schloss I

All Rights Reserved ©

Summary

🔐 Sie ist Richterin. Er ist Chirurg. Hinter verschlossenen Türen leben sie eine Seite, die niemand kennen darf. Dann kommt das Foto. Von oben. Aus ihrem Schlafzimmer. Von jemandem, der zusieht. Sie sucht die Kamera. Und jemand beginnt, sie Stück für Stück an einen Ort zu führen, den sie nie gefunden hätte – und den sie dringender braucht, als sie zugeben will. 🔑 Ist das Stalking – oder ein Geschenk? 🖤 Ist das Liebe – oder Manipulation? schloss – Dark Romance. Literarisch. Explizit. Ohne Kompromisse.

Status
Complete
Chapters
29
Rating
5.0 6 reviews
Age Rating
18+

klemmen

Das Leder schneidet nicht. Es hält.

Ihre Handgelenke kennen die Schlaufen, die Art, wie das Material nachgibt, wenn sie sich hineinfallen lässt, und sich zusammenzieht, wenn sie dagegen arbeitet. Sie arbeitet nicht dagegen. Nicht mehr. Irgendwann in der letzten Stunde hat ihr Körper aufgehört, gegen irgendetwas zu arbeiten.

Der Knebel schmeckt nach Silikon und nach ihm. Beides vermischt sich auf ihrer Zunge zu etwas, das keinen Namen hat, aber einen festen Platz in ihrem Körper – irgendwo zwischen Kehle und Unterleib, ein Geschmack, der sich anfühlt wie Hunger. Sie atmet durch die Nase. Langsam. Kontrolliert. Die einzige Kontrolle, die sie noch hat, und sie genießt es, dass es die einzige ist.

Seine Finger liegen auf der Klemme an ihrer linken Brustwarze.

Sie weiß, was kommt. Ihr Körper weiß es besser als sie. Die Muskeln in ihrem Bauch ziehen sich zusammen, bevor er überhaupt etwas tut, und sie hasst diese Sekunde – diese eine, letzte Sekunde, in der ihr Verstand noch mitredet. In der er sagt: Das wird wehtun. Als ob sie das nicht wüsste. Als ob das nicht der Punkt wäre.

Er löst die Klemme.

Das Blut schießt zurück.

Der Schrei, den der Schmerz aus ihr und in den Knebel presst, ist kein Wort. Er ist roh und tief und er kommt aus einer Stelle in ihr, die tagsüber nicht existiert. Die Stelle, die zwischen neun und siebzehn Uhr unter Kostüm und Robe begraben liegt, unter der Stimme, mit der sie Urteile spricht, unter dem Blick, vor dem sich Anwälte ducken. Diese Stelle braucht keinen Namen. Sie braucht nur das hier.

Er wartet.

Seine Hand liegt still auf ihrer Brust. Wärme. Der Schmerz verändert sich, wird zu etwas anderem – nicht weniger, aber anders. Heißer. Weicher an den Rändern. Er breitet sich aus, kriecht über ihre Rippen, legt sich in ihren Schoß, und sie spürt, wie sie nass wird, nasser als sie es ohnehin schon ist, und sie presst die Oberschenkel zusammen, weil sie diese Empfindung behalten will, dieses Pulsieren zwischen ihren Beinen, das sich anfühlt wie ein zweiter Herzschlag.

Die rechte Klemme sitzt noch.

Sie hebt den Kopf, so weit die Fesseln es zulassen. Sieht an sich herunter. Ihr Körper: die gerötete Haut um die linke Brustwarze, geschwollen, überempfindlich. Die rechte noch eingeklemmt, die Haut weiß unter dem Metall. Ihr Bauch, der sich mit jedem Atemzug hebt und senkt. Die Spuren auf ihren Hüften, die er vorhin mit dem Daumen in sie gedrückt hat, als sie seinen Schwanz in ihrem Mund hatte. Sie hat nicht aufgehört. Sie hört nie auf. Das ist keine Unterwerfung. Das ist eine Entscheidung.

Er greift nach der zweiten Klemme.

Dieses Mal schließt sie die Augen. Nicht, weil sie nicht hinsehen kann. Sondern weil sie alles fühlen will. Jede Faser. Jeden Nerv, der zurück ins Leben schreit.

Er löst sie.

Die Welt wird weiß.

Nicht das Weiß von Licht. Das Weiß von Überlastung. Jede Nervenbahn in ihrem Oberkörper feuert gleichzeitig, und der Schrei, den sie in den Knebel presst, vibriert in ihrem Schädel, in ihren Zähnen, und sie reißt an den Fesseln, nicht weil sie frei sein will, sondern weil ihr Körper sich irgendwohin entladen muss, und die Fesseln geben ihr genau das – einen Widerstand, gegen den sie sich werfen kann, einen Rahmen, der sie hält, während alles in ihr explodiert.

Seine Hand legt sich zwischen ihre Beine.

