Turn the music down I can't see
Die Luft draußen ist warm und schmeckt nach süßem Rauch, der irgendwo aus einem offenen Fenster dringt. Es ist dieses klebrige Aroma, das sich in die Haare setzt und in der Kleidung hängen bleibt. Ich ziehe die Lederjacke enger und drücke den Rücken durch. Das Gewicht des Leders auf meiner Haut ist genau richtig. Es hält mich wach, hält mich zusammen. Meine Hotpants sind super eng geschnitten, mein Top rutscht hoch, und mir kleben einzelne Strähnen, meiner Haare im Nacken. Ich drehe mich auf dem Absatz einmal um 360 Grad. Heute Nacht sehe ich echt so fucking heiß aus.
Jada steht schon am Ende der Straße. Sie lehnt an einer Laterne, die flackert, als würde sie gleich durchknallen. Als sie mich über den
Platz zu ihr herüber stöckeln sieht, hebt sie eine Braue und automatisch wird ihr Grinsen breiter. „Ey, Nova! Mann, dein Outfit ist echt scharf Bitch!“, sagt sie. „Aww, deins auch Süße.“ Ich lehne mich an sie und schlinge meine Arme von der Seite um ihren Bauch. Mit einem Schmollmund sehe ich in die Runde. „Nahhh? Seid ihr alle bereit für eine Nacht, die wir nicht wieder vergessen werden? Ich hab in den nächsten Stunden echt noch einiges mit euch vor.“ Ich lasse mich mit dem Oberkörper etwas nach vorn fallen und den Blick schweifen.
Ashley kramt eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Tasche, während ihr Freund Chuck ein Feuerzeug anmacht und es ihr direkt vor die Nase hält. Die beiden Fuckboys unserer Gruppe haben sich bereits etwas entfernt und stehen einige Meter weiter mit vier Mädchen neben dem Eingang zum Club. Sie sehen genauso aus, wie sie in typischen, amerikanischen Highschool Filmen dargestellt werden. Groß, der eine hat Locken, der andere seine Haare mit ein wenig Gel zurückgekämmt. Sie lehnen sich zu den Mädchen herunter und flirten übertrieben. Ich verdrehe die Augen und wende den Blick wieder ab. Außer meinem Bruder sind also schon alle hier. „Dann gehen wir schonmal rein“, beschließe ich und greife nach Jadas Hand. Ashley schwängt mit einer Flasche Whiskey vor meinem Gesicht herum, welche sie offensichtlich gerade ebenfalls aus ihrer silbernen Tasche gezogen haben muss. Herausfordernd sieht sie mich an. Ich grinse. „Du bist unmöglich.“ Sie hängt an Chucks Arm, zwischen Zeige- und Mittelfinger hält sie einen glühenden Zigarettenstummel, ihre Stimme schneidet durch das Chaos, aber ich höre sie nur wie ein Echo hinter Glas. Jada steht neben mir, warm, nah, stabiler als ich, obwohl sie selbst schon halb im Rhythmus der Nacht schwingt. Die Herausforderung akzeptiere ich, nehme Ashley die Flasche aus der Hand und setzte an. Der Alkohol trifft mich wie ein Schlag. Ich trinke in großen Schlucken weiter.
Jada sagt meinen Namen, aber ich höre nur den Klang, nicht die Bedeutung. Ihre Hand streift meinen Arm. Ein Mädchen rempelt mich an. Ich drehe mich zu schnell um. Sehe nur Glitzer, Lippenstift, Augen, die mich mustern. Wütend funkle ich sie an. Jada bemerkt es und zieht mich leicht zurück. Ich wische mir den Mund ab. „Komm.“ Ihre Stimme ist klarer als alles andere.
„Das wird ein langer Abend.“ Jada lacht, zieht mich in eine kurze Umarmung und hackt sich bei mir unter. Sie riecht nach Vanille, Rauch und diesem Parfüm, das sie trägt, wenn sie vorhat Typen aufzureißen. „Komm. Ich brauch nen richtigen Drink, nicht dieses Zeug von der Tanke.“
Wir gehen los. Schulter an Schulter. Unsere Schuhe treffen im selben Takt auf den harten Betonboden.
