Wenn Wasser trÀumt
Es begann mit einer Stille.
Aber keiner gewöhnlichen.
Einer Stille, die tiefer kroch als nur die Abwesenheit von
GerÀuschen in der Nacht.
Es war die Stille von unbewegtem Wasser, wenn es
unbeobachtet in der Dunkelheit liegt.
Kein Windhauch krÀuselte seine glatte, spiegelnde
OberflÀche, kein Fisch durchbrach die trÀge, schwere Tiefe.
In dieser lautlosen Umarmung existierte allein die Farbe â
ein unwirkliches, pulsierendes TĂŒrkis, das schwebte wie
flĂŒssiges Licht.
Er stand mitten in diesem See aus Stille und Farbe.
Das Wasser reichte ihm bis zur Brust, eine BerĂŒhrung, kĂŒhl,
aber seltsam tröstlich.
Es hielt ihn fest und trug ihn zugleich â
ein Paradoxon aus Geborgenheit und Gefangensein.
Ringsum entfaltete sich eine Szenerie wie aus einem
vergessenen Traum: SeerosenblÀtter, groà wie dunkle Inseln, trieben auf der
glatten OberflÀche.
Nebel kroch darĂŒber hinweg, warf geheimnisvolle Schleier,
aus denen sich Schatten lösten und tanzten,
ohne dass eine erkennbare Quelle sie warf.
Dann, am Ă€uĂersten Rand seines Blickfelds â eine Regung.
Kaum wahrnehmbar.
Eine Gestalt formte sich langsam aus dem Dunst,
wie eine Erinnerung, die Gestalt annimmt.
Silbernes Haar schien im diffusen Licht von innen heraus zu
glĂŒhen.
Ihre HĂ€nde wirkten wie aus reinem Mondlicht geformt,
durchscheinend und doch prÀsent.
Sie sprach nicht. Worte waren unnötig.
In ihrem Blick lag eine IntensitÀt, die keine Sprache
brauchte â
eine stumme Botschaft, die tief in ihm widerhallte,
als hÀtte sie einen alten, verborgenen Akkord angeschlagen.
Er kannte dieses Wesen nicht. Nicht bewusst.
Und doch durchfuhr ihn ihr Anblick wie ein unerwarteter
Stich, kalt und scharf.
Wie das schmerzhafte Echo eines lÀngst verklungenen Wortes,
nach dem er verzweifelt in den Tiefen seiner Erinnerung
suchte.
Hinter der silberhaarigen Frau manifestierte sich ein Junge,
jĂŒnger als er selbst.
Ein warmes LĂ€cheln erhellte sein Gesicht,
doch es war ein LĂ€cheln, das auf unheimliche Weise vertraut
wirkte,
als hĂ€tte er es schon unzĂ€hlige Male zuvor gesehen â
in einem anderen Leben, einem anderen Traum.
âWerâŠ?â Die Frage war nur ein Hauch, ein FlĂŒstern, das sich
in der Stille verlor.
Doch bevor die Worte seine Lippen vollstÀndig verlassen
konnten, geschah es.
Das Wasser sank.
Nicht langsam, nicht allmÀhlich, wie Ebbe und Flut.
Sondern mit einer plötzlichen, unheimlichen
Geschwindigkeit.
Es fiel in sich zusammen wie ein sterbender Atemzug,
wie ein unsichtbarer WindstoĂ,
der eine einsame Kerze auslöscht
und nur Dunkelheit und KÀlte hinterlÀsst.
Er wachte auf.
Keuchend, nach Luft ringend.
Kalter SchweiĂ klebte auf seiner Stirn wie Eiskristalle.
DrauĂen hatte der Regen eingesetzt.
Ein Trommeln gegen die Fensterscheibe, erst sanft, dann
eindringlicher.
Ein GerĂ€usch, das eine trĂŒgerische Ruhe ĂŒber die erwachende
Welt legte.
Und auf seiner Brust saĂ Kuro.
Schwer und unbeweglich.
Der tiefschwarze Kater seiner Tante,
dessen durchdringender, uralter Blick ihn fixierte.
Es war kein tierischer Blick.
Es war ein Blick, der die Geheimnisse der Zeiten in sich zu
bergen schien.
Als wĂŒsste er nicht nur, was Cael getrĂ€umt hatte â
sondern, weitaus unheimlicher,
als wÀre er selbst ein stiller, wissender Teil dieser
nÀchtlichen Vision gewesen.
âIch weiĂâ, murmelte Cael,
die Stimme rau und belegt vom Schlaf oder vom Schrei, der
im Traum erstickt war.
Keine Ahnung, ob er das zum Kater sagte oder zu den
flackernden Traumfetzen,
die immer noch in seinem Kopf kreisten wie Motten um ein
verglimmendes Licht.
Die StraĂe glĂ€nzte nass.
Cael balancierte sein Skateboard unter dem Arm.
Menschen hasteten vorbei, der Wind schmeckte nach Metall
und nasser Rinde.
Er zog die Kapuze tief ins Gesicht
und lieĂ sich vom Strom der Stadt treiben.
In der Schule wartete nur Bibliotheksunterricht.
Ein paar Stunden, die sich dehnten wie Nebel.
Cael glitt durch die GĂ€nge.
Ein Schatten, der da war â
und wieder verschwand,
bevor man ihn ganz begriff.
