Prolog
„Mach auf. Bitte mach einfach auf“, schluchzte ich, während meine Fäuste immer wieder gegen die Tür prallten, erst hastig, dann fester und schließlich nur noch, weil ich den Gedanken nicht ertrug, dass er mich vielleicht hörte und trotzdem nicht öffnete. „Es tut mir so leid. Bitte, Marc.“
Meine Hände fühlten sich längst taub an. Die Kälte hatte sich tief in meine Finger gefressen, noch bevor ich überhaupt vor seiner Tür angekommen war, und obwohl meine Knöchel bei jedem Schlag gegen das Holz schmerzten, hörte ich nicht auf. Draußen lag der Schnee meterhoch an den Straßenrändern, auf meinen Stiefeln klebten noch feuchte weiße Reste, und die eisige Luft aus dem Treppenhaus hing in meiner Jacke, in meinen Haaren und in jedem Atemzug, den ich viel zu flach in meine Lungen zog. Das dumpfe Geräusch meiner Fäuste gegen die Tür füllte den Flur, während mein Herz so schnell schlug, dass mir zwischen zwei Schluchzern beinahe schwindlig wurde.
Als die Tür endlich aufging, bekam ich für einen Augenblick wieder Luft.
Er stand vor mir, das dunkle Braun seiner Haare noch feucht und zerzaust, ein Handtuch locker um die Hüften geschlungen, Wasser auf seiner Haut und diesen Ausdruck im Gesicht, der mir sofort zeigte, dass er nicht mit mir gerechnet hatte. Mein Blick streifte ihn nur kurz, viel zu kurz, weil ich mich an allem festhalten wollte, nur nicht daran, wie wenig Abstand plötzlich zwischen uns lag und wie fremd er mir trotz allem vorkam. Trotzdem regte sich in mir sofort dieser eine viel zu vorsichtige Gedanke. Er hatte geöffnet. Er hatte mich nicht einfach weggeschickt. Vielleicht bedeutete das noch etwas. Vielleicht war noch nicht alles verloren.
„Bitte“, brachte ich hervor, und meine Stimme klang rau, brüchig, kaum noch wie meine eigene. „Es tut mir so leid. Ich wollte nie, dass es so weit kommt. Bitte verzeih mir.“
Die Tränen, die ich so lange hatte zurückhalten wollen, liefen längst ungefragt über mein Gesicht. Ich wischte sie nicht weg. Es hätte ohnehin nichts geändert.
Marc sagte nichts.
Er blieb einfach in der Tür stehen und sah mich an.
Seine blauen Augen, die ich einmal geliebt hatte, weil sie mich ansehen konnten, als wüssten sie längst, was ich selbst noch nicht aussprechen konnte, wirkten müde. Seine Lider waren gerötet, sein Blick blieb zu lange auf meinem Gesicht hängen und doch war da etwas zwischen uns, das ich nicht überbrücken konnte, obwohl er direkt vor mir stand. Gerade diese Nähe, die sich nicht mehr nah anfühlte, ließ meine Finger fester um den Ärmel meiner Jacke krampfen.
Ein Schluchzen schnitt mir durch die Kehle, aber ich redete trotzdem weiter, weil ich nicht wusste, was von mir übrig geblieben wäre, wenn ich jetzt geschwiegen hätte.
„Ich liebe es, wenn du dir durch die Haare fährst, sobald dir irgendetwas peinlich ist“, sagte ich, und meine Stimme zitterte so stark, dass ich kaum wusste, ob er mich überhaupt verstand. „Ich liebe dein Lächeln und diese Grübchen, die immer dann auftauchen, wenn du es am wenigsten willst. Ich liebe die Art, wie du mich ansiehst, wenn ich versuche, so zu tun, als wäre alles in Ordnung, obwohl du längst gemerkt hast, dass es nicht stimmt. Ich liebe, dass du mich selbst an Tagen zum Lächeln gebracht hast, an denen ich kaum noch wusste, wie das geht. Und deine Sturheit habe ich auch geliebt, obwohl sie mich so oft wahnsinnig gemacht hat.“
Meine Lippen bebten. Ich presste sie kurz aufeinander und strich mir trotzig die Tränen von den Wangen, obwohl längst neue nachkamen.
„Vielleicht sogar gerade deswegen“, flüsterte ich. „Ich liebe dich.“
Noch bevor ich begreifen konnte, ob meine Worte irgendetwas in ihm erreicht hatten, trat links von ihm eine Frau aus dem Badezimmer.
Sie hatte schwarzes Haar, das noch feucht über ihre Schultern fiel, und genau wie er trug sie nichts außer einem Handtuch. Für einen Herzschlag blieb ich einfach stehen, die Hand noch halb erhoben, die Finger kalt und unbeweglich. Ich sah sie an, sah das Badezimmer hinter ihr, den feinen Dampf in der Tür und Marc neben mir, der plötzlich zu weit weg wirkte, obwohl er kaum einen Schritt entfernt war. Draußen machte der Schnee die Nacht hell, und trotzdem konnte ich auf nichts anderes blicken als auf sie.
Es wäre schlimm genug gewesen, irgendeine Frau dort zu sehen.
Eine Fremde vielleicht. Jemanden, dessen Gesicht ich nicht kannte und dessen Namen ich später nicht in meinem Kopf wieder und wieder hätte hören müssen. Aber sie war nicht fremd.
Sie war ausgerechnet sie.
Als sie mich ansah, lag da dieses Lächeln auf ihren Lippen, schmal und beinahe ruhig. Vielleicht war es nur ein kurzer Reflex, vielleicht sah ich in diesem Moment längst nichts mehr richtig. Für mich wirkte es, als hätte sie gewusst, wie sehr mich dieser Anblick treffen würde.
In mir formte sich ein Nein, noch bevor ich es wirklich denken konnte.
Nein, nein, nein.
Das konnte nicht wahr sein.
Ich wich einen Schritt zurück, spürte die Stufe hinter mir zu spät und stolperte. Meine Hand fand das Geländer, kalt und glatt unter meinen Fingern, und ich hielt mich nur lange genug daran fest, um nicht zu fallen. Dann drehte ich mich weg, bevor ich noch länger auf Marc, auf sie und auf dieses Badezimmer sehen musste, und rannte die Treppe hinunter. Hinter mir blieb seine Tür, seine Stimme und dieses Bild, das ich nicht mehr loswurde, während mir unten die eiskalte Nacht entgegenschlug. Der Schnee knirschte unter meinen Stiefeln, die Luft brannte in meiner Lunge, und trotzdem blieb ich nicht stehen, weil jeder Atemzug dort oben schlimmer gewesen wäre als die Kälte draußen.
Je weiter ich lief, desto weniger spürte ich meine Hände, meine Wangen und den Schnee, der unter meinen Sohlen nachgab. Nur in meiner Brust blieb alles wach, heiß und schmerzerfüllt, als hätte mein Körper dort längst begriffen, was mein Kopf noch nicht begreifen wollte. Ich lief nicht nur von seiner Tür weg.
Ich lief von dem letzten Rest Hoffnung weg, den ich bis zu diesem Abend noch gehabt hatte.