Kapitel 1
Kapitel 1 – Ein ziemlich gewöhnlicher letzter Tag
Mara Winter wurde an einem Dienstag aus ihrem bisherigen Leben gerissen, was sie im Nachhinein als unnötig passend empfand. Dienstage waren Montage ohne deren schlechten Ruf und Freitage ohne jede Hoffnung. Niemand freute sich auf sie, niemand schrieb Lieder über sie, und wenn an einem Dienstag die Welt unterging, musste man wenigstens nicht das Wochenende dafür opfern. An jenem Morgen wusste Mara davon allerdings noch nichts. Sie lag in ihrem Bett, hatte die Decke bis zur Nase gezogen und führte seit sieben Minuten eine erbitterte Verhandlung mit ihrem Wecker. Der Wecker vertrat die Position, dass sie aufstehen müsse. Mara hielt dagegen, dass sie jung sei, noch Träume habe und außerdem fror. Der Wecker besaß keine Gefühle und gewann deshalb, wie gefühllose Dinge es im Leben verdächtig oft taten.
Mit vierundzwanzig Jahren hatte Mara bereits erstaunlich viel erreicht, sofern man die Erwartungen niedrig genug ansetzte. Sie lebte allein, bezahlte meistens pünktlich ihre Rechnungen und hatte ihre Zimmerpflanze seit fast einem Jahr nicht umgebracht. Die Pflanze hieß Gertrud, sah aus wie ein grüner Unfall und war vermutlich nur deshalb noch am Leben, weil sie irgendwann gelernt hatte, Feuchtigkeit aus der Luft zu ziehen. Mara war ledig, was ihre Mutter als bedauerliche Erkrankung betrachtete, die sich mit genügend ungefragten Bekanntschaften behandeln ließ. Mara selbst fand den Zustand angenehm. Niemand stahl ihr die Bettdecke, niemand fragte, was sie denke, nur um anschließend beleidigt zu sein, wenn sie es sagte, und die Tiefkühlpizza gehörte vollständig ihr. Romantik war bestimmt etwas Wundervolles. Vulkane waren aus der Ferne ebenfalls hübsch.
Sie stand auf, stolperte über eine Jeans, die gestern noch eindeutig auf einem Stuhl gelegen hatte, und schlurfte in die Küche. Der Kaffeeautomat blinkte rot. Mara füllte Wasser nach. Er blinkte weiter. Sie leerte den Behälter mit dem Kaffeesatz. Das Blinken blieb. Sie überprüfte die Bohnen, schloss sämtliche Klappen und drückte auf drei Knöpfe, deren Bedeutung sie seit dem Kauf ignoriert hatte. Die Maschine antwortete mit einem beleidigten Brummen. „Wir können das auf zwei Arten lösen“, sagte Mara. „Du machst Kaffee, oder ich erkläre dich zum Toaster.“ Der Automat gab nach. Wenig später hielt sie eine Tasse in den Händen, deren Inhalt heiß, dunkel und moralisch notwendig war. Während sie trank, betrachtete sie Gertrud. „So sieht Durchsetzungsvermögen aus.“ Ein Blatt fiel ab. Mara entschied, dies nicht persönlich zu nehmen.
Zum Frühstück gab es die Hälfte einer kalten Pizza vom Vorabend. Mara hätte sie erwärmen können, doch dafür hätte sie einen Teller benutzen müssen, und ein Teller führte beinahe zwangsläufig zu Abwasch. Sie aß über der Spüle und blätterte auf ihrem Telefon durch die Nachrichten. Mehrere Menschen stritten darüber, ob ein Schauspieler eine neue Frisur tragen dürfe. Ein Politiker versprach Veränderung, ohne zu verraten, in welche Richtung. In Nordeuropa waren während der Nacht ungewöhnliche schwarze Lichtphänomene beobachtet worden, eine Formulierung, die klang, als habe die Wissenschaft das Wort „keine Ahnung“ in einen Anzug gesteckt. Mara sah sich ein verwackeltes Video an. Über einer Straße hing etwas Dunkles, schmal wie ein Riss in einer Fensterscheibe. Die Kommentare erklärten es wahlweise zu einem Wetterballon, einer geheimen Waffe oder dem Beweis, dass Echsenmenschen die Regierung übernommen hatten. Mara steckte das Telefon ein. Für Echsenmenschen war die Regierung erstaunlich schlecht organisiert.
