1. KAPITEL
„Tut mir leid!“ Marlie starrte erschrocken in das grimmige Gesicht ihres Mitbewohners.
Tyler stand an der Tür ihres Arbeitszimmers, er hatte es nicht einmal geschafft, sein Hemd richtig anzuziehen, und sah aus wie ein Mann, dem gerade eine heiße Nummer vermasselt worden war. Und genau das war passiert – durch ihre Schuld.
„Ich war abgelenkt.“ Marlie deutete auf ihren Computer. „Ich war mit meinen Gedanken ganz bei der Homepage. Dann hatte ich Lust auf einen Snack, und als ich so überlegte, was ich essen soll, dachte ich gar nicht an dich und …“ … deinen Oberkörper.
„Axelle“ , vervollständigte er ihren Satz.
Er starrte sie finster an. Sein Haar war zerzaust, und über seine Wange zog sich eine Spur Wimperntusche. Es war offensichtlich, was er auf dem großen braunen Sofa getrieben hatte – und mit wem –, obwohl Marlie sich sofort umgedreht hatte und wieder nach unten gelaufen war.
Das Ganze war ihr verdammt peinlich. Dazu kam die verstörende Erkenntnis, dass sie ihren Mitbewohner plötzlich in einem völlig neuen Licht wahrnahm. Ihr war durchaus bewusst, dass er objektiv gesehen ziemlich heiß aussah. Er war ein gut gebauter, sportlicher Typ, doch bisher hatte es sie nie interessiert, und gefunkt hatte es auch nicht zwischen ihnen. Ganz abgesehen davon, dass sie sich sowieso vorgenommen hatte, sämtliche Funken sofort zu ersticken, denn so ein Leben ohne brennende Leidenschaft war doch viel unkomplizierter.
Da stand Ty in seiner ganzen Pracht, und trotz ihrer guten Vorsätze weigerte sich der Funke, der soeben aufgeflackert war, zu verglühen.
Sie spürte, wie die Lust sie packte.
Reiß dich gefälligst zusammen! Ty war für sie wie ein Bruder – na gut, vielleicht eher ein Cousin. Sie ließ den Blick über sein Gesicht und seine muskulöse Brust gleiten. Ein entfernter Cousin, angeheiratet.
Tyler Burton war der Sohn enger Freunde ihrer Eltern. Während der vielen gemeinsamen Sommerurlaube in ihrer Jugend hatte er stets die Rolle ihres Spielgefährten und Aufpassers übernehmen müssen. Damals war er ein mürrischer Teenager, jetzt war er ein attraktiver Mann.
Wie praktisch, dass er zurzeit bei ihr wohnte. Zu dumm, dass sie das in den vergangenen achtzehn Monaten nicht ausgenutzt hatte.
Stopp! Marlie unterdrückte das aufkeimende Verlangen und versuchte schnell, sich den schlaksigen Ty aus ihrer Jugend in Erinnerung zu rufen. „Axelle“, wiederholte sie, um wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. Axelle war Tys Freundin und ihre Kundin. Es war Axelles Website, an der sie an diesem Abend arbeitete. Welche Ironie. „Ich habe einfach vergessen, dass ihr oben seid. Als ich euch sah, fiel es mir wieder ein und da …“
„… hast du geschrien.“
„Tut mir leid! Ich hab nichts gesehen, ehrlich.“ Was nicht ganz stimmte. Das Bild des halb nackten Ty und ihrer ebenso spärlich bekleideten Kundin hatte sich ihr deutlich ins Gedächtnis gebrannt.
„Du hast die ganze Stimmung verdorben.“ Er steckte sich das Hemd in die Hose und zog den Gürtel fest.
Marlie fand, dass er für ein zwangloses Essen viel zu schick angezogen war, doch Axelle verstand unter „zwanglos“ sicher etwas anderes als sie. Wahrscheinlich war das so ein Franzosen-Ding. „Das wird wieder. Ich bleibe den Rest des Abends in meinem Arbeitszimmer, versprochen. Ich mache auch die Tür zu.“
Vom oberen Treppenabsatz war ein Geräusch zu hören, und Tyler gab ihr mit einem Blick zu verstehen, dass ihre Diskussion noch nicht zu Ende war.
