Erinnerungen an den ersten Augenblick
Erinnerungen rauschten an meinem inneren Auge vorbei. Es waren Erinnerungen daran, wie mich zehn Männer mit Seilen, Stricken und Ketten festhielten und fixierten. Das waren meine ersten bewussten Augenblicke in Soul Society gewesen, an die ich mich erinnern konnte.
Ich schlug damals die Augen nach einem tiefen, tödlichen Schlaf auf und schaute in ein unfreundliches Gesicht. Ich hatte in einem Kornfeld gelegen und mehr als ein Dutzend Männer umringten mich. Zwei von ihnen zerrten mich an den Armen auf die Beine, ein weiterer schrie irgendwas, das ich nicht verstehen konnte und schlug mir ins Gesicht.
Benommen, wie ich war, brachte ich es nicht fertig auszuweichen. In jedem anderen Zustand hätte ich es mit Leichtigkeit gekonnt, das wusste ich irgendwoher, auch wenn ich mich in jenem Moment an nichts erinnern konnte.
Ich schaute zu den Männern hoch. Sie waren alle deutlich größer als ich, ich war immerhin nur ein Kind gewesen. Ich war keine offensichtliche Bedrohung für sie und dennoch kamen die widerlich verzogenen Gesichter der Banditen immer näher.
Dem nächsten Hieb war ich ausgewichen und brachte die Männer, die mich festhielten, zu Fall. Zwei andere schlug ich bewusstlos und entwaffnete vier weitere mit flinken Bewegungen. Aber ich war viel zu langsam, das spürte ich. Meine Sicht war noch verschwommen, es war alles viel zu hell nach der Finsternis zuvor und meine Kraft war eindeutig noch nicht zurückgekehrt… Aber welche Kraft genau mir fehlte, oder wie viel davon, das wusste ich in diesem Moment nicht.
Ein Blitz zuckte mir durch den Schädel und ich verlor für eine Sekunde das Bewusstsein, als mich ein Schlag auf den Hinterkopf traf. Ich sackte zusammen, die Banditen fesselten mich und zogen an den Seilen und Ketten, die mir in die Haut schnitten. Bevor ich mich bewegen konnte, traten sie mich und schlugen mit Stäben auf meinen Rücken, die Beine und die Arme.
Als mir ein besonders fetter Mann auf den Arm stampfte, brach der Knochen unter seinem Gewicht – aber ich schrie nicht. Es tat überhaupt nicht weh. So viele Reize strömten auf mich ein, dass ich rein gar nichts mehr empfand.
Dann huschten schwarze Schatten durch das Feld, auf dem ich lag, und glänzende Schwerter zuckten durch die Luft. Die Banditen rannten so schnell sie konnten, doch einige schafften es nicht, vor den Klingen zu fliehen. Heißes Blut spritzte über mich hinweg und ein dumpfer Aufprall sagte mir, dass der fette Angreifer bei seinem Tod beinahe ein Erdbeben ausgelöst hatte.
„Hier!“, rief eine Stimme ganz in meiner Nähe und ich hörte mehrere paar Schritte auf mich zukommen, doch niemand rührte mich an.
Als ich meine Augen aufschlug, beobachteten mich einige schwarz gewandete Personen, als würden sie darüber nachdenken, was sie mit mir machen sollten.
„Die macht nicht mehr lang. Armes Ding“, sagte eine Stimme.
„Ihr wurde ganz schön übel zugesetzt.“
„Sollen wir ihr das Leid ersparen?“
Ich zuckte einmal vor Schreck. Sie wollten mich doch gewiss nicht töten, wo mir nur ein Arm gebrochen wurde… Aber ich musste fürchterlich aussehen, wie ich in der Blutlache des Fetten lag.
Ich versuchte mich aufzustützen, damit die schwarz gewandeten Krieger sehen konnten, dass ich überleben würde.
„Dein Name“, forderte mich einer schroff auf und sah mich an.
Damals wusste ich ihn nicht. Ich hatte mein vollständiges Gedächtnis verloren.
„Wo… bin ich?“, fragte ich stattdessen.
Die Männer und Frauen in Schwarz tauschten Blicke miteinander.
„Im 80. Distrikt von Süd Rukongai.“
„In der Soul Society“, fügte jemand hinzu.
Ich hatte nur genickt.
„Also bin ich…“
„Tot, genau. Erinnerst du dich an deinen Namen?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Armes Ding“, hatte eine Frau gesagt. „Gerade aufgewacht, stimmt’s?“
Wieder nickte ich.
Eine Hand tätschelte meine Schulter.
„Dann drücken wir dir die Daumen. Leg dich am besten nicht nochmal mit solchen Typen an. Das sind Verbrecher. Sie gehören bestraft für das, was sie den anderen Seelen antun.“
Die Gruppe Menschen machte sich langsam daran, wieder aufzubrechen.