In der Bibliothek roch es nach alten Seiten,
nach Tinte, Staub und der Art von Stille,
die nicht leer war â sondern voll.
Cael setzte sich an einen der schweren Tische am Fenster.
Der Regen zog Spuren am Glas,
wie flĂŒchtige Erinnerungen,
die man nicht halten kann.
Ein paar MĂ€dchen aus der Unterstufe tuschelten.
Zwei Tische weiter.
Sie schauten zu ihm. FlĂŒsterten. Zögerten.
Dann â Schritte.
Eine Stimme, leise, fast zu leise fĂŒr diesen Raum:
âCael ⊠kannst du uns die Geschichte vom Meer erzĂ€hlen?â
Er hob den Kopf.
Seine Augen â manchmal silbern wie Gischt,
manchmal dunkel wie tiefes Wasser â
ruhten einen Moment auf ihnen.
Dann nickte er. Langsam.
Zog die Kapuze zurĂŒck.
Richtete sich auf â und sagte:
âIch will euch von Kuro erzĂ€hlenâŠâ
âDie Nacht am Kai war schwer von Nebel,
als Kuro am Rand des Hafenbeckens entlangstrich.
Sein schwarzes Fell sog die Feuchtigkeit gierig auf,
doch er schĂŒttelte sich nicht â
ein stiller Beobachter in einer Welt aus Grau.â
Cael sprach ruhig.
Nicht zu laut.
Aber jeder hörte zu.
âEr setzte behutsam eine Pfote vor die andere,
lautlos, fast versunken im Ungewissen,
wie jemand, der lÀngst vergessen hat,
wohin er eigentlich wollte,
aber einem Ruf folgt, den nur er hören kann.â
Niemand rĂŒhrte sich.
Nicht mal der Wind.
âDie Laternen am Kai warfen milchiges Licht auf das Wasser,
das es trĂ€ge zurĂŒckwarf.
Und dort â jenseits der glitschigen Steine
und der im Dunkeln taumelnden Fischerboote â
sah er es zum ersten Mal.â
Ein MÀdchen legte unbewusst den Kopf schrÀg.
âEine Bewegung. Kaum mehr als ein FlĂŒstern unter der
OberflÀche.
Ein silbriger Schimmer zuckte durchs Wasser,
so flĂŒchtig, dass er hĂ€tte glauben können, es sei ein
Irrlicht, ein Restbild aus einem Traum,
der an seinen Gedanken haftete wie Morgentau.â
Cael machte eine Pause.
Sah in den Raum.
Nicht suchend â sondern tastend.
âDoch dann â der klare Hauch einer Flosse,
die wie flĂŒssiges Licht durchs Dunkel schnitt.
KĂŒhl. Und elegant.â
Seine Stimme senkte sich.
âKuro erstarrte. Hielt inne.
Seine tĂŒrkisfarbenen Augen verengten sich leicht,
nicht aus Misstrauen,
sondern aus diesem tiefen, stummen Staunen,
das nur die Ă€ltesten Seelen noch kennen.â
Er lieĂ den Satz wirken.
Dann fuhr er fort.
âDieses GefĂŒhl â wenn die Welt
fĂŒr einen Herzschlag den Atem anhĂ€lt.
Er sagte nichts. Tat nichts.
Er wartete einfach ab.
Ein Teil der Nacht, der zusah.â
âDie Gestalt war zu weit entfernt,
um mehr als einen Schemen zu erkennen.
VerhĂŒllt vom Nebel und der Distanz.
Nur die Ahnung blieb.
KlĂ€rend. Und doch verwirrend.â
Ein Junge aus der Mittelstufe war unbemerkt stehen geblieben.
âEin leiser Schmerz,
der nichts mit KĂ€lte zu tun hatte.
Eher das Ziehen einer alten Wunde.
Und ein Versprechen, unausgesprochen,
das tief in seinem uralten Herzen schwang
wie eine lĂ€ngst vergessene, wehmĂŒtige Melodie.â
Cael sprach diese Worte,
als hÀtte er sie nicht erfunden,
sondern erinnert.
âAm nĂ€chsten Morgen war der Hafen verwandelt.
Als hÀtte die Nacht ihre Maske abgelegt.
HĂ€ndler priesen ihre Waren an.
Kinder jagten Möwen.
Doch Kuro war nur ein Schatten unter Schatten.â
âUnd dann sah er sie.â
Cael lehnte sich leicht vor.
âSie saĂ auf einer umgestĂŒrzten Tonne,
fast wie darauf vergessen.
EingehĂŒllt in ein Tuch,
das nach Sonne, Salz und Meerwasser roch â
ein Duft, der Geschichten von fernen Reisen erzĂ€hlte.â
âIhr Haar â ein seltsames, dunkles Gold â
fiel ihr in wirren, vom Wind zerzausten StrÀhnen ins
Gesicht.
In ihren HĂ€nden: Muscheln, glatte Steine,
seltsame Pflanzen.
Sie flocht sie den Kindern ins Haar.
Und sie erzÀhlte.
Keine laute Stimme.
Eher ein Weben von Worten.â
âKuro nĂ€herte sich ihr.
Langsam.
Als er zu ihren FĂŒĂen saĂ,
beugte sie sich hinab,
strich ihm mit den Fingerspitzen ĂŒber den Kopf.â
ââDa bist du jaâ, murmelte sie.
Mehr zu sich selbst als zu ihm.
