Neue Wege

„Es war am 29. Juli, zwei Wochen vor seinem 34. Geburtstag. Mein Mann arbeitete damals beim ukrainischen Militärgeheimdienst – falls man das überhaupt eine Arbeit nennen konnte, was er da machen musste.“
Kateryna schluckte. Man merkte ihr an, dass sie Mühe hatte, die richtigen Worte zu finden.
„Er hatte mich vorher noch in die Westukraine gebracht. ‚Da ist es sicherer!‘, hat er immer gesagt. Seine Aufgabe war es, militärische Fundstücke nach Kiew zu bringen. Dort wurden sie dann analysiert. Einmal hat er mir erzählt, dass er eine Granate in einen alten Kombi geladen hatte und damit losgefahren war. ‚Bist du wahnsinnig?‘, habe ich ihn damals angeschrien, als er mir das erzählt hat. ‚Das Ding hätte in die Luft gehen können! Dann wärst du jetzt…’
‚Berufsrisiko…’, hat er nur geantwortet.
Ich habe nicht gewusst, dass sie ihn wieder zurück an die Front beordert hatten. Er lebte unauffällig in einer kleinen Wohnung, nicht weit von der Frontlinie entfernt.
Irgendwann klingelte bei mir das Telefon. Es war mein Mann. Er sagte, dass ich nach Deutschland gehen soll. Ich verstand zuerst nicht, warum. Ich wollte nie hierher. Meine Schwester lebte schon lange in Deutschland, sie war mit einem Deutschen verheiratet.
Als er den Hörer aufgelegt hatte, habe ich gewusst, dass er nicht mehr zurückkommt…“
Kateryna schluchzte.
„Später wurde behauptet, dass es Kollaborateure gab. Nach dem Einschlag der beiden Iskander-Raketen blieb von dem dreistöckigen Wohnhaus mehr übrig, als ein Haufen Staub. Der erste Einschlag war schon ein Volltreffer. Er musste… nicht lange leiden…“
„Das tut mir außerordentlich leid“, bekundete Ralf Brenner Kateryna sein Beileid. „Aber… Sie müssen mir das nicht alles erzählen. Das ist ihre Privatsphäre…“
„Ich weiß…“, antwortete Kateryna und wischte sich ein paar Tränen aus dem Gesicht. „Aber sie sollen wissen, warum ich hier bin. Ich möchte hier arbeiten und mir eine Zukunft aufbauen… - wenn sie mir die Möglichkeit dazu geben.“
„Ich habe mir ihre Bewerbungsunterlagen angesehen, Frau Kozak. Sie sprechen wirklich ein sehr gutes Deutsch...“ Der Personalchef setzte nochmals seine Lesebrille auf und blätterte in der Mappe, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag.
„Ich mag die deutsche Sprache. Ich spreche auch Englisch und Russisch. Aber... sei mein Mann…“, wieder musste Kateryna eine Träne zurückhalten, „da spreche ich nur noch Ukrainisch, die Sprache meiner Heimat.“
Ralf Brenner richtete seinen Blick in Richtung Kateryna und schielte dabei über seinen Brillenrand. „Sie haben in ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn auch bei einer Bank gearbeitet?“
„Ja“, antwortete Kateryna, „Mit Kalkulationen bin ich vertraut…“
„Dann werden wir es miteinander versuchen, wenn sie dazu bereit sind...“
„Wir es… miteinander… versuchen? Ich verstehe nicht…“
„Ich kann Ihnen ein sechsmonatiges Praktikum in unserem Betrieb anbieten. Wenn alles zu unserer beiderseitigen Zufriedenheit verläuft, können wir im Anschluss an ihr Praktikum über eine Festanstellung nachdenken.“
Kateryna begann über das ganze Gesicht zu strahlen. Ein Funken Hoffnung keimte in ihr auf. Wenn sie erst einmal einen festen Arbeitsplatz hätte, dann hätte sie auch ein geregeltes Einkommen. Ihrem Traum, sich ein eigenes, kleines Auto leisten zu können, wäre sie dann wieder ein Stück näher.
