Prolog
~ZwΓΆlf Jahre zuvor~
~Madun, Hochsonn 23, 1034~
Ich fiel zu Boden, als man mich in die Kutsche stieΓ. Ungeschliffener Holzboden, der mit einer dΓΌnnen Schicht Stroh bedeckt war. Ein dΓΌnner Lichtschein drang von der TΓΌr her in das Innere des GefΓ€hrts und lieΓ dunkel einen kleinen Raum erkennen.
Die TΓΌr hinter mir schwang zu und lieΓ mich in zwielichtigem DΓ€mmerlicht zurΓΌck. Sperrte die GerΓ€usche der umkΓ€mpften Stadt aus. Die Schreie, das Jammern, die Rufe, das Donnern der Hufe von Pferden auf Steinpflaster. Das Tosen und BrΓΌllen von Magie und Feuern. Ich hΓΆrte, wie ein Riegel vorgeschoben wurde. Dann ein Ruf, das Knallen einer Peitsche, und ruckelnd setzte sich die Kutsche in Bewegung. Ein Ruck ging dabei durch meinen KΓΆrper.
Ich rΓΌhrte mich fΓΌr eine ganze Weile nicht. Mein Kopf war vor Panik leergefegt. Ich starrte auf den Holzboden, reagierte nicht einmal, als ein Schlagloch den ganzen Wagen durchschΓΌttelte. Ein einzelnes, kaum eine Handbreit groΓes Fenster war an der rechten Seite und spendete trΓΌbes Licht.
Ein einzelner Gedanke drang dann durch das Chaos in meinem Kopf. Mama, dachte ich voller Verzweiflung. Mama. Ich will zu meiner Mama.
Ich konnte nicht einmal weinen. All meine TrΓ€nen waren bereits vergossen. Ich spΓΌrte ihre salzigen, klebrigen Spuren auf meinen Wangen.
Dann, langsam, krabbelte ich in die Ecke neben der TΓΌr. Ich nahm nicht einmal wahr, dass mein Lieblingskleid aus feiner, gelber Wolle zerrissen und dreckig war. Bemerkte nicht den RuΓ auf meinen nackten Armen. Oder das Blut unter meinen NΓ€geln. Ich konnte mich auch nicht erinnern, wo es hergekommen war. Ich wusste nur noch eines. Meine Mama hatte mich beschΓΌtzen wollen. Und dann hatte sie bewusstlos auf dem Steinboden gelegen. MΓ€nner hatten mich von ihr weggezogen und in diese Kutsche gestoΓen. Papa und Tori waren nicht bei uns gewesen, sondern oben in der Festung.
Nichts weiter.
Ich drΓΌckte mich in die Ecke des Wagens, schlang die Arme um die Beine, und starrte auf den Boden. Kein weiterer Gedanke durchdrang den Strudel aus Bildern und EindrΓΌcken in meinem Kopf. Bilder, die ich nicht verbinden und nirgends zuordnen konnte.
FeuerbΓ€lle in der Luft. Ein funkelndes, blaues Licht im Himmel. Mama, wie sie gegen mehrere MΓ€nner in schwarzer Lederkluft kΓ€mpfte. SΓΌΓe Wassermelone in meiner Hand. Magier in schwarzsilbernen RΓΌstungen, die Tod und Verzweiflung zurΓΌcklieΓen. Mamas Gesicht, ihr LΓ€cheln, wΓ€hrend goldene Locken ihren Kopf umrahmten und im Wind tanzten. Eine Festung, die lichterloh brannte. Ein hΓΌbsches Haus an einer Allee. Pflastersteine, die vor Hitze glΓΌhten. Ein Marktplatz voller rufender HΓ€ndler und blΓΆkender Tiere. Lichtblitze und Donner. Roter Wassermelonensaft auf meinem gelben Kleid. Blut an meinen HΓ€nden. Blendender Sonnenschein. Ein scharfer Befehl von einem Mann in Schwarz. Mama, die mit einem HΓ€ndler redete, der silberne GegenstΓ€nde verkaufte. Schwarzer Rauch von Feuern und etwas Schlimmerem, MΓ€chtigerem.
Eisblaue Augen, die sich durch Rauchschwaden in meine bohrten.
Ich schloss die Augen und wΓΌnschte mich fort von hier. Weg aus diesem Leben. Hier gab es nichts fΓΌr mich.
Meine Fantasie trug mich an einen anderen Ort.
