01
Mein Kopf pochte, als ich wieder zu mir kam. Ein dumpfer Schmerz zog durch meine Glieder. Stöhnend drehte ich mich um, während Übelkeit in mir aufstieg. Meine Haut fühlte sich heiß und klebrig an. Ich blinzelte gegen das gleißende Licht an, dass durch ein Fenster fiel. Mein Atem ging flach und unregelmäßig, als ich mich abrupt aufrichtete und meine Muskeln protestierend spannte. Überrascht erkannte ich, dass ich in meinem Bett lag.
„Sachte,“ flüsterte Alex. „Du hast fast einen ganzen Tag verschlafen. Magst du etwas trinken?”
Gierig griff nach dem Wasserglas, welches er mir reichte, und trank es auf einen Zug aus. Das Wasser rann meinen rauen und trockenen Hals herab und ich verschluckte mich.
„Was ist passiert?,” brachte ich hustend heraus.
„Du hast dich etwas übernommen und bist ohnmächtig geworden. Die Heilerin meint, dass du noch viel Ruhe brauchst.” Alex saß auf dem Stuhl neben meinem Bett. Seine Augen wirkten müde , die Haut darunter dunkel, Falten zeichneten sich ab. Sein Haar hing strähnig herab. Alex hatte eindeutig schon länger keinen Schlaf bekommen. War er etwa die ganze Zeit bei mir geblieben? Ein leises Gefühl von Dankbarkeit und Schuld zugleich stieg in mir auf.
Ich nestelte an meiner Decke herum und schob mich Richtung Bettrand. Schon diese kleine Bewegung trieb mir den Schweiß auf die Stirn und schickte schmerzhafte Stiche durch meinen Körper. Ich atmete tief durch und zwang mich, mich zu konzentrieren. Denn ich musste dringend wissen, was passiert war. Ich erinnerte mich, dass wir Sam retten konnten. Aber was war dann geschehen?
„Was machst du da?” Alarmiert beobachtete Alex meinen Versuch aufzustehen.
„Ich muss wissen, wie es ihm geht! Wo ist Sam?” Schwungvoll setzte ich meine Füße auf den Boden. Meine Füße fühlten sich schwammig an, doch ich zwang sie, mich zu tragen.
„Nein, du bleibst im Bett.” Er fing mich auf, als meine Beine bei diesem Versuch einknickten und schob mich energisch zurück auf die Matratze. Frustriert schnaubte ich. Ich wollte das nicht akzeptieren. “Hier ist so viel los, da können wir nicht noch auf dich aufpassen. Du musst dich erst einmal erholen.”
„Sam! Ich muss wissen, wie es ihm geht!,” rief ich, obwohl mein Kopf dröhnte und mir schwindelig war. Aber ich musste Gewissheit haben. War er wieder er? Hatte ich es geschafft, seinen Geist vollständig zu verweben?
„Sam geht es erstaunlich gut,” versicherte mit Alex und stockte kurz. „Besser als dir. Und wir brauchen dich in bester Verfassung, wenn wir die nächsten Schritte planen.”
„Warum ist er dann nicht bei mir?,” meine Stimme klang gleichzeitig verletzt und anklagend. Ich spürte, wie Tränen in meinen Augen aufstiegen, doch ich verdrängte sie. Ich gähnte und machte es mir auf dem Kissen bequem. Eine bleierne Müdigkeit legte sich über mich. Mein Kopf fühlte sich an, als wäre er in Watte gepackt. Alex Erklärungen kamen mir entfernt vor, ich konnte kaum noch folgen. Doch ich zwang mich, aufmerksam zu bleiben.
„Wie gesagt, es ist viel los, die Optimierten, die Sorge, dass es bald zu einem Angriff kommt. Es haben sich andere Reiche gemeldet, die uns unterstützen wollen. Einige Abgesandte sind bereits eingetroffen. Wir müssen nicht nur mit Ihnen verhandeln, sondern auch mit den Optimierten. Der Rat ist aufgebracht, das kannst du mir glauben.” Alex Stimmer wurde leiser, fast so, als wäre er in Gedanken versunken. „Und dann noch ein unerwarteter Besucher.”
Ich wollte noch nachfragen, was das zu bedeuten hatte, driftete aber schon wieder ab und schlief ein.
Als ich wieder erwachte, war ich allein. Diffuses Licht schien durch das Fenster. Jede Faser meines Körpers schmerzte, mein Kopf pochte leise. Mein Idan war fast nicht aufzuspüren. Es würde eine Weile dauern, bis ich es wieder richtig verwenden konnte. Die Aktion war doch sehr anstrengend gewesen. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Optimierte ich bereits verwoben hatte. Gab es vielleicht einige von Ihnen, bei denen ich noch tätig werden musste? Dieser Gedanke ließ mich erschauern. Ich hatte fast meine ganze Kraft aufgebraucht und wusste nicht, was noch auf mich zukam. Aber das würde sich zeigen.