„Ich bringe Axelle jetzt nach Hause.“
Marlie ging zurück in ihr Arbeitszimmer und schloss die Tür, doch sie hörte die beiden draußen miteinander tuscheln. Sie konnte nicht widerstehen und legte ein Ohr an die Tür.
„Sie geht nie aus“, sagte Ty. Er klang frustriert.
„Hat sie keinen Freund?“, fragte Axelle. „Natürlich nicht, dumme Frage.“
Autsch. Die beiden gingen weg, und Marlie konnte nichts mehr hören.
Autsch nicht, weil sie sich nach Liebe sehnte – sie hatte sich vor drei Jahren von ihrem Verlobten getrennt –, sondern weil sie seitdem eher einfache Aufmachung bevorzugte. Sie benutzte kein Make-up, band ihr wildes Haar stets zum Pferdeschwanz und trug ausschließlich Yoga-Hosen und Tank-Tops.
Na und? Das bekam schließlich niemand mit, außer Ty, und der zählte nicht. Er bemerkte es nicht einmal. Axelle allerdings schon, und das war etwas peinlich. Die Französin hatte ihr eindeutig zu verstehen gegeben, dass zwischen „einfach“ und „schlampig“ ein Unterschied bestand.
Als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte Axelle die neue Speisekarte für das Restaurant vorbeigebracht, das sie mit ihrem Bruder betrieb. Die Frau hatte sie von Kopf bis Fuß gemustert und eine besorgte Miene aufgesetzt.
„Warum hast du nicht gesagt, dass du krank bist? Wir führen die neue Karte erst nächste Woche ein, die Website muss nicht sofort aktualisiert werden. Ab ins Bett mit dir und gute Besserung.“
„Okay“ war alles gewesen, was Marlie herausgebracht hatte. Sie war weder krank gewesen, noch hatte sie im Bett gelegen.
Danach war sie ins Bad gerannt und hatte sich zum ersten Mal seit Monaten gründlich im Spiegel betrachtet. Die Sorge ihrer Auftraggeberin war durchaus begründet gewesen. Später war Axelle sogar noch einmal vorbeigekommen, um ihr eine Gemüsebrühe aus dem Restaurant zu bringen. Vom Duft der Suppe war Tyler nach unten in den Flur gelockt worden. Axelle hatte bei seinem Anblick so strahlend gelächelt, dass er von diesem Moment an völlig neben sich stand.
Marlie seufzte. Diesen dummen Patzer musste sie irgendwie wiedergutmachen. Sie blieb so lange in ihrem Arbeitszimmer, bis das Garagentor mit einem dumpfen Geräusch zufiel.
Sie riss die Tür auf und lief durch den Flur zur Treppe, die in den Wohnbereich führte. Dort blieb sie stehen und starrte den weichen Teppich an, der an dem ganzen Schlamassel schuld war. Ty und Axelle hatten sie nicht kommen gehört, und sie selbst war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie die leise Musik nicht wahrgenommen hatte. Klar, dass ihr Mitbewohner in diesem Moment nicht gestört werden wollte.
Langsam ging sie nach oben. Als Ty zum ersten Mal eine Frau mit nach Hause gebracht hatte, war sie ins Kino gegangen, aber nicht lange genug weggeblieben. Beim nächsten Mal hatte sie mit dem Laptop in ihrem Auto in der Garage gesessen. Leider war sie dabei eingeschlafen, und Ty hatte sie erst am nächsten Morgen entdeckt. Das Haus gehörte ihr, keine Frage, doch auch ihrem Mitbewohner stand Privatsphäre zu. Es war nicht seine Schuld, dass sie keinen anderen Ort hatte, an den sie gehen konnte.
Als Marlie die oberste Stufe erreichte, bemerkte sie auf dem Wohnzimmertisch die Reste des Abendessens, das Ty für Axelle vorbereitet hatte: Bouillabaisse, Brot und Salat. Vielleicht war noch etwas von der Suppe übrig, daher ging Marlie in die Küche und hob den Deckel des Topfes hoch. Volltreffer!