Ein Ruckeln, das mich durchschΓΌttelte und mir fΓΌr einen Moment den Boden unter den FΓΌΓen nahm, lieΓ mich aufschrecken. Ich ΓΆffnete die Augen. Ich war noch immer hier, in dieser Kutsche. Nichts hatte sich verΓ€ndert. Aber das Chaos in meinem Kopf hatte sich etwas gelegt.
Ich hob den Kopf und starrte in braune Augen.
Da, in der Ecke der Kutsche, die meiner genau gegenΓΌberlag, keine zwei Meter entfernt, war ein anderes MΓ€dchen. Ich hatte sie vorher nicht gesehen, da sie dort mit den Schatten verschmolzen war. Nun aber strahlte das dΓ€mmrige Sonnenlicht in einem anderen Winkel in den Innenraum und ich konnte sie dort hocken sehen. Sie drΓ€ngte sich an das grobe Holz, als kΓΆnnte sie damit verschmelzen und verschwinden, und rΓΌhrte sich nicht, wΓ€hrend sie mich anstarrte. Sie hatte ein hΓΌbsches dunkelgrΓΌnes Kleid an. Rotbraune Flecken bedeckten es von Kopf bis FuΓ. Ihre lockigen Haare waren zerzaust. Der Blick aus ihren Augen war gehetzt und wild. Wir saΓen beide nur da und starrten uns in die Augen. Ich registrierte, dass sie in etwa so alt war wie ich. Wie alt war ich noch einmal? Ich hob eine Hand und streckte alle Finger von mir. So alt. FΓΌnf.
Tori war dreizehn. Das wusste ich ganz genau. Vor nicht einmal einer Woche war sein Geburtstag gewesen. Ein wichtiger Geburtstag. Er hatte ein Schwert geschenkt bekommen und war mΓ€chtig stolz gewesen. Kein Kinderspielzeug mit stumpfer Scheide, sondern ein echtes, wie Papa, gemacht fΓΌr einen Krieger. Dabei konnte er noch nicht einmal besonders gut kΓ€mpfen, da er sich lieber in BΓΌchern verkroch, anstatt zu ΓΌben. Papa konnte es im Γbrigen auch nicht, er war dazu viel zu ungeschickt, das sagte Mama immer wieder.
Ich hatte Tori beneidet und wollte das Schwert auch einmal ausprobieren. Als er es nicht hergab, hatte ich ihm aus lauter Frust meine Puppe an den Kopf geworfen.
Papa hatte nur gelacht und gesagt, wenn die Zeit reif sei, wΓΌrde ich mein eigenes Schwert bekommen. Das hatte mich mit tiefer Zufriedenheit erfΓΌllt, aber auch Ungeduld.
Dieser Moment fΓΌhlte sich unendlich lange her an.
Die Minuten verstrichen. Vielleicht auch Stunden. Keine von uns sprach ein Wort, beide gefangen in ihren eigenen, wirren, dΓΌsteren Gedanken und Erinnerungen. Eine Stille, die wir beide teilten. Einvernehmlich und voller stummer Schrecken.
Irgendwann kam die Kutsche ruckelnd zum Stehen. Als sich Stiefelschritte der TΓΌr nΓ€herten, in deren NΓ€he ich kauerte, kam das erste Mal Bewegung in mich. Ich schreckte auf. Die altbekannte Angst hielt mich wieder im Griff, als ich aufsprang. Ich hastete mit wenigen Schritten in die Ecke, in der das andere MΓ€dchen kauerte. Sie lieΓ es zu. Als sich die TΓΌr ΓΆffnete, griff sie nach meiner Hand.
Ich erwiderte die BerΓΌhrung, hielt sie fest, als sei sie ein StΓΌck Treibholz auf hoher See. Diese BerΓΌhrung war wie ein Anker. Sie gab mir Halt. Meine Angst wich ein kleines StΓΌckchen zurΓΌck.