Sie roch nach Salz â
und einer leisen, tiefen Traurigkeit, die Kuro sofort erkannte.â
âSie reichte ihm ein StĂŒck Fisch, das nach Rauch und Meer schmeckte.
Er nahm es an, wĂŒrdevoll.
Fast zögerlich.
Als sei es ein vergessenes Ritual zwischen ihnen.â
Die Glocke ĂŒber der EingangstĂŒr zerschnitt die Stille wie ein
kalter Löffel durch warme Milch.
SchĂŒler rĂŒhrten sich, StĂŒhle scharrten,Stimmen wurden lauter.
Ein unsanftes Erwachen aus einer Welt, die fĂŒr einen Moment
echt gewesen war.
âOh Mann ⊠und jetzt? MĂŒssen wir gehen?â
Einer der Jungs seufzte genervt. Ein MĂ€dchen mit sturmgrauen
Augen sah Cael an.
Ihre Stimme war leiser, dringlicher: âWas ist mit der Silbernen?â
Cael zuckte mit den Schultern,als wĂŒrde er eine unsichtbare
Last abschĂŒtteln, und schulterte seinen Rucksack. DrauĂen hatte
der Regen aufgehört, aber die Luft roch noch nach nassem Stein
â und etwas anderem.
Etwas FlĂŒchtigem, das an Salz und ein vergessenes Lied erinnerte.
FĂŒr einen Moment spĂŒrte er ein Ziehen, ein Prickeln unter der
Haut, wie die Erinnerung an einen Traum, die gerade entgleitet.
Die MÀdchen folgten ihm auf den Vorplatz. Erst zögerlich.
Dann entschlossener.
âBitte ⊠nur noch ein wenig.
Was war mit dem MĂ€dchen? Der Silbernen?â
Er blieb stehen. Atmete tief ein.
Und sagte:âNa gut.â
Im Café
Sie setzten sich in ein kleines CafĂ© gegenĂŒber der
Bibliothek.
Es roch nach Zimt und altem Staub in den Polstern, nach
Dingen, die zu lange geschwiegen hatten.
Cael zog die Kapuze wieder etwas ins Gesicht.
Bestellte Kakao.
Schwarz. HeiĂ. Wie das Meer vor einem Sturm.
Die MĂ€dchen setzten sich um ihn.
Ihre Stimmen wurden leise.
Die Kaffeemaschine zischte wie ein schlafender Drache.
Und Cael sprach weiter.
Seine Stimme hatte diesen Ton, der Jetzt und Damals
verschwimmen lieĂ:
âDer Kater also ⊠er war nicht mehr nur Beobachter.
Er wurde Teil von etwas Tieferem.
Etwas, das unter der OberflĂ€che flĂŒsterte.
Und das sich nicht mit Worten erklĂ€ren lieĂ.â
âDie Sonne hing schon tief ĂŒber dem Meer, als der Markt sich
langsam leerte. Die Kinder wurden von ihren Eltern
eingesammelt, das Lachen verklang, und lieĂ eine seltsame
MĂŒdigkeit zurĂŒck.â
âNur sie blieb.â
Cael sprach nicht mehr zu den MĂ€dchen.
Nicht wirklich.
Er sprach â
als wĂŒrde er sich erinnern.
Oder trÀumen.
âSie saĂ auf der Tonne,
eine Locke ihres dunklen Goldhaares fiel ins Gesicht.
Ihre Finger spielten mit einer Muschelkette.
Gedankenverloren.
Als wĂ€re sie schon nicht mehr ganz hier.â
âKuro lag zusammengerollt auf ihrem SchoĂ.
Wach.
Nicht mĂŒde.
Wach wie ein WĂ€chter, wie das Schicksal selbst.â
âEr hörte nicht Worte.
Er hörte GefĂŒhl.
Die Melodie unter der Stimme.
Das, was niemand anderes hörte.â
âUnd sie streichelte ihn.
Langsam.
Nicht beilÀufig.
Sondern mit einem Wissen,
das tiefer war als Erinnerung.â
Caels Stimme senkte sich.
Die MĂ€dchen rĂŒckten nĂ€her.
âDann hob sie den Blick.
Direkt in seine Augen.
Und in diesem Blick lag alles.â
âKeine Maske. Keine LĂŒge.
Nur das, was blieb.
Die Traurigkeit, die zu Liedern geworden war.
Die Einsamkeit,
die selbst das Meer nicht fortzog.â
âUnd Kuro wusste.
Dass sie verletzt worden war.
Nicht von FĂ€usten.
Sondern von kleinen, kalten Splittern.
Worten.
Die unter die Haut gingen.â
Der Kakao dampfte.
Niemand trank.
âAber sie lieĂ ihre Hand auf seinem Kopf ruhen.
Und lehnte sich an ihn.
Nicht an einen Menschen.
Nicht an die Welt.
Sondern an ihn.
An Kuro.
An das, was noch Magie in sich trug.â
Cael hatte die Tasse lÀngst geleert.
Nur der dunkle Satz am Boden blieb zurĂŒck,
wie ein vergessenes Orakel.
Sein Blick ruhte irgendwo zwischen den Tropfen am Fenster
und dem Schimmer in den Augen der MĂ€dchen.
Doch seine Stimme fĂŒhrte weiter.
âMit jedem Tag wurde sie leiser.
Nicht in ihren Worten.
In ihrer Gegenwart.â
âSie war da.
Aber schon halb weg.
