schloss
Die Tür fällt ins Schloss. Von innen. Das Geräusch ist leise und endgültig, und sie steht im Flur und atmet Luft, die nach Holz riecht und nach Wärme, und die Stimme ist verstummt, und die Stille ist so dicht, dass sie ihren eigenen Herzschlag hört.
Sie rührt sich nicht. Dreißig Sekunden. Eine Minute. Steht auf dem Dielenboden, der unter ihren Sneakern knarrt, obwohl sie sich nicht bewegt, weil zweihundert Jahre altes Holz unter jedem Gewicht arbeitet, und wartet.
Worauf. Auf die nächste Anweisung. Auf eine Erklärung. Auf irgendetwas, das ihr sagt, was sie hier tun soll, denn sie ist eine Frau, die immer weiß, was sie tun soll, die Akten liest und Urteile schreibt und Verhandlungen führt und Abends die Handgelenke hebt und Grün sagt und nie, in dreizehn Jahren auf der Richterbank und in sieben Jahren in seinen Fesseln, nie hat sie dagestanden und nicht gewusst, was als Nächstes kommt.
Nichts kommt.
Die Stimme schweigt. Das Haus schweigt. Draußen der Regen auf dem Sandstein und irgendwo das Ticken einer Uhr, die sie nicht sieht, und sonst nichts, und sie begreift: Es gibt keine Anweisung. Das hier ist kein Gerichtssaal und kein Schlafzimmer. Hier sagt ihr niemand, was sie tun soll.
Also tut sie, was sie immer tut, wenn niemand zusieht.
Sie beginnt zu ermitteln.
Der Flur ist schmal. Drei Türen, alle geschlossen. Geradeaus eine Treppe nach oben, steil, die Stufen aus dem gleichen Holz wie der Boden, abgetreten in der Mitte, Generationen von Füßen. Links an der Wand ein Regal, leer bis auf einen kleinen Bluetooth-Lautsprecher, der aussieht wie etwas, das man bei Amazon für neununddreißig Euro bestellt. Die Stimme. Kein Kabel. Akku oder Strom aus der einzigen Steckdose im Flur, die so offensichtlich nachgerüstet ist, dass sie Jahrzehnte nach den Mauern kam.
Sie berührt den Lautsprecher nicht. Noch nicht.
Erste Tür links. Küche.
Klein, funktional, nicht renoviert, aber sauber. Holzschränke, die aus den Achtzigern stammen, aber gewischt sind. Ein Fenster zur Seite, Blick auf die Hecke. Ein Tisch, zwei Stühle. Ein Wasserkocher. Tee – Darjeeling, loser Blatt, in einer Dose ohne Etikett. Daneben Honig. Daneben eine Tasse, weiß, schlicht, kein Aufdruck, die so aussieht, als hätte sie jemand gekauft, der keine Meinung über Tassen hat.
Sie trinkt Kaffee. Keinen Tee. Hier gibt es keinen Kaffee.
Der Kühlschrank summt. Leise. Sie öffnet ihn.
Nicht leer. Nicht voll. Ausgewählt. Wie von jemandem, der ein Profil hat, aber kein vollständiges.
Ziegenkäse. Sie mag Ziegenkäse. Trauben, grün, die richtigen. Aber auch: Naturjoghurt – sie isst keinen Joghurt. Schwarzbrot, das sie nicht kaufen würde, weil sie Dinkel bevorzugt. Eine Flasche Weißwein, Riesling, Mosel – sie trinkt Sauvignon Blanc. Und Butter, Süßrahm, nicht gesalzen, nicht die irische, die sie immer kauft.
Nah genug, um zu wissen: Da hat sich jemand Mühe gegeben. Weit genug daneben, um nicht sicher zu sein, wer.
Sie nimmt die Trauben. Isst drei. Stellt sie zurück.
Erste Tür rechts. Wohnzimmer.
Größer als erwartet. Backsteinwände, unverputzt, die dunkelroten Steine mit weißen Fugen. Ein Sofa, nicht neu, aber gut – Leinen, grau, tief, die Art von Sofa, in das man sich setzt und nicht wieder aufsteht. Davor ein Tisch, Holz, massiv, mit Kratzern, die Geschichten erzählen, die sie nicht kennt. Am Fenster ein Sessel, Ohrensessel, dunkelgrün, und neben dem Sessel ein Stapel Bücher.
Sie geht zum Stapel. Sechs Bücher. Keines davon kennt sie. Kein Fachbuch, keine Jura. Romane. Ein isländischer Krimi. Ein Essay über Alleinsein, der Rest auf Deutsch, Titel, die nichts mit ihrem Beruf zu tun haben und nichts mit seinem und nichts mit ihrem gemeinsamen Leben.
Bücher für jemanden, der Zeit hat.
Sie hat nie Zeit.
