Kapitel 1: Die Konfrontation im Büro
Die Luft in der obersten Etage von Lampel & Co. war dünn, still und roch dezent nach teurem Zedernholz und Baustahl.
Jennavive Brooks glättete ihren anthrazitfarbenen Blazer nicht, als die Aufzugtüren aufglitten. Sie warf keinen Blick auf ihr Spiegelbild in der Glaswand. Wenn ein Mensch fünf Sommer in absoluter Dunkelheit überlebt hat, verschwendet sein Nervensystem keine Energie mehr auf soziale Nettigkeiten.
„Miss Brooks?“ Olivers Sekretärin stand auf, ihre Hand schwebte sofort über dem Bürotelefon. „Mr. Lampel ist in einer geschlossenen Sitzung mit dem Creative Board. Wenn Sie keinen Termin haben –“
Jennavive würdigte sie keines Blickes. Sie ging an dem Schreibtisch vorbei, ihre Absätze trafen in einem rhythmischen, militärischen Takt auf den polierten Betonboden, der keinen Raum für Diskussionen ließ. Sie stieß die schweren Eichentüren des Eckbüros mit der Schulter auf.
Der Raum dahinter war weitläufig und in das graue Nachmittagslicht der Bucht von San Francisco getaucht. Am anderen Ende eines massiven Teakholzschreibtischs stand Oliver Lampel.
Elf Jahre hatten aus dem breitschultrigen College-Schwimmer eine imposante Firmenfestung gemacht. Er war fast zwei Meter groß, ein Mann mit maßgeschneiderten Konturen und scharfen Kanten. Seine haselnussbraunen Augen waren gerade auf ein Trio von Account Executives gerichtet, die kurz vor der Ohnmacht zu stehen schienen.
„Raus“, sagte Jennavive. Ihre Stimme war nicht laut. Das musste sie auch nicht sein.
Die Executives schauten nicht sie an; sie schauten zu Oliver.
Oliver blinzelte nicht. Sein Blick blieb starr auf Jennavives scharfen saphirblauen Augen. Er bemerkte das leichte, kaum wahrnehmbare Zittern an ihrem Kiefer – ein verräterisches Zeichen, das er vor zwölf Jahren in einem Hörsaal in Berkeley gelernt hatte. Ein Zeichen dafür, dass sie bereit war, die Welt mit ihren Zähnen in Stücke zu reißen.
„Gehen Sie“, befahl Oliver. Sein tiefer Bariton durchschnitt die Anspannung im Raum.
Die Executives stürmten hinaus und schlossen die schweren Türen hinter sich. In dem Moment, als die Falle einrastete, wurde die Stille zwischen den beiden Rivalen schwer, heiß und uralt.
„Wem verdanke ich das Vergnügen, Jennavive?“, fragte Oliver und lehnte sich gegen die Kante seines Schreibtischs. Er verschränkte die Arme vor der Brust, das perfekte Bild unternehmerischer Arroganz. Er sah nicht aus wie ein Mann, dessen Herz nur durch chirurgische Fäden und einen Mafia-Vertrag zusammengehalten wurde. „Falls es um den Vanguard-Account geht: Dein Pitch war drei Tage zu spät. Ich habe ihn bekommen.“
„Es geht nicht um Vanguard, Oliver. Und du kannst den Account behalten.“ Jennavive trat vor, bis nur noch ein Meter Abstand zwischen ihnen lag. Sie griff in ihre Ledertasche.
Für den Bruchteil einer Sekunde wurde Olivers Körper starr. Seine Hand zuckte in Richtung seiner Schreibtischschublade. Er war bereits einmal von seinem eigenen Blut angeschossen worden; er wusste, wie schnell der Tod kommen konnte.
Doch Jennavive zog keine Waffe. Sie ließ einen schweren, gepolsterten Umschlag auf das Teakholz fallen. Er landete mit einem dumpfen, nassen Aufprall.
„Was ist das?“, fragte Oliver, während seine Augen zu dem Päckchen wanderten.
„Mach es auf.“
Oliver streckte die Hand aus und riss mit seinen langen Fingern die Oberseite des Umschlags auf. Er kippte ihn nach vorne.
Ein USB-Stick rutschte heraus. Daneben fiel ein Büschel graues, blutverklebtes Fell auf den Tisch, zusammen mit einem Halsband, an dem ein kleines silbernes Schild mit der Aufschrift *Sven* hing.
Oliver stockte der Atem. Sein Verstand katalogisierte sofort die Beweise. Sven. Die Hauskatze, die sie während ihres dritten Studienjahres gerettet hatte. Das Tier, mit dem sie früher in ihrer kleinen Wohnung gesprochen hatte, wenn sie dachte, niemand würde zuhören.