Zwei Mädchen kommen uns entgegen. Beide hübsch, beide gut drauf. „Nova! Du siehst heftig aus!“ Ich bleibe stehen. „Danke. Ihr auch. Geht ihr rein?“ „Ja! Kommt ihr?“ „Klar.“ Sie winken, laufen weiter. Jada sieht ihnen nach. „Die mag ich.“, sagt sie prompt. „Ich auch.“ Meine Augen bleiben an einem heftig knutschenden Paar, auf den Stufen einer Wendeltreppe hängen. Jada redet schon weiter. „Wir sollten echt anfangen öfter, auf Ernst nett zu anderen zu sein.“ Mein Blick richtet sich sofort wieder auf sie. „Bitch, ich bin nett!“ „Klingt ironisch, wenn du das sagst.“ Dabei zeichnen ihre Finger imaginäre Gänsefüßchen in die Luft. „Würd mir ja Gedanken machen, wenn du mich trotz meines Sarkasmus als deine allerbeste Freundin auf der ganzen Welt bezeichnest, nicht wahr?“ Jada nickt bestimmt und bestätigt damit automatisch meine Aussage.
Die Lagerhalle ist schon laut, bevor wir richtig drin sind. Bass drückt durch die Wände. Stimmen mischen sich. Irgendwer schreit. Irgendwer lacht. Irgendwer kotzt.
Ein Typ sitzt im breiten Gang zur Haupthalle auf einem Hocker, trinkt aus einer Dose. „Nova! Jada! Ihr seht brutal aus!“ „Danke, Baby“, gibt Jada zurück und wirft ihm einen Handkuss zu.
Er tut so, als wolle er ihn fangen und kippt dabei fast um. Wir sehen uns an, kichern und ich hebe die Hand, um uns zu verabschieden.
Im Inneren der Halle schlägt mir Hitze entgegen. Die Luft klebt an meiner Haut. Die Lichter flackern. Rot. Blau. Weiß. Wieder rot. Die Musik ist so laut, dass ich sie im Bauch spüre. Ich atme ein. Süßer Rauch. Alkohol. Parfüm. Schweiß. Sommer. Alles mischt sich. Der Boden dreht sich leicht. Ich mag das Gefühl. Dieses Schweben. Dieses ich bin hier, aber in Wahrheit über allem in diesem Raum.
„Ich hol uns was“, sagt Jada und verschwindet. Ich bleibe stehen, überfliege mit einem Blick den gesamten Raum. Tarek sieht mich zuerst. „NOVA! Komm her!“ Ich schiebe mich quer durch die Menschenmenge in seine Richtung. Er zieht mich zu sich heran. Warm. Fest. „Du fehlst, wenn du nicht da bist“, sagt er und fährt mit seinen Fingerspitzen durch meine Haare im Nacken. „Ich weiß.“, gebe ich ihm zurück und löse mich vorsichtig wieder. „Du siehst gut aus meine Kleine.“ „Du auch.“, erwidere ich, mit Blick auf sein enganliegendes Shirt gerichtet. Die Muskeln darunter spannen förmlich. „Lüg nicht, sonst glaubt er echt noch, er hätte ne Chance bei dir.“ Das war einer der anderen aus der Ecke. Ich drehe den Kopf und sehe augenrollend in seine Richtung. „Mach ich doch nie.“ Er lacht. Tarek stellt sich, mit einem Schritt zur Seite wieder in mein Sichtfeld. „Setz dich später zu uns, ja?“ „Klar.“ Ich drücke seine Hand zum Abschied und verschwinde im Durcheinander der Crowd.
Jada hat mich wieder ausfindig gemacht, zwei Becher in der Hand. „Hier. Keine Ahnung, was drin ist. Trink einfach.“ Ich tue wie mir geheißen. Es brennt. Es wirkt sofort. Mein Kopf wird leichter. Meine Schultern auch. „Okay“, sagt Jada. „Wir tanzen.“ „Ich kann kaum noch stehen.“ „Perfekt.“ Wir torkeln rückwärts. Der Bass schlägt gegen meine Rippen. Die Lichter flackern. Die Welt wackelt. Ich liebe es. Jada legt ihre Hände auf meine Hüften. „Beweg dich.“ „Ich drehe mich schon längst.“ „Los! Ich will mehr.“ Wir tanzen. Für das Gefühl, dass wir heute niemandem gehören.
