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Ein FlΓΌstern von Magie - Valentis-Chroniken 1

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Zusammenfassung

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Genre:
Fantasy
Autor:
Cassiopeia
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
119
Rating
4.9 15 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Prolog

~ZwΓΆlf Jahre zuvor~

~Madun, Hochsonn 23, 1034~

Ich fiel zu Boden, als man mich in die Kutsche stieß. Ungeschliffener Holzboden, der mit einer dünnen Schicht Stroh bedeckt war. Ein dünner Lichtschein drang von der Tür her in das Innere des GefÀhrts und ließ dunkel einen kleinen Raum erkennen.

Die Tür hinter mir schwang zu und ließ mich in zwielichtigem DÀmmerlicht zurück. Sperrte die GerÀusche der umkÀmpften Stadt aus. Die Schreie, das Jammern, die Rufe, das Donnern der Hufe von Pferden auf Steinpflaster. Das Tosen und Brüllen von Magie und Feuern. Ich hârte, wie ein Riegel vorgeschoben wurde. Dann ein Ruf, das Knallen einer Peitsche, und ruckelnd setzte sich die Kutsche in Bewegung. Ein Ruck ging dabei durch meinen Kârper.

Ich rührte mich für eine ganze Weile nicht. Mein Kopf war vor Panik leergefegt. Ich starrte auf den Holzboden, reagierte nicht einmal, als ein Schlagloch den ganzen Wagen durchschüttelte. Ein einzelnes, kaum eine Handbreit großes Fenster war an der rechten Seite und spendete trübes Licht.

Ein einzelner Gedanke drang dann durch das Chaos in meinem Kopf. Mama, dachte ich voller Verzweiflung. Mama. Ich will zu meiner Mama.

Ich konnte nicht einmal weinen. All meine TrΓ€nen waren bereits vergossen. Ich spΓΌrte ihre salzigen, klebrigen Spuren auf meinen Wangen.

Dann, langsam, krabbelte ich in die Ecke neben der Tür. Ich nahm nicht einmal wahr, dass mein Lieblingskleid aus feiner, gelber Wolle zerrissen und dreckig war. Bemerkte nicht den Ruß auf meinen nackten Armen. Oder das Blut unter meinen NÀgeln. Ich konnte mich auch nicht erinnern, wo es hergekommen war. Ich wusste nur noch eines. Meine Mama hatte mich beschützen wollen. Und dann hatte sie bewusstlos auf dem Steinboden gelegen. MÀnner hatten mich von ihr weggezogen und in diese Kutsche gestoßen. Papa und Tori waren nicht bei uns gewesen, sondern oben in der Festung.

Nichts weiter.

Ich drΓΌckte mich in die Ecke des Wagens, schlang die Arme um die Beine, und starrte auf den Boden. Kein weiterer Gedanke durchdrang den Strudel aus Bildern und EindrΓΌcken in meinem Kopf. Bilder, die ich nicht verbinden und nirgends zuordnen konnte.

FeuerbÀlle in der Luft. Ein funkelndes, blaues Licht im Himmel. Mama, wie sie gegen mehrere MÀnner in schwarzer Lederkluft kÀmpfte. Süße Wassermelone in meiner Hand. Magier in schwarzsilbernen Rüstungen, die Tod und Verzweiflung zurückließen. Mamas Gesicht, ihr LÀcheln, wÀhrend goldene Locken ihren Kopf umrahmten und im Wind tanzten. Eine Festung, die lichterloh brannte. Ein hübsches Haus an einer Allee. Pflastersteine, die vor Hitze glühten. Ein Marktplatz voller rufender HÀndler und blâkender Tiere. Lichtblitze und Donner. Roter Wassermelonensaft auf meinem gelben Kleid. Blut an meinen HÀnden. Blendender Sonnenschein. Ein scharfer Befehl von einem Mann in Schwarz. Mama, die mit einem HÀndler redete, der silberne GegenstÀnde verkaufte. Schwarzer Rauch von Feuern und etwas Schlimmerem, MÀchtigerem.

Eisblaue Augen, die sich durch Rauchschwaden in meine bohrten.

Ich schloss die Augen und wΓΌnschte mich fort von hier. Weg aus diesem Leben. Hier gab es nichts fΓΌr mich.

Meine Fantasie trug mich an einen anderen Ort.


Ein Ruckeln, das mich durchschüttelte und mir für einen Moment den Boden unter den Füßen nahm, ließ mich aufschrecken. Ich âffnete die Augen. Ich war noch immer hier, in dieser Kutsche. Nichts hatte sich verÀndert. Aber das Chaos in meinem Kopf hatte sich etwas gelegt.

Ich hob den Kopf und starrte in braune Augen.

