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Der Schatten ihrer Träume

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Zusammenfassung

Molly Potts ist eine ganz normale junge Frau, die mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf mitten im Nirgendwo lebt. Trotz ihres friedlichen Leben fühlt sie das große Bedürfnis zu gehen, irgendwo hin, wo sie was erleben kann, statt vor Langeweile zu sterben. Ihr monotones Leben wird aber schnell aus dem Ruder gebracht, als sie und ihr Bruder etwas entdecken, das ihr ganzes Leben durcheinanderbringen wird. Und wer ist diese Frau, die ständig in ihren Träumen auftaucht?

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
33
Rating
5.0 8 Bewertungen
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1

Meine Familie lebt in einem kleinen Dorf im Nirgendwo, mit mehr Schafe als Menschen. Es sind meine Mutter, mein Vater, mein älterer Bruder und zu guter Letzt, ich. Ich bin, wie meine Mutter immer sagt, ein zierliches Mädchen. Meine kleine Statur und meine großen braunen Rehaugen sind der Beweis für Mutters Beschreibung. Mein Bruder ist das komplette Gegenteil, er ist gebaut wie ein Bär. Riesig, mit langsamen Bewegungen, er kann aber kämpfen wie niemand anders.

Versteht mich nicht falsch, er ist ganz und gar nicht gewalttätig, aber in so einem kleinen Dorf, mit vielen alten Leuten und Farmern, kommt es schnell zu Diebstahl oder Einbruch. Wer wird dann gerufen? Sicherlich nicht die vier alten Männer, die hier als Polizei verkleidet herumstolzieren, sondern mein Bruder, der die Mistkerle einfängt und bewegungsunfähig prügelt. Als Gegenleistung bekommt unsere Familie von dem Farmer frisches Gemüse, Eier und sonstiges Zeugs, was man halt so auf einer Farm findet.

Ich hingegen bin dazu verdonnert, mich um die Schafherde des Dorfs zu kümmern. Nicht nur muss ich auf diese Kissen auf vier Beinen aufpassen, ich muss auch immer jemanden mitnehmen, und dieser jemand ist mein Bruder. Nur, weil ich einmal eingeschlafen bin und nicht bemerkt habe, wie einige Schafe abgehauen sind. Es ist ja nicht meine Schuld, dass es ein langweiliger Job ist!

Nun, so sehr stört es mich auch wieder nicht, dass er mitkommt, ich verbringe gerne Zeit mit ihm.

«Beweg deinen lahmen Hintern hierher, Brutus! Noch langsamer und du kannst mein Grab buddeln, wenn du ankommst!»

Ich kann sein Keuchen von weitem hören. Leider ist die Weide, auf der die Schafe grasen, auf der anderen Seite eines Hügels. «Schrei nicht so rum, Molly!» meckert er.

Ich verdrehe die Augen und setz mich auf einen riesigen Stein, die Herde vor mir. Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Schafe sind ruhig, ich schließe die Augen und genieße den frischen Wind, der mir meine dunklen Haare aus dem Gesicht weht.

«Hast du sie gezählt?»

Und das war’s auch schon mit der Ruhe. Ich öffne die Augen und habe Brutus vor mir, der noch krampfhaft versucht, nach Luft zu schnappen.

«Weißt du», sage ich und schließe wieder die Augen.

«Etwas weniger Gewicht zum Tragen und du würdest nicht mehr so rum keuchen.»

Er ist nicht fett, nur zu muskulös, und Muskeln machen einen Körper auch schwer.

Er brummt nur: «Hast du die Schafe gezählt Molly?» Ich schmeiße dramatisch den Kopf nach hinten «Ja, habe ich, sie sind noch alle da» Er nickt zufrieden und dreht sich zur Schafherde um.

Eine angenehme Ruhe fiel zwischen uns und ich genieße es rundum. Brutus ist nicht ein Mann vieler Worte und ich bin eine Frau, die viel zu sagen hat, deswegen übernehme ich oft das Reden für beide. Mama meint, dass ich sehr meiner Tante ähnele, während Brutus das Spiegelbild unseres Großvaters ist. Ich kann mich leider an keinen von beiden erinnern, als ich sie das letzte Mal sah, war ich drei und unsere Eltern sich entschlossen hatten, hier herzuziehen, also schon fast 18 Jahre her.