„Was ist denn hier los?“, hatte dann plötzlich eine weitere Stimme gefragt und eine alte Frau war erschienen.
Sie war vollkommen entsetzt über meinen Zustand und hatte sich angeboten, mir zu helfen. Erst später hatte ich mich daran erinnert, dass die Personen in schwarz Shinigami genannt wurden und wie mein Name war.
Die alte Frau hatte mich mitgenommen und in einer kleinen Hütte gesund gepflegt, bis wir gemeinsam aufbrachen, um uns ein, wie sie sagte, passenderes Heim zu suchen.
In Inuzuri, dem 78. Distrikt von Süd Rukongai, hatten wir uns dann niedergelassen und es dauerte nicht lange, bis ich ihr mehr helfen musste, als sie es noch bei mir konnte. Ich hatte sie Großmutter genannt, seit ich ihr das erste Mal begegnet war.
Aufgrund ihres Alters und ihrer Gebrechlichkeit hatten verschiedene Gangs und Banditengruppen versucht, sie zu überfallen.
Die Gruppe, die nun mit dem Rücken zu mir stand, weil sie mich noch nicht bemerkt hatte, schien neu in dieser Gegend zu sein, denn eigentlich wussten inzwischen alle Banditen in Inuzuri, dass sie sich nicht an Großmutter vergreifen sollten, da sie den Kürzeren ziehen würden.
Großmutter hockte auf ihren Knien auf dem kalten, harten Boden, die Hände hinter dem Rücken gefesselt und mit einem dreckigen Tuch geknebelt.
Derjenige, der mir die Momente an meinen ersten Tag in Soul Society ins Gedächtnis rief, war ein besonders fetter Bandit, mit einem scharfen Messer in der Hand, das er auf die alte, hilflose Frau richtete.
Auf der Stelle brodelte der Zorn in mir auf.
‚Warum um alles in der Welt müssen solche Typen immer auf die Alten und Schwachen losgehen?’
Ich trat einen Schritt vor und zog meinen Fuß über den Boden, damit die Männer mich hören konnten, während ich aus dem Schatten trat.
Einige von ihnen drehten sich überrascht um, doch nur die, die mir am Nächsten waren, gingen vorsichtig zur Seite.
„Was wollt ihr hier?“, fragte ich laut und kalt, damit mich alle Anwesenden bemerkten.
Ich erkannte keines der Gesichter, also waren sie tatsächlich neu in der Gegend. Vielleicht sollte ich ihnen eine Chance geben, zu verschwinden…
„Wenn ihr jetzt geht, dann verspreche ich, dass euch nichts geschehen wird. Ihr werdet jedoch nie wieder hierherkommen. Das ist meine Bedingung.“
Verschiedene Laute kamen von den Männern. Manche schnaubten abfällig, einige lachten leise, aber keiner schien meine Warnung ernst zu nehmen. Offenbar freuten sich einige von ihnen auf eine angenehme Gesellschaft in dieser Nacht, wenn man ihre gierigen Blicke bedachte. Aber ich würde sie zutiefst enttäuschen müssen.
Der Dicke, der offenbar der Anführer war, betrachtete mich lange genüsslich von oben bis unten, wobei ihm meine Figur offensichtlich sehr gefiel. Er leckte sich mit der Zunge über die Lippen, als wäre ich ein besonders saftiges Stück Fleisch, das er bald verspeisen würde.
„Vielleicht sollten wir dir versprechen, dass wir dir nichts tun, solltest du freiwillig mit uns kommen. Wir lassen auch die alte Schrulle hier in Ruhe. Meine Männer und ich haben sowieso mehr Gefallen an straffer, junger Haut.“
Ich hob die Augenbrauen.
Inzwischen war ich kein benommenes Kind mehr, wie in meiner Erinnerung. Ich war erwachsen. Etwa achtzig Jahre hatte ich nun schon in Soul Society verbracht und hatte mich an meinen Namen und viele meiner Fähigkeiten erinnert und diese ausgebaut.
Keiner dieser Männer, nicht einmal alle auf einmal, konnten mir auch nur einen Kratzer zufügen, da war ich mir absolut sicher. Und keiner von diesen widerwärtigen Männern konnte mich zu irgendwas bringen, was nicht meinem Willen entsprach.
„Ich sage es ein letztes Mal: Verschwindet und kommt nie wieder her!“, wiederholte ich bemüht ruhig.
Der Anführer nickte seinen größten und breitschultrigsten Männern zu und lächelte in sich hinein.
„Das Kätzchen muss wohl erst einmal ein wenig gestreichelt werden, bevor es zutraulich wird.“
Großmutter seufzte nur traurig, während sie den Kopf schüttelte. Sie wusste ganz genau, wie gut ich mich zähmen ließ.
Ein besonders großer Mann kam auf mich zu und streckte seine riesige Pranke nach mir aus.
Ich hob meine Hand und stoppte ihn.
