine Arme um ihren Hals. Sie lacht überrumpelt, bevor die Tür aus ihrer Hand rutscht und sie mich ebenfalls in ihre Arme schließt.
»Ich habe dich vermisst, Dia«, flüstere ich. Kadias Haare riechen noch immer nach Honig und Sandelholz. Wechselt die Frau denn niemals ihr Shampoo?
»Willkommen zurück, Montreal«, erwidert sie, bevor sie mich bestimmt von sich schiebt. »So, genug jetzt. Ich werde noch zum Maple Fudge.« Mit gerümpfter Nase klopft sie sich die funktionale Kleidung ab. Das ist Kadia Delaney. Ihre mürrische Art ist einfach herzerwärmend. Ich hatte schon immer eine Schwäche für die missverstandenen Menschen der Gesellschaft. »Komm rein. Das Wetter ist heute grauenhaft.« Mein Blick zuckt zum strahlendblauen Himmel und ich hebe ungläubig die Brauen. Sie meckert wie die Fischer am Steg, wenn sich die Angelschnüre verheddern. Ich liebe es. Zusätzlich hat sie Ähnlichkeit mit einem Sauerteigbrot. Außen hart und innen fluffig.
Im Laden riecht es nach Leder, Kettenöl und Gummi. Ein Geruch, den ich gierig einsauge. Anfangs habe ich ihn verabscheut, aber jetzt, ist dieser typische Mix aus Werkstatt und neuen Fahrrädern, wie nach Hause kommen. Das Fahrradinventar ist drastisch gesunken. Ich wusste bereits, dass Dia sich in Zukunft um ein zweites Standbein kümmern muss, aber die Ausmaße mit eigenen Augen zu sehen, sorgt für ein Stechen in meiner Brust.
»Rick hat den Schlüssel gerade vorbeigebracht. Ihr habt euch knapp verpasst, aber vermutlich seht ihr euch heute Abend. Für drei Wochen gehört sein Gästehaus dir«, verkündet sie und klimpert mit einem Schlüssel.
»Gästehaus?« Fassungslos drehe ich mich zu ihr herum. »Dia, ich kann mir gerade mal die billigste Unterkunft leisten. Wie soll ich denn ein ganzes Haus finanzieren?« Die Panik fährt meine Stimme zu einem schrillen Piepen hoch. Kadia verzieht das Gesicht. Ihre sonnengebleichten Strähnen rutschen nach vorne, als sie den Kopf schieflegt.
»Der Typ hat so viel Kohle wie ein Kohlebergwerk. Er würde dich auch kostenlos dort wohnen lassen. Außerdem haben wir eine Abmachung«, erwidert sie und zuckt unbekümmert die Schultern. Schwungvoll wirft sie den Schlüssel in meine Richtung.
»Eine Abmachung?«, frage ich. Dia verdreht die Augen, während ich den Schlüssel vom Boden aufhebe und in meine Hosentasche schiebe. Ich bin eine sportliche Totalniete, zumindest was Werfen, Fangen, Kicken und Derartiges betrifft. In Yoga und Pilates bin ich großartig.
»Ja, Clementine. Eine Abmachung. Zwei Menschen, die eine Vereinbarung mit Rahmenbedingungen und unter Umständen mit Einlösung einer Schuld treffen. Nichts Anzügliches. Keine Sex-Abmachung, damit du bei ihm wohnen darfst. Obwohl er durchaus seine Vorzüge hat.«
»Dia!« Erschrocken schlage ich mir die Hand vor den Mund. Der Mann heißt Rick und besitzt ein Haus plus Gästehaus. Mit Sicherheit bewegt er sich weit außerhalb unserer Altersspanne. Kadia lacht unbekümmert und zuckt die Schultern.
»Frau wird ja wohl noch fantasieren dürfen«, gibt sie schnippisch zurück. Ich verziehe das Gesicht. Allein die Vorstellung von ihr mit einem alten Mann. Igitt. Nichts gegen alte Menschen, aber Kadia ist nur vier Jahre älter als ich. Wie alt sind Männer, die Rick heißen?
»Kannst du fantasieren, sobald ich abgehauen bin? Themenwechsel: Wie geht es dir?« Für die nächste Stunde lümmeln wir uns in die Sessel im Kundencafé und quatschen. Kadia bringt mich auf den neusten Stand, was das Geschäft und ihre Zukunftspläne angeht, gefolgt vom Gossip, den es in Saltmere Cove derzeit gibt. Als sie sich fürchterlich über den Eisverkäufer am Strand aufregt, sehe ich das als mein Stichwort. Mittlerweile ist die Mittagssonne über die Stadt geklettert und erhitzt die Fensterfront von Kadias Laden. »Treffen wir uns morgen zum Dinner?«
»Klar. Die Touristen kommen sowieso zurück, sobald es auffrischt. Ich texte dir, okay?« Mit einem Nicken drücke ich sie noch einmal an mich, bevor ich den Laden mit der Adresse und dem Schlüssel meiner Unterkunft verlasse. Jetzt muss ich nur noch verdrängen, dass Kadia von heißen Stunden mit dem Gästehausbesitzer träumt, wenn ich ihm gegenüberstehe.
