Kapitel 1
Die Katzen liegen auf dem Fensterbrett, zwei graue Flecke im späten Nachmittagslicht, das durch die Gardinen sickert. Draußen dehnt sich der Garten aus, danach die Wiese, dann der Wald. Kein Nachbar in Hörweite. Kein Auto auf der Landstraße. Nur der Kuckucksuhr an der Wand, die gleich vier Uhr schlagen wird, und das leise Schnurren von Lisbeth, der älteren der beiden. Ich sitze im Ledersessel, dem alten, braunen, dessen Armlehnen unter dem Gebrauch von Jahren glatt geworden sind, und M. kniet neben mir auf dem Kissen.
M. kniet immer auf dem Kissen, wenn wir hier sind. Das Kissen ist dunkelrot, Samt, flach, gerade breit genug für ihre Knie. Sie trägt das schwarze Halsband, das mit dem O-Ring, und ein schlichtes graues T-Shirt, weiter nichts. Ihre Hände liegen auf den Oberschenkeln, die Handflächen nach oben gedreht. Sie wartet. Sie ist gut im Warten. Sie hat es gelernt.
Meine rechte Hand ruht auf ihrem Nacken. Die Haut dort ist warm, weich, ein wenig feucht — das liegt am Feuer, das ich vor einer Stunde entzündet habe, und an der Aufgabe, die ich ihr zuvor gestellt habe: fünfzehn Minuten auf dem Kissen verharren, ohne sich zu bewegen, ohne zu sprechen, nur atmen. Sie hat es geschafft. Sie hat es immer geschafft. Ich streiche mit dem Daumen über die feinen Härchen am Nackenansatz, spüre, wie sich ihre Muskulatur unter meiner Berührung entspannt, wie sie sich meinem Griff anvertraut.
„Gut”, sage ich. Nur das eine Wort. M. atmet aus, langsam, kontrolliert. Ich sehe, wie sich ihre Schultern senken, wie die Anspannung aus ihrem Körper weicht. Sie braucht das. Sie braucht meine Ansagen, meine Strenge, die Klarheit meiner Worte. Und ich brauche ihre Hingabe — das ist der Deal, das war er immer.
Ich trage meine schwarzen Pumps, die mit der spitzen Stiletto-Ferse, neun Zentimeter. Ich trage sie im Haus, wenn M. da ist, weil der Klang auf den Dielen etwas bewirkt, das Worte nicht können: das harte, klackende Aufsetzen, der Rhythmus, der durch den Flur hallt und M. sagt, noch bevor ich den Raum betrete, dass ich komme. Dass ich da bin. Dass sie sich vorbereiten soll. Jetzt höre ich den leisen Druck meiner Sohle auf den Fußboden, wenn ich den Fuß auf das Knie von M. stütze. Sie zuckt nicht zusammen. Sie hat gelernt, still zu bleiben.
Doch meine Gedanken sind woanders. Meine Gedanken sind dreckig, gefangen in den Worten, die Misttueck mir vor zwei Stunden im Forum entgegengeschleudert hat.
Ich logge mich ein, während M. auf dem Kissen wartet. Der Laptop steht auf dem Beistelltisch, der Bildschirm gedimmt. Der Browser ist noch offen, der Tab mit dem Forum noch aktiv. Ich scrolle nach oben, lese den letzten Post von Misttueck noch einmal, langsam, jedes Wort einzeln.
Sie schreibt: „Du gibst dir viel Mühe, unberührbar zu wirken. Aber ich kenne den Unterschied zwischen einer Mauer und einer Fassade.”
Das war die Antwort auf meinen eigenen Post, in dem ich — beiläufig, fast nebenbei, wie ich dachte — erwähnt hatte, dass ich eine Sub habe. Dass ich weiß, wie das Spiel funktioniert. Dass ich auf der anderen Seite stehe. Ich hatte es geschrieben, um Misttueck zu signalisieren: Ich bin keine Anfängerin. Ich weiß, wie Macht schmeckt. Ich kenne das Gewicht eines Halsbands in der Hand. Du bringst mich nicht aus der Fassung.