Brutus war damals acht, also erinnert er sich an mehr. Er erzählt mir öfter über unser altes Haus und alle Freunde, die wir zurückgelassen haben, über unsere Tante, die deswegen nicht mehr mit uns redet und über alles, was er in diesem Ort unternommen hätte. Und jetzt sind wir dazu verdonnert, in dieser Einöde zu verrotten. Brutus könnte seine Sachen packen und gehen, ich habe zu viel Schiss. Aber jedes Mal, wenn ich dieses Thema erwähne, meint er, dass er uns nie im Leben allein lässt und dass er, trotz der großen Umstellung, sich hier wohlfühlt.

Äußerlich konnten wir nicht verschiedener sein. Ich habe braune Augen, seine sind stahlblau, ich habe lange braune Locken, seine Haare sind kurz und blond wie unsere Mutter. Er hatte sich einmal einen Bart wachsen lassen, aber nachdem ich ihm erzählt hatte, wie viele Keime da drin ein Zuhause finden würden, hatte er ihn schnell wieder abrasiert. Jetzt sieht er halb so beängstigend aus ohne Bart, aber es stand ihm wirklich nicht, auch wenn es ihn wie ein richtiger Schafhirte aussehen ließ. Da wir schon bei Schafe sind, uns um diese Schafe zu kümmern, war die Idee unseres Vaters, er meint, es würde mein Verantwortungsgefühl stärken. Was er aber nicht wusste, und ich es ihm auch nie sagen werde, ist, dass diese Viecher mich hassen, so, wie ich sie hasse. Tiere und ich kommen nicht miteinander klar, ich habe es öfter versucht und wurde aus Dank gebissen. Brutus hingegen wurde von jedem Tier, dem er begegnet, geliebt, vielleicht liegt es an seiner ruhigen Art, keine Ahnung. Was aber stimmt, ist, dass sogar die bissige Betsy ihn mag, und dieses Schaf ist der Teufel auf Erden. Seit dem ersten Tag verehrt sie Brutus, frisst ihm sogar aus der Hand. Bei mir hingegen heißt es „Komm näher und ich beiße dir in dein Hinter”, und das jedes Mal.

Ich genieße immer noch die schöne Luft und fange an, einzuschlafen, als Brutus meinen Arm stupst: «Molly?» flüstert er mir zu: «Du hast gesagt, du hast sie alle gezählt, oder?» Ich spüre, wie er langsam aufsteht.

«Ja, habe ich. Leider ist Betsy auch noch da» Ich freue mich am Gedanken das dieses dämliche Schaf eines Tages nicht mehr da sein wird. Aber ich merke dass Brutus nicht so gelassen ist. «Dann hast du den Mann mitten in der Herde bemerkt?» Ich reiße meine Augen auf und schaue mich suchend um.

Da, tatsächlich, mitten in der Herde steht ein Wildfremder und scheint wie erstarrt. Er hat den Mund weit aufgerissen, aber keine Töne kommen raus.

«Den sehe ich zum ersten Mal», sage ich verblüfft. Ich stehe auf und will zu ihm. Brutus kommt mir aber zuvor.

«Bleib hier, ich schaue nach» und so macht er sich auf den Weg zum Mann. Etwas ist komisch an der Situation, wieso haben wir ihn nicht gehört, wieso sind die Schafe so gelassen, wieso steht er da wie erstarrt, und wieso habe ich so ein ungutes Gefühl bei der Sache.

«Sir?» Brutus stand jetzt ein paar Meter vor dem Mann, aber der schien ihn gar nicht zu bemerken.

«Entschuldigung?»

Nichts. Keine Reaktion. Brutus dreht sich zu mir um und zuckt mit den Achseln.

«Rüttle ihn ein wenig», schreie ich ihm zu, aber er kommt nicht dazu, weil der Kopf des Mannes sich ruckartig in meine Richtung dreht. Ich zucke zusammen und er rast auf mich los. Ich sehe noch wie Brutus aufschreit und versucht ihn zu packen, aber ausrutscht.

«Molly! Lauf!»

Brutus ist kein schneller Läufer, also verlässt er sich darauf, dass ich losrenne, um in Sicherheit zu gehen, aber ich sehe, dass er immer wie schneller auf mich zukommt und erstarre.

