Kapitel 1 - Die Wand
Als der Bus weiterfuhr, blieb der Geruch von Diesel einen Augenblick zwischen den Häusern hängen. Dann verschluckte ihn der Nebel. Liv stellte ihre Reisetasche auf den Boden und zog das Handy aus der Manteltasche. Auf dem Sperrbildschirm stand Montag, 19. Oktober. Zwei Wochen zuvor war ihre Grossmutter gestorben. Liv war neunzehn und hatte geglaubt, inzwischen erwachsen genug zu sein, um ein Haus auszuräumen, in dem noch alles nach einem Menschen roch, den es nicht mehr gab.
Eine Nachricht ihrer Schwester wartete auf sie: Bin schon im Haus. Der Schlüssel klemmt immer noch. Du musst beim Drehen die Tür anheben. Darunter folgte eine zweite: Hab Milch gekauft. Und Kaffee. Du bist unausstehlich ohne Kaffee. Liv lächelte und tippte eine Antwort: Bin da. Zehn Minuten. Sie steckte das Handy weg. Auf der anderen Strassenseite war das Gemeindehaus kaum zu erkennen. Über den flachen Stufen brannte eine Lampe, obwohl es erst kurz nach vier war. Ihr Licht endete in einem gelblichen Hof, dahinter verschwand die Fassade.
In ihrer Erinnerung waren die Fenster grösser gewesen. Neben der Treppe hatte ein roter Briefkasten gehangen; vielleicht hatte man ihn inzwischen abmontiert. Die Vermisstenwand stand noch. Seit Liv denken konnte, war in jedem Herbst mindestens ein Kind oder Jugendlicher nicht nach Hause gekommen. Nicht alle waren an Halloween verschwunden, doch immer hatte dichter Nebel über dem Ort gelegen. Die Erwachsenen hatten von Unfällen im Moor gesprochen, von Ausreissern, manchmal auch von Verbrechen. Auf keinem der Plakate stand, welche Erklärung am Ende bewiesen worden wäre.
Sie hatte gehofft, jemand hätte sie inzwischen entfernt. Das Glasdach hing schief über der langen Holztafel neben der Bushaltestelle. Wasser tropfte von einer Ecke auf einen Stoffhasen, der zwischen erloschenen Grablichtern sass. Sein Fell war grau geworden. Ein Ohr lag im nassen Laub. Liv hob ihre Tasche auf. Sie musste an der Wand vorbei, wenn sie zum Haus wollte.
Auf den ersten Zetteln standen Namen, die ihr nichts sagten. Die jungen Gesichter gehörten Kindern, von denen manche kaum älter als dreizehn waren: eine Schülerin mit fester Zahnspange, ein Junge im Fussballtrikot, ein Mädchen, dessen Foto offenbar aus einem Klassenbild ausgeschnitten worden war. An seinem linken Arm war noch die Hand einer anderen Person zu sehen. Überall standen dieselben Fragen: Wer hat sie gesehen? Wer kann Angaben zu seinem Aufenthaltsort machen?
Bitte melden Sie jeden Hinweis. Zwischen zwei Suchplakaten hing eine durchsichtige Hülle mit einem handgeschriebenen Brief. Du kannst immer nach Hause kommen. Egal, was passiert ist. Die Tinte war an einer Stelle verlaufen. Liv wandte den Blick ab, blieb aber stehen. Weiter unten erkannte sie ein Gesicht. Zunächst war es nur ein unangenehmes Gefühl von Vertrautheit. Dann erinnerte sie sich an einen abgebrochenen Schneidezahn und daran, wie der ältere Junge auf dem Schulhof die Ärmel seines Pullovers über die Hände gezogen hatte. Er hatte manchmal auf sie gewartet, wenn ihre Grossmutter sie nicht selbst abholen konnte.
Jonas. Er hatte in der Mühlengasse gewohnt, zwei Strassen vom Haus ihrer Grossmutter entfernt. Einmal hatte er ihr ein Fahrrad repariert, mit einer Geduld, die sie damals beinahe wütend gemacht hatte. Sie wollte fahren. Er bestand darauf, auch noch die Bremse einzustellen. Liv stellte die Tasche wieder ab. Auf dem Foto trug er den grünen Pullover, an den sie sich erinnerte. Die Überschrift nannte seinen Namen und sein Alter: JONAS WINTER, 15 JAHRE. Sie las die Zeile darunter zweimal: Vermisst seit dem 16. Oktober 2026.
Vor drei Tagen. Liv berührte den unteren Rand des Blattes. Das Papier war glatt, die Druckerschwärze kräftig. Selbst die Reisszwecken glänzten. Das konnte nicht stimmen. Jonas war verschwunden, als sie ein Kind gewesen war. Sie erinnerte sich an Erwachsene in der Küche ihrer Grossmutter. An leise Gespräche, die abbrachen, sobald sie hereinkam. Später hatte jemand gesagt, er sei weggelaufen. Sie zog ihr Handy heraus und öffnete die Kamera.