„Er lag heute Morgen auf meiner Veranda“, sagte Jennavive. Ihre Stimme war in ein erschreckend ruhiges Register gefallen. „Das Genick war gebrochen. Es war kein Blut auf der Treppe, also muss es woanders passiert sein. Und das hier war am Boden des Kartons festgeklebt.“
Sie tippte auf den USB-Stick.
Oliver nahm den Stick. Er steckte ihn in seinen eleganten Monitor, den Rücken zu ihr gekehrt. Er klickte auf die einzige Videodatei.
Der Bildschirm leuchtete auf. Die Aufnahme war dunkel, aus einer erhöhten Perspektive gefilmt, aber die Qualität war unverkennbar. Es war ein Schlafzimmer. Ein prunkvoller Raum im Stil der 1920er Jahre mit schweren Samtvorhängen. Auf dem Bett war Jennavive völlig außer sich, ihre roten Haare wild, ihr Körper in einer urtümlichen, verzweifelten Ekstase mit zwei Männern, deren Gesichter hinter Masken verborgen waren.
Olivers Blut gefror in seinen Adern.
Er kannte diesen Raum. Er besaß diesen Raum. Er hatte vor sieben Nächten hinter dem Einwegspiegel im Schrank gestanden und ihr dabei zugesehen, wie sie diese austauschbaren Männer benutzte, damit ihr Trauma ihren Verstand nicht zertrümmerte. Aber *diese* Aufnahme stammte nicht von seinem Spiegel. Der Winkel war anders. Sie stammte von einem Rauchmelder an der Decke.
Jemand hatte seinen Zufluchtsort verwanzt.
„Du hältst dich für clever, nicht wahr?“, Jennavives Stimme durchschnitt seine Lähmung.
Oliver drehte sich langsam um. Sein Gesicht war eine Maske aus Stein, aber in seinem Inneren hämmerte sein geschädigtes Herz wie ein gefangener Vogel gegen seine Rippen. „Jennavive –“
„Lüg mich nicht an!“, fuhr sie ihn an und trat einen Schritt näher. Ihr kleiner Körper vibrierte vor Wut. „Vor elf Jahren habe ich dir gesagt, dass die Hölle zufrieren müsste, bevor ich dich wieder an mich ranlasse. Seit sieben Jahren benutze ich dieses Hotel, weil es der einzige Ort in dieser gottverlassenen Stadt war, an dem ich mich sicher genug fühlte, um die Kontrolle zu verlieren. Der einzige Ort, an dem niemand meinen Namen kannte. Und du hast ihn die ganze Zeit besessen.“
Sie lachte, ein bitterer, hohler Ton. „Du hast sieben Jahre lang dabei zugesehen, wie ich den Verstand verlor. Du hast das Videomaterial gesammelt. Und jetzt, wo meine Agentur deine Marktanteile übernimmt, willst du es benutzen, um mich zu vernichten. Du hast meine Katze getötet, um zu beweisen, dass du meine Sicherheitsvorkehrungen umgehen kannst, und du hast mir das hier geschickt, um zu beweisen, dass du mein Leben ruinieren kannst.“
Oliver sah sie an. Er sah die wilde, abwehrende Panik hinter ihren saphirblauen Augen. Sie hielt *ihn* für das Monster. Sie glaubte, das hier sei ein Komplott zur Vernichtung ihres Unternehmens.
Sie hatte keine Ahnung, dass Oskar Underwoods *Draugr*-Söldner versagten, die Grenzen sauber zu halten. Sie hatte keine Ahnung, dass der Schatten ihrer Vergangenheit – sein Cousin Titus, der Meister – sie schließlich in San Francisco aufgespürt hatte.
