Prolog
Er atmete tief durch, als er den langen Gang entlang ging. An den Wänden hingen Wandteppiche und Gemälde aus längst vergangenen Zeiten und ein edler, roter Teppich auf dem Boden dämpfte seine Schritte. In den Händen hielt er zwei Weingläser und eine Flasche des ältesten Weines, die er im Weinkeller seines Vaters gefunden hatte. Türen reihten sich an den Gang. Sein Ziel war die große, prächtig geschmückte Tür ganz am Ende des Flures. Sie war aus dunklem, poliertem Holz und die Wand darüber war mit edlen, goldenen Malereien versehen. Der langjährigen Tradition nach bewohnte diese Gemächer der Kronprinz von Erendor. Der erstgeborene Sohn des Königs. Als er das dachte, traten die Fingerknöchel seiner linken Hand, in der er die Flasche hielt, weiß hervor und Zorn fegte durch seinen Körper. Ungerechtigkeit, die ihn seit Jahren plagte. Als er vor der Tür stehen blieb, hörte er die Stimme eines jungen Mannes aus dem Inneren der Räumlichkeiten.
,,Nein! Das ist ja unglaublich!’’ Offenbar war der zukünftige König in sehr guter Stimmung. Das war hervorragend, dachte er, als er klopfte.
,,Herein!’’ rief dieselbe Stimme erneut und er betrat das Hauptzimmer hinter der Tür. Zu seiner Überraschung war der Kronprinz nicht allein im Zimmer. Eine junge Frau, schwarzhaarig, in einem schlichten blauen Kleid gekleidet und ziemlich schön anzusehen, war gerade offenbar vom Prinzen hochgehoben und in der Luft herumgewirbelt worden, da ihre Haare etwas durcheinander waren. Ihre sonst so hellen Wangen waren rötlich verfärbt und ihre hellgrünen Augen strahlten ihn freudig an, als sie sich sanft vom Kronprinzen löste.
,,Bruder!’’ rief dieser und eilte auf ihn zu, um ihm die Gläser abzunehmen. Der Prinz war groß und schlank, seine dunkelbraunen Haare wieder einmal ungekämmt und durcheinander, wie er sie auch sonst trug, und auch seine Wangen glühten vor Freude. Er schloss die Tür hinter sich, drehte unbemerkt mit dem Schlüssel, der im Schloss steckte und zog ihn hinaus. Ungeachtet der anderen beiden Anwesenden steckte er ihn ein.
,,Ich habe diesen Wein in Vaters Keller entdeckt und wollte ihn mit dir öffnen, Ric. Und offenbar bin ich zur richtigen Zeit gekommen.’’ meinte er und stellte die Weinflasche neben die beiden Gläser auf einem kleinen Tischchen ab.
,,Wie wahr. Loana hat mir gerade unglaubliche Neuigkeiten mitgeteilt!’’ rief Ric aufgeregt. Loana legte ihm sanft einen Arm um die Taille, da er offenbar gerade damit herausrücken wollte, was es war.
,,Noch nicht, Liebling.’’ warnte sie liebevoll. Er nickte und wandte seinen Blick auf das Schildchen auf der Weinflasche.
,,Das ist ein vorzüglicher Jahrgang, Nell, sicher, dass Vater dir das erlaubt hat?’’ fragte er nach.
Nell nickte und lächelte. ,,Ich habe nur leider zwei Gläser mitgebracht, weil ich nicht mit dir gerechnet habe, Loana-’’
,,Oh, mach dir keine Sorgen, ich trinke nicht.’’ unterbrach sie ihn freundlich. Nell lächelte erneut. Er sah sich im Raum umher, nach einer Möglichkeit, die beiden abzulenken. Auf einer Leinwand im hinteren Teil des großen Raumes sah er ein frisch gemaltes Bild. Die Farbe schien noch nicht ganz getrocknet zu sein.
,,Du malst wieder?’’ fragte er seinen Bruder, gespielt interessiert. Ric wandte seinen Kopf in Richtung des Gemäldes.
,,Es ist nur eine Kleinigkeit.’’ bemerkte er bescheiden. Wohl wissend, dass es vier Hände brauchte, die Leinwand von der Stütze, die die Wand in der richtigen Höhe hielt, während der Künstler arbeitete, zu holen, wandte er sich dem Wein zu.
,,Wie wäre es, wenn du deine Kleinigkeit her holst und ich schon mal den Wein einschenke? Dann trinken wir zusammen und du kannst mir diese neue Technik zeigen, von der du so oft geschwärmt hast.’’ schlugt Nell vor. Rics Augen glühten auf. Nell war nicht gerade für sein großes Interesse in Sachen Kunst bekannt und es freute ihn, dass sein Bruder ihn darauf ansprach. Loana und er gingen für das Bild. Während sie von ihm abgewandt standen, holte er ein kleines Gefäß aus seiner Tasche und kippte dessen flüssigen Inhalt in das Glas. Eine durchsichtige Flüssigkeit bildete sich am Boden und Nell schüttete schnell Wein dazu, damit weder Ric noch Loana es bemerkten. Im Anschluss schüttete er in sein eigenes Glas etwa dieselbe Menge der roten Flüssigkeit. Mit beiden Gläsern in den Händen, mit dem Unreparierten in der linken Hand, drehte er sich um und sah, wie Ric das Bild auf sein Bett legte. In Wahrheit interessierte Nell absolut nichts an dieser Ansammlung von Farben und Strichen. Er reichte seinem Bruder das Glas mit der Rechten und sie prosten sich zu.
