Prolog
Der Nachthimmel hing schwarz und schwer über dem Wald, als hätte sich die Finsternis selbst zwischen die Bäume gelegt und jedes Licht verschluckt; kein Mond war zu sehen, kein einziger Stern, nur diese undurchdringliche Schwärze, dicht und drückend wie nasser Beton. Ich stolperte über eine Wurzel, fing mich im letzten Moment ab und spürte, wie der Schlamm unter meinen Stiefeln nachgab, während mein Atem stoßweise unter der Maske ging und mir der Schweiß trotz der eisigen Nacht den Rücken hinunterrann.
Jeder einzelne Atemzug brannte mir in der Kehle, als würde ich Feuer statt Luft einziehen.
Verdammt.
Ich war Soldat gewesen, acht Jahre lang, mit drei Einsätzen außerhalb des Landes, und ich hatte Dinge gesehen, an denen andere zerbrechen würden: Männer sterben, Körper aufreißen, Blut im Staub versickern. Ich hatte selbst getötet, oft genug, dass mich die Gesichter der Toten nachts längst nicht mehr aus dem Schlaf rissen.
Aber das hier war anders.
Irgendwo hinter mir zerrissen Schüsse die Stille des Waldes, hart und metallisch, als würden sie die Nacht selbst aufschlitzen.
„Connor?“ knackte es aus dem Funkgerät, verzerrt und viel zu laut in der Dunkelheit. „Connor, antworte, verdammt nochmal!“
„Connor ist tot! Sie hat Connor erwischt!“
Ich schloss für einen Herzschlag die Augen. Connor. Verdammt. Vor weniger als einer Stunde hatte er noch Witze darüber gemacht, wie schnell wir wieder auf der Basis sein würden, und jetzt war von ihm vermutlich kaum mehr übrig als zerrissenes Fleisch zwischen den Bäumen. Ein kalter Wind strich durch den Wald und ließ die Äste über mir knarren, als würden sie sich unter einem unsichtbaren Gewicht biegen; ich wirbelte herum, das Sturmgewehr im Anschlag, den Finger so hart am Abzug, dass mir die Hand schmerzte, und dann kam dieser Schrei - kurz, roh, abrupt abgeschnitten, als hätte jemand ihm mitten im Laut die Kehle zugedrückt.
„Base, hier Bravo-Sechs“, flüsterte ich heiser in mein Funkgerät und rang hörbar um Ruhe. „Wir haben mehrere Verluste. Ich wiederhole: mehrere Verluste. Die Zielperson ist extrem feindselig.“
Dann meldete sich der Einsatzleiter. Seine Stimme blieb vollkommen ruhig. „Bestätigen Sie die Eliminierung.“
Ich lachte trocken auf, doch das Geräusch klang kaputt, viel zu dünn für das, was um uns herum geschah. Eliminierung? Wir hatten nicht einmal ansatzweise begriffen, womit wir es hier zu tun hatten. „Negativ“, murmelte ich und kontrollierte mit fahrigen Bewegungen mein Magazin. Noch neun Schuss. Nur neun. „Dieses Ding …“
Weiter kam ich nicht.
Im nächsten Moment explodierte das Funkgerät erneut mit einem scharfen Krachen aus Störgeräuschen, panischem Atmen und Stimmen, die sich überschlugen. Dann brach Harris’ Stimme durch das Rauschen, hoch, gepresst, kaum noch menschlich: „Sie ist direkt vor mir!“
Im selben Augenblick ratterten Schüsse durch die Nacht, viel zu viele, viel zu schnell, und sein nächster Schrei schnitt mir durch Mark und Bein. „BLEIB WEG VON MIR!“
Ein erstickter Laut kappte die Verbindung. Für einen Moment schrien mehrere Männer durcheinander - Befehle, Flüche, nackte Panik - und dann blieb nur noch ein Schweigen zurück, das schlimmer war als jeder Lärm.
Plötzlich hörte ich nichts mehr außer meinem eigenen Atem, rau und viel zu laut unter der Maske, und irgendwo zwischen den Bäumen dieses leise Streifen durch das Laub - kein Schritt, eher das Huschen eines Schattens, der immer schon verschwunden war, bevor man ihn wirklich sehen konnte.
„Kontakt! Kontakt! Sie ist direkt hi - “
Dann wieder Stille.
Ich schluckte hart und spürte, wie mir kalter Angstschweiß den Nacken hinunterlief. Das hier war längst kein normaler Einsatz mehr. Man hatte uns erzählt, das Ziel sei allein, instabil, eine desertierte Spezialwaffe des Militärs - festsetzen oder eliminieren, leicht verdientes Geld. Nichts davon stimmte.
Mein Herz hämmerte so brutal gegen meine Rippen, dass mir übel wurde. Das konnte nicht echt sein. Ein ganzes Spezialteam verschwand nicht einfach — schon gar nicht durch eine einzelne Person. Oder durch das, was immer dort draußen zwischen den Bäumen auf uns wartete.
