Die letzte Königin (Band 1)

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Summary

Seit dem Massaker an ihrer Familie lebt Amelia im Verborgenen. In der Küstenstadt San Sebastián beginnt sie ein neues Leben als Studentin. Niemand weiß, wer sie wirklich ist, und das soll auch so bleiben. Sie meidet Nähe, hält sich im Hintergrund und vertraut nur einer einzigen Person. Doch alles ändert sich, als sie mit ihrer neuen Freundin in einen Club geht und plötzlich alles außer Kontrolle gerät.

Genre
Fantasy
Author
VitaMia
Status
Complete
Chapters
40
Rating
5.0 8 reviews
Age Rating
18+

Amelia

»Verdammt, Amelia! Ich wusste, dass das eine schlechte Idee war, feiern zu gehen«, hörte ich Lilys Stimme neben mir. Sie klang nicht nur genervt, sondern auch irgendwie verzweifelt.

Wir standen vor einem Club in San Sebastián. Die Musik vibrierte schon bis nach draußen, gemischt mit dem Geruch von Salzluft, Alkohol und Sonnencreme. Und irgendwo da hinten rauschte das Meer.

Ganz ehrlich? Ich konnte nicht widerstehen.

Ein Club direkt am Strand, nur ein paar Schritte von Restaurants entfernt? Tanzen, Essen und danach ein Spaziergang am Meer? Ja bitte. Wer könnte da nein sagen?

Ich drehte mich zu Lily um und betrachtete sie. Sie zupfte nervös an ihrem Kleid herum, als würde sie jeden Moment kehrtmachen wollen. Ihre hellbraunen Haare fielen weich über ihre Schultern, ihre Augen glänzten im Licht der Leuchtreklame.

»Ach komm schon, Süße. Du musst einfach mal feiern gehen«, sagte ich mit einem frechen Grinsen. »Nicht nur in der Unibücherei hocken und so tun, als würdest du dich für mittelalterliche Runenschrift interessieren. Du musst aus dir rauskommen.«

Sie verdrehte die Augen, aber ich sah, wie ihre Mundwinkel zuckten. Treffer.

Ich war jetzt seit zwei Wochen in San Sebastián. Ursprünglich hatte ich nicht vor, irgendjemanden kennenzulernen, geschweige denn Freundschaften zu schließen.

Aber dann war da Lily.

Sie wirkte genauso fehl am Platz wie ich. Hielt sich von den anderen Studentinnen fern, ließ sich auf keine dieser nervigen Kennenlernspiele ein. Ich konnte mir zuerst keinen Reim darauf machen. Aber irgendetwas an ihr hatte mich sofort neugierig gemacht.

Sie war nicht nur wunderschön, sondern auch erstaunlich ruhig – zu ruhig. Und als sie sich dann mit einem überheblichen Idioten angelegt hatte, der sie anfassen wollte, hatte ich es nicht mehr ausgehalten. Ich war dazwischen gegangen, hatte dem Typen eine verpasst, bei der er Sterne gesehen hat – und seitdem… na ja. Seitdem waren wir sowas wie Freundinnen.

Ziemlich unausgesprochen. Aber ehrlich.

Lily sah mich jetzt an und seufzte leise.

»Du hast recht. Ich sollte wirklich mal den Moment genießen. So wie du das immer machst«, sagte sie dann mit einem Lächeln, das ganz kurz aufblitzte und wieder verschwand.

Bevor sie es sich doch noch anders überlegen konnte, hakte ich mich bei ihr unter und zog sie mit mir zum Eingang.

»Keine Sorge, wir müssen nicht anstehen«, erklärte ich triumphierend. »Ich hab’s irgendwie auf die Gästeliste geschafft.«

Lily sah mich überrascht an.

»Ich dachte, das ist dein erstes Mal hier«, murmelte sie und runzelte die Stirn.

»Ist es auch«, sagte ich und grinste breit. »Aber ich bin vorbereitet. Alle reden auf dem Campus über diesen Club. Wie voll es ist, wie schwer man reinkommt. Also habe ich recherchiert, jemanden gefunden, der jemanden kennt, und voilà – hier sind wir.«

Ich zwinkerte ihr zu, während wir die Sicherheitsleute passierten und direkt ins Herz des Clubs eintauchten. Musik hämmerte gegen meine Brust, Lichter blitzten wie Blitze in einer Sommernacht, und der ganze Raum vibrierte vor Energie.

»Du bist unmöglich«, rief Lily mir lachend ins Ohr.

Ich grinste nur breit und ließ meine Zähne blitzen.

»Ich weiß«, antwortete ich, während die Musik durch den Boden vibrierte.

