Kapitel eins: Blutmond
Das Schlachtfeld stank nach dem Tod.
Unter den riesigen Kiefern war der frische Duft von Nadeln und feuchter Erde verschwunden. Ein dunklerer Geruch lag in der Luft – metallisch und faulig. Blut tränkte den Boden und vermischte sich mit den zertrampelten Blättern. Unter Stiefeln und Pfoten fühlte es sich dick und klebrig an. Die Schreie der Verwundeten hallten durch die Bäume. Verzweifeltes Geheul und gequältes Winseln verstarben in der Nacht.
Ronan Nightveil stand mitten im Gemetzel. Seine Brust hob und senkte sich schwer vor Anstrengung. Sein dunkles Fell war verklebt vom Blut seiner Feinde und seinen eigenen Wunden. Es sträubte sich in der kalten Nachtluft. Der Kampf tobte seit zwölf gnadenlosen Stunden. Und noch immer weigerte sich das Shadowfang Pack, endgültig aufzugeben.
Aber sie waren kurz davor.
Seine goldenen Augen suchten das Schlachtfeld ab. Wölfe prallten in einem Wirrwarr aus Fängen und Klauen aufeinander. Ihr Knurren und Jaulen bildete eine wilde, chaotische Sinfonie. Er hörte, wie Knochen brachen und Fleisch riss. Er hörte das dumpfe, nasse Geräusch von Körpern, die auf den Boden prallten. Die Welt stank nach Kupfer, Schweiß und etwas viel Schlimmerem – dem Gestank von Angst.
Das Shadowfang Pack brach zusammen.
Ronan spürte es an ihren Bewegungen. Er sah das Zögern bei ihren Angriffen und die Erschöpfung in ihren Körpern. Sie waren am Ende. Und es lag nicht nur am stundenlangen Blutvergießen – es war die Trauer.
Er hatte es gespürt, als sich die Nachricht wie ein Lauffeuer über das Schlachtfeld verbreitete:
Der jüngste Sohn des Shadowfang Alpha war tot.
Der Junge hatte kaum seine erste Wandlung hinter sich. Im Chaos war er zerfleischt worden. Gebrochene, trauernde Krieger hatten seinen Körper aus dem Getümmel gezogen. Sein Blut klebte an ihren Schnauzen und Händen. Ein Leben war zu früh beendet worden. Und damit auch der letzte Rest ihres Kampfgeistes.
Jetzt kämpften die Shadowfangs wie Geister. Ihre Bewegungen waren schwerfällig und ihre Angriffe halbherzig. Einige hatten noch Feuer in den Augen, aber die meisten hatten bereits verloren.
Ronan atmete aus und versuchte, ruhig zu werden. Das hier hätte schon längst vorbei sein sollen.
Mit einem tiefen Knurren stürmte er vor. Er schlitzte einen Shadowfang-Krieger auf, der kaum Zeit zum Reagieren hatte. Der Wolf jaulte auf und stolperte zurück. Ronan gab ihm mit einem brutalen Biss den Rest. Ein anderer Feind sprang ihn an, doch ein Nightveil Beta fing ihn ab und verbiss sich in seiner Flanke.
Es ging zu Ende.
Bald würde Shadowfang knien. Es gab keine Hoffnung und keinen Glauben mehr, der sie weitermachen ließ.
Ein Schrei, der alles veränderte
Und dann, über dem ganzen Chaos, geschah es.
Ein Schrei. Nicht aus Wut. Nicht aus Schmerz.
Sondern etwas Schlimmeres. Etwas Endgültiges.
Ronan erstarrte. Ihm stockte der Atem.
Das Schlachtfeld schien langsamer zu werden. Die Zeit dehnte sich aus, so wie kurz vor dem Tod. Seine Ohren zuckten und lauschten. Seine Nasenflügel bebten.
Und dann roch er es. Ihr Blut.
Sein Kopf ruckte nach rechts. Vorbei an den kämpfenden Wölfen und den leblosen Körpern. Vorbei an den Trümmern dieses Krieges.
Am Rand des Schlachtfeldes lag sie. Dort, wo die Bäume wie stille Wächter aufragten.
Ava. Seine Luna.
Ronan taumelte vorwärts. Sein Verstand wollte nicht glauben, was seine Augen sahen.
Ihr Körper lag unbeweglich an den Wurzeln einer alten Eiche. Ihr goldenes Fell war blutrot gestreift. Ihre Kehle – mein Gott, ihre Kehle – war nur noch eine zerfetzte Masse aus Fleisch und Blut.
Und über ihr stand derjenige, der es getan hatte.
Ein Shadowfang Beta. Von seinen Klauen tropfte noch ihr Blut. Er atmete schwer von der Anstrengung. Seine Augen wirkten leer und verloren, als sie Ronans Blick trafen. Und der Bastard lächelte.
Ronans Sicht verschwamm. Seine Hände zitterten. In seinem Inneren heulte sein Wolf auf. Ein Klang aus Trauer, Wut und tiefstem Leid.
Er sank neben ihr auf die Knie. Seine Hände waren nun menschlich und zitterten, als er ihren Körper anhob.
Sie war fort. Seine Ava. Seine Luna.
Diejenige, die er beschützen wollte. Etwas in ihm zerbrach.