Misttueck hatte es gelesen. Und dann hatte sie das geschrieben.
Ich scrolle weiter. Ein anderer Post, früher am Nachmittag. Misttueck hatte geantwortet, bevor ich überhaupt meinen Hinweis auf M. gegeben hatte. Sie schreibt direkt, ohne Einleitung, ohne Höflichkeitsfloskeln, aber jedes Wort sitzt. Sie schreibt wie eine, die jahrzehntelang Aktenordner durchblättert hat und gelernt hat, zwischen den Zeilen zu lesen. Zwischen den Buchstaben.
„Die Frage ist nicht, ob du führen kannst”, schreibt sie. „Die Frage ist, ob du weißt, wie es sich anfühlt, wenn jemand anderes die Fäden hält. Und ob du danach hungerst.”
Ich lese den Satz dreimal. Beim ersten Mal überfliege ich ihn. Beim zweiten Mal bleibe ich an dem Wort „hungerst” hängen. Beim dritten Mal spüre ich, wie sich etwas in meinem Unterleib zusammenzieht, nicht heftig, nicht dramatisch, aber da. Ein Ziehen. Ein Wärme. Als hätte jemand einen Finger auf eine Stelle gelegt, von der ich nicht wollte, dass sie berührt wird.
M. räuspert sich leise. Ein Ton, der bedeutet: Ich bin noch da. Ich bin bereit. Ich warte auf dich. Ich nehme die Hand von ihrem Nacken und lege sie auf ihren Kopf, streiche über ihr Haar. „Eine Aufgabe für dich”, sage ich, und meine Stimme ist ruhig, kontrolliert, die Stimme, die M. kennt. „Du gehst ins Schlafzimmer. Du legst dich auf das Bett. Du schließt die Augen. Du berührst dich nicht. Du wartest, bis ich komme.”
M. nickt, erhebt sich, geht. Ich höre die barfuß auf den Dielen, das leise Knarren der Tür, das Rascheln der Bettdecke. Dann Stille.
Ich wende mich wieder dem Bildschirm zu.
Misttueck hat einen weiteren Post geschrieben, eine direkte Antwort auf meinen Hinweis. Sie zitiert meinen Satz — „Ich habe eine Sub, die ich führe. Ich weiß, wovon ich spreche.” — und schreibt darunter: „Das ist schön. Dann weißt du also, wie es ist, wenn jemand dir vertraut. Wenn jemand deine Hand nimmt und dir die Führung überlässt. Dann weißt du auch, wie viel Mut es kostet, das Vertrauen umzukehren. Die Hand nicht zu nehmen, sondern zu reichen.”
Ich lehne mich zurück. Der Ledersessel knarrt. Lisbeth, die Katze, öffnet ein Auge, schließt es wieder. Meine Finger liegen auf der Tastatur, bewegungslos. Ich versuche, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich versuche, die Stimme zu finden, die ich im Forum immer benutze: kühl, distanziert, die Domina, die niemanden an sich heranlässt. Aber die Worte, die kommen würden, wären nicht kühl. Sie wären ehrlich. Und Ehrlichkeit ist das Letzte, was ich mir leisten kann, während die anderen User mitlesen.
Also schreibe ich: „Wir können das auch per Mail besprechen, wenn dir das lieber ist. Der öffentliche Raum ist nicht der richtige Ort für Details.”
Ich sende den Post ab. Dann stehe ich auf, gehe ins Schlafzimmer, zu M.
M. liegt auf dem Rücken, die Hände neben dem Körper, die Augen geschlossen. Das graue T-Shirt hat sich hochgeschoben, ein Streifen nackter Haut am Bauch. Sie hat sich nicht berührt. Sie hat auf mich gewartet. Ich bleibe in der Tür stehen, betrachte sie, spüre, wie sich etwas in mir verlagert. Normalerweise ist das der Moment, in dem ich die Kontrolle übernehme. In dem ich entscheide, was passiert, wie es passiert, wie lange. Aber heute — heute ist da eine Schwingung unter meiner Haut, die nicht von M. kommt. Die von den Worten kommt, die ich gerade gelesen habe. Von der Frage, ob ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn jemand anderes die Fäden hält.