Da, in der Ecke der Kutsche, die meiner genau gegenüberlag, keine zwei Meter entfernt, war ein anderes MÀdchen. Ich hatte sie vorher nicht gesehen, da sie dort mit den Schatten verschmolzen war. Nun aber strahlte das dÀmmrige Sonnenlicht in einem anderen Winkel in den Innenraum und ich konnte sie dort hocken sehen. Sie drÀngte sich an das grobe Holz, als kânnte sie damit verschmelzen und verschwinden, und rührte sich nicht, wÀhrend sie mich anstarrte. Sie hatte ein hübsches dunkelgrünes Kleid an. Rotbraune Flecken bedeckten es von Kopf bis Fuß. Ihre lockigen Haare waren zerzaust. Der Blick aus ihren Augen war gehetzt und wild. Wir saßen beide nur da und starrten uns in die Augen. Ich registrierte, dass sie in etwa so alt war wie ich. Wie alt war ich noch einmal? Ich hob eine Hand und streckte alle Finger von mir. So alt. Fünf.

Tori war dreizehn. Das wusste ich ganz genau. Vor nicht einmal einer Woche war sein Geburtstag gewesen. Ein wichtiger Geburtstag. Er hatte ein Schwert geschenkt bekommen und war mÀchtig stolz gewesen. Kein Kinderspielzeug mit stumpfer Scheide, sondern ein echtes, wie Papa, gemacht für einen Krieger. Dabei konnte er noch nicht einmal besonders gut kÀmpfen, da er sich lieber in Büchern verkroch, anstatt zu üben. Papa konnte es im Übrigen auch nicht, er war dazu viel zu ungeschickt, das sagte Mama immer wieder.

Ich hatte Tori beneidet und wollte das Schwert auch einmal ausprobieren. Als er es nicht hergab, hatte ich ihm aus lauter Frust meine Puppe an den Kopf geworfen.

Papa hatte nur gelacht und gesagt, wenn die Zeit reif sei, wΓΌrde ich mein eigenes Schwert bekommen. Das hatte mich mit tiefer Zufriedenheit erfΓΌllt, aber auch Ungeduld.

Dieser Moment fΓΌhlte sich unendlich lange her an.

Die Minuten verstrichen. Vielleicht auch Stunden. Keine von uns sprach ein Wort, beide gefangen in ihren eigenen, wirren, dΓΌsteren Gedanken und Erinnerungen. Eine Stille, die wir beide teilten. Einvernehmlich und voller stummer Schrecken.

Irgendwann kam die Kutsche ruckelnd zum Stehen. Als sich Stiefelschritte der Tür nÀherten, in deren NÀhe ich kauerte, kam das erste Mal Bewegung in mich. Ich schreckte auf. Die altbekannte Angst hielt mich wieder im Griff, als ich aufsprang. Ich hastete mit wenigen Schritten in die Ecke, in der das andere MÀdchen kauerte. Sie ließ es zu. Als sich die Tür âffnete, griff sie nach meiner Hand.

Ich erwiderte die BerΓΌhrung, hielt sie fest, als sei sie ein StΓΌck Treibholz auf hoher See. Diese BerΓΌhrung war wie ein Anker. Sie gab mir Halt. Meine Angst wich ein kleines StΓΌckchen zurΓΌck.

Beide blinzelten wir gegen die Abendsonne, die tief am Himmel stand und blutrotes Licht in die Kutsche warf. Unser Atem ging schnell und stoßweise, unsere Herzen flatterten wie kleine, gefangene VΓΆgel in unseren KΓΆrpern. Ein Mann in einem blutbefleckten, rostigen Brustpanzer und dunkelgrΓΌnem, aber abgetragenen Umhang stieg in die Kutsche. Er war so groß, dass er den Kopf einziehen musste, um nicht an die Decke zu schlagen. Er hatte eine wilde LockenmΓ€hne und einen buschigen Bart. Er blickte fΓΌr einige Sekunden stumm auf uns herunter, eher er leise brummte: β€žKeine Angst, ihr beiden. Machen nur β€˜ne Pipipause. Hopp, raus aus dem Wagen.β€œ

Starr vor Angst gehorchten wir. Mit verschrΓ€nkten HΓ€nden kletterten wir heraus. Ein zweiter Mann stand gelangweilt und mit verschrΓ€nkten Armen neben dem Wagen und beobachtete uns. Er trug schwarzes Leder und einen dunkelgrauen Umhang.

Ich zuckte verschreckt zurΓΌck. Diese Farben waren bΓΆse. Diese RΓΌstung war bΓΆse. So viel wusste ich.

Der mit dem buschigen Bart scheuchte uns zwischen die BΓ€ume am Straßenrand und wir hockten uns stumm hin, verrichteten unsere Notdurft. Der BΓ€rtige ließ uns in Ruhe, wandte sich sogar kurz ab. β€žLass sie ja nicht aus den Augen. Nicht, dass sie uns noch entwischenβ€œ, rief der andere mit schneidender Stimme.

