Der Wunsch
Der Wunsch
Der Abend roch nach warmer Milch, gebratenem Toast und ein wenig nach dem Kakao, den Paula unbedingt noch hatte trinken wollen, obwohl sie nach dem dritten Schluck schon behauptet hatte, eigentlich gar keinen Durst mehr zu haben. In der kleinen Küche war es warm, fast zu warm, weil Michael den Ofen noch hatte laufen lassen, warum? Aus Gewohnheit? Oder Müdigkeit? Vielleicht auch beides. In den letzten Monaten war vieles bei ihm zu einer Mischung aus beidem geworden.
Draußen hing noch die blasse Winterkälte, die sich hartnäckig in den kahlen Ästen des Apfelbaums festklammerte, obwohl im Kalender längst März stand. Im Garten lag kein Schnee mehr, aber das Gras war noch stumpf und farblos, als hätte selbst der Frühling beschlossen, sich Zeit zu lassen. Nur auf der Fensterbank stand schon ein kleines Glas mit gelben Papierblumen, die Paula im Kindergarten gebastelt hatte. Eine davon war schief aufgeklebt, eine andere hatte einen viel zu langen Stiel, und trotzdem sahen sie schöner aus als alles, was Michael in den letzten Wochen im Laden an Osterdekoration gesehen hatte.
Paula saß auf ihrem Stuhl und malte mit hoch konzentrierter und gerunzelter Stirn auf einem Bogen Papier herum, der inzwischen mehr Filzstiftflecken als freie Fläche zeigte. Ihre kleine Zunge lugte ein Stück zwischen den Lippen hervor, wenn sie besonders angestrengt war, und das war sie gerade offensichtlich. Sie trug ihren viel zu großen Schlafpulli mit den verblichenen Sternen, die Socken waren nicht dieselben und ihr hellbraunes Haar fiel ihr in einem weichen, unordentlichen Schwall ins Gesicht. Michael hätte es ihr eigentlich nach dem Baden noch ordentlich kämmen wollen, aber Paula hatte ihn mit einer Ernsthaftigkeit, die bei Sechsjährigen gleichzeitig lächerlich und absolut unanfechtbar wirkte, darauf hingewiesen, dass ihre Haare »gerade frei haben«.
Also hatten ihre Haare jetzt frei.
Michael trocknete die Tasse ab, die längst trocken war, und stellte sie ins Regal. Dann blieb er einen Moment einfach stehen, die Hände am Rand der Arbeitsplatte, und sah zu seiner Tochter hinüber.
Es waren diese stillen Minuten am Abend, die ihm am meisten zusetzten und gleichzeitig am meisten bedeuteten. Wenn Paula müde wurde, aber noch nicht im Bett war. Wenn die Welt draußen schon langsamer wurde, drinnen aber noch eine Weile dieses kleine, fragile Gefühl von zu Hause existierte. Kein perfektes Zuhause. Kein leichtes Zuhause. Aber ihres.
»Papa?« Er sah auf.
»Hm?«
»Wie groß ist eigentlich groß-groß?«
Michael blinzelte. »Das klingt nach einer Fangfrage.«
Paula hob den Kopf und sah ihn mit ernster Miene an. »Nein.«
Ein müdes Lächeln zuckte über seinen Mund. »Dann sollte ich mir Mühe geben.«
Sie nickte zufrieden, als hätte sie genau das erwartet. »Also. Groß ist ein Teddy, der bis hier geht.« Sie hob die Hand ungefähr bis zu ihrer Schulter. »Und sehr groß ist bis hier.« Jetzt bis über ihren Kopf. »Und groß-groß ist…« Sie hielt inne, stand vom Stuhl auf und streckte beide Arme in die Luft, bis ihre Fingerspitzen zitterten. »Bis in den Himmel rein.«
Michael schnaubte leise durch die Nase. »Das könnte mit dem Verpacken schwierig werden.«
»Papa!«
»Entschuldigung.«
Sie setzte sich wieder hin, als würde sie einem unverbesserlichen Erwachsenen großzügig verzeihen. Dann schob sie das Papier ein Stück über den Tisch. »Ich male es dir.«
Michael trat näher. Auf dem Blatt waren ein paar schiefe Ostereier, sehr viel grüne Wiese, ein gelber Fleck, der vermutlich die Sonne darstellen sollte, und in der Mitte eine Figur mit absurd langen Ohren, einem runden Bauch und einem Gesicht, das mit seinen zwei dicken Punkten und dem schiefen Lächeln entweder freundlich oder leicht irre wirkte. Wahrscheinlich beides.