Sie arbeitete in der Reklamationsabteilung eines großen Versandhändlers, dessen Firmenmotto „Wir liefern Freude“ lautete. Mara hatte dort gelernt, dass Freude häufig die Form eines korrekt gelieferten Wäscheständers besaß und bei verspäteter Ankunft überraschend schnell in Hass umschlug. Ihr Arbeitsweg dauerte zweiundvierzig Minuten, wenn die Straßenbahn pünktlich kam, und zwischen einer Stunde und dem Ende aller Hoffnung, wenn sie es nicht tat. An diesem Morgen blieb die Bahn nach drei Haltestellen stehen. Das Licht flackerte, die Anzeigetafel zeigte kurz mehrere silberne Kreise und sprang dann auf „Technische Störung“. Der Fahrer erklärte über Lautsprecher, es gebe ein Problem mit der Stromversorgung. Ein Mann im vorderen Bereich stöhnte, als habe die Bahn ihn persönlich verraten. Mara lehnte sich an die Scheibe. „Na wunderbar“, murmelte sie. „Nicht einmal die Apokalypse schafft es ohne Verspätung.“
Die Bahn fuhr nach einigen Minuten weiter, und Mara erreichte das Büro nur drei Minuten zu spät. Ihre Kollegin Nele saß bereits am Nachbarschreibtisch und hielt einen Pappbecher, der groß genug war, um darin kleinere Fische zu züchten. „Du siehst begeistert aus“, sagte sie. Mara zog ihre Jacke aus und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Ich übe für meine Beförderung. Begeisterung gilt hier als verdächtig.“ Nele deutete auf Maras Bildschirm, auf dem bereits vierzehn neue Beschwerden warteten. „Herr Bellmann sucht dich.“ Mara sah zur gläsernen Tür des Teamleiters. „Hat er gesagt, warum?“ – „Nein.“ – „Dann weiß er es vermutlich selbst noch nicht.“ Nele grinste. Sie arbeitete seit drei Jahren mit Mara zusammen und hatte gelernt, deren Kommentare nicht mit Pessimismus zu verwechseln. Mara erwartete durchaus das Beste. Sie wollte nur nicht davon überrascht werden, wenn es wieder einmal ausblieb.
Herr Bellmann wollte über ihre Formulierungen sprechen. Ein Kunde hatte behauptet, der gelieferte Gartenzwerg sehe auf dem Foto freundlicher aus. Mara hatte geantwortet, Gesichtsausdrücke keramischer Figuren könnten produktionsbedingt variieren. Herr Bellmann hielt diese Aussage für sachlich korrekt, aber emotional kühl. „Der Kunde möchte sich verstanden fühlen“, erklärte er. Mara faltete die Hände auf dem Schoß. „Der Kunde führt einen Beziehungskonflikt mit einem Gartenzwerg.“ Herr Bellmann blinzelte. „Genau solche Bemerkungen meine ich.“ – „Die habe ich dem Kunden nicht geschrieben.“ – „Aber gedacht.“ Mara betrachtete ihn. „Dafür bezahlen Sie mir eindeutig zu wenig.“ Das Gespräch endete damit, dass sie mehr Wärme in ihre Antworten einbringen sollte. Sie versprach es. Beide wussten, dass sie log. Manche beruflichen Rituale bestanden hauptsächlich darin, gemeinsam eine offensichtliche Unwahrheit zu respektieren.