Nach einer Weile lehne ich mich zu Jada. „Ich fühl mich… frei.“ „Diese Nacht ist sowas von unsere, Nova“ Die Musik klatscht mir wie eine offene Hand ins Gesicht, als Jada mich weiter in die Menge zieht. Alles ist warm, alles ist eng, alles ist laut. Ich spüre, wie mein Top am Bauch klebt. Allen ist alles so scheißegal. Heute Nacht soll alles brennen, alles passieren, ich will, dass etwas eskaliert.
Jada dreht sich zu mir, ihre Lippen glänzen im Licht, ihre Pupillen groß. „Nova, Baby, wir reißen hier alles ab.“ „Tun wir immer!“, schreie ich zurück, und meine Stimme klingt heißer. Wir tanzen. Nicht süß. Nicht brav. Sondern so, wie Mädchen tanzen, die wissen, dass sie beobachtet werden, und es genießen. Ein Typ hinter mir legt kurz eine Hand an meine Hüfte, aber bevor ich überhaupt reagieren muss, ist Tarek plötzlich bei uns und drückt ihn mit dem Arm von mir. Er stellt sich halb hinter mich, halb neben mich, wie ein Schutzschild, dass alles Schlimme dieser Welt von mir weghält. „Mini, du bist schon wieder zu schnell betrunken“, murmelt er mir ins Ohr. „Das ist genau die richtige Dosis, um sich high zu fühlen“, murmle ich und lehne meinen Kopf kurz an seine Schulter, nur um ihn zu ärgern. Er lacht. „Du bist unmöglich.“ „Ich weiß“ gebe ich ihm direkt und provokant zurück.
Jada kreischt plötzlich los, weil irgendein Song läuft, den sie liebt, und ich lache, weil sie lacht, und alles fühlt sich an wie ein Film, in dem wir die Hauptrollen spielen und niemand uns stoppen kann. Ashley taucht neben uns auf, silberne Tasche, Zigarette zwischen den Fingern, Chuck im Schlepptau. Sie sieht mich an, als hätte sie gerade beschlossen, dass wir heute Nacht zusammen sterben könnten und es wäre okay. „Nova, trink das.“ Sie drückt mir den nächsten Becher in die Hand, und sofort steigt mir dieser markante, alkoholische Duft wieder in die Nase.
Ich trinke. Natürlich trinke ich. Es brennt. Es knallt. Es macht mich leichter. „Fuck, das ist stark“, sage ich. „So wie du“, kreischt Ashley und zwinkert. Chuck grinst nur und zieht sie wieder an sich, als wolle er damit zeigen, dass sie hundertprozentig zu ihm gehört. Sie lässt es zu, aber ihre Augen bleiben an mir hängen, als würde sie prüfen, ob ich noch stehe. Ich stehe. Ich schwebe. Ich bin abgehoben, schon vor einer ganzen Weile.
Die Lichter flackern. Rot. Blau. Weiß. Wieder rot.
Ich drehe mich, und plötzlich steht Damon vor mir. Groß. Dunkel. Unruhig. „Du siehst gefährlich aus heute“, sagt er mit einem leicht flirtenden Unterton. „Ich bin immer gefährlich, solltest du wissen Damon.“ „Selbstverständlich.“ Er lächelt dieses langsame, böse Lächeln, das er nur hat, wenn er etwas plant. Ich gehe einen Schritt näher, nur um ihn aus der Fassung zu bringen, aber bevor er etwas sagen kann, schiebt sich Jada zwischen uns. „Back off, Damon. Sie gehört heute mir.“ Ich lache laut und gestikuliere wild mit meinen Händen. „Ich gehöre definitiv keinem von euch! Darling, ich bin nur mir selbst verpflichtet.“ „Noch besser“, erwidert Jada und zieht mich wieder an sich. Wir tanzen weiter. Wir stoßen an. Wir schreien. Wir leben.