Was, wenn ich zu schwach war? Was, wenn ich Sam nicht wirklich helfen konnte - oder schlimmer noch, wenn ich ihn verloren hatte? Ich hatte ihn zurückgeholt, aber war er wirklich noch derselbe? Oder hatte mein Zögern, meine Unsicherheit für immer verändert?
Ich spürte, wie mich die Angst zu erdrücken drohte. Doch dann erinnerte ich mich an unsere gemeinsame Zeit. Daran, dass er am Leben war und irgendwo hier. Ich war nicht mehr allein mit meinen Sorgen und meiner Gabe. Bald konnte ich in seinen Armen liegen. Gemeinsam konnten wir überlegen, wie es weitergehen sollte. Ich war nun nicht mehr allein mit meinen Sorgen und meiner Gabe. Ich musste nur durchhalten.
Schnell erhob ich mich und duschte. Meine Glieder dankten mir dafür, als das heiße Nass meinen Körper massierte. Für einen Moment fühlte ich mich beinahe wieder wie ich selbst.
Ungeduldig machte ich mich auf den Weg. In der Burg konnte ich niemanden finden, der mir weiterhelfen konnte oder wollte. Normalerweise waren die Wachen oft für Geplänkel zu haben. Das hatte ich schon beobachtet. Doch heute schauten sie grimmig und wachsam vor sich hin. Die Bediensteten machten einen großen Bogen um sie. Auch in der Küche hatte ich kein Glück. Agnes hatte viel zu tun und murmelte unverständliche Sachen. Sie steckte mir etwas zum Essen zu und scheuchte mich dann weg. Ich dachte mir nichts weiter dabei und machte mich weiter auf die Suche und schlug die Richtung zur Kaserne ein.
Ich wunderte mich nur wenig über das hektische Treiben überall. Das Summen der Gespräche und hastigen Schritte um mich herum nahm ich kaum wahr. Wir hatten eine Rettungsaktion durchgeführt und nun etliche Optimierte zusätzlich zu versorgen. Nicht zu vergessen die neuen Verbündeten. Es mussten Unterkünfte gefunden und Essen bereit gestellt werden. Aber ich wollte mir nicht zu viele Gedanken dazu machen. Sam war irgendwo hier und ich musste ihn finden. Ich drängelte mich mit wackeligen Beinen durch die Menschenmenge und Wägen. Meine Muskeln protestierten bei jedem Schritt. Was mich wirklich verwunderte, war, dass ich niemanden von den Soldaten oder Optimierten sah, die ich kannte.
Da stand auf einmal eine Frau vor mir. Sie blockierte regelrecht meinen Weg und schien auch nicht vor zu haben, mich vorbei zu lassen. Ihre Präsenz war überwältigend. Die elegante Kleidung und Haltung zeigte, dass sie von höherem Stand war. Sie war schon älter, hatte ein schönes, allerdings streng dreinblickendes Gesicht und auch ihre Haare waren zu einem disziplinierten Dutt zusammengefasst. Ein Beweis überlebter Machtkämpfe?
Obwohl ich einfach nur schnell weiter wollte, war mir klar, dass ich diese Person nicht brüskieren sollte. Respektvoll versuchte ich mich an einem Knicks und gnädig neigte die Dame ihren Kopf. Unschlüssig blieb ich vor ihr stehen während sie mich mit ihren eiskalten blauen Augen abschätzend taxierte. Ihre Pupillen verengten sich, als sie mich scannte. Ich fröstelte etwas und ein kleiner Schauer lief meinen Rücken entlang. Etwas atemlos kam Rob um die Ecke und blieb überrascht stehen. Er schien die Situation jedoch schnell zu erfassen und kam nun gemessenen Schritts zu uns. Sein Blick war angestrengt, als ob er sich auf eine lästige Pflicht vorbereiten müsste.
„Tante,“ sagte er etwas gedehnt, „wie schön, dich zu sehen!“
Ich hatte eine Tante? Ich schnappte nach Luft. Wieso wurde mir schon wieder ein so wichtiges Detail verschwiegen?
Nun sah ich sie mir näher an und entdeckte Ähnlichkeiten mit mir. Die Züge um ihren Mund und die Augenpartie waren meinen sehr ähnlich. Doch jegliches Gefühl der Verwandtschaft wurde von ihrer undurchdringlichen Ausstrahlung überlagert Unterdessen wandte sie den Blick nicht von mir, den sie auch nicht unterbrach, als sie anfing zu sprechen.