Er kommt näher und näher und meine Beine bewegen sich einfach nicht, ich spüre, wie Tränen drohen herauszukommen. Ich war noch nie gut in Stresssituationen, ich habe immer auf Brutus vertraut, dass er mir aus der Patsche hilft. Aber Brutus kann mir diesmal nicht helfen, also tue ich das, was mein Vater mir immer sagt, ich vertraue meinen Instinkten.

Ich renne dem Mann entgegen, bis ich nah genug bin, dann ducke ich mich und ramme ihn mit meiner ganzen Kraft. Er fliegt über mich hinweg und landet, mit einem lauten Knall, mit dem Rücken zu Boden und bewegt sich nicht mehr. Ich schaue ihn verdutzt an und spüre plötzlich eine Hand auf meiner Schulter. Ich schreie auf, drehe mich um und versetze dem armen Brutus einen Schlag ins Gesicht.

«Oh mein Gott, erschrecke mich doch nicht so!», sage ich, während er sich das schmerzende Gesicht hält. Er zeigt auf den am Boden liegenden Mann, dann auf mich und streckt mir den Daumen hoch.

«Nicht schlecht, Tiger,» sagt er, während er sich noch die Nase hält. Ich strecke voller Stolz meine Brust raus und lache triumphierend.

Er verdreht die Augen und läuft um mich herum zum Fremden. Ich stolziere ihm hinterher und als mein Blick auf den Mann fällt, hält mein Atem an. Er ist farblos, nicht bleich, sondern farblos. Seine Haut ist grau, seine Haare genauso. Es sieht aus, als hätte ihm etwas die Farbe ausgesaugt. Brutus stupst ihn an, aber nichts passiert. Ich halte mir schockiert die Hände vor den Mund.

«Habe ich ihn etwa getötet? Bin ich eine Mörderin? Musst du mich jetzt verhaften? Ich bin nicht gemacht für ein Leben im Knast! Was tun wir jetzt?!» Ich schüttle entsetzt Brutus Arm, der lacht nur und schüttelt den Kopf.

«Erstmals bringen wir ihn runter ins Dorf und stecken ihn in eine Zelle.»

Ich neige meinen Kopf hin und her und denke darüber nach. «Ich weiß nicht, und wenn er dann im Dorf Amok läuft? Das können wir nicht riskieren.»

Aber Brutus hört mir mal wieder nicht zu und hat den Mann schon auf seine Schulter gepackt und ist losgelaufen. Dann halt auf seine Art.

Im Dorf angekommen, übergab Brutus den Mann der sogenannten „Polizei”, es war ein Haufen alter Knacker, die Brutus all die Arbeit machen ließen, und sie schlossen ihn in eine Zelle. Ich versuche ihn zu überzeugen, uns den Mann richtig anzusehen, da er jetzt hinter Gitter ist, aber Brutus meint, dass es nicht mehr unser Problem ist, er sei keine Gefahr mehr.

Wir waren wieder zu Hause und ich erzähle unseren Eltern was passiert ist. «Noch dazu, als ich genauer hinsah, war dieser Mann grau, er hatte graue Haut! Richtig farblos!» Meine Mutter schlürft ihren Kaffee weiter und mein Vater sieht mich unsicher an.

«Vielleicht hattest du die Sonne in den Augen und deswegen sah er grau aus.» versucht er zu erklären.

Ich runzle die Stirn und schaue Brutus erwartungsvoll an. Er verschluckte sich kurz an seinen Apfel und fängt an zu reden: «Sie sagt die Wahrheit, Pa. Seine Haut war grau und ich sah, dass seine Augen auch keine Farbe hatten, sie waren komplett weiß.» Das scheint sie zu beeindrucken, denn sie tauschen sich einen beängstigenden Blick aus.

«Gut, hören wir jetzt auf mit diesem Gespräch.» verkündet Mama. «Ich bekomme schon Gänsehaut davon.» Sie schüttelt ihre Schultern kurz und wendet sich dann zu mir. «Molly, liebes, sind die Schafe wieder in ihrem Stall?» Jetzt bin ich die, die sich verschluckt. Ich habe diese Viecher vollkommen vergessen!