Dann zog ich sie mit zur Bar. Meine Finger umschlossen ihre Hand fester, als nötig war. Es war nicht nur Freundlichkeit – es war ein Reflex. Ein Beschützerinstinkt, den ich nie ganz abschalten konnte.

Während wir uns durch die Menge schoben, ließ ich meine Augen wandern. Ich wirkte locker, aber meine Sinne waren hellwach. Ich atmete flach ein und ließ mein Gehör über den Raum gleiten. Stimmen, Herzschläge, die kleinsten Bewegungen. Ich nutzte meine Wolfssinne, um jede Präsenz zu erfassen. Der Geruch von Parfum, Schweiß und Alkohol mischte sich mit einem feinen Unterton aus Salzluft vom Meer. Kein fremder Geruch, der mich warnte. Kein anderer Puls, der zu tief vibrierte. Alles normal. Fast normal.

Lily lehnte sich leicht zu mir und murmelte mit einem kleinen Lächeln:

»Wir sind die Einzigen Übernatürlichen hier.«

Ich musste schmunzeln. Natürlich hatte sie das auch gespürt. Ich hatte längst gelernt, meine Wahrnehmung zu maskieren, aber sie war sensibler, als sie wirkte.

Als ich hierhergezogen war, hätte ich niemals gedacht, dass es in dieser Stadt von Übernatürlichen nur so wimmelt. Die Universität war ein Magnet für sie, wie ein Leuchtfeuer. Hexen, Vampire, Werwölfe. Alles hier. Und doch hatte mich das nicht abgehalten. Meine Tante und ich hatten uns einen Neuanfang verdient. Endlich.

Das Armband an meinem Handgelenk war kühl wie immer. Eine unscheinbare Kette aus Silber und Runen, die meine Tante mir vor Jahren angelegt hatte. Es unterdrückte meinen Geruch, meine Präsenz, meine Macht. Niemand hier konnte fühlen, wer ich war. Sollte jemand es jemals herausfinden, müssten wir fliehen.

Wir erreichten die Bar. Ich stützte mich mit dem Unterarm auf der Theke ab und lächelte den Kellner an. Er war groß, hatte dunkles Haar, das ihm ins Gesicht fiel, und trug ein schwarzes Hemd, das seine Arme betonte. Seine Augen blieben einen Moment zu lange auf mir liegen.

»Zwei Kurze und zwei Wodka O«, bestellte ich und zwinkerte ihm mit einer Selbstverständlichkeit zu, die ich selbst fast glaubte.

Der Barkeeper starrte mich einen Moment an, als hätte ich ihn aus dem Rhythmus gebracht. Dann lächelte er frech, nickte und begann zu mixen.

Neben mir beugte sich Lily zu mir und brummte mir ins Ohr:

»Hey, du fängst heute bitte nichts mit irgendeinem Typen an.«

Sie bohrte dabei mit dem Finger in meine Seite, genau unter die Rippen.

Ich brach in lautes Lachen aus und schüttelte den Kopf. Meine Haare fielen mir über die Schulter, und ich strich sie mit einer schnellen Bewegung zurück.

»Süße, ich bin nicht hier, um Typen kennenzulernen. Ich bin hier, um mit dir zu tanzen. Danach essen wir was Gutes, und das war’s«, sagte ich frech, während meine Lippen ein spitzbübisches Grinsen formten.

Die Wahrheit war, dass ich wirklich niemanden kennenlernen wollte. Ich durfte keine Bindungen eingehen. Keine Nähe zulassen. Eigentlich hätte ich auch zu Lily Abstand halten müssen. Aber ich konnte es nicht. Nicht bei ihr.

Ich beobachtete, wie der Barkeeper die Kurzen einschenkte, dann das Wodka mit Orangensaft mischte. Die Gläser klirrten leise, als er sie auf die Theke stellte.

»Du brauchst nichts zu zahlen, Süße«, sagte er mit einem Zwinkern und wandte sich dann wieder anderen Gästen zu.

Lily hob eine Augenbraue und sah mich an.

»Wie machst du das immer? Jeder Mann, der dich ansieht, vergisst, wie man denkt«, sagte sie und lachte dabei leise.

Ich lachte mit. »Tja«, murmelte ich und hob ein Glas, »vielleicht habe ich magische Augen.«

Wir stießen an und kippten die Kurzen in einem Zug herunter. Der Alkohol brannte warm und angenehm in meiner Kehle, ließ mein Herz einen Schlag schneller gehen. Ich griff nach unseren Gläsern, drückte Lily eines in die Hand und zog sie durch die Menge auf die Tanzfläche.