Möglicherweise hatte sie nun ein echtes Problem. Sie lehnte sich an die Anrichte und aß. Dabei überlegte sie, ob Ty so sauer war, dass er ausziehen wollte. Irgendwann würde das sowieso passieren. Er hatte ein Haus gekauft, doch die Arbeiten daran wurden immer wieder verschoben, weil noch nicht alle Baugenehmigungen erteilt worden waren. Im Grunde war sie froh über die Bürokratie und die Verzögerung, die es ihr erlaubten, von der Miete, die er zahlte, ein wenig Geld zurückzulegen. Sollte der Umbau seines Hauses sich noch länger hinziehen, würde sie nach Ty niemanden mehr bei sich aufnehmen müssen, um ihre Hypothek abbezahlen zu können.
Er war ein vorbildlicher Mitbewohner. Da sie in der Jugend viel Zeit miteinander verbracht hatten, wusste sie viel über ihn, ein großer Vorteil. Bis vor Kurzem war er oft geschäftlich für seinen Arbeitgeber, einen großen Ölkonzern, unterwegs gewesen. Die Situation mit Ty hätte nicht besser sein können, doch nun hatte sie womöglich alles verdorben.
Axelle, die das genaue Gegenteil von ihr war, bedeutete ihm viel. Zum einen war sie Französin. Das verlieh ihr eine Kultiviertheit, die sie nie erreichen würde, selbst wenn sie sich Mühe gäbe. Außerdem sah Axelle immer perfekt aus. Tyler stand auf gepflegte Frauen, trotzdem würde sie jede Wette eingehen, dass er schockiert wäre, wenn er wüsste, wie viel Zeit und Geld Axelle in ihre stets gepflegte Erscheinung investierte. Zeit und Geld für Maniküren, Gesichtsbehandlungen, gefärbte Strähnchen und wer weiß was noch für Anwendungen und Fitnesskurse. Axelle nahm all das auf sich, denn als Empfangsdame des exklusiven „Ravigote“, dem Restaurant, das ihrem Bruder und ihr gehörte, erwartete man von ihr eine glamouröse Erscheinung. Marlie seufzte. Das Gourmetrestaurant lag weit außerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten.
Sie hatte gerade das Licht in der Küche ausgemacht, als sie hörte, wie die Hintertür geöffnet und wieder geschlossen wurde. Ty war erst vor einer halben Stunde aus dem Haus gegangen. Er kann doch nicht schon wieder hier sein! In der kurzen Zeit hätte er Axelle gerade einmal absetzen und zurückfahren können.
Marlie blieb in der fast dunklen Küche stehen und hielt krampfhaft ein Geschirrtuch fest. Als Ty zwischen den Streben des Geländers sichtbar wurde, atmete sie erleichtert auf.
„Hey“, sagte er, als er sie sah.
Er war immer noch sauer, versuchte aber, es zu verbergen, und wies mit dem Kopf in Richtung des leeren Wohnzimmertischs.
„Du hättest das nicht aufräumen müssen.“
„Ich weiß, aber ich fand, dass ich dir etwas schuldig bin, und ich wusste auch nicht, wann du zurückkommst.“ Oder ob du zurückkommst.
„Ich kann dort nicht übernachten.“
Ty blickte zum Sofa hinüber. Er hatte immer noch Lippenstift auf der Wange.
„Warum?“
„Weil sie mit ihrem Bruder zusammenwohnt.“
„Ach ja?“
Er warf seine Jacke über einen Stuhl. „Pauls Loft liegt direkt gegenüber vom Restaurant, es war also sinnvoll für Axelle, dort einzuziehen und auf einen Teil ihres Gehalts zu verzichten, bis der Laden richtig läuft.“
„Sehr praktisch.“
„Wir sind zwar alle erwachsen, aber in so einem Loft hört man wirklich alles, und sie ist immerhin die Schwester dieses Typen.“
„Okay, hab schon verstanden.“ Marlie lächelte ihn an. „Ich verspreche dir, dass wir das hinkriegen. Sag mir das nächste Mal Bescheid, dann gehe ich … in irgendein Hotel.“
Er ging an ihr vorbei und öffnete den Kühlschrank. „Das musst du nicht machen.“
Die fahle Innenbeleuchtung schien in sein Gesicht. Er griff nach einer Flasche Bier und öffnete sie. Marlie starrte wie gebannt auf seinen Kehlkopf, als Ty trank.