Ich gehe zum Bett. Meine Pumps klicken auf den Dielen. M. öffnet die Augen, sieht mich, lächelt. Ein leises, vertrautes Lächeln. Ich setze mich neben sie auf die Bettkante, lege die Hand auf ihren Bauch, auf den Streifen nackter Haut. Sie ist warm. Ich streiche nach unten, schiebe das T-Shirt weiter hoch, lege ihren Bauch frei, dann ihre Rippen, dann die Unterseite ihrer Brüste. M. atmet schneller. Ich sehe, wie sich ihre Brustwarzen unter dem Stoff spannen.
„Du bist geduldig”, sage ich.
„Ich versuche es”, flüstert M.
„Ich weiß.” Ich beuge mich vor, küsse sie auf die Stirn. Dann auf die Wange. Dann auf den Mund, sanft, nur ein Druck der Lippen. M. öffnet den Mund, sucht mehr, aber ich ziehe mich zurück. „Nicht jetzt. Jetzt machst du, was ich sage.”
M. nickt.
„Dreh dich um. Auf den Bauch.”
Sie dreht sich um. Ihr Rücken ist schmal, die Wirbelsäule tritt leicht hervor. Ich streiche darüber, vom Nacken bis zum Steiß, langsam, mit den Fingerspitzen. M. zittert. Ich greife nach dem Halsband, fasse den O-Ring, ziehe leicht daran. M.s Kopf hebt sich, ihr Nacken streckt sich. Ich beuge mich zu ihrem Ohr.
„Du gehörst mir”, sage ich, und die Worte kommen aus einer Tiefe, die ich an diesem Nachmittag nicht erwartet habe. Nicht nur die übliche Tiefe der Domina, die ihre Sub besitzt. Eine andere Tiefe. Eine, die nach unten zieht. Die fragt, wie es wäre, wenn jemand anderes diese Worte zu mir sagen würde.
M. stöhnt leise. Sie spürt die Veränderung in meiner Stimme, in meiner Berührung. Sie kennt mich gut genug, um zu merken, dass heute etwas anders ist. Aber sie fragt nicht. Sie vertraut. Sie ergibt sich. Und ich nutze ihre Hingabe, nutze sie wie einen Spiegel, in dem ich nicht mein eigenes Gesicht sehe, sondern das Gesicht, das Misttueck mir vor Augen stellt.
Ich ziehe das T-Shirt über ihren Kopf, lege meine Hände auf ihre Schulterblätter, drücke sie sanft in die Matratze. Meine Daumen massieren die Muskeln neben der Wirbelsäule, arbeiten sich nach unten, über den unteren Rücken, bis zu den Hüften. M. atmet schwer, ihr Körper wölbt sich unter meinen Händen. Ich greife nach der Creme auf dem Nachttisch, wärme sie zwischen den Handflächen, verteile sie auf ihrem Rücken. Meine Hände gleiten über ihre Haut, fest, bestimmt, und jeder Strich ist eine Ansage. Jede Berührung sagt: Ich habe dich. Ich halte dich. Du bist sicher.
Aber in meinem Kopf — in meinem Kopf ist eine andere Stimme. Die Stimme einer Frau, die kurze graue Haare hat und dicke Wollsocken trägt und in einem Arbeitszimmer sitzt, das nach altem Papier riecht. Die Stimme einer Frau, die Worte wie Skalpelle benutzt. Die fragt: „Wie fühlt es sich an, wenn du merkst, dass du selbst nach Führung hungerst?”