Wie Nebel, der sich lichtet.
Wie ein Traum, der zu frĂŒh beginnt, sich aufzulösen.â
âUnd Kuro?
Er sah es.
SpĂŒrte es.
Aber er sagte nichts.
Denn er war kein Mensch.
Er wartete.â
âDann kam der Abend, an dem sie nicht mehr lachte.
Sie sprach.
Aber es klang wie Abschied.â
âSie ging. BarfuĂ.
Ăber Steine, die andere ausweichen wĂŒrden.â
âEr folgte ihr.
Nicht zu nah.
Nicht zu schnell.
Er wusste, dass man das, was gehen will, nicht halten darf.â
Die MÀdchen im Café hielten den Atem an.
âSie erreichte eine Bucht.
Versteckt.
Am Rand der Welt.
Und stand im letzten Licht.â
âDer Wind spielte mit ihrem Haar, zerrte an dem leichten Stoff ihres Kleides, das sie umhĂŒllte wie ein Kokon.â
âKuro duckte sich hinter einen umgestĂŒrzten Kahn.
Sah, wie sie ins Wasser trat.
Schritt fĂŒr Schritt.â
âUnd das Meer âŠnahm sie auf.
Ohne Widerstand.
Ohne Furcht.â
âDann â im Zwielicht â
verĂ€nderte sich etwas.â
âIhre Beine, wurden Bewegung.
Wurden Wasser.
Schuppen glĂ€nzten auf â
wie Sterne.â
âEine Flosse.
Sanft.
Elegant.
Dann ⊠Stille.â
âSie drehte sich nicht um.
Oder doch?
Vielleicht hatte sie ihn gespĂŒrt.
Vielleicht wusste sie, dass er da war.â
âUnd Kuro â
blieb zurĂŒck.
Am dunklen Ufer.
Der Geruch von Salz und Magie in der Luft.
Und in seinen Adern:
Ein alter Schmerz.â
âVielleicht war er nie nur Zeuge.
Vielleicht ⊠war er ihr Schicksal.
Oder sie seines.â
Cael schwieg.
Ein Moment voller Nichts.
Nur Atem,
und drauĂen,
ein einzelner Tropfen,
der die Scheibe hinunterrann.
Wie eine Erinnerung.
Dann sagte er nur:
âManche Wesen verschwinden nicht.
Sie tauchen einfach nur tiefer.â
Ein enttÀuschtes Raunen ging durch die kleine Gruppe,
die sich um Caels Tisch versammelt hatte und inzwischen
angewachsen war.
Sogar ein paar andere GÀste hatten ihre GesprÀche
unterbrochen und zugehört.
âAber ⊠der Kater? Die Nixe?
Was passiert mit ihnen?â,
fragte das MĂ€dchen mit den sturmgrauen Augen.
Ihre Stimme war fast ein FlĂŒstern,
voller DrĂ€ngen â
und etwas, das tiefer ging.
Cael hob den Blick,
sah sie kurz an.
Nicht direkt.
Nur gerade genug,
um Andeutung zu sein.
âGeschichten brauchen Zeit zum Atmenâ,
sagte er leise.
âUnd das Meer gibt seine Geheimnisse nicht alle auf einmal
preis.â
In diesem Moment drÀngte sich eine Àltere Frau durch die
kleine Menschentraube.
Ein Kleinkind auf dem Arm, das unaufhörlich weinte.
Ihr Blick war mĂŒde, aber fest.
âEntschuldigen Sie ⊠mein Enkel.
Er war ganz ruhig, als Sie erzÀhlt haben.
Seit Sie aufgehört haben, weint er wieder.â
Cael zögerte nur einen Moment.
Dann beugte er sich leicht vor,
streichelte dem Kleinen behutsam ĂŒber den Kopf.
Kaum merklich. Fast wie Wind.
âShhhht âŠâ, murmelte er.
Und das Weinen hörte auf.
Augen schlossen sich.
Ein Atemzug. Schlaf.
Die alte Frau sah ihn fassungslos an.
Dankbar.
Wortlos.
Dann wandte sie sich ab,
und der Moment zersprang wie Glas.
Cael lehnte sich zurĂŒck.
Sah zum Fenster.
Dort â auf der breiten Fensterbank â
saĂ Elara.
Ihre HĂ€nde um eine kalte Teetasse geschlossen.
Ihr Blick war wach,
aber seltsam fern.
Sie hatte die ganze Szene beobachtet.
Ein GefĂŒhl der Vertrautheit durchströmte sie,
als sie den Jungen mit dem Skateboard sah.
Cael.
Der Name war ihr seltsam bekannt.
Wie ein Echo,
das man im Nebel wiedererkennt, ohne zu wissen, woher.
Und der Kater aus seiner Geschichte âŠ
kam ihr bekannt vor.
Wie eine Figur
aus einem Buch,
das man im Traum gelesen hat.
âSiehst du, wie lieb er ist?â, flĂŒsterte eine Stimme neben ihr.
Lorie â ihre jĂŒngere Schwester.
Sie war vierzehn.
Stur.
Wissbegierig.
Und hemmungslos verknallt.
âIch bin sooo glĂŒcklich, dass er heute geredet hat!
Er hat sonst nur sein blödes Skateboard im Kopf.
Aber wie er erzĂ€hlt hat âŠ
und wie er das Baby beruhigt hat!