Neben dem Sofa, auf dem Boden, eine Wolldecke, zusammengefaltet. Senfgelb. Nicht Kaschmir, nicht das, was sie kennt. Gröber. Wärmer. Etwas, das nach Funktion gekauft wurde und nicht nach Ästhetik, und es ist ihr sofort lieber als die Decke im Penthouse.
Am Fenster: Blick auf den Garten. Obstbäume, kahl, November. Dahinter der Deich, und dahinter, unsichtbar, die Elbe. Kein Containerschiff. Kein Kran. Kein Hamburg. Nur Land und Himmel und Regen und Stille.
Sie steht am Fenster und merkt, dass ihre Schultern tiefer hängen als heute Morgen. Tiefer als gestern. Tiefer als seit Wochen.
Zweite Tür links: Badezimmer. Klein, gefliest, Siebziger-Fliesen in einem Beige, das mal modern war. Wanne, keine Dusche. Handtücher, weiß, frisch. Ein Stück Seife, das nach Lavendel riecht und nach nichts, das sie kennt.
Und unter dem Waschbecken, in einem geschlossenen Schrank, den sie öffnet, weil sie alles öffnet: Pants. Ihre Saugstärke. Die richtige Marke. Zwei Packungen, ungeöffnet, neben Toilettenpapier und Waschlappen.
Sie starrt die Packungen an.
Der Ziegenkäse war nah genug. Der Riesling war daneben genug. Der Tee statt Kaffee war eine Ablenkung. Aber das hier – das ist präzise. Das ist nicht ungefähr. Das ist jemand, der genau weiß, was sie nachts braucht, und der es hierhergestellt hat, damit sie bleiben kann.
Sie spürt, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzieht. Nicht Angst. Etwas anderes. Etwas, das sie noch nicht benennen kann.
Sie schließt den Schrank. Steht auf.
Die Stimme.
Sie kommt, als sie den Fuß auf die erste Treppenstufe setzt, und sie kommt nicht aus dem Lautsprecher im Flur, sondern von oben, vom Treppenabsatz, ein zweiter Lautsprecher, und die Stimme ist die gleiche – weiblich, warm, ruhig, ohne Befehl und ohne Bitte.
»Du hast morgen keinen Verhandlungstag. Melde dich krank. Sag ihm, du hast eine Fortbildung. Über Nacht.«
Stille.
Drei Sätze. Kein bitte. Kein wenn du möchtest. Aber auch kein du musst. Die Stimme sagt es so, wie man jemandem sagt, dass es draußen regnet: als Tatsache. Als etwas, das ohnehin passieren wird.
Sie steht auf der Treppe, die Hand am Geländer, und ihr Puls ist ruhig, ruhiger als er sein sollte, und das irritiert sie mehr als die Stimme selbst. Sechs Wochen Angst, und jetzt steht sie in einem fremden Haus und eine fremde Stimme sagt ihr, sie soll sich krankmelden, und ihr Puls liegt bei – was? Siebzig. Fünfundsechzig. Ruhepuls.
Weil es sich nicht anfühlt wie eine Bedrohung.
Es fühlt sich an wie Erlaubnis.
Du darfst hierbleiben. Du darfst dir die Zeit nehmen. Du darfst morgen nicht funktionieren.
Sie hat sich in dreizehn Jahren nicht krankgemeldet. Nicht bei Grippe, nicht bei Migräne, nicht nach dem Sturz auf dem Glatteis, als sie sich das Steißbein geprellt hat und zwei Wochen auf einem Kissen saß. Die Richterin erscheint. Immer. Das ist keine Tugend, das ist ein Symptom, und sie weiß das, hat es immer gewusst, und jetzt steht eine Stimme in einem Haus im Alten Land und sagt ihr, was sie sich nie erlaubt hat.
Ihr Handy summt.
E-Mail. Absender: Deutscher Richterbund – Fortbildungszentrum Trier. Betreff: Bestätigung Ihrer Anmeldung – Familienrechtliches Symposium, 13.–14. November.
Sie öffnet die Mail. Briefkopf, Logo, Aktenzeichen, ein Ansprechpartner mit Durchwahl, ein Link zur Hotelreservierung, alles perfekt, alles professionell, und sie weiß, dass das Symposium existiert, weil sie die Einladung vor drei Wochen gelesen und abgesagt hat, und jetzt hat sie offenbar doch zugesagt, und die Bestätigung ist so makellos, dass selbst sie einen Moment braucht, um zu verstehen: Das ist nicht echt. Das ist gebaut. Für sie. Damit sie morgen eine Geschichte hat, die niemand hinterfragt.
Infrastruktur.
Das Wort kommt ihr in den Sinn, und es passt. Das hier ist keine Improvisation. Das ist Planung. Wochen, vielleicht Monate. Jemand hat dieses Haus gefunden, hat den Kühlschrank gefüllt, hat Bücher ausgewählt, hat Lautsprecher installiert, hat Audio-Dateien aufgespielt, hat eine gefälschte E-Mail gebaut, die einer Richterin standhält.