»Das bringt nichts.«
Liv fuhr herum. Eine Frau stand wenige Schritte hinter ihr. In der Hand hielt sie ein kleines rotes Grablicht, geschützt unter dem aufgeschlagenen Kragen ihres Mantels. Liv hatte sie nicht kommen hören.
»Entschuldigung?«
Die Frau sah auf das Handy.
»Die Spiegelung. Mit Blitz erkennt man die Gesichter nachher kaum.«
Sie war älter, als Liv beim ersten Blick gedacht hatte. Um ihren Mund lagen tiefe Falten. Ihre Finger waren rot vor Kälte.
»Ich wollte nur das Datum fotografieren.«
Der Blick der Frau wanderte zu Jonas.
»Kannten Sie ihn?«
»Von früher.«
Die Frau sagte nichts.
»Hier muss ein Fehler sein«, erklärte Liv. »Er ist schon viel länger weg.«
Unter dem Glasdach löste sich ein Tropfen und fiel auf den Hasen. Die Frau stellte das Grablicht neben ihn. Sie richtete es sorgfältig aus, bis es gerade stand.
»Sind Sie wegen der Beerdigung hier?«
Liv senkte das Handy.
»Ja.«
»Elses Enkelin.«
Es war keine Frage. Liv nickte. »Liv.« Für einen Moment sah die Frau sie direkt an. Dann griff sie nach dem Stoffhasen und schob ihn weiter unter das Dach.
»Ihre Grossmutter hat immer nach den Kerzen geschaut«, sagte sie. »Wenn der Wind sie umgeworfen hat.«
Liv wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Ihre Grossmutter hatte ihr davon nie erzählt.
»Meine Schwester und ich räumen ihr Haus aus.«
»Ihre Schwester ist auch hier?«
»Mara. Sie ist heute Morgen gekommen.«
Die Frau zog ihren Mantel enger.
»Dann lassen Sie sie heute Abend nicht allein nach draussen.«
Liv wartete auf eine Erklärung. Stattdessen blickte die Frau zur Strasse. Im Nebel waren die gegenüberliegenden Häuser inzwischen verschwunden.
»Wegen des Wetters?«
»Man verläuft sich leicht.«
»Wir kennen den Ort.«
Die Frau strich mit dem Daumen über den Deckel des Grablichts.
»Ja«, sagte sie. »Das haben die anderen auch.«
Sie ging, bevor Liv etwas erwidern konnte. Bald hörte man nur noch ihre Schritte. Dann verstummten auch die. Liv fotografierte Jonas’ Suchplakat ohne Blitz. Auf dem Display war alles deutlich zu erkennen: sein Gesicht, der grüne Pullover, das falsche Datum. Sie schickte das Bild an Mara. Erinnerst du dich an den? Irgendwas stimmt mit dem Plakat nicht. Die Nachricht wurde zugestellt. Liv hob ihre Tasche auf und folgte der Strasse bergauf.
An der Kreuzung vor der Kirche nahm sie wie früher den schmalen Weg an der Friedhofsmauer entlang. Das war kürzer. Hinter dem schmiedeeisernen Haupttor lagen frische Kränze unter einer Eibe. Weiter hinten standen die Grabsteine in ordentlichen Reihen. Der kleine Seitenfriedhof begann hinter einer niedrigen Hecke. Als Kind hatte Liv geglaubt, dort seien nur Kinder begraben, weil die Steine kleiner waren. Erst später hatte ihre Grossmutter ihr erklärt, dass diese kleinen Gräber leer waren.
Manche Menschen brauchen einen Ort, an den sie gehen können, hatte sie gesagt. Auch wenn da keiner ist? Ihre Grossmutter hatte lange gebraucht, um zu antworten. Gerade dann. Liv verlangsamte ihre Schritte. Durch die Gitterstäbe sah sie einen schmalen Stein mit einer blauen Windmühle davor. Die Flügel drehten sich nicht. Dahinter lag das kleine Eisentor, das zum alten Pumpwerk führte. Es stand offen. Eine Kette hing bis auf den Boden.
Liv erinnerte sich an das Tor als etwas, über das man nicht klettern durfte. Ihre Grossmutter hatte sie einmal so heftig davon weggezogen, dass ihr Arm danach wehgetan hatte. Aus dem Nebel dahinter kam ein metallisches Geräusch. Ein einzelner Schlag. Liv blieb stehen. Wasser tropfte irgendwo in gleichmässigen Abständen. Dann hörte sie etwas, das wie Schritte auf Kies klang. Ihr Handy vibrierte. Mara hatte geantwortet. Welches Plakat? Liv öffnete das Foto.
Jonas war verschwunden. An der Stelle, an der sein Gesicht gewesen war, zeigte das Bild ein leeres weisses Blatt. Name und Datum fehlten ebenfalls. Die vier glänzenden Reisszwecken waren noch da. Sie vergrösserte die Aufnahme, bis die Ränder unscharf wurden. Hinter dem offenen Friedhofstor knirschte Kies.
»Liv?«
Die Stimme kam vom Weg zum Pumpwerk. Es war die Stimme ihrer toten Grossmutter.