»Das ist er«, erklärte Paula mit Nachdruck.
»Er?«
»Mein Osterhase.«
Michael lehnte sich mit einer Hand auf dem Tisch ab. »Ich dachte, der Osterhase bringt die Geschenke.«
»Ja.« Paula sah ihn an, als hätte er gerade bewiesen, dass Erwachsene zu 80 Prozent aus Verwirrung bestanden. »Und diesmal soll er dableiben.«
Der Satz war schlicht. Ganz ruhig gesagt. Kein großes Drama, keine zittrige Stimme, kein trauriger Blick. Einfach nur eine Feststellung. Gerade deshalb traf er Michael so direkt, dass ihm für einen winzigen Moment nichts einfiel.
Er ließ sich auf den Stuhl ihr gegenüber sinken und musterte das Bild noch einmal, obwohl er in Wahrheit Zeit brauchte.
»Dableiben«, wiederholte er schließlich.
Paula nickte und malte einen krummen Schnurrhaarstrich dazu, obwohl Hasen keine Schnurrhaare in dieser Form hatten und sie das eigentlich wusste. Aber Kinder nahmen es mit biologischer Genauigkeit nicht immer so genau. Vielleicht war das auch besser so.
»Damit er nachts auf mich aufpasst«, sagte sie. »Und morgens auch. Und wenn ich traurig bin. Und wenn du arbeitest.«
Michael spürte, wie etwas Schweres sich in ihm bewegte. Nichts Neues. Nur dieses alte, unangenehme Ziehen irgendwo zwischen Brustbein und Hals, wo sich Schuld gern einnistete und so tat, als hätte sie ein Anrecht darauf, zu bleiben.
»Ich bin doch da«, sagte er leise.
Paula sah sofort auf. Nicht erschrocken, nicht trotzig. Einfach mit dieser offenen, ehrlichen Aufmerksamkeit, die Kinder so mühelos aufbringen konnten, während Erwachsene ein halbes Leben brauchten, um auch nur in die Nähe davon zu kommen.
»Ja«, sagte sie schnell. »Du bist ja auch da, Papa.« Dann lächelte sie, dieses kleine, warme Lächeln, das ihn jedes Mal gleichzeitig heilte und ruinierte. »Aber du kannst schlecht mit in mein Bett. Dafür bist du zu schwer.«
Michael lachte, obwohl es in ihm noch weh tat. »Danke ...«
»Bitte.«
Sie malte weiter, ganz versunken, als wäre mit dieser Erklärung alles gesagt. Vielleicht war es das für sie tatsächlich. Kinder sprachen oft klarer, als Erwachsene es aushielten. Sie wollten nicht immer über die tiefen Risse reden. Sie bauten einfach Brücken darüber, aus Kissen, Papierblumen, erfundenen Geschichten oder der Vorstellung eines riesigen Stoffhasen, der blieb.
Michael strich mit dem Daumen über den Rand des Bildes. »Und wie soll er aussehen?«
Paula strahlte sofort, als hätte sie genau auf diese Frage gewartet. »Sehr weich.«
»Mhm.«
»Und sehr groß.«
»Das hab ich schon fast vermutet.«
»Mit langen Ohren. Richtig langen. Nicht so kurzen, traurigen.«
»Also auf keinen Fall – traurige Ohren«
»Nein. Und er soll hell sein. Nicht grau. Grau ist kein Osterhase. Vielleicht beige. Oder mit weiß. Und innen in den Ohren rosa.« Sie legte den Stift beiseite und dachte angestrengt nach. »Und eine Schleife.«
»Eine Schleife?«
Paula nickte so energisch, dass ihr eine Haarsträhne quer über die Stirn fiel. »Ja. Eine schöne, nicht ordentlich, sondern flauschig.«
Michael hob eine Braue. »Gibt es ›ordentlich‹ und ›flauschig‹ bei Schleifen als offizielle Fachbegriffe?«
»Natürlich.«
»Dann habe ich da wohl Bildungslücken.«
Paula kicherte, und das Geräusch war so hell und leicht, dass es einen Moment lang alles andere aus dem Raum drängte. Die Müdigkeit. Die Rechnungen auf dem Kühlschrank. Das ungelesene Schreiben vom Stromanbieter. Die Sorge, ob das Geld diesen Monat wieder reichen würde. Das kleine, graue Gefühl, ständig knapp an allem vorbeizuleben.