„Es besteht keine Eile. Ich habe Ihnen die Vertragsunterlagen bereits ausarbeiten lassen. Sie können sie gerne mitnehmen und zu Hause in aller Ruhe durchlesen. Wenn sie noch Fragen haben… Meine Telefonnummer haben sie ja. Lassen sie mir den unterschriebenen Vertrag einfach bei Gelegenheit zukommen. Arbeitsbeginn ist dann am ersten Juni um 8:00 Uhr – also in gut zwei Wochen.“
„Vielen Dank, Herr Brenner. Ich werde pünktlich da sein!“
Ralf Brenner verabschiedete sich mit einem festen, aber vertrauensvollen Händedruck von Kateryna, die ihre Freude über das gelungene Vorstellungsgespräch in der Möbelfabrik ‚Alba Interieur‘ kaum zurückhalten konnte. Am liebsten wäre sie dem Personalchef vor lauter Dankbarkeit um den Hals gefallen. Aber das wollte sie dann doch nicht riskieren…
Michael zog seine Arbeitsweste zurecht und wischte sich den Schweiß von der Stirn, als Kateryna, begleitet von einigen Kollegen aus dem ersten Stock, an ihrem ersten Arbeitstag durch die Produktionshalle geführt wurde.
‚Auch das noch! Hoher Besuch aus der Führungsetage…’, dachte er bei sich.
Er wollte einen guten Eindruck hinterlassen. Dreieinhalb Jahre lang arbeitete er nun bei ‚Alba Interieur‘ in der Produktion. Die Schreinerlehre hatte er mit Bestnoten abgeschlossen, aber dann zog es ihn in die Industrie – nicht nur wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten. Er wollte beweisen, dass mehr in ihm steckte, als vorgefertigte Küchen zu montieren oder Wohnungstüren einzusetzen.
Seine Einstellung zur Arbeit war nüchtern und pragmatisch. Sobald er die Produktionshalle bei ‚Alba Interieur‘ betrat, funktionierte er wie eine Maschine – besser gesagt: wie eine gut geölte Maschine! Daher war es nicht verwunderlich, dass er schon bald als Nachfolger für den scheidenden Produktionsleiter gehandelt wurde. Viele Kollegen sahen in ihm die ideale Besetzung, da Michael voller Ehrgeiz steckte und über die nötige Fachkenntnis verfügte. Außerdem war er ungebunden und konnte seine Kraft und sein gesamtes Engagement der Firma zur Verfügung stellen. Andere wollten ihm diesen Erfolg nicht gönnen. ‚Zu jung! Zu unerfahren!’, war hinter vorgehaltener Hand zu hören. – Vor allem von denen, die darauf warteten, dass Michael sich einen Fehltritt leistete um anschließend selbst den Produktionsleiterposten zu besetzen.
Zwischen den Anzügen und Blusen der Verwaltungsangestellten fiel sie ihm sofort auf – Kateryna, wie er später erfuhr. Mit ihren langen braunen Haaren, die locker über ihre Schulter fielen, und dem schwarzen Top wirkte sie wie ein funkelnder Diamant in einer Geröllhalde. Sie war kein bisschen schüchtern – das konnte er bereits aus der Entfernung erkennen.
Michael starrte lange auf die Besuchergruppe. - Viel zu lange.
„Hast du die Rollen für mich?“, fragte ihn Paul, sein Teamkollege, der plötzlich neben ihm stand.
„Welche Rollen?“
„Du wolltest mir doch den Umleimer mitbringen, damit ich die Anbauteile für die neue Kollektion fertig machen kann.“
„Ach so… Den Kantenumleimer. Den habe ich… vergessen“, antwortete Michael irritiert, wobei sich sein suchender Blick sofort wieder Kateryna zuwandte.
„Die ist hübsch, die Kleine… oder?“ Paul war nicht entgangen, dass der Mittelpunkt der kleinen Besuchergruppe Michaels Aufmerksamkeit über die Maßen erregte.
„Wen meinst du denn?“, fragte Michael.