Ich lache, verlege, und schaue sie mit großen Augen an: «Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte, wenn ich dir jetzt sagen würde, dass ich es vollkommen vergessen habe?» Unser Vater steht langsam auf und schleicht sich davon. Sie setzt ihr Kaffee langsam ab, stützt ihren Kopf auf einer Handfläche und sagt: «Nun, wenn du wirklich das einzige, um das ich dich gebeten habe, vergessen hast, dann werde ich von morgen an vergessen, deine Wäsche zu waschen und dein Essen zu kochen.» Sagt sie mit so einer ruhigen Stimme, dass sogar Brutus die Luft anhält.

«Und du, junger Mann, ich kann verstehen, dass es ein aufregender Tag war, aber das ist einer der Gründe, wieso du mitgehen sollst, um zu verhindern, dass sie so etwas Wichtiges vergisst.» Er nickt.

«Jetzt geht und tut, was ihr tun müsst.» Wir stehen auf und machen uns wieder auf den Weg zu diesen verflixten Viechern.

Ich schaue zu, wie die letzten Schafe langsam in den Stall laufen und Brutus sie leise zählt. Ich sehe mich um und bemerke, dass die Sonne schon fast am Untergehen ist. Wie die Zeit doch vergeht, wenn man Spaß hat. Ich grinse vor mich hin und höre Brutus schwere Schritte. Er hält bei mir an und sagt mir mit ernster und besorgter Stimme: «Ich glaube Betsy fehlt.» Jetzt strahle ich.

«Nein, wie schade.» Sage ich mit falscher Trauer. «Ich werde diese Bestie nicht vermissen.»

Brutus ignoriert mich einfach und dreht seinen Kopf zur Wiese. «Ich geh sie suchen.» Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, tu es aber nicht. Ich weiß, wie sehr er an ihr hängt, sie war das erste Tier, das er hier kennengelernt hatte, er hat ihr auch den Namen gegeben.

Stattdessen laufe ich ihm einfach schweigend hinterher. Wir laufen den Hügel rauf und Brutus fängt an, sie zu rufen, ich tu es nicht, weil sie nie zu mir kommt, und wenn sie es tut, ist es nur um mich zu beißen.

Ich schaue mich stattdessen um, und falls ich sie sehen würde, rufe ich einfach Brutus.Wir laufen an dem Stein vorbei, auf dem wir gesessen sind und machen uns auf den Weg zur Wiese, auf der die Schafe heute waren. Keine Spur von der bissigen Betsy und ich fange an, mir ein bisschen Sorgen zu machen. «Siehst du sie?» frage ich Brutus. Er ist auf der anderen Seite der Wiese. «Ich bin mir nicht sicher.»

Ich runzle die Stirn. «Was soll das denn heißen?» Und laufe zu ihm rüber. Brutus scheint etwas anzusehen, also schaue ich auch in die Richtung. In der Mitte der Wiese steht etwas Graues, es schaut starr ins Nichts, mit der Schnauze weit offen.

«Denkst du, dass das...?» Brutus antwortet nicht, aber ich kann in seinem Blick sehen, dass er das Gleiche denkt wie ich. «Scheiße», flüstert er.

Es ist die gute alte Betsy, aber mit dem Unterschied, dass sie genauso farblos ist wie der Mann, den wir gefunden hatten. «Was machen wir jetzt?» Frage ich ihn. Er dreht sich zu mir um und sagt: «Wir nehmen sie natürlich mit.» Ich sehe ihn entsetzt an. Hat er komplett den Verstand verloren?

«Machen wir ganz sicher nicht! Hast du gesehen, wie dieser Kerl war?! Und das ist Betsy! Sie ist schon von Natur aus so! Stell dir vor, was das bedeutet!» Schreie ich ihn an.

Er brummt nur, und läuft auf sie zu. Ich versuche ihn am Hemd zu ziehen, aber er läuft einfach weiter, als wäre ich Luft. Ich lasse los und stampfe mit dem Fuß.

Er stupst Betsy an, aber sie bewegt sich nicht, also nimmt er sie einfach in die Arme. Er positioniert sie so, dass sie nicht rutscht, dreht sich um und läuft los zum Stall. Als aber mein Blick, der von Betsy streift, scheint sie wieder voll da zu sein, denn sie fängt an zu zappeln, und zwar recht aggressiv.

«Halt sie fest!», schreie ich ihn an.

«Versuch ich ja!» schreit er zurück.