„Mein eigenes Schicksal ist mir egal, Oliver“, flüsterte Jennavive, ihre Wut brach plötzlich auf und enthüllte den rohen, blutenden Kern darunter. „Veröffentliche das Video. Erzähl der Presse, dass die brillante Jennavive Brooks eine Nymphomanin ist, die mehrere Männer braucht, um durch die Woche zu kommen. Lass sie mich durch den Dreck ziehen. Aber in dem Moment, in dem meine Firma pleitegeht, verschwindet die Finanzierung für das Brooks Sanctuary. Diese Mädchen – diese Teenagerinnen, die denselben Kellern entkommen sind wie ich – werden nirgendwo mehr hingehen können. Sie werden innerhalb eines Monats wieder auf der Straße landen.“
Sie lehnte sich schwer auf seinen Schreibtisch, ihr Gesicht nur Zentimeter von seinem entfernt. „Hier ist mein Angebot. Wir fusionieren. Lampel & Co. schluckt Brooks Advertising. Du bekommst meine gesamte Kundenliste. Du bekommst das gesamte Firmenkapital. Und du bekommst mich. Seit elf Jahren willst du mich in deinem Bett haben. Jetzt kannst du mich haben. Legal, vertraglich, wann immer dein Körper danach verlangt. Aber das Brooks Sanctuary bleibt für die nächsten zwanzig Jahre voll von der Muttergesellschaft finanziert, unberührt und unantastbar.“
Sie holte scharf und abgehackt Luft. „Haben wir einen Deal, du Bastard?“
Oliver stand vollkommen still. Die schiere Wucht ihres Missverständnisses war erschütternd, aber er konnte ihr nicht die Wahrheit sagen. Wenn er ihr erzählte, dass sein Cousin Titus ihm vor elf Jahren ins Herz geschossen hatte, wenn er ihr sagte, dass Titus derjenige war, der dieses Video geschickt hatte, würde sie fliehen. Sie würde versuchen, die kalifornische Mafia allein zu bekämpfen, und am Ende wäre sie tot.
Er musste sie in seiner Nähe behalten. Er musste seine Arme um sie legen, auch wenn sie ihn dafür hassen würde.
Oliver schloss langsam seinen Laptop. Er rückte seine Krawatte zurecht und sah auf sie herab. Das Haselnussbraun in seinen Augen wurde dunkel, schwer von einem Besitzanspruch, der seit über einem Jahrzehnt in ihm schwelte.
„Die Fusion ist akzeptabel“, sagte Oliver, seine Stimme völlig frei von Emotionen. „Das Mädchenheim erhält fünf Prozent unseres Bruttoumsatzes, garantiert durch einen Blind Trust. Du kannst es nicht anfassen, und ich auch nicht.“
Jennavive ließ einen Atemzug los, den sie anscheinend seit Tagen angehalten hatte. Ihre Schultern sackten ab. „Gut. Setz die Papiere auf. Ich werde heute Abend in deinem Hotel sein. Zimmer 402. Du kannst deine erste Zahlung abholen.“
Sie drehte sich um, um zu gehen, aber bevor ihre Finger den Messing-Türgriff berühren konnten, stoppte sie Olivers Stimme wie ein körperlicher Schlag.
„Ich habe nicht gesagt, dass ich *deine* Bedingungen akzeptiere, Jennavive.“
Sie erstarrte und drehte den Kopf leicht über die Schulter. „Was?“
Oliver ging um den Schreibtisch herum, seine massive Statur nahm das Licht des Fensters weg. Er blieb direkt hinter ihr stehen, ohne sie zu berühren, aber nah genug, dass sie die Hitze spüren konnte, die von seiner Brust ausging.
„Ich will dich nicht in Zimmer 402“, murmelte Oliver mit rauer Stimme. „Ich will keine transaktionale Nutte, die mich hasst, während ich mir nehme, was ich will. Wenn wir das durchziehen, wird mehr als nur ein Hotelzimmer zwischen uns stehen.“
Jennavive drehte sich ganz um, ihr Rücken gegen die schwere Eichentür gepresst. „Was willst du, Oliver?“
„Du wirst mich daten“, sagte er. „Öffentlich. Privat. Du wirst in mein Haus in Pacific Heights ziehen. Du wirst bei den Galas an meinem Arm erscheinen. Wenn ich dich zum Abendessen ausführe, wirst du mich ansehen, nicht an mir vorbei. Du wirst mir eine echte Beziehung geben, Jennavive. Fünf Jahre lang wirst du mir im Licht gehören, nicht nur in der Dunkelheit.“
Jennavive starrte ihn an, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Sie sah den Mann an, von dem sie glaubte, dass er ihre Katze getötet und ihr ihre Würde geraubt hatte. Ihr Leben war ein Pulverfass, ein Ziel, das so grell auf ihren Rücken gemalt war, dass sie die Hitze förmlich spüren konnte.
*Lass ihn es versuchen*, dachte sie bitter. *Lass ihn mich in seine Welt ziehen. Die Explosion kommt sowieso. Der Meister oder Oliver – wer mich zuerst umbringt, ist egal, solange die Mädchen in Sicherheit sind.*
„Gut“, flüsterte Jennavive, ihr Kinn trotzig erhoben. „Wir daten. Aber Gott steh dir bei, Oliver Lampel, wenn uns das Feuer einholt.“









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You got me drawn in.. 😛😜🤪😝
a very intriguing start