Prolog ❤️
Viviennes Sicht
Der Regen wollte an diesem Abend einfach nicht aufhören. Dicke silberne Vorhänge peitschten auf die Erde nieder, als hätte der Himmel einen Wutanfall.
Und natürlich hatte Mr. Aaron Alexander Sinclair, CEO von Crown & Sinclair Enterprises und bekannt dafür, dass er eine allergische Reaktion auf Regenschirme zu haben schien, darauf bestanden, mich höchstpersönlich nach Hause zu fahren.
Als wir an meiner kleinen Doppelhaushälfte ankamen – der mit dem winzigen Garten und dem ordentlich gestutzten Zitronenbaum davor –, war er völlig durchnässt.
Sein maßgeschneiderter Anzug klebte an ihm wie eine zweite Haut, und das Wasser tropfte von seinen Haaren in diese nervtötend perfekten Augen.
„Du holst dir noch den Tod“, murmelte ich und schloss das Gartentor auf, während ich versuchte, ihn nicht anzustarren.
„Nicht, wenn du mich reinlässt, Cherry“, sagte er und schenkte mir dieses unverschämte halbe Lächeln, das in meinem Kopf für Kurzschlüsse sorgte.
„Nenn mich nicht so, Sir“, schnappte ich, während meine Wangen heiß wurden.
„Dann werd nicht rot, wenn ich es tue, Cherry.“
„Sir“, zischte ich durch die Zähne und hielt ihm die Tür auf. „Komm rein, bevor du mir die ganze Veranda unter Wasser setzt.“
Drinnen warf ich ihm ein Handtuch zu und verschwand kurz, um trockene Kleidung zu holen.
Das alte Iron-Man-Shirt meines Bruders und eine Jogginghose mussten reichen.
Als ich wiederkam, war Aaron schon auf Erkundungstour. Er betrachtete mein gemütlich beleuchtetes Wohnzimmer mit neugieriger Belustigung, während sein nasser Blazer über der Lehne meines floralen Lieblingssessels hing.
„Süß hier“, sagte er und nahm die Kleidung entgegen. „Sehr ... du.“
„Das war kein Kompliment“, entgegnete ich und verschränkte die Arme.
„Habe ich auch nicht gesagt.“
Als er im Badezimmer verschwand, atmete ich tief durch. Mein Herz raste, was absolut keinen Sinn ergab.
Er war nur mein Chef. Der gerade in meinem Haus stand. Und gleich das Iron-Man-Shirt meines Bruders tragen würde.
Ein völlig normaler Abend.
Das Chaos begann erst richtig, als er wieder herauskam. Er rubbelte sich die Haare trocken, die Kleidung saß ein wenig zu eng, was ihn noch verdammt noch mal besser aussehen ließ.
Dann klopfte er sich plötzlich auf die Taschen.
„Verdammt. Ich finde mein Handy nicht.“
„Willst du zurückgehen und im Auto nachsehen?“, fragte ich.
„Bei dem Wolkenbruch? Nein, danke. Lass mich einfach von deinem aus anrufen.“
„Äh ... ich –“
„Komm schon, Vivienne.“ Er hob eine Augenbraue. „Was ist, verheimlichst du etwas?“
„Nein“, sagte ich zu schnell und zu defensiv.
Weil ich zögerte, grinste er noch breiter. Gefährlich.
„Gib her“, sagte er und hielt die Hand auf, wie ein arroganter Monarch, der seinen Tribut forderte.
Seufzend gab ich es ihm und betete im Stillen, dass der Sturm sämtliche Satelliten lahmlegen würde.
Aber das tat er nicht.
Denn natürlich leuchtete sein Name in dem Moment auf meinem Display auf, als er die Nummer wählte:
„Aaron – Weil ich es sage – Sinclair“
Die Stille, die darauf folgte, war ohrenbetäubend.
Ich erstarrte.
Er starrte auf das Display. Dann krümmten sich seine Lippen ganz langsam – so unendlich langsam.
„‚Weil ich es sage‘?“, wiederholte er mit diebischer Freude in der Stimme. „So hast du mich eingespeichert? Nicht einfach Aaron? Nicht Chef? Nicht der Teufel in Menschengestalt?“
„Gib es her!“ Ich hechtete nach dem Handy, aber er drehte sich lachend weg.
„Vivienne ‚Cherry‘ Rose, das wirst du mir nie wieder los!“
„Hör auf, mich Cherry zu nennen!“
„Du hast mich nach einem ganzen Satz benannt!“
Er rannte zum Sofa und hielt das Handy wie ein grausamer Riese über seinen Kopf, während ich ihn verfolgte.
Gerade als ich danach greifen wollte, verlor er das Gleichgewicht. Meine Hand lag auf seiner Schulter, sein Arm legte sich um meine Taille – und plötzlich –
Stürzten wir auf das Sofa. Unsere Körper waren ineinander verschlungen und das Handy flog irgendwo in den Kissenstapel.
Und dann – Ein Atemzug. Ein Innehalten. Sein Gesicht war nur Zentimeter von meinem entfernt. Seine Lippen streiften meine.
Ein versehentlicher Kuss. Sanft. Gestohlen. Überraschend.
Ich bewegte mich nicht. Er auch nicht.
Der Regen trommelte sanft gegen das Fenster hinter uns, aber drinnen blieb die Zeit stehen.
Dann stieß ich mich schnell von ihm weg.
Seine Stimme war leiser, als er wieder sprach. Rauher.
„Cherry ... hast du mich geküsst, weil ich es gesagt habe?“
„Ich verpasse dir gleich eine mit dem Sofakissen“, flüsterte ich zurück, völlig durch den Wind.
Danach sagte keiner von uns mehr ein Wort.
Und in diesem kleinen, regnerischen Haus am Gartenrand ...
Hatte sich etwas verändert.