Betsy fängt an zu schnappen. «Versuch es besser!», schreie ich wieder. Ich entscheide mich, mich hinter einem Stein zu verstecken, denn ich möchte nicht ihr Ziel werden. Sobald ich im Versteckten bin, hört Betsy abrupt auf.

«Was soll das,» frage ich.

«Ich wusste, dass sie mich nicht mag, aber das ist zu viel.»

Ich komme aus meinem Versteck raus und wie auf Kommando fängt sie an, sich aus Brutus Griff befreien zu wollen. Brutus schaut mich verdutzt an.

«Bleib da stehen, ich will etwas probieren.»

Ich nicke und er dreht sich um. Sobald Betsys Kopf nicht mehr in meine Richtung zeigt, bewegt sie sich kaum. Dann dreht er sich wieder um und das ganze Theater fängt wieder an. Gezappel, Schnappen, und so weiter.

«Du bist es,» sagt Brutus schon fast amüsiert. Ich halte mir die Hand auf die Brust «Ich bin was?» frage ich.

«Keine Ahnung, aber jedes Mal, wenn ich mich zu dir drehe, dreht sie völlig durch. Schau», er dreht mir den Rücken zu. «Ruhig» dann drehte er die Bestie wieder zu mir und die fängt wie besessen an zu zappeln

«Durchgeknallt.» sagt er mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Er wiederholt das Ganze noch ein paar Mal, wie ein Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hat. Beim dritten Mal habe ich die Schnauze voll, ich verziehe das Gesicht und sage schroff: «Hör auf mit dem Scheiß, und bring sie endlich in den Stall, du Riesenbaby.» Er hält an, den Rücken zu mir gedreht. Ich verschränke die Arme und warte. Er schaut kurz über seine Schulter zu mir, brummt etwas und läuft los.

Brutus hat die bissige Betsy sicherheitshalber in einen separaten Stall gebracht, da wo wir normalerweise die Gebärenden bringen, hat abgeschlossen und dann sind wir nach Hause.

Jetzt liege ich im Bett, Augen offen, kein Funke Müdigkeit in meinem Körper. Ich richte mich auf und schaue aus dem Fenster.

Heute war so ein komischer Tag.

Zuerst dieser farblose Kerl, der versucht hatte, mich umzubringen, glaube ich zumindest, dann auch noch Betsy. Ich wusste schon immer, dass Betsy mich nicht leiden konnte, aber nie bis zu diesem Punkt. Aber das, was mich am meisten zu denken gibt, war, dass Brutus recht hatte. Sie schien aus einem Grund auf mich zu reagieren. Sie war besessen von Brutus Griff loszukommen, um zu mir zu gelangen. Mir läuft ein Schauer den Rücken hinunter. Ich entscheide mich, nicht mehr darüber nachzudenken und versuche, einzuschlafen. Ich lege mich hin und schließe die Augen.

Dieser Mann stand vor meinen Augen, Mund aufgerissen, er will mir etwas sagen, aber nichts kommt raus. Ich mache einige Schritte rückwärts, aber laufe gegen eine Wand. Ich drehe mich um und sehe, dass da keine Wand ist, aber etwas lässt mich nicht weiter.

Er ist jetzt so nahe, er streckt seinen Arm aus und packt mich, rüttelt mich. Ich versuche mich zu befreien, aber sein Griff ist stark. Er kommt immer näher, ich kann schon seinen Atem fühlen. Dann sagt er «Arke».

Ich wache auf, schweißgebadet. Das Atmen fällt mir schwer, ich versuche krampfhaft nach Luft zu schnappen. Ich sitze eine Weile auf dem Bett, entscheide mich, aufzustehen und auf Zehenspitzen mein Zimmer zu verlassen. Ich halte bei Brutus Tür an, klopfe leise und warte auf eine Antwort, aber nichts passiert.

Ich halte mein Ohr an die Tür und kann sein lautes Schnarchen hören. Ich seufze, dann eben auf die harte Tour.

Ich öffne die Tür und schleiche mich zum Bett hinüber. Er liegt da, friedlich, unwissend über das, was er gleich erleben wird. Ich stecke mir einen Finger in den Mund, lächle nervös

«Wird schon schiefgehen…» und ohne nachzudenken, ramme ich ihm den nassen Finger ins Ohr.

Er schreckt auf und ich ziehe den Finger abrupt raus. Seine Augen weit offen, alarmiert schaut er sich um, bis sein Blick auf mich landet. Ich winke ihm zu.