Die Luft dort war dicht und warm, erfüllt von dem Duft nach Parfum, Schweiß und Meerluft, die von draußen hereinzog. Die Musik hämmerte so laut aus den Boxen, dass ich sie in meinem Brustkorb spüren konnte. Envolver von Anitta lief und mein Herz begann zu rasen. Ich liebte dieses Lied. Es war unmöglich, dabei stillzustehen.

Ich nippte an meinem Getränk und stellte es zusammen mit Lilys Glas an den Rand eines Lautsprechers, damit sie nicht umgestoßen wurden. Dann nahm ich ihre Hand und zog sie wieder mit in die Mitte der Tanzfläche. Wir begannen zu tanzen, erst zögerlich, dann immer wilder. Unsere Hüften bewegten sich wie von selbst im Rhythmus, wir ließen uns von den Beats treiben. Ich schloss kurz die Augen und stellte mir vor, wie wir beide auf einem Festivalstrand tanzten. Die Menge um uns herum verschwamm, nur wir beide waren da.

Lily lachte, ihre Haare flogen über ihre Schultern, als sie eine Drehung machte. Ich legte die Hand auf meine Hüfte, warf meinen Kopf nach hinten und lachte ebenfalls. Unsere Körper bewegten sich synchron. Wir ließen unsere Hüften schwingen, als wären wir Shakira höchstpersönlich. Ich spürte, wie meine Muskeln warm wurden und mein Blut schneller floss. Der Alkohol und die Musik waren wie ein Rausch, ein kleiner Moment von Freiheit, den ich mir sonst nie erlaubte.

Nach einer gefühlten halben Stunde waren wir beide verschwitzt. Unsere Haut glänzte, unsere Haare klebten uns leicht an der Stirn. Ich stoppte und legte eine Hand auf Lilys Arm, um wieder zu Atem zu kommen. Wir holten unsere Gläser und tranken einen Schluck. Der Wodka schmeckte jetzt noch süßer, gemischt mit dem Salz von meiner Oberlippe.

»Und? Bist du froh, mitgekommen zu sein?«, fragte ich und lächelte sie an. Meine Stimme war lauter, als ich es beabsichtigt hatte, aber bei dieser Musik kam man sonst nicht durch.

Lily nickte, während sie ihr Glas an die Lippen setzte. »Wir müssen das öfter machen, Amelia. Naja, mein Bruder darf davon nichts mitbekommen, sonst reißt er mir den Kopf ab.« Sie verdrehte spielerisch die Augen, doch ich sah, wie ein Schatten durch ihren Blick huschte.

Ich hob eine Augenbraue und lachte leise. »Dein berühmter Bruder, hm?«

Lily verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. »Eher der Typ, der mit allen Frauen der Stadt schläft und meint, er sei unantastbar. Glaub mir, Amelia, du willst ihn gar nicht kennenlernen.«

Ich nahm einen weiteren Schluck und stellte mein Glas zurück. »Keine Sorge. Ich habe null Interesse an deinem Bruder oder an diesem ganzen Rudelgedöns.« Ich grinste frech und stieß meine Hüfte leicht gegen ihre, woraufhin sie lachte.

Lily lachte und hob ihr Glas. »Darauf stoßen wir später an.«

Ich hob ebenfalls mein Glas und nahm noch einen Schluck. Mein Blick wanderte über die Tanzfläche, über die Lichter, die Gesichter, die Bewegungen.

»Hey, ich muss kurz auf die Toilette. Kommst du mit?«, fragte ich und beugte mich zu Lily.

Sie schüttelte den Kopf, ihr Gesicht leicht gerötet. »Ich geh kurz an die frische Luft. Es ist so verdammt warm hier drin.«

Ich schaute sie besorgt an. Ihr Gesicht wirkte erschöpft, aber nicht besoffen. Noch nicht.

»Bist du dir sicher?«, fragte ich.

Dieses Mal lachte sie nur, leise und müde, und nickte. »Wir sehen uns gleich, Süße.«

Ich nickte, zögerte kurz, ließ sie dann aber gehen.

Auf dem Weg zu den Toiletten spürte ich zum ersten Mal, wie ein seltsames Ziehen durch meinen Magen ging – nicht stark, aber auffällig. Ich schob es auf den Alkohol. Vielleicht auch auf den Club.

Nachdem ich fertig war, beugte ich mich über das Waschbecken, ließ das kalte Wasser über meine Hände laufen und atmete tief durch. Mein goldblondes Haar klebte leicht an meiner Stirn, verschwitzt und wild. Ich kramte in meiner Tasche, holte einen kleinen Kamm und ein Haargummi hervor, band mir schnell einen hohen Zopf. Noch ein kurzer Blick in den Spiegel. Passte schon.

