Chapter 1
Ich knie vor meinem halb gepackten Koffer und starre hinein, als würde er mich gleich anstarren und sagen: Bist du dir sicher?
Bin ich mir sicher?
Ich ziehe mein Lieblingsnotizbuch aus dem Regal – das mit den kleinen Eselsohren an den Seiten – und lege es vorsichtig zwischen meine ordentlich gefalteten T-Shirts. Alles muss seinen Platz haben. Ordnung hilft. Ordnung bedeutet Kontrolle.
Und Kontrolle… war schon immer das Einzige, worauf ich mich wirklich verlassen konnte.
„Tessa, hast du alles?“, ruft meine Mom aus der Küche.
Ich atme einmal tief durch. „Fast!“
Fast. So wie alles in meinem Leben.
Ich sehe mich in meinem Zimmer um. Die hellen Wände, die Bücherstapel, die kleine Lichterkette über meinem Bett. Nichts Besonderes. Nie besonders gewesen.
Und ehrlich gesagt… war das okay.
Ich war nie das Mädchen, das alle kannten. Nie die, über die geredet wurde. Keine Partys, keine Dramen, keine Jungs, die plötzlich vor der Tür standen.
Ich hatte meine Ruhe.
Und genau das wollte ich.
Meine Finger streifen über ein altes Foto auf meinem Schreibtisch. Mary und ich. Irgendein Schulfest, ich erinnere mich nicht mal mehr genau welches. Wir lachen, beide mit viel zu großen Getränken in der Hand, als wären wir Teil von etwas Größerem.
Mary war meine Konstante.
Ist sie immer noch.
Während alle anderen sich verändert haben – neue Freundeskreise, neue Versionen von sich selbst – ist sie geblieben. Laut, ehrlich, manchmal ein bisschen zu direkt… aber genau das habe ich an ihr geliebt.
„Du bist viel zu gut für diese Schule“, hat sie einmal zu mir gesagt, als wir zusammen in der Cafeteria saßen. Ich mit meinem Biobuch, sie mit ihrem halb gegessenen Sandwich.
Ich hatte nur gelacht.
Ich war nicht „zu gut“.
Ich war einfach… anders.
Ich mochte es zu lernen. Mochte es, Dinge zu verstehen. Mochte dieses Gefühl, wenn plötzlich alles Sinn ergibt.
Während andere sich darüber beschwert haben, Hausaufgaben zu machen, habe ich mich dabei… sicher gefühlt.
Vielleicht, weil es etwas war, das ich kontrollieren konnte.
Ich schnappe mir den nächsten Stapel Kleidung und lege ihn in den Koffer. Mein Blick bleibt kurz an meinem Spiegel hängen.
Braune Haare, meistens zu einem lockeren Zopf gebunden. Brille. Kein besonderes Make-up. Einfach ich.
Unauffällig.
Und genau das hat mich durch die Highschool gebracht.
Keine Feinde. Aber auch keine große Aufmerksamkeit.
Und das war okay.
Wirklich.
„Tessa?“, diesmal ist es mein Dad. Seine Stimme klingt näher. „Wir wollten gleich los.“
Ich schlucke leicht und sehe mich noch einmal um.
Das hier war mein Zuhause. Der Ort, an dem alles… einfach war.
Meine Eltern waren nie reich. Keine großen Urlaube, keine teuren Geschenke. Mom arbeitet im Büro, Dad in einer kleinen Werkstatt. Normale Jobs. Normales Leben.
Aber wir waren glücklich.
Und das war mehr, als viele andere hatten.
Ich erinnere mich an Abende am Küchentisch. Meine Mom, die über irgendeinen Kunden erzählt, mein Dad, der sich über ein Auto aufregt, das einfach nicht laufen wollte. Und ich, mittendrin, mit meinen Büchern, halb zuhörend, halb lernend.
Es war nichts Besonderes.
Aber es war meins.
Und jetzt… gehe ich.
Ich gehe an die UCLA.
Allein dieser Gedanke lässt mein Herz schneller schlagen.
UCLA.
Ich habe so hart dafür gearbeitet. So viele Nächte, in denen ich gelernt habe, während andere draußen waren. So viele Male, in denen ich „nein“ gesagt habe, wenn ich eigentlich vielleicht auch mal „ja“ hätte sagen können.
Aber es hat sich gelohnt.
Ich werde Medizin studieren.
Ich werde Kinderärztin.
Der Gedanke daran lässt ein kleines Lächeln über meine Lippen huschen.
Kinder waren schon immer… anders für mich. Ehrlich. Ungefiltert. Sie sagen, was sie denken, fühlen, ohne sich zu verstellen.
Vielleicht bewundere ich das.
Vielleicht wünsche ich mir manchmal, ich könnte auch so sein.
Ich schließe den Koffer und ziehe den Reißverschluss zu. Das Geräusch klingt lauter, als es sollte.
Endgültig.
„Ich komme!“, rufe ich und greife nach meinem Koffer.
Als ich die Tür öffne, stehen meine Eltern schon im Flur. Meine Mom lächelt, aber ich sehe dieses leichte Zittern in ihren Augen. Mein Dad verschränkt die Arme, als würde er versuchen, stärker zu wirken, als er sich fühlt.
„Bereit?“, fragt er.
Ich nicke.
Aber in mir drin fühlt sich nichts wirklich bereit an.
Meine Mom kommt auf mich zu und zieht mich in eine feste Umarmung. „Du schaffst das“, flüstert sie.
Ich schließe kurz die Augen.
„Ich weiß.“
Und ich will es wirklich glauben.
Als ich mich löse, sehe ich noch einmal zurück in mein Zimmer. In dieses Leben, das so ruhig, so sicher war.
Vielleicht war ich nie besonders.
Vielleicht war ich nie die, die im Mittelpunkt stand.
Aber ich hatte meinen Weg.
Und jetzt beginnt etwas Neues.
Etwas, das ich nicht mehr komplett kontrollieren kann.
Ich atme tief durch, greife fester nach meinem Koffer und gehe zur Tür.
Ohne zu wissen, dass sich alles ändern wird.
Mehr, als ich mir je hätte vorstellen können.