Mit einem lauten Stöhnen lässt er sich wieder aufs Bett fallen. «Was zum Teufel willst du?» presst er zwischen den Zähnen hervor.

«Nun ja...» sage ich verlegen. Wie kann ich ihn sanft fragen, ob er mit mir den Mann aufsuchen kommt, der mich fast umgebracht hat? Ich öffne den Mund, doch er kommt mir zuvor. «Hattest du einen Albtraum?» fragt er.

Ich entscheide mich, es ihm nicht zu erzählen, es würde ihm nur Sorgen bereiten, also schüttle ich den Kopf. Er lächelt

«Gut»

Er packt mein Arm und zieht mich ganz nah zu sich: «Wieso verdammt noch mal hast du mich dann geweckt?!» schnaubt er mich an. Ich ziehe meinen Arm zurück.

«Ich wollte fragen, ob du mit mir in die Polizeiwache einbrichst, um mit dem Mann zu sprechen, den wir heute Morgen gesehen haben!» sage ich in einem Atemzug. Ich bin fest entschlossen, da hinzugehen, und wenn er nicht mitkommt, gehe ich einfach allein. Auch wenn sie mich wegen Einbruch hinter Gitter stecken, ich bin darauf vor- «Okay»

Ich schaue ihn überrascht an. Er steht gelassen auf, streckt sich kurz und zieht sich an. Er läuft zur Tür, schaut mich an und zeigt raus in den Flur: «Wollen wir oder nicht?» Ich nicke schnell und laufe an ihm vorbei, so leise und schnell wie es geht, er stampft mir hinterher.

«Hast du nie was von Schleichen gehört?» Flüstere ich ihn wütend an. Er zuckte mit den Schultern und öffnet die Haustür für mich «Nach Ihnen»

Ich strecke ihm die Zunge aus und laufe raus in die kalte Nacht.

Die sogenannte Polizeiwache ist ein Haus, größer als die restlichen Häuser. Die Zimmer wurden umgebaut, um wie Zellen auszusehen, also nicht wirklich vertrauenswürdig. Brutus steht davor, Hände in den Hosentaschen, während ich schon die dritte Runde um das Gebäude mache, um einen Eingang zu finden.

Ich seufze laut, als ich hoffnungslos bei Brutus anhalte. Er schaut zu mir runter und hebt fragend eine Augenbraue. Ich schüttle entmutigt den Kopf.

Es gab keinen Eingang, der nicht irgendwie Klettern oder Fenster zerstören beinhaltet, und ich bin keine begabte Kletterin und genügend Kraft, um ein Fenster kaputtzumachen, habe ich auch nicht. Brutus ist ein Koloss, der sich schon krampfhaft Leitern hoch zerrt, und beim Fenster wäre er einfach zu laut.

Ich schaue zu, wie er zur Tür geht. Er schaut sie lang an, als würde er sie studieren.

Er streckt die Hände aus, knackt jeden einzelnen Knöchel seiner Finger und dann greift er in seine Tasche und zieht einen kleinen Bündel Schlüsseln raus.

Mein Mund hängt jetzt weit offen. Nachdem er einen Schlüssel ausgesucht hat, schiebt er in das Schlüsselloch, dreht ihn ein paar Mal, öffnet die Tür und tritt gelassen rein. Ich stehe wie versteinert da, bis ich ihm nicht hinterher stampfe.

«Du hattest einen Schlüssel?! Wann wolltest du mir das sagen?!» Schrei ich ihm an. Er dreht sich um und hält sich einen Finger vor dem Mund, um mir zu sagen, dass ich leise sein soll. Ich schlage ihm die Hand weg.

«Ich bin dreimal um dieses verflixte Gebäude gelaufen! Wie ein Vollidiot! Und du hattest einen Schlüssel!» Schrei ich weiter. Er verdreht die Augen: «Du hast nicht gefragt.» sagt er kurz. Das kann doch nicht sein Ernst sein?!

Ich schließe die Augen und atme tief ein. Ich muss mich wieder beruhigen, ich weiß, wie er ist, ich hätte nichts anderes erwarten sollen. Ich fange trotzdem an zu schmollen, das zieht nämlich immer. «Du hättest es mir aber sagen können...» sage ich, während ich auf den Boden schaue. Ich höre ihn seufzen und muss schmunzeln. Ich hab’s gewusst, schmollen funktioniert eben immer.