Einfach ⊠wow!â
Lorie zeigte ihr ein Bild auf dem Handy.
Ein verschwommenes Foto von Cael, mit Licht im Gesicht und Schatten um die Augen.
Elara nickte nur.
Ihre Gedanken wanderten.
Weg von Instagram.
Hin zu etwas Tieferem.
Und Cael?
Er spĂŒrte ihren Blick.
Obwohl er es nicht wollte, suchten seine Augen sie.
Fanden sie.
Ein kurzer Moment.
Ein Blick, der lÀnger dauerte als er sollte.
Dann wandte er sich ab.
Die DÀmmerung schlich bereits durch die Fenster des Cafés,
als sich die Gruppe langsam auflöste.
Die Jungs verabschiedeten sich mit Schulterklopfen,
die MĂ€dchen tuschelten leise, noch gefangen in der Geschichte,
die lÀngst verklungen war.
Nur Lorie blieb wie eine Klette an Caels Seite, als er sein Skateboard unter den Arm klemmte.
Elara stand etwas abseits, den Mantel enger gezogen, die Augen noch nachdenklich.
âGeht ihr auch in diese Richtung?â, fragte Cael zögernd, und deutete vage die StraĂe hinunter.
Es stellte sich heraus, dass sie tatsÀchlich denselben Weg hatten.
Zumindest ein StĂŒck.
Sie traten hinaus in die kĂŒhle Abendluft.
Die StraĂenlaternen flackerten auf.
Der Asphalt glÀnzte noch nass vom Regen, als hÀtte er die Geschichten des Tages aufgesogen.
Lorie plapperte sofort wieder los.
âUnd was passierte dann mit dem Kater?
Hat er die Nixe wiedergefunden?
Oder hat das Meer sie geholt?
Du musst weitererzÀhlen, Cael!
Nur ein kleines bisschen!â
Sie hĂŒpfte fast neben ihm her, ihre Begeisterung unĂŒbersehbar.
Cael seufzte leise, schob die Kapuze etwas zurĂŒck.
âNa gut âŠâ, murmelte er, mehr um Lorie zu beruhigen als aus echter ErzĂ€hlfreude.
Doch sein Blick glitt zu Elara.
Still, beobachtend.
Sie sagte nichts.
Aber sie sah ihn an.
Und in ihren Augen lag etwas, das ihn innehielt lieĂ â
etwas Fragendes.
Etwas Wissendes.
âGlaubst du eigentlich selbst an diese Geschichten?â,
fragte sie nach einer Weile, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch im Abendwind.
Cael sah sie ĂŒberrascht an.
âIch ⊠weiĂ nichtâ, sagte er.
âManchmal fĂŒhlen sie sich echter an als die Wirklichkeit.â
Lorie verdrehte die Augen, sichtbar genervt von der plötzlichen NÀhe zwischen den beiden.
âHa! Du spinnst ja genauso wie Elara!â, rief sie laut.
âDie hat seit ein paar Wochen auch so komische TrĂ€ume!
Meint, sie wÀre in ein Buch gesaugt worden.
Mitten rein!
Total verrĂŒckt!â
Elara zuckte zusammen.
Ein Schatten huschte ĂŒber ihr Gesicht.
Sie senkte den Blick, die Schultern leicht hochgezogen.
Lorie aber redete weiter.
Ungebremst.
âIst doch wahr!
Sie ist total komisch, seit sie wieder da ist.
Und jetzt hört sie dir auch noch so zu, als ob deine Spinnereien echt wÀren!
Ihr passt ja super zusammen!â
Ein scharfer Ton lag in ihren Worten.
Und dann â ganz plötzlich â
blieb sie stehen.
Stemmt die HĂ€nde in die HĂŒften.
Die Wangen rot, der Blick trotzig.
âIst mir doch egal!
Ich geh jetzt zum Rummelplatz!â
Bevor Elara oder Cael reagieren konnten,
war sie schon losgerannt â
die StraĂe hinunter,
in Richtung der bunten Lichter,
die ĂŒber den BĂ€umen flackerten.
Musik wehte herĂŒber â
leise, verspielt, ein Echo von Zuckerwatte und Vergessen.
âLorie, warte!â, rief Elara.
Doch ihre Schwester war lÀngst um die nÀchste Ecke verschwunden.
Cael sah Elara an.
Dann in die Richtung, in die Lorie verschwunden war.
Ein Seufzen entwich ihm.
âNa toll.â
Er klemmte das Skateboard fester unter den Arm.
âWir mĂŒssen sie suchen, bevor sie Dummheiten macht.â
Elara nickte.
Noch immer leicht gerötet,
aber ihre Augen zeigten neue Entschlossenheit.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
Die Lichter des Rummels flackerten wie Zeichen in der Dunkelheit.
Und die letzten SĂ€tze von Caels Geschichte
verklangen lautlos in der Luft.
Der Rummelplatz pulsierte ihnen schon von Weitem entgegen â
ein kĂŒnstliches Herz aus Licht und LĂ€rm inmitten der
hereinbrechenden Nacht.
Die Musik der FahrgeschĂ€fte ĂŒberlagerte sich zu einem
schrÀgen Teppich, durchbrochen vom Kreischen der Mitfahrenden und dem Rufen der Budenbesitzer.