Ich drücke M. tiefer in die Matratze. Meine Hände werden fester, schneller. M. keucht, dreht den Kopf, sieht mich an. Ihre Augen sind weit, dunkel, voller Vertrauen. Ich beuge mich vor, küsse sie auf die Lippen, diesmal härter, fordernder, und M. öffnet sich, ihre Zunge findet meine, und ich schmecke ihre Ergebenheit und ich frage mich, wie es schmecken würde, wenn ich diejenige wäre, die sich ergibt.
Ich löse mich von ihren Lippen. „Auf die Knie”, sage ich. Meine Stimme ist heiser.
M. richtet sich auf, kommt auf die Knie, der Rücken gerade, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Das Halsband mit dem O-Ring baumelt leicht. Ich sitze hinter ihr, meine Hände auf ihren Hüften, mein Blick auf ihrem Rücken, auf dem O-Ring, der das Metall spiegelt, das sie mit mir verbindet. Ich ziehe sie an mir, bis ihr Rücken meine Brust berührt, bis ich ihren Atem spüre, bis ihr Herzschlag durch meine Kleidung pulsiert.
Meine rechte Hand wandert über ihren Bauch nach unten. Über den Rand der Unterhose. Darunter. M. stöhnt auf, ihr Kopf fällt nach hinten gegen meine Schulter. Ich streiche durch die Feuchtigkeit, die sich dort gesammelt hat, langsam, kreisend, und M.s Hüften beginnen, sich gegen meine Hand zu bewegen. Ich drücke sie an mich, halte sie fest, flüstere in ihr Ohr: „Still. Du bewegst dich nicht, wenn ich es nicht sage.”
M. erstarrt. Ihr Körper zittert, aber sie hält still. Ich streiche weiter, langsam, präzise, finde den Punkt, der sie zittern lässt, der sie keuchen lässt, der sie an den Rand bringt und dort hält. Und während ich das tue, während ich M. mit einer Hand kontrolliere und mit der anderen in ihrem Kopf bin, denke ich an Misttueck. An ihre Worte. An die Frage, ob ich weiß, wie es ist, wenn jemand die Fäden hält. Und ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn Misttuecks Hände die wären, die mich halten. Wenn Misttuecks Stimme die wäre, die mir sagt: Still. Du bewegst dich nicht, wenn ich es nicht sage.
M. kommt. Ihr Körper spannt sich an, löst sich, spannt sich wieder an. Ein Schrei, gedämpft, halb in die Bettdecke gepresst. Ich halte sie fest, streiche weiter, langsamer, bis das Zittern nachlässt, bis ihr Atem sich beruhigt, bis sie sich in meine Arme sinken lässt.
Ich ziehe die Hand zurück. M. dreht sich um, sucht meinen Mund, findet ihn. Wir küssen uns, lange, sanft, und M. lächelt. „Das war... anders heute”, sagt sie.
„Anders?”
„Intensiver. Irgendwie.” Sie legt den Kopf an meine Schulter. „Ich weiß nicht. Aber es war schön.”
Ich streiche über ihr Haar. Sage nichts. M. schließt die Augen. Nach fünf Minuten schläft sie, der Kopf auf meinem Schoß, die Hand auf meinem Knie. Die Katzen liegen unten vor der Tür. Der Kuckucksuhr schlägt fünf.
Ich greife nach dem Laptop auf dem Nachttisch.
Im Forum ist eine neue Nachricht. Ein Post von Misttueck, direkt an mich, in einem Thread, den nur wir beide noch bespielen. Sie hat auf meinen Vorschlag reagiert, auf die Mail-Verlegung. Sie schreibt: „Mail ist gut. Aber nicht, um dich zu verstecken. Nur, um dir den Raum zu geben, ehrlich zu sein. Du brauchst den Raum, Eleonora. Ich sehe das.”
Und darunter, als hätte sie es beiläufig hinzugefügt: eine Mailadresse. Und ein Satz: „Schreib mir. Erzähl mir, wie du M. führst. Erzähl mir, was du spürst, wenn sie dir vertraut. Und dann — vielleicht — erzählst du mir, was du spürst, wenn du dir vorstellst, dass jemand dir auf die gleiche Weise vertraut.”