«Das nächste Mal sage ich es dir bei der zweiten Runde um das Haus, okay?» sagt er sanft und streichelt mir über den Kopf. Nicht, was ich wollte, aber er hat sich entschuldigt. Gut, weiter im Text.

Wir müssen die Zelle des Mannes finden.

Ich zeige Brutus, dass er vorausgehen soll, und er tut es. Vor uns steht ein langer Gang mit jeweils fünf Zellen auf jeder Seite. Brutus hält bei der letzten Rechts an. «Hier ist er,» sagt er gelassen. Irgendwie glaube ich, dass ich die einzige bin, die aufgeregt ist.

«Und?» Frage ich nervös. «Wie reagiert er?»

Brutus schüttelt den Kopf. «Nichts», ich atme tief ein, um mich zu beruhigen. «Ich komme jetzt zu dir.»

Und mache mich langsam auf den Weg. Mit jedem Schritt pocht mein Herz lauter. Brutus schaut mir zu, wie ich mich im Schneckentempo nähere. In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie so starke Angst. Ich weiß auch nicht wieso, er ist ja hinter Gitter und schlimmstenfalls ist ja Brutus da. Ich möchte mich so gern jetzt umdrehen und nach Hause gehen, aber etwas zog mich dahin, als würde es mich rufen, mich anflehen, da hinzugehen.

Endlich vor der Zelle, drehe ich mich um, damit ich den Mann betrachten kann, der mir meinen Schlaf genommen und mich hierher gebracht hat. Er sitzt am Boden, Beine und Arme angekettet aus Angst, er würde wieder Kontrolle verlieren, das Gesicht zum Boden gerichtet.

«Was willst du jetzt tun?»

Brutus Stimme zieht mich aus meinen Gedanken. Ich schaue zu ihm hoch und sage mit voller Ehrlichkeit: «Keine Ahnung». Wir drehen uns beide wieder zum Mann. Ich reiße mich zusammen und tippe mit dem Finger auf den Stahl, dass uns trennt «Entschuldigung?» Als er meine Stimme hört, zuckt sein ganzer Körper mit voller Kraft.

Er hebt sein Kopf und schaut mich mit seinen farblosen Augen an. Jemand hat ihm sein Mund bedeckt. Ich erschrecke mich und packe Brutus Hand.

«Willst du wieder nach Hause?» fragt er mich. Ich schüttle den Kopf. «Ich will zu ihm rein,» sage ich ganz leise. Mit einem Ruck dreht Brutus mich um «Hast du jetzt komplett den Verstand verloren?» ich zucke mit den Schultern «Wahrscheinlich» Er streicht sich mit der Hand über sein Gesicht.

«Na gut.»

Er schiebt mich zur Seite und öffnet die Zellentür. «Könntest du ihm das Klebeband vom Mund nehmen?» Er schaut mich mit aufgerissenen Augen an, stöhnt laut und tut, um was ich ihn gebeten habe.

Jetzt stehe ich vor dem farblosen Fremden.

Er hat sein Mund weit offen, als würde er schreien, aber nichts kommt raus. Brutus steht in der Tür, aber noch nah genug, falls etwas passieren würde. Der Mann zerrt an den Ketten mit ganzer Kraft und schaut mich flehend an.

«Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber» fange ich an. Ich drehe mich kurz zu Brutus, um mich zu vergewissern, dass er noch da ist. Er lehnt gelassen gegen die Tür, gut.

Ich drehe mich wieder zum Mann «Aber ich habe Sie in meinem Traum gesehen, und sie haben mir etwas gesagt» fahre ich fort. Er scheint nicht darauf zu reagieren.

«Sie sagten „Arke” zu mir. Was ist das?» Er schaut mir direkt in die Augen und krächzt ein Wort: «Verräterin».

Ich schaue verblüfft rüber zu Brutus, der nur die Achseln zuckt. Den kann man auch nie überraschen.

«Was meinen Sie damit?» frage ich den Mann.

«Sie ist eine Verräterin! Und sie wird sich an alle rächen, die sie in die Verdammnis gebracht haben!» Schafft er aufzustöhnen. Das Reden schien ihm schwer zu fallen, aber ich muss mehr wissen.