Es roch sĂŒĂlich und schwer â
nach Zuckerwatte, gebrannten Mandeln, fettigem Popcorn,
aber auch nach abgestandenem Bier und billigem ParfĂŒm,
das Teenager in halbdunklen Ecken zurĂŒcklieĂen, wĂ€hrend sie sich heimlich kĂŒssten.
Cael zog unwillkĂŒrlich die Kapuze tiefer ins Gesicht,
das Skateboard noch immer fest unter dem Arm.
Diese geballte Ladung an SinneseindrĂŒcken â
die Menschenmenge, die grellen Farben â
war ihm zuwider.
Aber Lorie war irgendwo hier drin.
Neben ihm ging Elara.
Ihre Schritte schneller als zuvor.
Besorgnis hatte sich wie ein Schleier ĂŒber ihr Gesicht
gelegt.
Ihre sonst ruhige Ausstrahlung war angespannter Wachsamkeit
gewichen.
âWo könnte sie hingegangen sein?â,
fragte Elara leise, wÀhrend ihr Blick die wogende Menge
durchkÀmmte.
âKeine Ahnungâ, murmelte Cael.
âSie war ziemlich sauer. Vielleicht versteckt sie sich
irgendwo, wo es blinkt und laut ist?â
Sie bahnten sich einen Weg durch die lachenden, leicht
angetrunkenen Menschen.
Die Lichter der Karussells warfen zuckende Reflexe auf ihre
Gesichter.
Ein hoher Kettenflieger drehte seine Runden ĂŒber ihnen,
wÀhrend Schreie durch die Luft hallten.
âDa vorne!â, sagte Elara plötzlich und zeigte auf den Eingang
eines altmodischen Spiegelkabinetts.
Die Fassade war mit verblassten Clownsgesichtern bemalt,
deren Grinsen im flackernden Licht unheimlich lebendig
wirkten.
âLorie liebt so was. Vielleicht ist sie da drin?â
Cael nickte knapp.
âOkay, versuchen wirâs.â
Sie lösten Tickets und tauchten ein in das Labyrinth aus Glas
und TĂ€uschung.
Ihre Spiegelbilder wurden tausendfach gebrochen,
verzerrt und vervielfÀltigt.
Die Musik des Rummelplatzes war nur noch als dumpfes Wummern
zu hören.
Es war stiller hier â
aber die Stille war trĂŒgerisch.
GefĂŒllt mit dem Echo ihrer eigenen Schritte
und dem stummen Blick unzÀhliger Spiegelaugen.
âLorie?â, rief Elara,
ihre Stimme seltsam gedÀmpft und gleichzeitig vervielfacht.
Sie bogen um eine Ecke,
sahen sich kurz in einem Zerrspiegel â
Cael langgezogen,
Elara winzig klein â
bevor sie weitergingen.
âLorie, wo bist du?â
Ein Kichern.
Weiter vorn.
Oder ganz nah?
Sie folgten dem GerÀusch,
doch es schien sich zu entfernen,
wie ein Irrlicht aus Schall.
Cael spĂŒrte wieder dieses seltsame Prickeln unter der Haut â
wie vor dem Café.
Als ob die Spiegel nicht nur Licht reflektierten,
sondern ⊠etwas anderes.
Erinnerungen?
GefĂŒhle?
Konzentrier dich.
âIch glaube, ich habe sie gesehen!â,
rief Elara und bog hastig nach links ab.
Cael folgte â
doch als er die Ecke erreichte,
stand er vor einer Wand aus Glas.
Elara war verschwunden.
Nur seine eigenen, verwirrten Spiegelbilder starrten ihn
an.
âElara?â
Keine Antwort.
Nur das ferne Kichern â
jetzt spöttisch.
Er ging weiter,
unsicher, welche Richtung richtig war.
Die unzÀhligen Caels um ihn herum
beobachteten ihn stumm.
Ihre Augen leer.
War es nur Illusion?
Oder mehr?
Er dachte an Elaras Worte ĂŒber das Buch,
das sie angeblich aufgesogen hatte.
VerrĂŒckt ⊠oder?
Nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit
fand er den Ausgang
und stolperte hinaus in die bunte RealitÀt des Rummels.
Er blinzelte gegen das Licht.
Elara stand ein paar Meter entfernt.
Sie rieb sich die SchlÀfen.
âHast du sie gefunden?â, fragte er heiser.
Elara schĂŒttelte den Kopf.
âNein. Ich dachte, ich hĂ€tte sie gesehen â
aber es war nur ein Spiegel.
Und dann warst du weg âŠ
Ich bin einfach zum Ausgang gegangen.â
Sie sah ihn besorgt an.
âAlles okay bei dir? Du siehst blass aus.â
âAlles gutâ, log Cael.
âNur ⊠Spiegel sind komisch.â
Er blickte sich um.
Die Schiffschaukel schwang quietschend hin und her,
ihre Gondeln hoben und senkten sich
wie in einem unsichtbaren Takt.
Und dort, auf einer Bank daneben â
saĂ Lorie.
Arme verschrÀnkt.
Blick trotzig gesenkt.
Aber ihre Schultern zitterten leicht.
âDa ist sie jaâ,
stieĂ Elara erleichtert aus.
Gemeinsam gingen sie zur Bank,
die laute Musik ĂŒbertönte fast ihre Schritte.
Lorie blickte auf,
ihr Gesicht eine Mischung aus Trotz
und beginnender Reue.
âWas wollt ihr?â, murmelte sie,
und wich Elaras Blick aus.