Verwirrt schaute er zu mir herunter. Dann warf ich ihn zur Seite, wo er mit einem lauten Krachen in die Wand schlug und liegen blieb.
„Verschwindet oder ihr endet alle so wie er“, zischte ich, doch meine Stimme ging in dem allgemeinen Geräusch ziehender Schwerter unter.
Der Anführer war überrascht, doch scheinbar noch mehr angetan von mir als zuvor.
„Ich mag es, wenn sie sich ein bisschen wehren – das ist reizvoller. Greift sie an, aber tötet sie nicht!“
Wie Marionetten stießen die Männer mit ihren Säbeln gleichzeitig auf mich zu und ich sprang in die Höhe, nur um auf ihren im Kreis angeordneten Klingen zu landen.
Anstatt, dass er blass wurde, wie die meisten dummen Banditen, grinste der dicke Anführer noch breiter.
„Ganz schön beweglich…“
Er leckte sich erneut über die Lippen.
Er sah so aus, als würde er sich gerade Dinge oder Situationen vorstellen, in denen meine Beweglichkeit von Vorteil für ihn war und ich spuckte aus, so widerlich war sein Gesicht. Meine Spucke landete einen Schritt vor seinen Füßen, was ihm endlich einmal nicht gefiel.
Bevor er sich jedoch wieder erregenden Gedanken zuwenden konnte, schlug ich mehreren seiner Männer meine Fäuste und Füße ins Gesicht, sodass in kürzester Zeit zehn Männer unsanft auf dem Boden landeten, ich anmutig davor – nur ein paar Schritte von ihm entfernt.
Endlich erstarrte sein Grinsen für einen Augenblick. Dann richtete er sein Messer auf Großmutter und legte ihr die Klinge an die Kehle.
„Komm mit uns, oder deinem Großmütterchen geht es bald nicht mehr so gut. Wenn du brav bist, dann passiert ihr nichts.“
Mein Mundwinkel zuckte.
Zorn loderte in mir auf und ich bewegte mich so schnell, dass nur wenige Seelen mich hätten sehen können.
Der Mann blinzelte überrascht und schaute erst zu seiner Hand, dann zu meiner hinüber. Die Hand, die eigentlich das Messer halten sollte, war leer, meine hingegen nicht.
Panisch versuchte der Fette nach dem Hals von Großmutter zu greifen, um sie zu würgen, doch kaum hatte er die Hände ausgestreckt, vielen sie auch schon zu Boden und er schrie vor Schmerz auf.
„Verbindet ihm die Arme“, sagte ich ruhig zu den Männern, die sich langsam wieder vom Boden aufrappelten.
Barmherzig wie ich war, gab ich ihm nicht den Gnadenstoß, sondern verließ mit Großmutter die Hütte, die wir die vergangenen fünfzig Jahre unser Zuhause genannt hatten.
Ich hatte Großmutter in dem Moment an meine Seite geholt, als ich dem Banditen die Hände abschnitt und ihre Fesseln gelöst hatte.
Der Mann hatte es nicht einmal bemerkt.
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Legende (Sind dir einige Worte/Begriffe unbekannt oder hast du vergessen, was sie bedeuten? Kein Problem! Ein paar ausgewählte Begriffe erkläre ich am Ende der entsprechenden Kapitel nochmal kurz und knapp)
Soul Society: Der Ort, an dem „gute“ Seelen leben, die dort geboren wurden oder nach ihrem Tod in der Menschenwelt übergewandert sind. Ähnlich dem „Himmel“.
Distrikte: Teile von Soul Society sind in 80 Distrikte/Abschnitte unterteilt. Distrikt 1 ist ziemlich human und friedlich, je höher die Zahl wird, desto unbändiger und fürchterlicher sind die Bereiche/Bewohner.
Rukongai: Der Ort, der von den „normalen“ Seelen in Soul Society bewohnt wird. Rukongai erstreckt sich über die besiedelte Soul Society und ist in die vier Himmelsrichtungen unterteilt, die wiederum in jeweils 80 Distrikte eingeteilt sind.
Shinigami: „Todesgötter“, sie sind die Krieger/Kämpfer von Soul Society und gehen auch in die Menschenwelt, um Seelen zu „reinigen“, die dort festhängen, und leiten sie nach Soul Society, wo sie ihr Leben nach dem Tod bestreiten können.
Inuzuri: Name des 78. Distriktes in Süd Rukongai.
- Die Alterung in Soul Society und von Seelen im allgemeinen ist relativ. Sie unterscheidet sich von Seele zu Seele und nach der Stärke der entsprechenden Seele.
- Die Kraft einer Seele ist ebenfalls relativ. Eine starke Seele kann übermenschliche Fähigkeiten, wie Schnelligkeit, Stärke o. Ä. besitzen, auch ohne besonders groß oder kräftig auszusehen.