Ich schließe den Tab. Öffne mein Mailprogramm. Tippe die Adresse ein. Schreibe:
„Misttueck. Eleonora hier. Wir können reden.”
Ich zögere. Meine Finger über der Tastatur, bewegungslos. M.s Atem auf meinem Oberschenkel, gleichmäßig, warm. Dann füge ich hinzu: „Aber ich führe das Gespräch. Das ist meine Bedingung.”
Senden.
Ich lege den Laptop zurück auf den Nachttisch. Streiche über M.s Haar. Stehe auf, vorsichtig, um sie nicht zu wecken. Gehe ins Arbeitszimmer, setze mich an den Schreibtisch. Die Pumps spannen nach dem langen Tragen. Ich streife sie ab, die Füße auf dem kühlen Parkett. Ich zünde mir eine Zigarette an, die erste seit heute Morgen, und inhaliere tief. Der Rauch kratzt in der Lunge, dann breitet er sich aus, warm, vertraut. Ich puste ihn aus, sehe, wie er sich im Lampenlicht kräuselt, langsam aufsteigt und sich verflüchtigt.
Ich öffne das Mailprogramm erneut. Keine neue Nachricht. Ich warte.
Draußen beginnt der Garten zu dämmern. Die Katzen sind vom Fensterbrett verschwunden, wahrscheinlich auf dem Sofa im Wohnzimmer. Das Feuer im Kamin ist fast heruntergebrannt, nur noch Glut. Ich stehe auf, lege ein Holzscheit nach, warte, bis die Flammen es fassen. Dann setze ich mich zurück an den Schreibtisch.
Das Mailprogramm piept.
Misttueck hat geantwortet.
Ich öffne die Mail. Lies:
„Eleonora. Du führst das Gespräch? Das ist lieb von dir. Aber du weißt, dass das nicht stimmt. Du hast das Gespräch nicht geführt, seit ich das erste Mal in einem Thread auf dich geantwortet habe. Du reagierst. Das ist etwas anderes. Du reagierst auf meine Worte, auf meine Fragen, auf die Bilder, die ich in deinen Kopf setze. Und du kommst immer wieder zurück. Warum? Weil du spürst, dass ich etwas sehe, das du selbst nicht sehen willst. Die Domina, die nach Führung hungert. Die Frau, die die Krone trägt und sich fragt, wie es wäre, sie abzulegen. Nicht für immer. Nur für einen Moment. Nur lang genug, um zu spüren, wie es ist, wenn jemand anderes die Hand reicht und sagt: Ich habe dich. Ich halte dich. Du bist sicher.
Du schreibst, du willst reden. Gut. Lass uns reden. Aber ehrlich. Nicht die Domina-Stimme, die du im Forum benutzt. Du. Eleonora. Die Frau, die auf dem Land lebt und eine Sub hat und zwei Katzen und einen Kamin und schwarze Pumps, die sie im Haus trägt, weil der Klang auf den Dielen etwas bewirkt. Ja, ich habe das gelesen. Ich lese alles, was du schreibst. Und ich lese zwischen den Zeilen.
Erste Frage: Wenn du M. führst — wenn du ihr eine Aufgabe stellst, wenn du sie auf die Knie bringst, wenn du sie kommen lässt — was geht in dir vor? Spürst du Kontrolle? Oder spürst du Verantwortung? Oder spürst du etwas anderes, etwas, das du nicht benennen willst?
Zweite Frage: Wenn du dir vorstellst — nur vorstellst, Eleonora, nur als Spiel, als Gedanke — dass jemand dich führt. Jemand, der weiß, was er tut. Jemand, der deine Mauern kennt und sie nicht einreißt, sondern Stück für Stück abträgt. Wie fühlt sich das an?
Du musst nicht sofort antworten. Nimm dir Zeit. Aber antworte ehrlich. Das ist meine einzige Bedingung.
Misttueck.”