„Na wen wohl??? Die hübsche Brünette da drüben, die du schon seit einer Viertelstunde anstarrst…“
„Ich starre überhaupt niemanden an!“, antwortete Michael gereizt, „Ich wollte nur mal sehen, ob da auch Herr Schönborn dabei ist. Ich wollte ihn nochmal sprechen. Wegen der neuen ‚Belinda‘-Serie…“
„Na, wenn du niemanden anstarrst, dann kannst du mir jetzt mal den Umleimer holen, damit ich weiterarbeiten kann… Die hat übrigens ganz schön Feuer – wie die mit dem Abteilungsleiter umgeht…“
Michael zog eine Schublade seines Werktischs auf, kramte etwas darin herum und drückte Paul schließlich zwei halbverbrauchte Rollen in die Hand. „Hier… Und jetzt verschwinde. Für die Prototypen reicht das. Da muss man keine Lagerware verwenden…“
„Bin ja schon weg…“, entgegnete Paul mit einem Grinsen und schnappte sich die beiden Rollen. „Und immer schön die Nerven behalten, wenn sie gleich zu dir kommen…“
Michael hätte Paul für seine Bemerkung am liebsten eine gescheuert. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein, ihm zu unterstellen, dass er ein ‚gewisses Interesse‘ an dieser zugegeben bildhübschen neuen Kollegin haben könnte? Doch Michael spürte bereits, wie sein Herz zu pochen begann, wenn er nur an sie dachte.
‚Die arbeitet sowieso ‚da oben‘, in der Verwaltung‘, begann er sich einzureden. ‚Die ist überhaupt nicht meine Liga… Bestimmt eine, die meint, hier den Laden aufmischen zu müssen, weil sie alles besser weiß…’
Michael wurde nervös und begann so zu tun, als ob er konzentriert arbeitete, während die Gruppe mit gediegenen Schritten auf ihn zusteuerte. Mit einem Ohr versuchte er mitzubekommen, was sie alles untereinander redeten.
„Das ist also die Produktionsabteilung,“ erklärte der Abteilungsleiter. „Hier werden unsere Möbel produziert. Weiter hinten befinden sich noch Qualitätskontrolle und Warenausgang. Da werden wir gleich noch daran vorbeikommen…“
Kateryna blickte sich interessiert um. Sie konnte mit den ganzen Maschinen und Materialien, die hier überall herumstanden, nichts anfangen. Ihr war es lieber, die Möbel zu benutzen, als zuzusehen, wie sie gebaut wurden. Polstermöbel sorgten für Bequemlichkeit – besonders in intimen Momenten der vertrauten Zweisamkeit, die Kateryna schon lange nicht mehr erleben durfte.
„Darf ich Ihnen unseren Produktionsmitarbeiter Herrn Vogler vorstellen?“
Michael blickte kurz auf und vermied es, Kateryna die Hand zu schütteln. Seine Hände waren schmutzig und fettig vom Bedienen der Maschinen, und er wollte nicht an Kateryna kleben bleiben – zumindest nicht auf diese Art. Sie versuchte zwar, ihm ihre Hand entgegenzustrecken, doch als sie seine ablehnende Haltung erkannte, zog sie sie verunsichert wieder zurück. Beide begrüßten sich mit einem knappen „Hallo“, dann wandte sich Kateryna wieder dem Produktionsleiter zu, der ihr die verschiedenen Arbeitsschritte erklärte.
Kateryna hörte dabei interessiert zu – zumindest tat sie so, als ob sie alles verstanden hätte.
„Ich hätte sie ansprechen sollen!“, ärgerte sich Michael über die verpasste Gelegenheit. Wer war dieser gutaussehende Engel, der da gerade an ihm vorbeigeschwebt war? Ihr Akzent klang… östlich. ‚Und ihr Aussehen ist köstlich…’ - würde Paul jetzt wohl bemer, dachte er sich.
„Dann gehen wir mal weiter in die Qualitätssicherung,“ hörte Michael den Abteilungsleiter vorschlagen. Bevor die Besuchergruppe sich wieder in Gang setzte, fasste sich Michael im allerletzten Moment ein Herz, um sich von der geheimnisvollen Frau, die jetzt vor ihm stand, zu verabschieden.
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und hoffe, dass Ihnen die Produktionsabteilung gefallen hat!“
„Hm…, die Büros oben sind schön. Aber hier unten… es ist ziemlich laut, finden sie nicht?“
„Das ist der Klang der Arbeit.“
„Hm, klingt eher wie Chaos. - Und sieht auch so aus…“, stellte Kateryna nüchtern fest und ließ Michael hinter seinem Werktisch stehen, um ihrem Vorgesetzten zu folgen.
Wie ein begossener Pudel stand Michael da, während seine Augen dem Verschwinden von Kateryna folgten. ‚Die hat wirklich Feuer…’, dachte er sich.