Plötzlich geht ein Ruck durch die Menge. Ein Flüstern. Ein Blickwechsel. Ich spüre es, bevor ich ihn sehe. Fuck. Kian. Mein Bruder. Boss unserer Clique. Der Schatten, der immer zu spät kommt und trotzdem sofort Einfluss auf seine Umgebung nimmt. Er steht am Rand der Halle, Arme verschränkt, Kiefer angespannt, Augen wie Scheinwerfer auf mich gerichtet. Natürlich. Immer dann, wenn ich gerade anfange Spaß zu haben. Jada flucht leise. „Scheiße, wo kommt der den jetzt her?“ Tarek richtet sich auf und ich sehe, wie Damon augenblicklich aufhört zu grinsen. Chuck zieht Ashley näher. Die Luft wird schwerer. Ich hebe mein Kinn. Soll er kommen. Ich weiche nicht aus. Nicht heute. Kian kommt näher. Langsam. Wie jemand, der offensichtlich weiß, dass er Macht hat. „Nova“, kommt über seine Lippen, als er schließlich vor mir steht. Nur mein Name. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. Nicht aus Angst. Aus Wut. Aus Stolz. Aus diesem Gefühl, das nur Geschwister haben, die sich lieben und gleichzeitig irgendwie dazu tendieren, sich gegenseitig zu zerstören. „Du bist spät“, lalle ich. Mit zusammengekniffenen Augen mustert er mich. „Du bist schon wieder betrunken.“, spuckt er aus. „Du bist so scheiße nervig.“
Ein paar Leute lachen. Jada legt eine Hand auf meinen Rücken. Tarek fixiert Kian mit seinem stechenden Blick, wie ein Hund, der gleich zubeißen will. Kian sieht mich herablassend an. Aber er sagt nichts mehr. Er dreht sich um. Verschwindet in der Menge. Und ich bleibe stehen. Atme. Spüre, wie die Hitze mich wieder packt. Jada flüstert: „Nova… du brauchst Luft.“ Ich nicke stumm. „Geh kurz raus“, murmle ich. Jada hebt nur leicht den Kopf. Ich drücke kurz ihre Hand, drehe mich um und schiebe mich durch die Menge Richtung Ausgang. Die Hitze schlägt mir entgegen wie eine Wand, die mich zurückhalten will, aber ich drücke mich durch, Ellenbogen, Hüften, Schultern, egal. Ich brauche Luft. Jetzt. Der Bass hämmert mir in den Rücken, während ich mich zwischen Körpern hindurchbewege, die alle zu heiß, zu laut, zu nah sind. Jemand stolpert gegen mich, jemand anderes ruft meinen Namen, aber ich reagiere nicht. Ich will nur raus. Raus aus dieser klebrigen Hitze, raus aus Kians Blick, raus aus meinem eigenen Kopf. Der Gang zu den Hallentoren ist enger als vorher, voller Leute, die rein oder raus wollen, und ich quetsche mich an ihnen vorbei, bis ich endlich die Metalltüren sehe. Sie flackern im Licht, als würden sie mich auslachen. Mit der Schulter stoße ich eine Seite auf und stehe schließlich wieder vor dem Club.
Luft. Die Tür fällt hinter mir mit einem Schlag zu, welcher mich aus einem Traum reißt. Der Wind draußen ist kühler, aber nicht eisig. Es riecht nach Sommer, nach Zigaretten, nach Asphalt, nach irgendwas Metallischem, dass ich nicht einordnen kann.
Ich gehe ein paar Schritte weg von den Toren, weil ich nicht will, dass Kian mir sofort hinterherkommt. Ich brauche… keine Ahnung. Einfach kurz eine Pause von den Lichtern?