»Und er soll sitzen können«, sagte Paula weiter. »Damit ich ihm Geschichten vorlesen kann.«
Michael sah sie an. Es war absurd, wie sehr ihn selbst solche Sätze manchmal trafen. Weil sie so voller Vertrauen waren. Weil Paula Wünsche immer noch aussprach, als wäre die Welt grundsätzlich bereit, sie zu erfüllen. Als gäbe es da draußen nicht ständig Dinge, die zu teuer, zu spät, zu kompliziert oder einfach verschwunden waren.
»Na gut«, sagte er und nahm das Blatt hoch. »Ein sehr großer, sehr weicher, heller Osterhase mit langen, nicht traurigen Ohren, rosa Innenohren, flauschiger Schleife und Sitzfunktion.« Paula nickte glücklich. »Fehlt noch was? Vielleicht ein Studium? Steuererklärung? Führerschein?«
»Papa.«
»Schon gut. Ich frage ja nur.«
Sie sah ihm an, dass er scherzte, aber sie ließ das nicht gelten. Ihre Augen wurden wieder ernst. Groß und klar und in diesem Moment erschreckend hoffnungsvoll.
»Krieg ich den?« Die Frage kam leise. Nicht fordernd. Nicht verwöhnt. Nicht einmal ungeduldig. Einfach nur vorsichtig. Als würde sie ihm die Antwort nicht schwerer machen wollen, obwohl sie selbst doch diejenige war, die etwas wollte.
Michael merkte, wie sich sein Griff um das Papier leicht verstärkte. In ihrem Blick lag nichts von dem, was Erwachsene einander entgegenwarfen. Kein Vorwurf. Kein Druck. Nur dieser zarte, schrecklich ehrliche Glaube, dass ihr Vater vielleicht einen Weg finden konnte, wenn sie ihn nur darum bat.
»Ich werde danach suchen«, sagte er.
Paula legte den Kopf schief. »Das ist nicht ja.«
Da war sie wieder, diese kindliche Treffsicherheit. Wie ein winziger, rosiger Staatsanwalt im Sternenpulli. Michael atmete leise aus und zwang sich zu einem Lächeln, das nicht zu mühsam wirkte.
»Dann eben anders: Ich werde alles versuchen, damit du den schönsten Osterhasen bekommst, den es überhaupt gibt.«
Paula sah ihn noch einen Moment lang an, prüfend, dann schien sie zu entscheiden, dass das fürs Erste akzeptabel war. »Okay.«
Sie stand auf, kletterte von ihrem Stuhl und trat um den Tisch herum zu ihm. Ohne Vorwarnung schob sie sich auf seinen Schoß, schmiegte sich an ihn. Sie roch nach Shampoo, Kakao und diesem unaussprechlich vertrauten Kinderduft, der nach Wärme und zu Hause klang, auch wenn Gerüche natürlich nicht klingen konnten. Aber seit wann hielten sich Gefühle an vernünftige Regeln.
Michael schlang die Arme um sie.
»Du bist der beste Papa«, murmelte Paula gegen sein T-Shirt. Er schloss die Augen.
Es war ein Satz, den er eigentlich nicht verdient hatte. Nicht immer. Nicht an den Tagen, an denen die Geduld knapp war oder das Essen zu spät oder die Wäsche sich auf dem Stuhl türmte, weil ihm abends einfach die Kraft fehlte, sie noch wegzuräumen. Nicht an den Tagen, an denen er zu müde gewesen war, um noch vorzulesen, und stattdessen den Fernseher hatte laufen lassen. Nicht an den Tagen, an denen ihn die Verlassenheit so plötzlich erwischte, dass er nur noch funktionieren konnte. Aber für Paula war er einfach ihr Papa.