âWir haben dich gesuchtâ, sagte Elara sanft.
âKomm, lass uns nach Hause gehen.â
âNöâ, erwiderte Lorie sofort.
âIst doch lustig hier.â
Bevor jemand etwas sagen konnte,
drang ein glockenhelles Lachen durch die Menge â
so klar, dass selbst der Rummel einen Moment lang
innehielt.
âCael! Was machst du denn hier?
Ich dachte, du hasst RummelplĂ€tze mehr als kalten Kakao!â
Tante Anna tauchte auf â
lebendig wie eine Windbö.
Mit wehendem Schal,
leuchtenden Augen
und an ihrer Seite:
Kuro.
UnauffÀllig, aber prÀsent.
Sein Blick streifte die Szene,
blieb auf Elara haften â
nur einen Moment lang,
doch intensiv.
Elara zuckte innerlich.
Diese beiden â
sie kamen ihr bekannt vor.
Wie Figuren aus einem halb erinnerten Traum.
Besonders der Blick des Mannes âŠ
âTante Anna? Kuro? Was macht ihr denn hier?â,
fragte Cael ĂŒberrascht.
âWir waren Achterbahn fahren!â,
rief Anna begeistert.
âAdrenalin pur!
Aber sag â wer sind diese reizenden jungen Damen?â
âSeid ihr zusammen unterwegs?
ErzĂ€hl doch mal!â
Lorie hatte ihren Trotz sofort vergessen.
âWir waren im CafĂ©, und Cael hat Geschichten erzĂ€hlt!
Von einem Kater und einer Nixe!â
âGeschichten? Wie wunderbar!â,
rief Tante Anna und lachte wieder dieses helle, Lachen.
âHast du Lust auf Zuckerwatte, meine Liebe?
Oder die groĂe Rutsche?
Auf einem Sack? Das ist ein HeidenspaĂ!â
Lories Augen begannen zu leuchten.
âOh ja! Rutschen! Bitte, Elara?â
Die Wut war vergessen â
ersetzt durch Vorfreude.
âĂhm ⊠ja, klarâ, stammelte Elara,
noch immer verwirrt von der plötzlichen Wendung.
âNa also! Kommt mit!â,
sagte Anna fröhlich,
nahm Lorie an der Hand
und zog sie fort ins Licht.
Kuro folgte ihnen â
mit einem kaum merklichen Nicken zu Cael,
sein Blick traf ein letztes Mal Elaras Augen,
bevor er verschwand.
Cael und Elara standen einen Moment allein da.
Die Menge strömte um sie herum.
Das Licht des Rummels flackerte.
Und ĂŒber allem lag das leise GefĂŒhl,
dass die eigentliche Geschichte
gerade erst begonnen hatte.
Die Lichter des Rummels verblassten hinter ihnen,
wĂ€hrend Cael und Elara schweigend nebeneinander die StraĂe
entlanggingen.
Lorie war mit Tante Anna vorausgeeilt,
noch voller Zuckerwatte und RutschbahnglĂŒck.
Nur die Schritte der beiden hallten durch die dunklen
Pflastersteine.
Der Himmel war klarer geworden,
als hĂ€tte die Nacht beschlossen, sich still zurĂŒckzuziehen.
Keiner von beiden sprach â
doch ihre Stille war nicht leer.
Sie war gefĂŒllt mit Fragen,
mit Andeutungen,
mit der Möglichkeit von etwas Neuem.
Elara blieb vor ihrer HaustĂŒr stehen.
âDanke ⊠dass du mitgekommen bist.â
Cael nickte nur.
âIch glaube, wir sehen uns bald wieder.â
Etwas in seiner Stimme lieĂ keinen Zweifel daran.
Sie erwiderte seinen Blick â
dann verschwand sie im Halbdunkel des Hausflurs.
Cael blieb noch einen Moment stehen,
bevor er sich umdrehte
und in seine eigene Nacht ging.
Der nĂ€chste Morgen kroch grau und unentschlossen ĂŒber die
DĂ€cher der Stadt.
Der Rummelplatz von gestern Abend war nur noch eine dumpfe
Erinnerung an Lichter und LĂ€rm,
aber die Begegnung mit Elara und die seltsame Vertrautheit,
die von ihr und auch von Kuro in seiner menschlichen
Gestalt ausging,
lieĂ Cael nicht ganz los.
Er saĂ am KĂŒchentisch,
stocherte in seinem MĂŒsli
und scrollte lustlos durch sein Handy.
Ăberall das gleiche Thema:
#RoterBach #Hexenwasser #WasIstDaLos
TikTok-Videos zeigten das unheimlich rot gefÀrbte Wasser
des kleinen Bachs am Stadtrand,
unterlegt mit dramatischer Musik.
Nachrichtenseiten titelten reiĂerisch ĂŒber mögliche
Umweltverschmutzung,
wÀhrend in den Kommentarspalten die wildesten Theorien
kursierten â
von Chemikalien bis zu ĂŒbernatĂŒrlichen Vorzeichen.
Sogar ein Bild von dem armen Reiher, der verwirrt am Ufer
stand,
machte die Runde.
Der Bach, sonst ein idyllischer Ort fĂŒr SpaziergĂ€nger und
spielende Kinder,
war ĂŒber Nacht zur Sensation geworden.
Anna saĂ ihm gegenĂŒber,
eine Tasse dampfenden KrÀutertees in der Hand,
die FĂŒĂe lĂ€ssig wippend,
wÀhrend sie die Lokalzeitung las.
