1. Julian
Ich knie auf dem kalten Dielenboden des Ateliers und meine Finger tasten nach den Stecknadeln in meinem Nadelkissen. Der Stoff der schweren, mitternachtsblauen Seide gleitet mir immer wieder durch die Hände. Er ist so glatt, dass meine raue Haut fast daran hängen bleibt. In Edinburgh regnet es seit drei Tagen ununterbrochen, und das graue Licht, das durch die hohen Fenster der New Town fällt, lässt alles noch steriler wirken. Die Tür schwingt auf. Ich sehe nur teure Designerschuhe und den Saum eines maßgeschneiderten Mantels.
„Ich bin spät dran“, sagt eine Stimme, die so kühl und klar ist wie das Glas in einem Labor. Ich blicke kurz nach oben, um zu sehen, wer eingetreten ist. Doch als ich bemerke, dass es eine schöne Frau ist – ungefähr in meinem Alter –, blicke ich sofort wieder weg. Ich war noch nie gut darin, attraktiven Frauen in die Augen zu sehen, ohne den Faden zu verlieren. Nervös wische ich meine feuchten Handflächen an meiner abgewetzten Arbeitshose ab, bevor ich es wage, den teuren Stoff wieder zu berühren. Plötzlich flutet ein Duft von Sandelholz meine Sinne. Er ist schwer und vertraut, so vertraut, dass mein Herz für einen Schlag aussetzt. Ein Name liegt mir auf der Zunge, ein Schatten aus einem anderen Leben, doch ich schüttle den Gedanken sofort ab. Die Frau vor mir steht steif und unnahbar da; ihre Aura ist geprägt von einer kühlen Autorität. Es ist unmöglich. Die Frau, an die ich denke, ist in Amerika. Diese Kundin hier ist eine Fremde, die nur zufällig nach meinen schmerzhaftesten Erinnerungen riecht.
„Das Kleid muss bis morgen Abend für die Gala im National Museum sitzen“, sagt sie, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Ihre Stimme hat diesen metallischen Unterton von jemandem, der es gewohnt ist, dass die Welt nach seiner Pfeife tanzt. „Die Taille fühlt sich noch nicht richtig an. Fixieren Sie das.“
Ich schlucke schwer. Mein Mund ist trocken. „Natürlich, Ma’am. Ich mache mich sofort an die Arbeit.“ Ich greife nach dem Maßband, das wie eine gelbe Schlange um meinen Hals liegt. Ich muss näher an sie heran. Viel zu nah. Mit zögerlichen Schritten trete ich in ihren persönlichen Bereich, dorthin, wo die Luft kühler ist und noch intensiver nach diesem verfluchten Sandelholz riecht. Meine Knie berühren fast den Saum ihres Mantels, den sie mittlerweile abgelegt hat. Sie trägt darunter ein schlichtes, aber unverschämt teures Etuikleid aus derselben dunklen Seide, an der ich gerade gearbeitet habe. Während ich das Maßband um ihre Taille führe, zittern meine Fingerspitzen so sehr, dass das Metallende gegen ihre Hüfte klackt. Ich halte den Atem an. Ein winziger Leberfleck in ihrem Nacken, direkt am Haaransatz, sticht mir ins Auge. Mein Herz macht einen schmerzhaften Satz. Elena hatte genau dort einen Leberfleck. Ich schließe für eine Sekunde die Augen. Reiß dich zusammen, Julian. Das ist die Erschöpfung. Das ist die Einbildung eines einsamen Studenten, der zu viel arbeitet und zu wenig schläft.
„Haben Sie ein Problem, Praktikant? Wie lange arbeiten Sie schon hier?“, fragt sie scharf. Sie wendet den Kopf leicht zur Seite, doch wegen des spärlichen Lichts im Atelier erkenne ich kaum etwas.
„Drei Monate“, antworte ich leise und wage es zum ersten Mal, in den großen Spiegel vor uns zu blicken. Unsere Augen treffen sich für den Bruchteil einer Sekunde im Glas. Die Nase ist eine Spur schmaler, die Züge sind härter, fast wie aus Marmor gemeißelt, aber der Schwung ihrer Unterlippe ... Mein Atem stockt. Sie starrt mich durch den Spiegel an, die Brauen leicht zusammengezogen, als würde sie versuchen, eine verblasste Gleichung in ihrem Kopf zu lösen. Ich spüre, wie mir die Hitze in den Nacken steigt. Schnell senke ich den Blick wieder auf meine zitternden Hände. Ich darf nicht auffallen. Ich darf nicht die Person sein, die sie in mir sieht – oder eben nicht sieht.