Erschöpft stütze ich mich mit einer Hand an der Wand, neben mir ab, atme tief ein, schließe für einen Moment die Augen. Mein Kopf rauscht. Mein Herz schlägt zu schnell. Ich fühle mich gleichzeitig schwer und schwerelos. Und dann höre ich es. Dieses Klack-Klack. Metall auf Metall. Schnell. Routiniert. Wie ein Herzschlag, der nicht meiner ist. Ich öffne die Augen. Da steht jemand an der Seitenwand der Halle. Kapuze tief. Schlanke Silhouette. Eine Hand in der Tasche, die andere führt eine Spraydose über den Backstein. Die Farbe glänzt im Licht der Laterne. Frisch. Nass. Sie tropft ein bisschen, aber auf eine Art, die aussieht, als wäre es Absicht. Ich bleibe stehen. Nicht aus Angst. Aus… Interesse. Oder weil mein Kopf gerade nicht schnell genug ist, um zu entscheiden, ob ich weitergehen soll. Er merkt, dass ich da bin. Natürlich merkt er das. Er dreht sich aber nicht um. Er sprayt weiter, so, als wäre die Wand wichtiger als ich. Ich verschränke die Arme. „Du weißt schon, dass das illegal ist, oder?“ Gott, ich klinge wie irgendeine Erwachsene, nicht wie 17 und die heiße Fotze, die ich in Wirklichkeit bin. Er stoppt. Nur für eine Sekunde. Dann setzt er die Dose wieder an. „Alles ist illegal, wenn’s irgendjemanden gibt, der sich darüber beschwert“, sagt er ruhig. Seine Stimme ist tief. Ich gehe näher. Nicht zu nah. Nur so weit, dass ich die Farbe riechen kann. „Und?“ Er lacht leise. Ein kurzes, trockenes Geräusch. „Ignorier doch einfach, was du hier gerade glaubst zu sehen.“ Er dreht sich halb zu mir. Gerade so viel, dass ich sein Profil sehe. Scharfe Züge. Dunkle Augen. Farbe an den Fingern. „Du bist Nova“, sagt er, als wäre es eine Feststellung, keine Frage. Ich blinzle. „Und du bist?“ Er setzt die Dose ab. Schüttelt sie klackernd. „Kay.“ Nur das. Keine Erklärung. Kein Lächeln. Kein Versuch, cool zu wirken. Kay. Der Name sitzt sofort in meinem Kopf, als hätte er da schon vorher Platz gehabt. Ich lehne mich an die Wand neben ihm, spüre die kalte Oberfläche im Rücken. „Du kennst meinen Namen?“ „Sollte das nicht jeder? Du bist hier bekannt, wie ein bunter Hund.“ „Ist das so?“ „Du bist schließlich ständig hier.“ Ich runzle die Stirn. „Und du etwa nicht? Hab dich hier noch nie gesehen.“ Er zuckt mit einer Schulter. „Kommt drauf an, denke ich. Bin eher hier draußen und wie du schon gesagt hast, was ich mache, ist illegal, also versuche ich möglichst wenig Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.“
Die Tür der Halle geht auf. Musik schwappt raus. Jada steht im Eingang, sieht in die Dunkelheit, findet mich sofort. „Nova! Alles okay?“ „Alles gut!“, rufe ich zurück. Sie sieht Kay. Ihre Augen verengen sich. Sie mustert ihn wie ein Problem, das sie notfalls beseitigen würde. „Komm gleich!“, schreie ich zu ihr herüber. Sie nickt, aber langsam. Misstrauisch. Dann verschwindet sie wieder. Kay hat die ganze Zeit nicht weggesehen. „Deine Leute passen echt gut auf dich auf, was?“, schmunzelt er. „Kann ich auch selbst.“ Ich verkrampfe mich und stämme meine Fäuste in die Seiten. „Sieht so aus.“ Ich stoße mich von der Wand ab. „Ich muss zurück, rein.“
„Dann geh.“ Ich laufe ein paar Schritte. Drehe mich nochmal um. „Kay?“ Er hebt eine Braue. „Das da…“ Ich deute auf die Wand. „…ist echt krass schön.“ Er nickt. „Du auch.