„Robert,” seinen Namen sprach sie akzentuiert und kalt aus. Mich fröstelte bei dem Tonfall. „Ich musste von Fremden erfahren, dass die Tochter meiner Schwester wieder da ist. Schlimm genug. Aber nun musste ich noch hören, dass diese Kreaturen auf deinem Hof sind. Ich dachte zuerst an einen schlechten Scherz. Nun habe ich sie aber mit eigenen Augen gesehen.“
Jedes Wort war eine Spitze gegen Rob. Ich überlegte, wie ich ihn verteidigen konnte, doch er winkte verstohlen ab. Da richtete sie sich an mich. Am liebsten wäre ich ihrem Blick ausgewichen, doch ich wollte keine Schwäche zeigen.
„Lass dich ansehen, mein Kind. Ich habe dich sofort erkannt. Aber man sieht, dass du lange Zeit verwahrlost gelebt hast.” Ihre Worte verletzten mich. Wie konnte sie es wagen, so über mich zu sprechen. „Auch dein Idan ist ganz stumpf. Ich kann ihn kaum spüren. Gut, dass ich da bin, ich werde dich unter meine Fittiche nehmen. Jonathan hat ja noch nicht so viel aus dir herausgeholt.“
Rob zog die Luft hörbar ein, zwang sich aber zu einem Lächeln. Ich stand hingegen fassungslos da.
„Tante, du bist sicher von deiner Reise müde und möchtest dich ausruhen. Die Zofe da wird dir dein Zimmer zeigen und ich werde veranlassen, dass dein Gepäck dahin gebracht wird.“ Diese Ablenkung konnte ich nur gut heißen. Erleichtert stellte ich fest, dass Hanna dies annahm und der verschreckten Zofe Befehle gab.
Rob zog mich am Ellenbogen in die andere Richtung. „Tut mir leid, Mira, deine Tante Hanna habe ich dir verschwiegen. Aber vielleicht kannst du dir ja denken, warum.“
Oh, ja, das konnte ich. Aber war das wirklich ein Grund, mir nichts von weiteren Verwandten zu erzählen? „Rob, ich hatte gedacht, dass wir keine Geheimnisse mehr voreinander haben.“
„Es tut mir leid, für mich ist sie kein Geheimnis. Ich habe gewisse Probleme mit ihr und wenn ich ehrlich bin, verdränge ich gerne jeden Gedanken an sie. Noch dazu wusste ich, dass sie so reagieren wird und wollte mir noch ein wenig Atempause verschaffen. Ich verspreche dir, wir werden uns später mit ihr befassen. Vielleicht solltest du ihr Angebot annehmen. Hanna ist zwar unnahbar und nicht gerade herzlich, aber sie könnte dir tatsächlich viel beibringen. Sie verfügt auch über Idan, hauptsächlich Heilendes, warum auch immer. Es passt eigentlich nicht zu ihr. Aber sie könnte Jonathan unterstützen. Wir werden uns bald auf einen Angriff gefasst machen müssen,” er zwang sich zur Ruhe, wie ich es von ihm kannte. „Ach, ja, wir haben die Optimierten in einem Fort außerhalb der Burg untergebracht. Ich möchte nicht, dass es hier zu Streitigkeiten kommt. Einige, unter anderem dein Sam, sind unterwegs, um weitere Optimierte zu finden, die bei eurem Befreiungsversuch geflüchtet sind. Sobald sie von der Mission zurück sind, werden wir besprechen, wie es weitergeht. Übrigens erstaunlich, wie schnell er sich erholt hat.“
Wieder einmal musste ich viele Informationen auf einmal verarbeiten. Das Sam nicht da war, schmerzte, aber es kam jetzt auch nicht auf Tage an. Er war gesund und frei, das war wichtig.
Voller Tatendrang sah ich meinen Bruder an. „Was kann ich tun?“
Rob lachte. „Zuallererst kannst du dafür sorgen, dass ich aus der Schusslinie unserer Tante bin. Im Ernst, sie macht mich wahnsinnig. Aber,“ fuhr er bedrückt fort, „du musst so schnell wie möglich wieder fit werden. Unsere Feinde planen sicher schon einen Gegenschlag. Ich will dir keine zu große Last aufbürden, aber dir ist sicher auch klar, dass wir kämpfen müssen und auf dich zählen. So, ich muss jetzt aber weiter, einige Gesandte anderer Reiche sind eingetroffen. Wenn Alex nicht da wäre, wüsste ich gar nicht mehr, wie ich das alles schaffen sollte.“
Ich nickte, es galt also, mein Idan wieder aufzubauen. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich das beschleunigen konnte. Beim letzten Mal hatte es einige Tage gedauert. Konnte mir meine Tante wirklich helfen? Das galt es abzuwarten. Vorerst wollte ich schauen, welche Neuigkeiten es noch gab.