Wieder knackte es im Funk, dann meldete sich eine Stimme - panisch, atemlos, halb vom Rauschen verschluckt. „Sie hat Torres erwischt! Gott, sie hat ihm einfach den Hals aufgerissen!“ Noch während die Worte fielen, explodierten Schüsse durch die Nacht, wild und ungezielt, gefolgt von einem brüllenden „WO IST SIE?!“, einem dumpfen Aufprall und diesem entsetzlichen Gurgeln, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
Dann war es wieder still.
Mein Puls raste. Das durfte nicht passieren - nicht uns. Meine Einheit bestand aus Elite-Soldaten, aus Männern, die in Kriegsgebieten operiert hatten, ohne mit der Wimper zu zucken. Und trotzdem fühlte sich das hier längst nicht mehr wie ein Einsatz an. Es war eine Jagd. Und wir waren die Beute.
Hinter mir knackte ein Ast. Ich wirbelte herum und riss die Waffe auf das Gestrüpp, doch da war nichts - nur Dunkelheit, dicht und reglos. Trotzdem stockte mir der Atem. Da war jemand. Ich wusste es. Ich spürte diesen Blick wie eine Klinge zwischen meinen Schulterblättern, und als rechts von mir etwas durchs Unterholz huschte, riss ich das Sturmgewehr hoch und schrie: „Zeig dich!“
Langsam wich ich zurück, bis ich auf eine kleine Lichtung stolperte, auf der kaltes Mondlicht durch die Baumkronen brach und den Boden in fahles Silber tauchte. „Zeig dich!“, schrie ich in die Nacht, riss die Waffe höher und spürte, wie mein Herz so brutal gegen meine Rippen donnerte, dass jeder Schlag wehtat. „Verdammt nochmal, zeig dich!“
Mit entsicherter Waffe drehte ich mich langsam im Kreis, jede Faser meines Körpers gespannt, bis ein trockenes Knacken hinter mir die Luft zerschnitt. Ich fuhr herum und drückte sofort ab; Mündungsfeuer zerriss die Dunkelheit, Patronenhülsen prasselten in den Schlamm, doch alles, was ich traf, waren Bäume, Schatten und leere Nacht.
„Scheiße … scheiße …“, keuchte ich, und noch während das Echo der Schüsse zwischen den Stämmen hing, krachte etwas mit solcher Wucht gegen mich, dass ich brutal zu Boden geschleudert wurde. Die Luft wurde mir aus den Lungen gepresst, mein Gewehr schlitterte mehrere Meter über den Waldboden, und bevor ich überhaupt danach greifen konnte, stellte sich ein schwarzer Stiefel darauf.
Als ich den Blick hob, erstarrte ich. Sie stand direkt über mir, die schwarze Kampfausrüstung eng wie eine zweite Haut, Blut über Hände, Hals und Gesicht verschmiert – nicht ihr Blut. Feuchte Haarsträhnen klebten an ihrer Stirn, doch nichts daran war so verstörend wie ihre Augen: kein Zorn, keine Freude, nicht einmal ein Rest Menschlichkeit, sondern nur diese kalte, absolute Leere, als stünde keine Frau vor mir, sondern eine Maschine in menschlicher Gestalt.
Ich begann rückwärts durch den Schlamm zu kriechen. „Bitte …“ Mehr brachte ich nicht hervor. Sie reagierte nicht einmal auf das Wort; kein Muskel in ihrem Gesicht zuckte, als hätte sie längst vergessen, was Mitgefühl bedeutete. Da knackte plötzlich das Funkgerät an meiner Schulter, und eine ruhige Männerstimme schnitt durch das Rauschen. „Bravo-Sechs. Bericht.“
Ich konnte den Blick nicht von ihr lösen. Sie beobachtete mich einfach, regungslos, wie ein Raubtier, das längst wusste, dass seine Beute nicht mehr entkommen konnte. „W-Was …“ Meine Stimme brach. „Was zum Teufel ist sie?“
Einen Moment lang war da nur Rauschen. Kaltes, endloses Rauschen, das in meinen Ohren anschwoll, bis die Stimme am anderen Ende endlich wieder auftauchte – ruhig, kontrolliert und so unnatürlich gelassen, dass es mir kälter den Rücken hinunterlief als alles andere in dieser Nacht. „Pandora.“ Das Wort fiel knapp, schwer, endgültig.
Ich schluckte hart, ohne den Blick von ihr lösen zu können. „Ist das ein Codename?“
Wieder Stille. Diesmal länger. Bedrohlicher. Als würde selbst der Mann am Funk abwägen, wie viel Wahrheit ein Sterbender noch hören durfte. Dann kam nur ein einziges Wort: „Nein.“ Vor mir neigte die Frau den Kopf ein Stück zur Seite, langsam, beinahe mechanisch, als würde sie mich nicht ansehen, sondern berechnen. Als würde mein Ende bereits feststehen und nur noch der letzte Schritt fehlen. Dann sprach sie selbst, mit einer Stimme, die vollkommen tonlos war und gerade deshalb unmenschlicher klang als jeder Schrei: „Eine Warnung.“
Das Letzte, was ich hörte, war das leise Knacken meines eigenen Funkgeräts. Einen Herzschlag später senkte sie den Blick auf mich und sagte ruhig, fast sachlich: „Gebiet gesichert.“