“ Ich spüre, wie mein Herz kurz stolpert. Nur ein bisschen. Nur genug, um mich zu ärgern. So schnell, wie möglich drehe ich mich um und gehe zurück zur Tür. Die Musik wird lauter. Die Hitze schlägt mir erneut entgegen. Mit einem Schritt trete ich über die Schwelle, und sofort klebt mir die Luft wieder an der Haut. Schweiß. Parfüm. Alkohol. Alles mischt sich zu diesem süßen, dreckigen Aroma, dass mich lebendig fühlen lässt. Die Musik hämmert. Der Bass vibriert in meinem Schädel. Die Lichter flackern wie Herzschläge. Ich schiebe mich durch die Menge, zurück zu Jada, zurück zu dem Chaos, das ich kenne. Sie steht da, genauso, wie ich sie hier zurückgelassen habe, Hände in der Luft, Haare wild, Augen groß. Als sie mich sieht, zieht sie mich sofort an sich. „Wo warst du?“, schreit sie mir ins Ohr. „Kopf frei kriege, hab ich doch gesagt!“, antworte ich ihr lautstark. „Und? Hat’s geholfen?“ „Nein, glaub nicht, in meinem Hirn ist immernoch alles Matsche Pampe.“ Sie lacht laut, wirft den Kopf zurück, und ich liebe sie dafür. Tarek taucht wieder auf, als hätte er einen Radar nur für mich. Er mustert mich von oben bis unten. „Nova, bist du überhaupt noch klar? Du siehst aus, als würdest du gleich umfallen.“ „Ich fall nie.“ „Das kann sicher der halbe Club hier widerlegen. Dafür haben wir dich alle schon viel zu oft betrunken gesehen Mini.“ „Aber ich steh immer wieder auf.“ Ich habe die Augenbrauen zusammengezogen und schiebe die Unterlippe theatralisch nach vorn. Er grinst. „Setz dich kurz zu uns“, sagt er und legt eine Hand an meinen Rücken, als wolle er mich lenken. Ich schüttele den Kopf. „Will tanzen!“ Jada lacht wieder. „Sie ist heute nicht mehr zu retten, versuchs erst garnicht.“ „War sie nie“, murmelt Tarek und schüttelt den Kopf.
Ich drehe mich um, will wieder in die Menge, doch auf einmal, ein Schrei. Ein dumpfer Schlag. Ein Ruck durch die Crowd. Die Stimmung kippt. Sofort. Wie ein Stromausfall. Mir wird im selben Moment klar, wer dafür gesorgt hat.
Damon. Natürlich Damon. Er steht mitten im Raum, Schultern angespannt, Kiefer fest, Augen dunkel. Vor ihm ein Typ, den ich nicht kenne, aber der offensichtlich zu laut war, zu nah, so dumm sich mit einem, wie Damon anzulegen. „Damon!“, ruft jemand. „Lass es!“ Ja klar. Als würde er jemals hören. Damon lässt nie einfach so wieder von jemandem ab. Chuck steht daneben, Hände halb gehoben. Ashley zieht an seinem Arm, flucht, ihre silberne Tasche baumelt ihr über der Schulter und blitzt unter den leuchtenden Lichtern der Scheinwerfer immer wieder kurz auf.
Tarek stößt ein genervtes „Fuck“ aus und macht sich sofort den Weg nach vorne frei. Jada packt meine Hand, aber ich reiße mich los. Ich will sehen. Ich will wissen. Ich will verstehen, warum die Nacht plötzlich brennt. Damon stößt den Typen gegen eine Wand. Der Aufprall ist laut. Zu laut. „Damon!“, schreie ich und mache ihn so auf mich aufmerksam. Er dreht sich um. Seine Augen finden meine. Und für einen Moment ist alles still. „Nova.“ Nur mein Name, aber es klingt wie eine Warnung. Tarek stellt sich zwischen uns. „Alter, reiß dich zusammen.“ „Halt dich raus Mann.“ „Kannst du vergessen.“ Die beiden stehen sich gegenüber, wie zwei Hunde, bereit, sich anzufallen. Arschlöcher. Ich spüre, wie mein Herz rast. Wie die Hitze mich wieder packt. Wie die Halle enger wird. Und dann, Kian. Selbstverständlich. Der perfekte Zeitpunkt, um mir den Abend komplett zu ruinieren. Er schreitet durch die Menge, seine Augen dunkel, sein Blick auf Damon gerichtet. Alle machen sie ihm Platz. „Was soll das?“, brüllt er in ihre Richtung. Damon sieht verdammt wütend aus. „Der Typ hat…“ „Ist mir so scheißegal.“ „Er hat Nova…“ „Hab gesagt, es ist mir egal.“ Die Luft wird schwer. Ich trete einen Schritt zurück. Jada packt meine Hand wieder. Diesmal lasse ich es zu, reiße mich nicht wieder los. Kian sieht mich an. Nur kurz. Aber es reicht. Ich spüre, wie mir die Hitze in den Nacken steigt. Fuck, wie ich das Hassen werde, was jetzt folgt. „Du gehst jetzt“, sagt er, sein Kinn leicht erhoben