Sie denkt den Gedanken nicht weiter. Lässt ihn da, wo er ist, wie ein Beweisstück, das sie noch nicht ins Protokoll aufnimmt, aber auch nicht aus der Hand legt.
Oben.
Die Treppe knarrt unter jedem Schritt, und oben ist ein kleiner Flur, zwei Türen. Die erste: ein Arbeitszimmer, leer bis auf einen Schreibtisch, einen Stuhl, ein Fenster nach Norden. Kein Computer. Kein Bildschirm. Papier, ein Stapel, liniert, und drei Stifte, verschiedene Stärken. Ein Raum, in dem man denken kann. Oder schreiben. Oder nichts tun.
Die zweite Tür.
Schlafzimmer.
Sie drückt die Klinke und öffnet die Tür, und das Erste, was sie sieht, ist das Bett. Groß. Breit. Holzrahmen, massiv, kein Metall, keine Pfosten, nichts, woran man etwas befestigen könnte. Ein Bett, das nur zum Schlafen da ist. Oder zum Nicht-Schlafen, aber ohne Fesseln, ohne Seile, ohne Karabiner.
Weiße Bettwäsche. Kissen, mehr als nötig. Auf dem Nachttisch eine Lampe mit warmem Licht, eine Karaffe mit Wasser, ein Glas.
Und daneben.
Nicht auf dem Bett. Nicht inszeniert. Auf dem Nachttisch, neben der Karaffe, wie beiläufig hingelegt, aber sie weiß, dass nichts in diesem Haus beiläufig ist:
Drei Gegenstände. In einer Reihe, auf einem weichen Tuch, dunkelgrau.
Ein Vibrator. Schlank, gebogen, Silikon, die Art, die man nicht in einem Sexshop kauft, sondern online, nach Recherche, nach Bewertungen. Kein Pink, kein Glitzer. Schwarz, matt, funktional.
Ein Massagestab. Größer, kabellos, rund am Kopf. Etwas, das man sich selbst an den Körper hält und dabei die Augen schließt.
Ein Druckwellenstimulator. Klein, handlich, fast diskret. Der Gegenstand, über den Frauen in Foren schreiben, als hätte er ihr Leben verändert, und über den sie selbst nie nachgedacht hat, weil sie nie nachdenken musste – er war immer da. Seine Hände. Seine Zunge. Sein Mund. Sein Timing.
Keine Fesseln. Kein Seil. Kein Paddle. Nichts, das nach ihnen riecht. Nichts, das nach Samstagabend riecht, nach Schweiß und Leder und dem Geräusch, das sie macht, wenn der Knebel zwischen ihren Zähnen sitzt.
Das hier ist nicht für sie und ihn. Das hier ist nur für sie. Für ihren Körper. Für ihre Hände. Für das, was sie mit sich selbst tut, wenn niemand zusieht.
Und plötzlich versteht sie, warum der Raum keine Pfosten am Bett hat.
In diesem Bett entscheidet niemand anders. In diesem Bett gibt es kein Grün und kein Rot, weil es kein Farbe? gibt. Kein Fragen. Kein Warten auf Erlaubnis. Kein Schenken von Kontrolle, weil es keine Kontrolle gibt, die sie schenken müsste.
Nur sie. Allein. Mit sich.
Sie steht in der Tür und sieht die drei Gegenstände auf dem Tuch und denkt: Wann habe ich das letzte Mal –
Und bricht den Gedanken ab. Nicht weil er schmerzt. Sondern weil die Antwort so weit zurückliegt, dass sie sich nicht erinnert.
Sie setzt sich auf das Bett. Die Matratze gibt nach, nicht zu weich, nicht zu fest, und sie sitzt da und sieht aus dem Fenster, das nach Westen zeigt, Richtung Deich, und der Regen fällt, und das Licht ist grau und weich, und sie hat keinen Verhandlungstag morgen, und die E-Mail liegt auf ihrem Handy, und die Stimme hat gesagt: Melde dich krank, und sie denkt:
Ich könnte bleiben.
Heute Nacht. Hier. In diesem Bett, in dem keine Pfosten sind und keine Fesseln und keine Erwartung. In diesem Haus, dessen Mauern so dick sind, dass nichts hindurchkommt, kein Signal und kein Blick und kein Urteil.
Ich könnte bleiben und morgen nicht erscheinen und ihm sagen, Trier, Richterkongress, Hotel, alles organisiert, und er würde nicken und Pass auf dich auf sagen, wie er es jeden Morgen sagt.
Die Frage, ob das reicht, steht im Raum wie ein Möbelstück, das zu groß ist für den Flur. Sie lässt sie stehen.
Sie nimmt ihr Handy. Öffnet die Kontakte. Seine Nummer.
Tippt: Kurzfristig doch zum Symposium in Trier. Über Nacht. Melde mich morgen. Drück mir die Daumen für die Bahn.
Legt das Handy auf den Nachttisch. Neben die Karaffe. Neben die drei Gegenstände, die sie noch nicht angefasst hat.
Atmet.
Und bleibt.