Nicht fordernd. Nicht nehmend. Einfach da. Wärme gegen Wärme. Sein Handballen auf ihrem Venushügel, seine Finger still gegen sie, und sie spürt ihren eigenen Puls gegen seine Hand, spürt, wie nass sie ist, wie offen, und sie will mehr, will ihn in sich, will diesen Schmerz und diese Wärme und dieses Pulsieren zu etwas verschmelzen, das sie morgen noch spürt, wenn sie auf der Bank sitzt.

Sie hebt ihr Becken gegen seine Hand.

Das ist die Einladung. Die einzige, die er braucht, die einzige, die sie je geben muss. Keine Worte, kein Zeichen – nur ihr Körper, der sagt: Jetzt.

Zwei Finger. Langsam. Sie nimmt ihn auf, nimmt ihn in sich, und der Laut, der durch den Knebel kommt, ist kein Schrei mehr – er ist tiefer, dunkler, etwas zwischen Stöhnen und Schluchzen, und sie presst sich gegen seine Hand, will mehr, will tiefer, und er gibt ihr, was sie verlangt, weil er gelernt hat, ihren Körper zu lesen wie sie Akten liest: gründlich, aufmerksam, ohne ein Detail zu übersehen.

Sein Daumen findet ihre Klitoris.

Kreise. Langsam. Zu langsam. Sie stößt gegen seine Hand, ungeduldig, fordernd, und sie spürt sein Lächeln, auch wenn sie es nicht sieht – sie spürt es in der Art, wie er das Tempo nicht ändert, wie er sie genau dort hält, an der Kante, wo Lust und Frustration sich nicht unterscheiden lassen.

Sie kommt nicht.

Noch nicht.

Er lässt sie nicht.

Und sie liebt ihn dafür. Liebt ihn für diese Grausamkeit, die keine ist, für diese Präzision, die sie am OP-Tisch verabscheuen würde und im Bett braucht wie Luft. Liebt ihn dafür, dass er weiß, dass sie mehr aushält, mehr will, mehr braucht als das, was andere Menschen unter Sex verstehen.

Sein Mund legt sich auf ihre Brustwarze. Die linke. Die, die noch brennt.

Die Empfindung ist unbeschreiblich. Schmerz und Wärme und Feuchtigkeit, seine Zunge gegen die geschwollene Haut, und seine Finger in ihr, und sein Daumen auf ihr, und sie ist überall gleichzeitig und nirgends, und die Fesseln halten sie zusammen, der Knebel hält ihre Schreie fest, und sie ist dankbar für beides, weil sie ohne das hier in tausend Stücke zerfallen würde.

Er wird schneller.

Seine Finger. Sein Daumen. Sein Mund.

Sie kommt so hart, dass sie danach nicht weiß, ob sie geschrien hat oder nicht. Ihr Körper krümmt sich gegen die Fesseln, jeder Muskel gespannt, und die Welle kommt nicht einmal – sie kommt wieder und wieder, in Schüben, die sie durchfahren wie Stromstöße, und er hört nicht auf, hört nicht auf, lässt sie reiten und zucken und beben, bis sie zusammenbricht.

Stille.

Ihr Atem. Sein Atem. Das leise Surren der Klimaanlage. Irgendwo hinter der Schlafzimmertür das Maunzen einer der Katzen, die wissen, dass diese Tür geschlossen bleibt, wenn das Licht im Flur aus ist.

Er löst den Knebel zuerst. Immer den Knebel zuerst. Dann die rechte Hand. Dann die linke. Dann die Fußfesseln.

Sie liegt still. Lässt sich lösen. Sein Mund auf ihren Handgelenken, dort wo das Leder Abdrücke hinterlassen hat. Sanft. Fast zärtlich. Der Kontrast zu dem, was gerade war, ist so groß, dass sie jedes Mal kurz davor ist zu weinen.

Heute weint sie nicht.

Heute dreht sie den Kopf und sieht durch die bodentiefen Fenster auf die Elbe. Die Lichter der Containerschiffe. Die Kräne am Hafen. Hamburg schläft nicht, und sie schläft nicht, und sie spürt seinen Körper neben sich, warm und schwer, und sie weiß: In sechs Stunden wird sie duschen. Wird Concealer auf die Abdrücke an ihren Handgelenken tupfen. Wird ein hochgeschlossenes Kleid anziehen und den Aufzug ins Parkhaus nehmen und ihren Wagen starten und in die Tiefgarage des Justizgebäudes fahren, und niemand wird etwas sehen.

Und in sechs Stunden wird das hier das Einzige sein, was sie zusammenhält.


Das Bett riecht nach ihnen beiden. Nach Schweiß und Sex und dem Lederöl, mit dem er die Fesseln pflegt, weil er die Dinge, die ihm wichtig sind, in Schuss hält. Die Katze hat aufgehört zu maunzen. Wahrscheinlich liegt sie auf dem Sofa, auf der Kaschmir-Decke, die mehr gekostet hat als das erste Auto, das sie als Referendarin gefahren hat.

Sie schließt die Augen.

Sie weiß noch nicht, dass die Kamera läuft.