Das Geheul aus seiner Kehle klang nicht mehr menschlich. Es war das Geräusch einer zerrissenen Seele. Der Schmerz war so groß, dass er zu reinem Hass wurde. Das Schlachtfeld wurde still. Sogar diejenigen, die mitten im Kampf steckten, hielten inne.
Und dann erhob sich Ronan.
Der Shadowfang Beta hatte kaum Zeit zu reagieren.
Gerade noch stand er über Avas Körper. Im nächsten Moment war Ronan über ihm.
Fänge trafen auf Fleisch. Klauen auf Knochen. Der Beta konnte kaum noch knurren, bevor Ronan ihm mit den Zähnen die Kehle herausriss.
Er hörte dort nicht auf.
Der Schmerz in seiner Brust war zu einem Flächenbrand geworden. Es war ein Sturm, eine unaufhaltsame Kraft, die nur noch Zerstörung kannte.
Seine goldenen Augen brannten vor unbändiger Wut, als er sein nächstes Ziel fixierte.
Der Shadowfang-Erbe, Samuel, stand wie gelähmt vor Schreck da. Er war der letzte lebende Sohn des Shadowfang Alpha. Ronan wandte sich ihm zu. Auf dem Schlachtfeld herrschte eine unheimliche Stille. Der Krieg war für einen Moment vergessen, während der Nightveil Alpha seinen Zorn in den Boden grub. Doch trotz seiner Wut hielt ihn etwas zurück. Er stürmte vor und warf den jungen Wolf mit einer Wucht zu Boden, dass die Knochen krachten. Seine Krallen gruben sich in Samuels Kehle – doch er tötete ihn nicht. Er verharrte dort, seine goldenen Augen voller Trauer und Wut. Sein Atem ging stoßweise.
Samuels Angst war greifbar. Sein Puls raste unter Ronans Griff. Das hätte der Moment sein sollen, in dem er alles beendet. Er hätte die Shadowfang-Linie auslöschen und ihr Erbe vernichten können. Aber etwas hielt ihn davon ab. Inmitten des Sturms aus Trauer und Wut gab es einen Funken Vernunft. Dieser Junge, dieser Erbe, hatte ihm Ava nicht weggenommen. Ihn jetzt zu töten, wäre keine Gerechtigkeit gewesen. Es hätte nur noch mehr Blut bedeutet.
Mit einem tiefen Knurren ließ Ronan ihn los und stieß Samuel zu Boden. „Lebe damit“, knurrte er mit einer Stimme voller Zorn und Verachtung. „Lebe mit dem Wissen, dass dein Pack gefallen ist. Dein Vater kniet im Blut seiner Söhne. Und du wirst niemals – niemals – stark genug sein, um das ungeschehen zu machen.“
Samuel rang nach Luft. Seine Augen waren weit vor Schock und Demütigung. Doch bevor er sich bewegen konnte, sprang ein anderer Nightveil-Krieger vor. Er ignorierte Ronans stummen Befehl zur Zurückhaltung. Die Klauen des Wolfes rissen Samuels Seite auf. Der Junge stürzte auf den blutigen Boden, verwundet, aber am Leben.
Ronan erstarrte. In seinem Inneren tobte die Wut – nicht über Samuel, sondern über den Krieger, der ihm nicht gehorcht hatte. Er hatte nicht vorgehabt, den Erben zu töten. Aber er wollte auch nicht, dass ein anderer ihm diese Entscheidung abnahm.
Als Samuel seinen letzten Atemzug tat, wurde es in Ronan dunkel. Die Wut, die ihn eben noch beherrscht hatte, verwandelte sich in etwas anderes. Es war eine hohle, gähnende Leere. Er hatte Rache gewollt. Doch nun, inmitten der Trümmer der Schlacht, fühlte er nur noch Leere.
Ronan heulte auf. Er forderte die nächste unglückliche Seele heraus, sich ihm zu stellen. Niemand kam. Er blickte sich um und sein Blick fiel auf das letzte Ziel.
Der Shadowfang Alpha, Lucien.
Der alte Wolf kniete neben dem leblosen Körper seines Sohnes. Er war still und bewegte sich nicht. Sein Fell war vor Alter grau geworden. Sein Körper wirkte müde unter der Last von Krieg und Verlust. Er blickte auf, als Ronan näher kam. Goldene Augen trafen auf müde, gebrochene Augen.
Darin lag keine Angst. Kein Zorn. Nur... Akzeptanz.
Ronan knurrte. Er würde das hier beenden. Er würde den alten Wolf zerfleischen und Shadowfang wäre nur noch eine ferne Erinnerung.
Er sprang los –
Doch eine mächtige und unnachgiebige Stimme zerriss die Nacht.
„Genug.“
Eine Präsenz legte sich über sie. Sie war so schwer und erstickend wie eine Welle der Dominanz, stärker als alles, was Ronan je gespürt hatte. Diese Macht war uralt und absolut.
Das Royal Pack war eingetroffen.
Ein Meer von Kriegern betrat das Schlachtfeld. Ihre Rüstungen glänzten im Mondlicht. In ihrer Mitte stand der König. Sein Fell war schwarz wie das Nichts. Seine violetten Augen brannten mit der Macht der Ahnen.
Ronan knurrte und sein Körper zitterte vor Wut. Vor Trauer. Vor dem Verlangen nach Rache.
Doch der Kampf war vorbei.
Der König hatte entschieden.
Und niemand, nicht einmal Ronan Nightveil, konnte sich dem Royal Pack widersetzen.









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