1. Zwischen Stress und Verlust
Die Enten im Wasser vor mir quaken munter vor sich her, schwimmen ihre Runden und tauchen ab und zu immer wieder unter, wobei ihr Schwänzchen über Wasser bleibt. Von der Bank aus werfe ich kleine Apfelstücke zu ihnen, welche sie sofort zu schnappen versuchen. Untereinander jagen sie sich.
Die Sommerhitze ist heute noch ätzender und die Luft ist noch schwüler als schon die letzten Frühsommertage, was mich jedoch nicht davon abhält hier zu sitzen und auf den riesigen See zu starren. Dadurch das die Bank eher im Schatten der Bäume liegt, bekomme ich glücklicherweise nicht allzu viel Sonne auf den Kopf. Ein Sonnenstich wäre das Letzte was ich jetzt noch gebrauchen könnte.
Nachdem ich noch einige Obststücke in das Wasser werfe, direkt vor die Enten, richte ich mich nach einigen Stunden das erste Mal wieder auf und blicke auf mein Handy. Es ist bereits spät, aber noch einigermaßen hell und Busse fahren auch noch.
Am ZOB bekomme ich nur knapp den Bus, ansonsten hätte ich noch eine halbe Stunde warten müssen auf den nächsten zu mir nach Hause.
Ich setze mich in die hinterste Reihe und stecke mir Kopfhörer rein, nachdem die ersten Musikklänge in meine Ohren kommen, habe ich sofort das Bedürfnis mitzusingen, wie so oft schon. Nach einigen Minuten, in denen ich aus dem Fenster geblickt habe, löse ich mich aus meiner Starre und bemerke sogleich das ich an der nächsten Bushaltestelle aussteigen muss. Gemächlich stehe ich auf und begebe mich zur Tür. Ich drücke die Taste und nach nicht einmal einer Minute bleibt der Bus stehen.
Ohne weiter auf meine Umgebung zu achten, steige ich aus dem vollen Bus aus und laufe sofort in einen jungen Mann hinein. Ich schaue kurz zu ihm auf, bevor ich leise eine Entschuldigung zu Stande bringe.
Sturmgraue Augen betrachten mich und bleiben weiterhin an meinem Gesicht hängen. Sein Blick ist durchdringend und beinahe emotionslos bis seine Augen kurz aufzublitzen zu scheinen. Gleich darauf bildet sich ein Grinsen auf seinen Lippen. Genau zu dem zwinge ich mich auch und eile dann schnell weiter.
„Adalyn, das war mal wieder total daneben!", rügt mich meine innere Stimme.
Ich gehe den restlichen Weg von der Innenstadt in einige Seitengassen, bevor ich dann doch recht rasch vor dem Gebäudekomplex meiner Eltern stehe. In diesem befindet sich genauso meine drei Zimmer Wohnung. Mein Nachbar kommt mir prompt in dem Moment aus dem Haus entgegen und hält mir die Eingangstür auf.
„Dankeschön!"
Lächelnd verschwinde ich im Inneren und besteige einer der drei Treppen, bevor ich dann vor meiner Wohnungstür stehe und diese öffne. Eine angenehme Kühle kommt mir entgegen. Die Tür lasse ich hinter mir ins Schloss fallen und schließe dann zuallererst die Fenster in der Küche. Die warme Frühsommerluft, welche den ganzen Tag über geherrscht hat, kühlt inzwischen ziemlich ab.
In der Zwischenzeit hatte ich mich nun endlich mit einer Tasse Tee und einer gemütlichen Kuscheldecke auf die Couch gesetzt. Ich öffne den Thriller, den ich gestern begonnen hatte zu lesen, und verliere mich in den Worten des Autors.
Ich merke gar nicht wie die Zeit dahin fliegt und schaue schließlich doch noch auf meinen Handybildschirm. Die Fünf-Prozent-Warnung strahlt mir entgegen, genauso auch die Uhrzeit. Wir haben es weit nach Mitternacht und ich muss morgen um halb neun im Büro sein.
Bevor ich es von der Couch zum Bett schaffe, schlafe ich schon ein.
Hektisch wache ich nach wenigen Stunden Schlaf, halb auf dem Wohnzimmerboden, auf und schaue gestresst auf die Uhr.
Kurz vor acht. Mein Handy ist leer und als ich auf die Spiegelung des Bildschirms blicke, entdecke ich die Abfärbung meiner Mascara unter den Augen.
Mit einer Verspätung von zwanzig Minuten durch Stau und eventuellem nicht auf die Uhr schauen, komme ich im Büro an. Mein Handy konnte ich teilweise noch im Auto laden, bevor ich meinen Büroraum stürme und eilig den PC anschalte.
Inmitten des Tastaturklapperns vibriert mein Handy schon beinahe durchgehend und hinterlässt eine Menge Nachrichten, sowie verpasste Anrufe.
Meine spießerhafte Chefin wirft immer häufiger mahnende Blicke durch die geöffnete Tür meines Büros. Kurz husche ich in den Flur und besorge mir eine Tasse Kaffee.