Der Vormittag verlief in der üblichen Mischung aus Langeweile und Verzweiflung. Eine Frau wollte Schuhe zurückgeben, weil sie nach zwei Monaten im Regen nass geworden waren. Ein Mann beschwerte sich, dass sein neuer Bürostuhl nicht zu seiner Persönlichkeit passe. Ein anderer Kunde hatte einen Mixer ohne Deckel betrieben und verlangte Schadenersatz für die Suppe an seiner Decke. Mara beantwortete jede Nachricht höflich und ergänzte innerlich die Antworten, die sie gern geschickt hätte. Kurz vor elf flackerten die Lampen erneut. Sämtliche Bildschirme wurden schwarz. Für einen Herzschlag erschienen darauf silberne Zeichen, dieselben verschachtelten Kreise wie in der Straßenbahn. Darunter stand ein Satz, den Mara unmöglich hätte lesen dürfen und dennoch verstand: KANDIDATENSUCHE AKTIV. Dann kehrten die Beschwerden zurück, als sei nichts geschehen.
Im Büro wurde es still. Nele beugte sich herüber. „Hast du das gesehen?“ Mara nickte. „Wenn das Werbung war, möchte ich das Produkt nicht.“ Herr Bellmann kam aus seinem Büro und verkündete, die IT sei informiert. Niemand hatte die IT angerufen, aber er sagte es mit genügend Überzeugung, um die Wirklichkeit zumindest kurz zu verunsichern. Zwei Arbeitsplätze weiter behauptete jemand, es habe sich um einen Hackerangriff gehandelt. Ein anderer Kollege suchte bereits nach den silbernen Symbolen und fand Bilder aus London, Warschau und Kopenhagen. Überall waren sie auf Bildschirmen erschienen. Dazu kamen Meldungen über schwarze Risse am Himmel, Stromausfälle und Uhren, die für mehrere Sekunden rückwärts gelaufen waren. Mara schaute zum Fenster. Draußen hing eine graue Wolkendecke über der Stadt. „Vielleicht hat das Universum ein Update“, sagte sie. Nele fragte: „Und wenn es uns danach neu startet?“ Mara zuckte mit den Schultern. „Dann hoffe ich, es hat vorher ein Backup gemacht.“
In der Mittagspause kauften sie Pommes und setzten sich ans Fenster der Kantine. Nele erzählte von der Geburtstagsfeier am Wochenende und erwähnte dabei auffällig beiläufig einen alleinstehenden Freund ihres Bruders. Er sei nett, koche gern und habe einen sicheren Arbeitsplatz. Mara tunkte eine Pommes in Ketchup. „Das klingt wie eine Anzeige für einen gebrauchten Kombi.“ Nele ignorierte den Einwand. „Er sieht gut aus.“ – „Der Kombi?“ – „Jonas.“ – „Hat er auch TÜV?“ Nele warf eine Serviette nach ihr. Mara fing sie und legte sie ordentlich neben das Tablett. „Ich habe nichts gegen Männer. Ich finde es nur verdächtig, wenn jemand ausdrücklich als nett beschrieben werden muss.“ Nele erklärte, dass Mara irgendwann jemanden kennenlernen müsse. „Müssen ist ein starkes Wort“, sagte Mara. „Ich muss Steuern zahlen und irgendwann sterben. Jonas liegt deutlich unter beiden Prioritäten.“
Trotzdem versprach sie, über die Feier nachzudenken, was in Maras persönlicher Sprache ungefähr dasselbe bedeutete wie eine höfliche Absage mit zeitlicher Verzögerung. Bevor Nele weiterverhandeln konnte, vibrierten sämtliche Telefone in der Kantine gleichzeitig. Auf den Bildschirmen erschien eine Warnmeldung der Behörden: Aufgrund ungeklärter atmosphärischer Erscheinungen sollten die Menschen Ruhe bewahren und geschlossene Räume aufsuchen. Wenige Sekunden später verschwand das Mobilfunknetz. Jemand lachte nervös. Draußen blieb eine Reihe Autos mitten auf der Kreuzung stehen, obwohl die Ampel grün zeigte. Über den Dächern zog sich eine dünne schwarze Linie durch den Himmel. Sie wirkte nicht wie eine Wolke. Sie sah aus, als hätte jemand mit einem Messer in die Wirklichkeit geschnitten und anschließend vergessen, die Klinge wieder herauszuziehen.