Ich verließ das Bad und suchte den Weg nach draußen. Aber Lily war nirgends zu sehen. Ich drehte mich im Kreis, blickte über die Menge, trat hinaus in die frische Nachtluft – doch sie war weg.

Ein ungutes Gefühl machte sich in meinem Bauch breit. Mein Wölfin regte sich unter der Haut, nicht panisch, aber alarmiert.

»Lily?«, rief ich. Keine Antwort.

Ich ging um das Gebäude herum, meine Schritte wurden schneller. Und dann sah ich sie.

Ganz in der Nähe des Eingangs. Sie lag am Boden. Regungslos. Bewusstlos. Und über ihr – ein Mann.

Mein Herz setzte einen Schlag aus. Dann raste es los wie eine Sirene in meinem Kopf. Ich zögerte keine Sekunde.

»Verdammt, Lily!«, rief ich und stürmte los.

Ich rammte mein Knie mit voller Wucht gegen seine Hüfte, meine ganze Kraft bündelnd. Der Kerl wurde mehrere Meter nach hinten geschleudert und landete hart auf dem Pflaster.

»Was zum Teufel stimmt nicht mit dir?«, donnerte meine Stimme über den Hof.

Er stöhnte, richtete sich halb auf – und dann spürte ich es. Sein Geruch. Seine Präsenz.

Ein Werwolf.

Er knurrte, seine Augen blitzten auf. Aber ich war schneller.

In einem einzigen Wimpernschlag stand ich vor ihm, trat ihm mein Knie dahin, wo es richtig wehtat, und donnerte ihm anschließend meine Faust mit voller Wucht gegen die Schläfe.

Er sackte bewusstlos zusammen.

Ich kniete mich sofort neben Lily. Mein Herz schlug wild. Ihre Brust hob und senkte sich. Sie atmete. Gott sei Dank. Ihre Lider zuckten leicht, als würde sie schlafen. Aber ihr Körper war schlaff. Ich beugte mich über sie.

Mein Magen drehte sich. Ich spürte, wie die Panik in mir aufstieg. Hat der Typ ihr was ins Getränk gemischt?

Ich griff nach ihrer kleinen Tasche, zog ihr Handy heraus und wählte sofort den Notruf.

Meine Finger zitterten leicht, als ich mit der Zentrale sprach. Ich schilderte, was passiert war, ohne ins Detail zu gehen, und sie schickten sofort einen Krankenwagen. Danach legte ich auf, ließ das Handy sinken und blieb bei ihr. Ich setzte mich einfach neben sie und strich ihr vorsichtig eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Plötzlich vibrierte das Handy in meiner Hand. Ich starrte auf das Display.

Ein Anruf. Absender: Nando.

Ich ließ es ein paar Sekunden klingeln. Mein Blick wanderte zu Lily, dann wieder zum Handy.

»Ach scheiß drauf«, murmelte ich und nahm ab.

»Verdammt, Liliana! Wo zur Hölle bist du?«, brummte eine tiefe, raue Stimme durch die Leitung. Wütend. Laut. Und ehrlich gesagt… verdammt sexy.

Ich blinzelte. »Hier ist nicht Lily. Ich bin ihre Freundin. Wir waren feiern, aber… na ja. Jemand hat ihr vermutlich was ins Getränk gemischt. Ich warte gerade mit ihr auf den Krankenwagen.«

Stille. Erstmal gar nichts. Kein Ton.

Dann:

»Was? Willst du mich verarschen?«, knurrte er.

»Nein, Fremder. Ich verarsch dich nicht. Der Krankenwagen kommt gleich«, sagte ich ruhig, aber mein Tonfall war eindeutig.

Er fluchte. Leise, aber giftig. Dann nur noch:

»Wir sehen uns im Krankenhaus.«

Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er aufgelegt.

Ich starrte das Handy an und schüttelte langsam den Kopf. Wer zur Hölle ist bitte Nando?

Und genau in dem Moment hörte ich die Sirenen.

Der Krankenwagen bog um die Ecke, grelle Lichter zuckten über den Asphalt. Sanitäter sprangen heraus, beugten sich sofort über Lily. Ich trat zurück, ließ sie machen, stieg dann mit in den Wagen. Ich konnte sie jetzt nicht allein lassen.

Die Türen schlossen sich. Der Motor heulte auf. Und ich fragte mich ernsthaft, wie zur Hölle dieser Abend so eskalieren konnte.

Was für eine Katastrophe.