,,Auf guten Wein.’’ meinte Nell.
,,Auf eine gute Zeit und auf die Zukunft.’’ antwortete Ric. Nell grinste hinter seinem Glas und trank es in einem Zug leer. Sein Bruder folgte seinem Beispiel und verzog das Gesicht.
,,Ist ein bisschen sauer für den Jahrgang, findest du nicht?’’ fragte er und schüttelte probehalber den Kopf, um den sauren Geschmack loszuwerden. Nell schenkte sich nach.
,,Nein, eigentlich nicht. Ich denke, er schmeckt vorzüglich.’’ Auch Ric schenkte sich nach und hob das Glas erneut an die Lippen. Plötzlich prustete er los, ließ das Glas fallen, das auf dem glatten Holzboden zerbrach, und beugte sich vornüber.
,,Langsam.’’ ermahnte ihn Loana, die ihm sanft auf den Rücken klopfte.
Doch das Husten wollte nicht aufhören. Rics Beine gaben nach und er brach zusammen. Nell sah den Schrecken in Loanas Augen.
Dummes Mädchen. dachte er. Hätte sie eben nicht hier sein sollen.
Sie kniete sich neben den Prinzen auf den Boden und hielt ihn an den Schultern fest. Nell lehnte sich entspannt an einen Tisch und betrachtete die Szene.
,,Was ist los? Ric, was ist mit dir?’’ fragte Loana panisch, doch Ric schien nicht genug Luft zu bekommen, um zu antworten. Sein Gesicht war völlig rot.
,,Warte, ich komme gleich zurück.’’ stieß sie hervor und rannte zur Tür. Dort stellte sie fest, dass sie sich nicht öffnen ließ und schlug verzweifelt gegen die Tür. Sie rief um Hilfe, doch es würde keine kommen. Niemand war hier. Nell hatte alle Bediensteten in den großen Saal geschickt.
,,Spar dir die Energie.’’ bemerkte er und trank einen Schluck aus seinem Glas. ,,Es ist gleich vorbei.’’ Wie zur Bestätigung seiner Worte, hörte Ric mit dem Husten auf. Er lag auf dem Boden, um Luft ringend und kraftlos. Loana rannte von der Tür zurück zu ihm und nahm mit Tränen in den Augen sein Gesicht in die Hände.
,,Nein.’’ flehte sie schluchzend. ,,Nein, bitte. Verlass mich nicht.’’
,,Loana.’’ brachte Ric hervor und sah sie an. Es waren nur noch Sekunden, bis sein Körper den Kampf aufgeben würde. Nell hatte gesehen, wie das Gift wirkte. ,,Ich...’’ Dann fiel sein Körper in sich zusammen und sein Herz hörte auf zu schlagen. Loana stieß einen Schrei der Verzweiflung aus und weinte über dem toten Körper ihres Liebsten. Nell begann es zu nerven. Er stellte sein Glas weg, ging auf Loana zu und fasste sie am Kragen. Er zog sie so hoch, dass sie mit einem erstickten Schrei gegen seine Brust stieß und erstarrte, als sie das kalte Metall seines Messers auf ihrem Hals spürte.
,,D-du’’ stotterte sie, als es ihr klar wurde.
,,Ich.’’ bestätigte er. ,,Und wenn du es irgendjemandem erzählst, dummes Mädchen, wenn du auch nur ein Wort über das verlierst, was heute passiert ist, werde ich dich finden, Loana, und ich werde dich und jeden umbringen, der dir lieb und teuer ist, angefangen mit einer gewissen Elena Montoya.’’ knurrte er in ihr Ohr. Sie spannte sich an und Tränen liefen ihr über ihre Wangen. Sie antwortete nicht.
,,Jetzt gehst du in dein Zimmer, packst deine Sachen und verschwindest von hier. Du warst nie hier und hast nichts von dem hier gesehen, hast du mich verstanden?!’’ Loana nickte. Dann räusperte sie sich.
,,Du bist ein Monster.’’ murmelte sie. Nell lachte.
,,Ich bin bereit, über Leichen zu gehen, um das zu kriegen, was ich will, das ist richtig. Ric stand mir im Weg, jetzt ist mein Weg frei.’’
,,Eines Tages wirst du bereuen, was du getan hast.’’ versprach sie ihm düster.
,,Natürlich. Eines Tages, wenn ich an den Toren der Himmelspforte stehen werde und niemand auf mein Klopfen reagiert. Dann werde ich es wahrscheinlich bereuen. Das stimmt.’’ Er stieß sie von sich weg und warf ihr den Schlüssel zu. ,,Stell sicher, dass ich nie wieder von dir höre.’’ fügte er hinzu, als sie durch die Tür verschwand. Er trank seinen Wein zu Ende und sah dann auf die Leiche zu seinen Füßen. Es war vollbracht.
Sein Bruder war tot.