Hatte sie je auf seinen Hals geachtet? Nein. Warum soll ich auch auf Tyler Burtons Hals achten, um Himmels willen? Doch jetzt konnte sie kaum ihren Blick davon losreißen. Er ließ die Flasche sinken und sah lange zu ihr herüber. Marlie wappnete sich für die Ankündigung, dass er ausziehen werde. Da sie nicht wusste, wohin mit ihren Händen, verschränkte sie die Arme vor der Brust.
Tyler kam auf sie zu. Er lächelte nicht, was seine Lippen viel voller aussehen ließ. Zum Küssen wie gemacht, schoss es ihr durch den Kopf. Schön und weich. Vielleicht benutzte er Lippenbalsam, um sie in diesem Zustand zu halten.
Marlie starrte den Fleck auf Tys Wange an. Sie hatte sicher auch irgendwo Lippenbalsam. Es würde nicht schaden, wenn sie ihn ab und zu mal benutzte, sofern sie daran dachte. In der nächsten Zeit würde sie allerdings niemanden küssen. Erst recht niemanden, der mehr Lippenstift trug als sie.
Ohne den Blickkontakt abzubrechen, blieb Ty vor ihr stehen. Sicher würde er gleich etwas sagen, das sie gar nicht hören wollte. Sie presste die Lippen zusammen. Um keinen Preis würde sie ihn anflehen zu bleiben.
Tyler sah auf die Frau hinunter, die sein Liebesleben schon seit den Sommerferien zwischen der vierten und fünften Klasse auf der Highschool sabotierte. In jenem Sommer war er zum ersten Mal verliebt gewesen, doch da er ständig auf Marlie hatte aufpassen müssen, war aus der Sache nichts geworden. Auch in jedem darauffolgenden Sommer vermasselte sie ihm noch die winzigste Chance auf ein Date. Das einzig Gute war, dass Marlie sich nie in ihn verknallt hatte, deswegen kamen sie einigermaßen miteinander aus.
Vielleicht braucht die erwachsene Marlie einfach einen Freund.
Er betrachtete sie. Sie war nicht sein Typ, aber sie war bereits verlobt gewesen und musste somit der Typ von irgendjemandem sein. Oder war es zumindest gewesen. Jetzt war ihr Haar zerzaust und ihr Gesicht blass und nichtssagend. Die Arme hatte sie um den Oberkörper geschlungen, ihre Hände verschwanden in den Ärmeln des grauen Kapuzenpullis, den sie zu einer unförmigen Hose trug. Ihre alltägliche Aufmachung.
Depressiv war sein Gedanke, und er wunderte sich, wieso es ihm nicht schon längst aufgefallen war.
„Du solltest öfter mal ausgehen“, schlug er ihr vor.
„Ich weiß. Ich hab’ dir ja schon versprochen, das nächste Mal …“
„Nicht meinetwegen. Für dich. Du siehst aus wie ein Maulwurf.“
„Ich gehe raus.“
„Na klar.“ Er zog skeptisch die Augenbrauen hoch. „Was du brauchst, ist Licht.“
„Im Frühling wieder. Jetzt ist Dezember.“
Das war noch so eine Sache. „Wirklich?“ Ty sah sich um. „Wo denn?“
„Wie – wo denn?“
„Na ja, nach Weihnachtsstimmung sieht das hier nicht gerade aus. Dort drüben haben wir Erkerfenster über zwei Stockwerke – ohne Weihnachtsschmuck.“
„Ich mag es eher schmucklos.“
„Schmucklos kannst du es elf Monate im Jahr haben, aber hier gehört ein Baum hin. Wo ist dein Baum?“
„Der wächst noch.“
Sie war tatsächlich depressiv. Das hätte ihm viel früher auffallen müssen. „Warum schmückst du das Haus nicht?“
„Weil ich den Schmuck wieder abnehmen und wegräumen müsste.“
Aus ihrer Stimme klang übertriebene Geduld.