Beide blinzelten wir gegen die Abendsonne, die tief am Himmel stand und blutrotes Licht in die Kutsche warf. Unser Atem ging schnell und stoΓweise, unsere Herzen flatterten wie kleine, gefangene VΓΆgel in unseren KΓΆrpern. Ein Mann in einem blutbefleckten, rostigen Brustpanzer und dunkelgrΓΌnem, aber abgetragenen Umhang stieg in die Kutsche. Er war so groΓ, dass er den Kopf einziehen musste, um nicht an die Decke zu schlagen. Er hatte eine wilde LockenmΓ€hne und einen buschigen Bart. Er blickte fΓΌr einige Sekunden stumm auf uns herunter, eher er leise brummte: βKeine Angst, ihr beiden. Machen nur βne Pipipause. Hopp, raus aus dem Wagen.β
Starr vor Angst gehorchten wir. Mit verschrΓ€nkten HΓ€nden kletterten wir heraus. Ein zweiter Mann stand gelangweilt und mit verschrΓ€nkten Armen neben dem Wagen und beobachtete uns. Er trug schwarzes Leder und einen dunkelgrauen Umhang.
Ich zuckte verschreckt zurΓΌck. Diese Farben waren bΓΆse. Diese RΓΌstung war bΓΆse. So viel wusste ich.
Der mit dem buschigen Bart scheuchte uns zwischen die BΓ€ume am StraΓenrand und wir hockten uns stumm hin, verrichteten unsere Notdurft. Der BΓ€rtige lieΓ uns in Ruhe, wandte sich sogar kurz ab. βLass sie ja nicht aus den Augen. Nicht, dass sie uns noch entwischenβ, rief der andere mit schneidender Stimme.
Der BΓ€rtige brummte nur. βDie verschwinden schon nicht, Isan. Stehen unter Schock. Zwei kleine MΓ€dchen, die sie mitten in der Schlacht gefunden haben, mehr nicht.β
Isan schnaubte verΓ€chtlich. βGΓΆren von Rebellen und niedertrΓ€chtigen Hexenβ, sagte er kalt. βDie Mutter der einen soll wohl ein gutes Dutzend Krieger und KrΓ€hen niedergemΓ€ht haben, sagt der Lordhauptmann. Lass sie keinen Moment unbeobachtet. Das ist ein Befehl, Beren.β
Der BΓ€rtige neigte leicht den Kopf, dann gab er mir einen sanften StoΓ. βWieder rein mit euch, kleine VΓΆgel. Habt ihr Hunger?β
Hunger, dachte ich mΓΌde. Habe ich Hunger? Ich wusste es nicht, und so antwortete ich nicht.
ZurΓΌck in der Kutsche, huschten wir wieder in die Ecke. Beren seufzte. Er verschwand kurz, und wir hΓΆrten, wie Isan murrte. βHΓ€tten uns wenigstens ein Portal zur VerfΓΌgung stellen kΓΆnnen. Bis nach Marrandt sind es ΓΌber vierhundert Kilometer durch diese vermaledeite WΓΌste. DafΓΌr brauchen wir eine Woche selbst mit der magieverstΓ€rkten Kutsche. Eine beschissene Woche, um zwei GΓΆren abzuliefern!β
βAls wir die Reise begonnen hatten, waren immer noch StraΓenschlachten im Gang. Der General hat verboten, Portale ins Landesinnere in Gang zu bringen, und so wird es noch eine ganze Weile bleiben, schΓ€tze ichβ, sagte Beren ruhig. βKlug von ihm. Solange wir die Portale nicht mit Sicherheit halten kΓΆnnen, ist es besser so.β
βIch scheiΓ auf Euren General. Er ist genauso Abschaum aus der Gosse wie Ihr, Beren.β
Es wurde kurz sehr still. βLord Tallandor ist per kaiserlichem Befehl auch Euch und Eurem Lordhauptmann ΓΌberstellt, KrΓ€he.β, sagte Beren, nun nicht mehr freundlich. βIch wΓΌrde ihn nicht so leichtfertig beleidigen.β
Isan spuckte aus. βEin Weichling ist er. Er hΓ€tte die Stadt einfach in Grund und Boden stampfen sollen, wie es ihm der Generalmajor sagte. Stattdessen lΓ€sst er Feuer auf eine beschissene Steinstadt regnen und erlaubt diese ermΓΌdenden ScharmΓΌtzel in den StraΓen.β
βUnd wie viele weitere unschuldige Menschenleben hΓ€tte das gekostet, Isan, wenn wir ihre Mauern und HΓ€user mit Magie niedergerissen hΓ€tten, ungeachtet der Menschen, die darin leben?β, entgegnete Beren kalt. βAber natΓΌrlich hΓ€tte das Euch besonderen SpaΓ gemacht.β
Er stapfte wieder zu uns herein, mit wΓΌtend zusammengezogenen Augenbrauen, aber bei unserem Anblick wurde seine Miene wieder weicher. βHier. Esst.β Er stellte uns zwei Teller mit dampfender Suppe hin. Sie musste kΓΆstlich riechen, und bestimmt auch genauso kΓΆstlich schmecken. Es schwamm Fleisch, Getreide und GemΓΌse darin herum.