Ich lese die Mail zweimal. Beim ersten Mal schnell, atemlos. Beim zweiten Mal langsam, Wort für Wort. Die Zigarette in meiner Hand ist heruntergebrannt, die Asche fällt auf den Schreibtisch, ich bemerke es nicht.
Meine Hände zittern. Nicht stark, nicht sichtbar, aber ich spüre es. Das Ziehen in meinem Unterleib ist zurück, stärker als im Forum, wo ich mich noch hinter der Rolle verstecken konnte. Hier, in der Mail, in der Eins-zu-Eins-Kommunikation, gibt es kein Publikum. Keine anderen User, die ich beeindrucken oder vor denen ich mich schützen muss. Nur Misttueck. Und ihre Worte. Und meine Wahrheit, die darauf wartet, herausgelassen zu werden.
Ich antworte nicht sofort. Ich stehe auf, gehe ins Schlafzimmer. M. schläft, der Kopf auf meiner Seite des Bettes, die Hand ausgestreckt, als suche sie mich im Schlaf. Ich setze mich auf die Bettkante, streiche ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie murmelt etwas, wacht nicht auf.
Ich gehe zurück ins Arbeitszimmer. Setze mich. Schreibe:
„Misttueck. Du stellst die falschen Fragen. Ich führe M., weil ich es will. Weil ich es brauche. Weil ich gut darin bin. Das ist alles.”
Pause. Meine Finger auf der Tastatur. Der Cursor blinkt. Dann:
„Aber wenn du wissen willst, was ich spüre, wenn ich M. führe — ich spüre Verantwortung. Und ja, ich spüre Kontrolle. Und manchmal, wenn M. mir vertraut, wenn sie sich ganz fallen lässt, spüre ich auch Sehnsucht. Nicht nach ihr. Nach dem, was sie empfindet. Nach dem Fallen. Nach dem Aufgegebenwerden. Das ist alles, was ich dir sage.”
Senden.
Ich schließe den Laptop. Gehe ins Badezimmer, wasche mir die Hände, starrte in den Spiegel. Die Frau, die mich anstarrt, ist vierzig, hat dunkles Haar, das zu einem strengen Zopf gebunden ist, und Augen, die größer wirken als sonst. Ich drehe den Wasserhahn zu. Trockne meine Hände. Gehe zurück ins Arbeitszimmer.
Öffne den Laptop.
Misttueck hat geantwortet. Schnell. Innerhalb von Minuten.
„Danke, Eleonora. Das war ehrlich. Ich weiß, was dich das gekostet hat. Sehnsucht nach dem Fallen. Nach dem Aufgegeben werden. Das ist ein schönes Bild. Und ein gefährliches. Weil du weißt, dass es nicht bei einem Bild bleiben muss.
Ich habe eine Aufgabe für dich. Keine für M. Für dich.
Wenn du das nächste Mal M. führst — egal, ob es eine Aufgabe ist, eine Session, ein Abend wie heute — dann denke an meine Worte. Nicht an M. An mich. Stelle dir vor, dass meine Stimme die ist, die durch dich spricht. Dass meine Hand die ist, die durch deine Hand wirkt. Dass die Ansagen, die du M. gibst, in Wahrheit meine Ansagen sind. Und dann beobachte, was in dir passiert. Beobachte, ob die Kontrolle, die du spürst, sich verändert. Ob die Verantwortung sich anders anfühlt. Ob die Sehnsucht lauter wird.
Und dann schreib mir. Berichte mir. Nicht als Domina. Als die Frau, die fallen will.”
Ich lese die Mail. Schließe den Laptop. Öffne ihn wieder. Lese die Mail erneut.
M. ruft aus dem Schlafzimmer. „Eleonora? Bist du noch wach?”
„Ja”, rufe ich zurück. „Schlaf weiter. Ich komme gleich.”
Stille. Dann das Rascheln der Bettdecke. M. schläft weiter.
Ich schreibe an Misttueck: „Du überschreitest eine Grenze.”