Und das war mehr, als das Leben ihm in vielen anderen Dingen noch ließ.
»Ich geb mir Mühe«, sagte er leise in ihr Haar.
»Weiß ich doch.«
Eine Weile blieben sie einfach so sitzen. Der Wasserkocher knackte leise nach, irgendwo draußen fuhr ein Auto vorbei, und aus dem Wohnzimmer drang das gedämpfte Ticken der alten Uhr, die Michael von seinem Vater geerbt hatte und die zu laut war, wenn man nachts wach lag, aber irgendwie fehlte, wenn sie einmal stehen blieb.
Später brachte er Paula ins Bett. Er zog ihr die Bettdecke bis unter das Kinn, schob ihr die Haare aus der Stirn und knipste die kleine Lampe in Form eines Mondes an, die ein weiches, gelbliches Licht über das Kinderzimmer legte.
Zwischen den Kuscheltieren auf dem Regal war noch Platz. Viel Platz, wenn man ehrlich war. Ein Bär mit schiefer Schleife, ein Fuchs mit nur einem richtigen Knopfauge, ein verblichenes Lamm und eine Stoffkatze, deren Schwanz mehrmals angenäht worden war. Nichts davon war riesig. Nichts davon war neu, aber alles davon wurde geliebt.
»Papa?«, fragte Paula verschlafen, als er schon an der Tür stand.
Er drehte sich um. »Ja?«
»Wenn er kommt…«
»Mhm?«
»Dann hat er bestimmt ein gutes Herz.«
Michael lächelte, obwohl Paula die Augen schon halb geschlossen hatte und es gar nicht mehr richtig sehen konnte. »Das hoffe ich.«
»Du auch«, murmelte sie.
»Was?«
»Du hast auch eins.«
Bevor er etwas sagen konnte, war sie schon fast eingeschlafen.
Michael blieb noch einen Moment in der Tür stehen. Dann zog er sie vorsichtig ein Stück weiter zu, ließ den Spalt offen und ging zurück in die Küche.
Dort lag das Bild noch auf dem Tisch, bunt, schief und in seiner ganzen kindlichen Unmöglichkeit vollkommen eindeutig. Ein Osterhase, viel größer als alles, was man in irgendeinem Laden mal eben in einen Einkaufswagen legen konnte. Zu groß für spontane Lösungen. Zu groß für billige Ausreden.
Michael nahm sein Handy vom Tisch, setzte sich und öffnete den Browser.
Er tippte:
großer Stoffhase Ostern
Zu klein.
riesiger Stoffhase kaufen**
Nicht passend.
extra großer Osterhase Stofftier
Zu kitschig, zu teuer, zu hässlich oder ausverkauft.
Er scrollte weiter, klickte sich durch Seiten, las Maße, Preise, Lieferzeiten. Manche Hasen waren groß, aber nicht groß genug. Manche sahen aus, als würden sie Kindern Albträume schenken statt Trost. Manche hätten ein Vermögen gekostet. Andere kamen erst in sechs Wochen. Ostern war früher.
Michael fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Die Uhr im Wohnzimmer tickte weiter. Der Kühlschrank summte leise. Draußen schlug irgendwo eine Autotür zu. Und mitten in all diesem gewöhnlichen, müden Abend saß er vor einem Bild, das seine Tochter gemalt hatte, und suchte nach etwas, das es vielleicht gar nicht gab.
Ein Lächeln, ganz klein und schief, berührte seinen Mund.
»Na großartig«, murmelte er in die leere Küche hinein. »Natürlich habe ich als Vater ausgerechnet das eine Kind, das keinen normalen Hasen will, nicht einmal einen lebendigen.«
Aber der Satz klang nicht bitter. Eher erschöpft und weich. Fast zärtlich.
Er nahm das Bild noch einmal in die Hand und betrachtete die krummen Ohren, die riesigen Pfoten und die unförmige Schleife. Dann legte er es vorsichtig neben das Handy, als wäre es ein Plan und kein Kinderbild.
»Na schön«, sagte er leise. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch in der stillen Küche. »Dann finde ich dich eben.«