Ein kleines Schmunzeln spielte um ihre Lippen.
âNa sieh mal einer anâ,
murmelte sie.
âUnser kleiner Bach schreibt Schlagzeilen.
âUnerklĂ€rliches NaturphĂ€nomen fĂ€rbt Wasser blutrot.â
Klingt ja fast wie eine deiner Geschichten, Cael.â
Cael brummte nur.
âDie Leute drehen durchâ,
fuhr Anna fort und las laut vor:
âAnwohner besorgtâ,
âBehörden ratlosâ,
âExperten prĂŒfen Wasserprobenâ.
âAch, die Aufregung.â
Sie legte die Zeitung beiseite und sah Cael direkt an,
ihre Augen funkelten wissend.
âDu könntest dir das ja mal ansehen.
Vielleicht mit diesem netten MĂ€dchen von gestern?
Elara, nicht wahr?
Sie wirkte, als hĂ€tte sie ein GespĂŒr fĂŒr ⊠ungewöhnliche
Dinge.â
Cael zuckte mit den Schultern,
versuchte, sein plötzlich erwachtes Interesse zu verbergen.
Elara.
Der Gedanke an sie rief ein seltsames Echo hervor â
wie eine Melodie, die man nicht ganz zuordnen kann.
Auf der Fensterbank, zusammengerollt im ersten Sonnenlicht,
das durch die Wolken brach,
lag Kuro.
Der schwarze Kater öffnete kurz ein tĂŒrkisgrĂŒnes Auge,
schien dem GesprÀch zu lauschen,
dann schloss es wieder
und begann leise zu schnurren â
als wĂŒsste er lĂ€ngst mehr,
als alle Zeitungen und TikTok-Videos der Welt berichten
könnten.
In der Schule war der rote Bach ebenfalls das
HauptgesprÀchsthema.
In der Chemie-Stunde stand Professor Weidenbruch
bereits mit leuchtenden Augen vor der Klasse.
âEin faszinierendes PhĂ€nomen, nicht wahr?â,
begann er ohne Umschweife.
âDiese intensive RotfĂ€rbung!
NatĂŒrlich mĂŒssen wir von einer Kontamination ausgehen â
vielleicht Eisenoxide durch das alte Abflussrohr dort oben?
Oder eine plötzliche AlgenblĂŒte,
Euglena sanguinea vielleicht,
obwohl die Bedingungen ⊠nun ja, wir werden sehen!â
Er rieb sich begeistert die HĂ€nde.
âDas schreit geradezu nach einer Felduntersuchung!
Ich dachte mir, wir machen heute Nachmittag einen kleinen
Ausflug dorthin.
Freiwillige vor!â
Einige Arme schnellten in die Höhe â
teils aus Neugier,
teils in der Hoffnung, dem regulÀren Unterricht zu
entkommen.
Cael meldete sich nicht.
Aber er saĂ aufmerksamer da als sonst.
âAh, perfekt!â,
sagte der Professor plötzlich
und strahlte zur TĂŒr,
die sich genau in diesem Moment öffnete.
âUnd wir haben sogar fachkundige UnterstĂŒtzung!
Liebe Klasse, darf ich vorstellen?
Das ist Elara Walsh.
Sie hat vor ein paar Jahren bei mir maturiert â
eine meiner brillantesten SchĂŒlerinnen.
Inzwischen studiert sie ⊠was war es gleich, Elara?
Biochemie?â
Elara trat ein,
etwas zögernd,
aber mit einem höflichen LÀcheln.
âHallo Professor.
Nein â Geschichte, Herr Professor.
Aber Chemie gehört nach wie vor zu meinen
LieblingsfĂ€chern.â
Sie trug einen einfachen Mantel,
wirkte etwas blass,
aber ihre Augen waren wach.
Klar.
Ihr Blick wanderte durch die Klasse â
und blieb kurz an Cael hÀngen.
Ein kaum merkliches Nicken.
Eine stumme BestÀtigung.
âAusgezeichnet!â,
rief Professor Weidenbruch begeistert.
âGeschichte also â mit einem Faible fĂŒr Chemie?
Noch besser!
Elara, Sie kommen wie gerufen!
HĂ€tten Sie Lust, uns heute Nachmittag zu begleiten?
Ihre analytischen FÀhigkeiten wÀren eine enorme Hilfe
bei der Untersuchung unseres kleinen Naturwunders.â
Elara zögerte nur kurz,
ihr Blick streifte noch einmal Cael â
dann nickte sie.
âJa, gerne, Professor.
Das klingt ⊠interessant.â
âWunderbar!â,
klatschte der Professor in die HĂ€nde.
âDann treffen wir uns um 14 Uhr am Haupteingang.
Packt Gummistiefel ein, falls ihr welche habt!
Das wird spannend!â
Cael spĂŒrte einen leichten Sog der Erwartung.
Der rote Bach.
Elara Walsh.
Und das GefĂŒhl,
dass etwas nicht stimmte.
Vielleicht hatte Tante Anna recht.
Vielleicht war das der Anfang von etwas GröĂerem.
Er fing Elaras Blick noch einmal auf.
Sie lÀchelte leicht.
Ein stilles EinverstÀndnis.
Der Nachmittag versprach mehr
als nur eine chemische Analyse zu werden.