Die Antwort kommt sofort: „Nein. Ich zeige dir, wo deine Grenzen sind. Das ist etwas anderes. Du wirst die Aufgabe erfüllen, Eleonora. Nicht, weil ich es sage. Weil du es willst. Weil du seit Wochen in dieses Forum zurückkommst, seit Tagen meine Posts liest, seit Stunden an meiner Mail hängst. Du willst es. Du weißt es. Ich weiß es.”
Ich schreibe nichts zurück. Ich schließe den Laptop, diesmal wirklich, und gehe ins Schlafzimmer. M. hat sich aufgerollt, die Bettdecke um sich geschlungen. Ich lege mich neben sie, ziehe sie an mich, spüre ihre Wärme, ihren Atem, ihr Vertrauen. Sie murmelt meinen Namen, ohne aufzuwachen.
Ich liege wach. Die Dunkelheit im Zimmer ist vollständig, nur das schwache Leuchten der Standby-Lampe des Laptops im Arbeitszimmer, das durch die angelehnete Tür fällt. Ich denke an Misttuecks Aufgabe. Ich denke an die nächste Session mit M. Ich denke daran, wie es wäre, wenn Misttuecks Stimme durch meine Ansagen klingen würde. Wenn die Worte, die ich M. sage, in Wahrheit Misttuecks Worte wären. Wenn die Hand, die M. führt, in Wahrheit Misttuecks Hand wäre.
Ich schlafe nicht gut in dieser Nacht.
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Am nächsten Morgen sitze ich am Küchentisch. M. macht Kaffee, die Katzen umkreisen ihre Knöchel. Ich trage die Pumps nicht, nur Socken, und die Dielen sind still. Mein Laptop steht vor mir, der Bildschirm dunkel. M. stellt eine Tasse vor mich, küsst mich auf die Stirn. „Gut geschlafen?” fragt sie.
„Ja”, sage ich. Eine Lüge, die mühelos über meine Lippen geht.
M. lächelt und geht zurück zum Herd. Ich öffne den Laptop. Das Mailprogramm lädt. Eine neue Nachricht von Misttueck, zeitstempel 6:47 Uhr. Sie ist früh wach. Oder sie hat gar nicht geschlafen.
„Eleonora. Das Wochenende kommt. Ich möchte dich sehen. Nicht im Forum. Nicht per Mail. In Person. Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder du kommst mit M. Ein Treffen zu dritt. Ich würde gerne sehen, wie du führst. Wie du sie hältst. Wie die Dynamik zwischen euch funktioniert. Das wäre interessant. Lehrreich. Für uns beide.
Oder du kommst allein. Ohne M. Ohne Halsband, ohne O-Ring, ohne die Rolle, die du trägst wie eine Rüstung. Nur du. Eleonora. Die Frau, die auf dem Land lebt und schwarze Pumps im Haus trägt und nachts nicht schläft, weil eine Frau mit grauen Haaren ihr Fragen stellt, die sie nicht beantworten will.
Du musst dich entscheiden. Bis Freitag.”
M. stellt den Teller mit dem Rührei vor mich hin. „Ist was?” fragt sie.
„Nein”, sage ich. „Nur Arbeit.”
M. nickt, setzt sich mir gegenüber, frühstückt. Die Katzen springen auf die Fensterbank. Die Sonne fällt durch die Gardinen. Es ist ein gewöhnlicher Morgen auf dem Land. Und auf meinem Bildschirm funkelt die ungelesene Mail von Misttueck, und mein Herz rast, und M. gegenüber bemerkt nichts, und ich muss mich entscheiden.
Nun seid ihr dran... (Elenora & M.)
Ich frage mich gerade, ob ich mit der Geschichte auf dem richtigen Weg bin oder ob ihr sie ganz anders weitererzählen würdet. Eure Ideen und Inspirationen sind herzlich willkommen. Vielleicht entwickelt sich aus einem eurer Gedanken das nächste Kapitel. Ich bin gespannt auf eure Fantasie. 😉