Erschöpft lasse ich mich in meinen Bürostuhl sinken, während das Tastaturklappern weiterhin die einzige Geräuschkulisse ist. Die verpassten Anrufe und Nachrichten wollen mich nicht in die Arbeit versinken lassen. Inmitten dieses Chaos taucht eine dringende E-Mail auf meinem Computerbildschirm auf - ein Projektbericht, welcher meine sofortige Aufmerksamkeit erwartet.
Ich versuche, mich auf die Arbeit zu konzentrieren, doch die aufdringlichen Blicke meiner Chefin lassen keinen Raum für Ruhe. Entschlossen gehe ich erneut durch die Türzarge, dieses Mal bereit, die unvermeidliche Standpauke entgegenzunehmen.
„Entschuldigen Sie die Verspätung", murmle ich, ohne ihr einen direkten Blick zu gönnen. Ein kurzes Nicken ihrerseits signalisiert, dass ich mich auf dünnem Eis bewege. Die folgenden Stunden verlaufen wie ein hektischer Sturm aus Telefonaten, Meetings und Dringlichkeiten.
Zwischendurch werfe ich verstohlene Blicke auf mein Handy, das weiterhin unablässig vibriert. Die Nachrichten darauf versprechen nichts Gutes. Die Bürotür öffnet sich erneut, und meine Chefin steht da, diesmal mit einem unübersehbaren Stapel Dokumente in der Hand. „Das können wir nicht länger ignorieren", sagt sie streng, und ich ahne, dass der Tag noch lange nicht vorbei ist.
Widerwillig setze ich mich an meinen Schreibtisch und beginne, die stapelweise Arbeit zu durchforsten.
Die Nachrichten auf meinem Handy häufen sich weiter, und ich wage einen kurzen Blick darauf. Im gleichen Augenblick folgt ein dringender Anruf von einem wichtigen Kunden, der auf eine Lösung für ein akutes Problem wartet. Mein Puls steigt, und ich widme mich diesem sofort.
Inmitten des Gesprächs öffnet sich erneut die Bürotür. Diesmal betritt mein Kollege, ein Technikexperte, mit einem ernsten Gesichtsausdruck den Raum. „Wir haben ein schwerwiegendes Serverproblem", sagt er knapp. Panik macht sich breit, und ich spüre, wie sich der Druck auf meine Schultern erhöht.
Die nächsten Stunden vergehen wie im Zeitraffer, während wir versuchen, die aufgetretenen Schwierigkeiten zu bewältigen. Meine Chefin behält dabei jeden Schritt im Auge, und ich versuche, den schwindenden Raum für Fehler zu minimieren.
Als die Uhr endlich auf Feierabend zusteuert, bin ich erschöpft, doch die drängenden Anliegen sind noch nicht alle gelöst. Mit einem resignierten Blick auf mein vibrierendes Handy frage ich mich, wie ich diesen Tag überleben werde.
Vollkommen erschöpft verlasse ich das Büro, die turbulenten Ereignisse hatten es heute in sich. Die Nachmittagssonne taucht die Straßen der Stadt in goldenes Licht, während ich mich auf den Weg zu den Bushaltestellen mache.
Auf dem Heimweg im Bus überlege ich, ob ich nun jetzt schon meine Eltern zurückrufe, jedoch hält mich ein dumpfes Gefühl im Magen davon ab. Stattdessen beschließe ich, ruhig zu Hause anzukommen und dann diese schwierigen Anrufe zu tätigen.
In der Küche angekommen mache ich mir erst einmal einen Tee und lasse mich dann mit einem tiefen Seufzer auf das Sofa sinken. Mein Handy liegt schwer in meiner Hand, als ich die Nummer meiner Mutter wähle. Nach einigen Signalen hebt diese ab, und ich spüre, wie sich meine Kehle immer weiter zuschnürt.
„Wie geht es dir, Liebling?", ihre Stimme klingt gedämpft und so als hätte sie den ganzen Tag geweint. „Die Arbeit war absolut stressig, es gab viele Probleme, womit ich mich morgen noch weiter beschäftigen muss. Was ist los? Den ganzen Tag über hat mein Handy nicht aufgehört zu klingeln!"
Ihre Stimme zittert, als sie mir mitteilt, dass meine Oma in Laufe des Tages verstorben ist. Ein Schock durchzuckt mich, und Tränen steigen mir in die Augen. Kurz scheint die Welt stillzustehen, während mir die Worte im Kopf rumschwirren und ich versuche diese zu begreifen.
Die nächsten Minuten bestehen aus trüben Nebel, in welchem sich Trauer und Verlust immer mehr sammeln. Der Gedanke, meine Oma niemals wiederzusehen, schmerzt zu tief. Die tröstenden Worte meiner Mutter können den Schmerz nur minimal lindern.
Die Realität des Tages holt mich ein. Wie soll ich all diese Emotionen bewältigen?