Die Geschäftsleitung brauchte weitere neunzig Minuten, um zu entscheiden, dass schwarze Himmelsrisse möglicherweise die Produktivität beeinträchtigten. Dann wurden alle nach Hause geschickt, verbunden mit der Bitte, sich später von dort einzuloggen. Mara las die Nachricht zweimal. „Wenn die Welt untergeht, soll ich also im Homeoffice sterben.“ Nele zog bereits ihre Jacke an. „Vielleicht geht sie nicht unter.“ – „Dann muss ich wirklich arbeiten. Das ist kaum besser.“ Im Treppenhaus drängten sich die Beschäftigten. Manche telefonierten, obwohl ihre Geräte keinen Empfang hatten. Andere diskutierten über Terroranschläge, Magnetstürme und außerirdische Invasionen. Herr Bellmann stand am Ausgang und erinnerte alle daran, Ruhe zu bewahren. Niemand beachtete ihn. Es war vermutlich das erste Mal, dass sein Führungsstil exakt zur Situation passte.
Auf der Straße herrschte ein Durcheinander, das noch keine Panik war, sich aber sichtbar dafür bewarb. Ampeln flackerten, Busse standen quer, und aus der Ferne waren Sirenen zu hören. Über dem Stadtzentrum hing inzwischen ein schwarzer Bogen, dessen Ränder silbern leuchteten. Menschen blieben stehen und filmten ihn. Mara fragte sich, wie viele Katastrophen die Menschheit überleben könnte, wenn ihr erster Instinkt nicht darin bestünde, näher heranzugehen und die Kamera einzuschalten. Nele wohnte in der entgegengesetzten Richtung. Sie umarmten sich kurz und versprachen, einander zu schreiben, sobald das Netz zurückkehrte. „Und geh am Freitag mit zu der Feier“, sagte Nele. Mara löste sich von ihr. „Wenn wir das überleben, suche ich mir etwas weniger Gefährliches. Vielleicht Fallschirmspringen.“
Da weder Straßenbahnen noch Busse fuhren, machte Mara sich zu Fuß auf den Heimweg. Neun Kilometer waren unangenehm, aber machbar, solange keine außerirdischen Kampfmaschinen auftauchten oder ihre Schuhe beschlossen, sich gegen sie zu wenden. Sie kaufte in einem Kiosk eine Flasche Wasser, zwei Schokoriegel und die letzte Tüte Salzchips. Der Verkäufer nahm nur Bargeld, weil das Kartenlesegerät ausgefallen war. Mara bezahlte und sagte: „Gut, dass der Zusammenbruch der Zivilisation noch Kleingeld akzeptiert.“ Der Mann lachte nicht. Manche Menschen besaßen selbst am Rand des Weltuntergangs keinerlei Sinn für Kundenzufriedenheit. Mara steckte die Einkäufe in ihre Tasche und ging weiter, während über ihr das schwarze Leuchten langsam breiter wurde.
Je weiter sie sich vom Zentrum entfernte, desto leerer wurden die Straßen. Vor einem Supermarkt stritten Menschen um Einkaufswagen. Eine Frau trug acht Packungen Toilettenpapier zu ihrem Auto, als plane sie, die Apokalypse auf eine sehr spezielle Weise zu besiegen. Mara ging vorbei, ohne stehen zu bleiben. Ihr Telefon zeigte keinen Empfang, aber der Akku hielt noch. Mehrmals erschien auf dem ausgeschalteten Display das silberne Kreissymbol. Sobald sie genauer hinsah, verschwand es. Beim dritten Mal blieb darunter ein einzelnes Wort stehen: GEEIGNET. „Für was?“, fragte Mara. Das Telefon wurde wieder schwarz. „Ausgezeichnetes Gespräch. Sehr informativ.“ Sie schob es in die Jackentasche und beschleunigte ihre Schritte.
Der kürzeste Weg zu ihrer Wohnung führte durch einen alten Park. Bei Tageslicht war er freundlich genug, sofern man Enten, Jogger und Männer ignorierte, die öffentlich Yoga machten. Nun lagen die Wege leer und dunkel zwischen den Bäumen. Die Laternen waren ausgefallen, und selbst der Regen hatte aufgehört. Mara schaltete die Taschenlampe ihres Telefons ein. Kein Wind bewegte die Äste. Kein Vogel war zu hören. Die Stille fühlte sich nicht friedlich an, sondern aufmerksam. Mara blieb kurz stehen. Ihr vernünftiger Teil schlug vor, umzukehren und den längeren Weg über die Hauptstraße zu nehmen. Der andere Teil erinnerte daran, dass es dort Menschen mit Einkaufswagen gab. Sie entschied sich für den Park. Monster waren zumindest ein noch unbestätigtes Problem.