„Ah ja.“
Plötzlich glaubte Marlie zu verstehen. „Ach so, ihr beide, du und Axelle, wollt für Weihnachten schmücken.“ Sie knuffte ihn in die Seite. „Bitte sehr. Tobt euch ruhig aus.“
Ty überlegte. Ein Date zum Schmücken des Baums war gar keine schlechte Idee. Heiße Schokolade mit einem Schuss Kahlúa, ein Feuer im Kamin, Weihnachtsjazz, vielleicht ein paar von diesen Zimtkerzen …
Er vertiefte sich so sehr in die Vorstellung, dass er fast nicht mitbekommen hätte, wie Marlie sich umdrehte und die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer ging.
„Hey.“
Sie blieb stehen und sah zu ihm herunter. In ihren Augen lag keine Neugierde, ihr Blick war völlig ausdruckslos. Er hatte nie viel Zeit darauf verwendet, Marlie Waters anzusehen. Zu vertraut war ihm ihr Anblick.
Zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass es ihr vielleicht auch nicht gefallen hatte, in den Ferien auf ihn angewiesen zu sein. So wie er seit mehreren Monaten auf sie angewiesen war.
Dies war ihr Haus, das er ganz selbstverständlich bewohnte. Als er nach Houston versetzt worden war, hatten seine und Marlies Mutter eingefädelt, dass er bei ihr einzog. War ihr das wirklich recht gewesen? Machte seine Anwesenheit sie depressiv?
Er sah zu ihr hoch und überlegte, ob ihre Miene schon immer so ausdruckslos war.
„Ich bin dir dankbar, dass ich bei dir wohnen kann. Ich weiß, dass ich schon viel länger hier bin als geplant.“ Er suchte in ihrem Gesicht nach einem Hinweis auf ihre Gedanken.
„Schon in Ordnung. Wenn du nicht mein Mitbewohner wärst, müsste ich mir einen anderen suchen.“ Sie ging eine Stufe nach oben und fügte hinzu: „Aber wenn du dich unwohl fühlst, musst du dich nicht gezwungen fühlen, hier zu wohnen.“
Sie schien es ernst zu meinen.
„Ich will aber hier wohnen“, versicherte Ty. „Das Haus hat eine tolle Lage; eine bessere als meins, sollte es denn jemals fertig werden.“
„Deshalb habe ich es auch gekauft. Das ist mein Traumhaus. Ich habe alles selbst ausgesucht, die Farben, die Böden, die Arbeitsflächen in der Küche, den Marmor für den Kamin und die Badausstattung.“ Marlie hob die Stimme. „Ich musste mir über tausend Türknäufe ansehen, bis ich die richtigen gefunden habe.“
„Und sie sind perfekt.“ Er hatte nie darauf geachtet.
Sie legte eine Hand auf das Geländer. „Siehst du das Ahornholz? Das habe ich ausgesucht.“ Sie strich langsam darüber.
„Wunderschön.“ Warum habe ich sie nicht einfach gehen lassen?
Marlie nickte träumerisch. „Der Tischler dachte, ich merke es nicht, wenn er Eiche nimmt, aber ich habe es gemerkt – und sie mussten unser gesamtes Geländer noch einmal anfertigen.“ Sie hielt inne. „ Mein Geländer“, verbesserte sie sich mit leiser Stimme.
Oh nein! Die geplatzte Verlobung. Nein, nein, nein! Nicht weiterreden! Sie hatten nie darüber gesprochen, und es hatte auch kein Grund dafür bestanden. Sollte er das Thema ansprechen, müsste er Tränen und wer weiß was noch über sich ergehen lassen. Marlie war plötzlich blasser und schien irgendwie kleiner geworden zu sein.
Sag einfach Gute Nacht. Jetzt kannst du noch abhauen!
Sie hielt sich krampfhaft am Geländer fest.
Ty stöhnte innerlich auf. Was soll’s, die Nacht ist sowieso schon im Eimer. Er konnte sich genauso gut wie ein Mann verhalten und ihr für ein paar Minuten seine starke Schulter anbieten. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass du verlobt warst, aber sie wusste nicht, was dann passiert ist.“
„Das liegt daran, dass meine Mutter nicht weiß, was passiert ist. Sie konnte es deiner nicht weitererzählen.“ Ihre Unterlippe zitterte. „Nicht einmal ich weiß, was eigentlich passiert ist.“
Nun musste er sich die komplette Geschichte anhören