Sie war mir gleichgΓΌltig. Ich konnte nicht an Essen denken. Nur an meine Mama.
Ich atmete auf, als er die TΓΌr wieder verriegelte. Das MΓ€dchen neben mir tat es mir gleich.
So saΓen wir beide vor den Tellern mit Suppe, wΓ€hrend die beiden MΓ€nner drauΓen irgendetwas anderes besprachen und ihren Streit fallen lieΓen.
Ich tastete wieder nach ihrer Hand. Ihre Finger verschrΓ€nkten sich mit meinen.
βIch heiΓe Caraβ, sagte sie dann mit leiser Stimme. Es war ein wundervolles GerΓ€usch, das mich ein klein wenig aus meiner Starre befreite. Als wΓΌrde man mich mit einem Seil ein StΓΌck aus einem tiefen Brunnen ziehen.
βLyra.β Da lag noch mehr auf meiner Zunge. Ein Familienname. Meine Mama hatte mich angehalten, ihn immer zu sagen. Aber ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Er war wie weggeblasen, wie fast alles vor diesem grΓ€sslichen Tag.
Mehr sagten wir nicht. Und mehr mussten wir auch gar nicht sagen.
Die Reise dauerte an. Zweimal am Tag lieΓ Beren uns heraus und brachte uns etwas zu Essen und Wasser. Langsam begann ich zu verstehen, dass er keine Gefahr bedeutete. Er behandelte uns gut. Den anderen lernte ich, aus ganzem Herzen zu hassen. Er war kaltherzig und fluchte die ganze Zeit nur, und er machte uns klar, dass er uns fΓΌr Abschaum hielt.
Ich begann, Beren ein winziges bisschen Vertrauen entgegenzubringen. Er wΓΌrde uns nichts tun. Aber er arbeitete mit Isan zusammen, den ich mit Inbrunst verachtete. Deshalb verachtete ich auch Beren. Es war eine einfache Schlussfolgerung, und ich hielt mich daran fest.
Irgendwann schmerzten unsere MΓ€gen vor Hunger, und wir begannen zu essen. ZΓΆgernd, mechanisch, nicht weil wir Appetit hatten, sondern weil unsere KΓΆrper danach schrien. WΓ€hrend die Kutsche unterwegs war, begannen wir, uns sicher zu fΓΌhlen. Denn dann stΓΆrten uns Beren und Isan nicht. Und als Cara einmal anfing zu reden, hΓΆrte sie nicht mehr damit auf. Sie redete ununterbrochen, erfand Geschichten, versank in ihrer eigenen Fantasie, sang Kinderlieder, und ich hΓΆrte zu. LieΓ mich von ihrer Stimme StΓΌck fΓΌr StΓΌck aus dem tiefen, tiefen Brunnen ziehen, in den ich im Geiste hoffnungslos versunken gewesen war. Bis ich irgendwann auch anfing, zu reden. Wir weinten gemeinsam um unsere Familien, lagen nachts dicht an dicht gekuschelt, flΓΌsterten uns gegenseitig ihre Namen zu. Wir hatten Angst, sie zu vergessen. Vielleicht vergaΓen wir dann auch noch unsere eigenen Namen. Und wenn die Namen noch jemand anderes wusste, dann konnte er sich vielleicht daran erinnern.
Die Risse in unseren Seelen begannen, ein wenig zu verheilen.
Und dann, irgendwann, war es nicht Beren, der durch die TΓΌr trat, sondern Frauen mit sanften Gesichtern, liebevollem LΓ€cheln und wunderschΓΆnen weiΓen Kleidern. Wir gingen klaglos mit ihnen, denn sie versprachen WΓ€rme, Liebe, eine neue Heimat. Etwas Besseres als die Gewalt und die KΓ€mpfe, die wir hinter uns gelassen hatten.
Eine bittersΓΌΓe LΓΌge.









Das ist wundervoll! Ich war schockiert als ich gelesen habe, dass Lyra erst 5 Jahre alt ist.π«’
Starker Anfang. GefΓ€llt mir sehr gut.
Sehr guter Anfang spannend. Bin gespannt wie es weitergeht, gefΓ€llt mir sehr gut. π