Nach wenigen Minuten entdeckte sie zwischen zwei Bäumen einen dünnen silbernen Strich. Er stand senkrecht in der Luft, etwa drei Meter hoch, und war so hell, dass Maras Taschenlampe daneben bedeutungslos wirkte. Sie blieb stehen. Der Strich wurde breiter. Dahinter lag keine Landschaft, kein Licht und keine Dunkelheit, sondern etwas, das ihre Augen ablehnten. Die Ränder des Risses bogen sich in falsche Richtungen. Regentropfen schwebten davor, obwohl es längst aufgehört hatte zu regnen. Silberne Zeichen liefen über die Öffnung, und einige davon erkannte Mara von den Bildschirmen. Ihr Telefon vibrierte. ERFASSUNG ABGESCHLOSSEN stand darauf. „Nein“, sagte Mara. Das Wort kam schnell und überzeugend. Der Riss zeigte sich unbeeindruckt.
Ein unsichtbarer Zug erfasste ihre Jacke. Mara wich zurück, doch ihre Schuhe rutschten über das feuchte Laub. Die Tasche wurde ihr von der Schulter gerissen und flog auf die Öffnung zu. Wasserflasche und Schokoriegel verschwanden darin. Die Chipstüte blieb an einem Ast hängen. „Das ist jetzt nicht dein Ernst!“ Mara sprang vor und packte die Tüte, bevor sie ebenfalls verschwand. Im selben Moment verstärkte sich der Sog. Sie klammerte sich mit einer Hand an einen Baum und hielt mit der anderen die Chips fest. Für Außenstehende hätte die Szene vermutlich nicht heldenhaft gewirkt. Aber Außenstehende waren gerade erfreulich knapp. Vor ihren Augen erschienen leuchtende Worte: KANDIDATIN MARA WINTER BESTÄTIGT. TRANSFER WIRD EINGELEITET.
„Ich bestätige gar nichts!“ Mara zog sich näher an den Stamm. Ihre Finger rutschten über die nasse Rinde. Eine zweite Meldung erschien: WIDERSTAND REGISTRIERT. WILLENSKRAFT AUSREICHEND. „Wie nett. Dann lasst mich hier!“ ANTRAG ABGELEHNT. „Ich habe keinen Antrag gestellt!“ KOMMUNIKATIONSPROBLEM ERFASST. Dieses System, wer oder was auch immer dahintersteckte, besaß die Gesprächsführung eines schlecht ausgebildeten Kundendienstes. Mara hätte unter anderen Umständen berufliche Tipps gegeben. Der Ast, an dem sie sich festhielt, brach. Sie wurde rückwärts durch das Laub gezogen, schaffte es noch, dem Riss den Mittelfinger zu zeigen, und verschwand mitsamt ihrer Chipstüte in der Schwärze.
Für einen Augenblick fiel sie durch Farben, die keinen Namen hatten. Erinnerungen blitzten um sie herum auf: Gertrud auf der Fensterbank, Nele mit ihrem riesigen Kaffee, Herr Bellmann und der emotional vernachlässigte Gartenzwerg. Etwas Unsichtbares berührte die Bilder, sortierte sie und legte sie wieder zurück, allerdings gefühlt in der falschen Reihenfolge. Mara versuchte zu schreien, doch ihre Stimme blieb irgendwo hinter ihr. Dann erschien eine letzte Meldung vor ihrem Gesicht: TRANSFER ZUM INTERDIMENSIONALEN TUTORIAL. VORAUSSICHTLICHE ÜBERLEBENSCHANCE: 4,1 PROZENT. Mara klammerte die Chips an ihre Brust. „Vier Komma eins? Ihr seid ja echte Motivationskünstler.“ Danach wurde alles weiß.


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