„Drei Monate“, wiederholt sie langsam. Ihr Tonfall wird eine Nuance weicher, fast nachdenklich, bevor sie wieder in ihre kühle Maske schlüpft. „Dann sollten Sie wissen, dass Präzision in diesem Haus alles ist. Arbeiten Sie weiter.“
Ich nicke nur, unfähig, ein weiteres Wort hervorzubringen. Jede Berührung des Stoffes an ihrem Körper fühlt sich jetzt an wie ein elektrischer Schlag. Ich markiere die Stelle an ihrer Taille mit weißer Kreide. Meine Hand streift dabei ganz leicht ihre Seite, und ich bilde mir ein, zu spüren, wie sie für einen winzigen Moment erschaudert. Oder war das ich? Der Regen peitscht nun heftiger gegen die Scheiben und übertönt das hämmernde Geräusch meines eigenen Herzens. Als ich fertig bin steigt sie vom Podest. Ich begleite sie zur Türe zurück und halte ihr ihren Mantel hin. Ohne ein Wort gleitet sie hinein. Sie dreht sich zu mir um doch ich traue mich nicht ihr direkt ins Gesicht zu blicken und starre statdessen auf ihre Füße. “Bitte liefern sie es mir morgen direkt zu mir nach Hause.”
“Gerne, wenn sie mir ihren Namen und ihre Anschrift nennen werde ich es persönlich Liefern.” Eine quälend lange Stille breitet sich im Raum aus. Habe ich ihrgendetwas falsches gesagt? Ich wage es immer noch nicht, den Blick zu heben, doch ich spüre förmlich, wie sie mich taxiert. Das Ticken der alten Wanduhr im Flur des Ateliers wirkt plötzlich wie ein dumpfer Hammerschlag.
„Dr. Elena Vance“, sagt sie schließlich. Ihre Stimme klingt dabei so endgültig, als würde sie ein Urteil verkünden. Sie greift in ihre kleine, schwarze Handtasche, holt eine geprägte Visitenkarte heraus und legt sie auf den massiven Zuschneidetisch zwischen uns. „Dort steht die Adresse. Morgen um acht Uhr abends. Seien Sie pünktlich, Praktikant.“
Vance.
Der Name hallt in meinem Kopf wider wie ein fremder Klang. Er ist kurz, hart und passt perfekt zu der kühlen Frau, die vor mir steht. Er hat nichts mit dem weichen, melodischen Nachnamen gemeinsam, den ich jahrelang jede Nacht geflüstert habe, bevor ich einschlief. „Natürlich, Dr. Vance“, bringe ich hervor. Meine Stimme klingt rau und fremd in meinen eigenen Ohren.
Sie nickt kaum merklich, ein kurzes, herrisches Zeichen, dann dreht sie sich um. Das Geräusch ihrer Absätze auf dem Dielenboden ist das Einzige, was die Stille durchbricht, bis die schwere Tür hinter ihr ins Schloss fällt. Ich stehe allein im Atelier. Die Kälte, die sie mitgebracht hat, scheint immer noch im Raum zu hängen. Ich trete an den Tisch und nehme die Karte in die Hand. Das Papier ist teuer, die Schrift in Gold geprägt.
Dr. Elena Vance. Institut für angewandte Biochemie.
Ein bitteres Lachen steigt in mir auf, das ich mühsam unterdrücke. Was habe ich mir nur gedacht? Nur weil sie denselben Vornamen trägt und nach Sandelholz riecht? In einer Stadt wie Edinburgh gibt es tausend Elenas. Die Frau, die ich kannte, hätte mich nie so angesehen, als wäre ich nur ein unbedeutendes Möbelstück in einem Raum. Sie hätte nie diesen Namen getragen. Ich gehe zum Fenster und sehe zu, wie ihre schwarze Limousine in den grauen Vorhang aus Regen und Nebel eintaucht und verschwindet. Die Hoffnung, die für ein paar Sekunden in meiner Brust gebrannt hat, erlischt und hinterlässt nur eine kalte, hohle Leere. Es ist nicht sie. Es kann nicht sie sein. Und vielleicht ist das auch besser so.