«Was habe ich damit zu tun?» frage ich unsicher. Aber er konnte mir nicht antworten, seine Augen rollten nach hinten und er fing an zu schreien.

«Chrysopteros!» krächzt er heraus.

«Was bedeutet das?» frage ich verwirrt.

«Chrysopteros» wiederholt er, aber diesmal energischer.

«Ich weiß nicht, was du meinst,» sage ich verzweifelt.

Ich spüre wie Brutus mich beim Arm packt. «Gehen wir.»

Ich schüttle aber den Kopf. «Molly,» ruft mich Brutus wieder. Ich drehe mich zu ihm, um ihm zu widersprechen, aber da sagt er es wieder

«Chrysopteros»,

er wiederholt es immer wie häufiger

«Chrysopteros, Chrysopteros, Chrysopteros»

Ich halte mit dir Ohren zu.

«Molly!» Brutus ruft nach mir, aber mein Kopf pocht und alles, was ich höre, ist die Stimme des Mannes, die immer hektischer und lauter wird. Ich halte mit dir Ohren zu, mit der Hoffnung, seine laute Stimme abzudämpfen.

«Chrysopteros!» seine Stimme wird schriller.

Brutus der immer noch meinen Arm hält, rüttelt mich, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich höre, wie er mich ruft, aber das Geschrei des Mannes übertönt alles, sogar meine Gedanken.

«Chrysopteros! Chrysopteros! Chrysopteros!»

Ich halte es nicht mehr aus.

«HÖR AUF!» Schreie ich.

Meine Stimme hallt in der ganzen Zelle, und es wird ruhig. Als ich meine Augen öffne, sehe ich, wie der Mann vor mir den Kopf nach hinten schmeißt. Aus seinem Mund kommen widerliche Geräusche und plötzlich, vor meinen Augen, fängt sein Körper an anzuschwellen. Es schwillt, und schwillt, und schwillt immer weiter. Ich und Brutus bewegen uns nicht, ich habe sogar aufgehört zu atmen. Die Geräusche, die aus ihm kommen, sind schrecklich, ich kann hören, wie sich seine Haut langsam dehnt, wie Leder, der zu straff gezogen wird.

Ich will nur noch weg, aber meine Beine bewegen sich nicht.Und dann passiert es. Mit einem lauten Knall, platzt sein Körper, wie ein Ballon, in tausend Stücke.

Ich verdecke mein Gesicht mit meinen Händen und schließe meine Augen ganz fest. Meine Beine geben nach und ich falle zu Boden.

«Molly! Um Himmel Willen, geht’s dir gut?!» Brutus kommt zu mir gerannt. Ich muss wohl schrecklich aussehen, denn Brutus Gesicht wird ganz bleich. Ich schaue herab auf meine Hände, die ich als Schild benutzt habe und erwarte, Blut oder sogar Hautfetzen zu sehen, aber stattdessen sind sie voll mit- «Farbe?» sage ich verblüfft.

Ich schaue Brutus an. Er sieht aus, als würde er gleich kotzen. Ich schaue ihm über die Schulter. Das ganze Zimmer sieht aus, als wäre ein Regenbogen explodiert. Ich spüre, wie Brutus mit dem Zipfel seines Hemd meine Wange putzt, aber seine Hände zittern. Ich sehe ihn an und merke, wie aufgewühlt er ist.

«Alles okay?» frage ich ihn.

Seine Augen schießen zu mir hoch «Alles okay?! Du fragst, ob alles okay ist?!» sagt er gereizt.

«Ein Mann ist gerade vor meinen Augen explodiert und meine Schwester ist bedeckt mit Blut! Nein, nichts ist okay!» Ich schaue ihn verwirrt an.

Blut? Ich sehe aber kein Blut.

Ich schaue wieder auf meine Hände. Ja, eindeutig Farbe. Aber wieso sieht er sie nicht?

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als wir ein Rütteln am Eingang hören. Ich halte mein Atem an. Jemand ist ins Revier gekommen und es wird ihm nicht gefallen, was er sehen wird.«Wir stecken in der Scheiße».

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author

sehr sehr Spannend, Sehr gut Auch formuliert weiter so 😎

2 Jahre
1
author

wirklich schön geschrieben

2 Jahre
1
author

Ich blicke nicht mehr durch.😟

8 Monate

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