Der BΓ€rtige brummte nur. β€žDie verschwinden schon nicht, Isan. Stehen unter Schock. Zwei kleine MΓ€dchen, die sie mitten in der Schlacht gefunden haben, mehr nicht.β€œ

Isan schnaubte verΓ€chtlich. β€žGΓΆren von Rebellen und niedertrΓ€chtigen Hexenβ€œ, sagte er kalt. β€žDie Mutter der einen soll wohl ein gutes Dutzend Krieger und KrΓ€hen niedergemΓ€ht haben, sagt der Lordhauptmann. Lass sie keinen Moment unbeobachtet. Das ist ein Befehl, Beren.β€œ

Der BΓ€rtige neigte leicht den Kopf, dann gab er mir einen sanften Stoß. β€žWieder rein mit euch, kleine VΓΆgel. Habt ihr Hunger?β€œ

Hunger, dachte ich mΓΌde. Habe ich Hunger? Ich wusste es nicht, und so antwortete ich nicht.

ZurΓΌck in der Kutsche, huschten wir wieder in die Ecke. Beren seufzte. Er verschwand kurz, und wir hΓΆrten, wie Isan murrte. β€žHΓ€tten uns wenigstens ein Portal zur VerfΓΌgung stellen kΓΆnnen. Bis nach Marrandt sind es ΓΌber vierhundert Kilometer durch diese vermaledeite WΓΌste. DafΓΌr brauchen wir eine Woche selbst mit der magieverstΓ€rkten Kutsche. Eine beschissene Woche, um zwei GΓΆren abzuliefern!β€œ

β€žAls wir die Reise begonnen hatten, waren immer noch Straßenschlachten im Gang. Der General hat verboten, Portale ins Landesinnere in Gang zu bringen, und so wird es noch eine ganze Weile bleiben, schΓ€tze ichβ€œ, sagte Beren ruhig. β€žKlug von ihm. Solange wir die Portale nicht mit Sicherheit halten kΓΆnnen, ist es besser so.β€œ

β€žIch scheiß auf Euren General. Er ist genauso Abschaum aus der Gosse wie Ihr, Beren.β€œ

Es wurde kurz sehr still. β€žLord Tallandor ist per kaiserlichem Befehl auch Euch und Eurem Lordhauptmann ΓΌberstellt, KrΓ€he.β€œ, sagte Beren, nun nicht mehr freundlich. β€žIch wΓΌrde ihn nicht so leichtfertig beleidigen.β€œ

Isan spuckte aus. β€žEin Weichling ist er. Er hΓ€tte die Stadt einfach in Grund und Boden stampfen sollen, wie es ihm der Generalmajor sagte. Stattdessen lΓ€sst er Feuer auf eine beschissene Steinstadt regnen und erlaubt diese ermΓΌdenden ScharmΓΌtzel in den Straßen.β€œ

β€žUnd wie viele weitere unschuldige Menschenleben hΓ€tte das gekostet, Isan, wenn wir ihre Mauern und HΓ€user mit Magie niedergerissen hΓ€tten, ungeachtet der Menschen, die darin leben?β€œ, entgegnete Beren kalt. β€žAber natΓΌrlich hΓ€tte das Euch besonderen Spaß gemacht.β€œ

Er stapfte wieder zu uns herein, mit wΓΌtend zusammengezogenen Augenbrauen, aber bei unserem Anblick wurde seine Miene wieder weicher. β€žHier. Esst.β€œ Er stellte uns zwei Teller mit dampfender Suppe hin. Sie musste kΓΆstlich riechen, und bestimmt auch genauso kΓΆstlich schmecken. Es schwamm Fleisch, Getreide und GemΓΌse darin herum.

Sie war mir gleichgΓΌltig. Ich konnte nicht an Essen denken. Nur an meine Mama.

Ich atmete auf, als er die TΓΌr wieder verriegelte. Das MΓ€dchen neben mir tat es mir gleich.

So saßen wir beide vor den Tellern mit Suppe, wÀhrend die beiden MÀnner draußen irgendetwas anderes besprachen und ihren Streit fallen ließen.

Ich tastete wieder nach ihrer Hand. Ihre Finger verschrΓ€nkten sich mit meinen.

β€žIch heiße Caraβ€œ, sagte sie dann mit leiser Stimme. Es war ein wundervolles GerΓ€usch, das mich ein klein wenig aus meiner Starre befreite. Als wΓΌrde man mich mit einem Seil ein StΓΌck aus einem tiefen Brunnen ziehen.

β€žLyra.β€œ Da lag noch mehr auf meiner Zunge. Ein Familienname. Meine Mama hatte mich angehalten, ihn immer zu sagen. Aber ich konnte mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Er war wie weggeblasen, wie fast alles vor diesem grΓ€sslichen Tag.

Mehr sagten wir nicht. Und mehr mussten wir auch gar nicht sagen.

Die Reise dauerte an. Zweimal am Tag ließ Beren uns heraus und brachte uns etwas zu Essen und Wasser. Langsam begann ich zu verstehen, dass er keine Gefahr bedeutete. Er behandelte uns gut. Den anderen lernte ich, aus ganzem Herzen zu hassen. Er war kaltherzig und fluchte die ganze Zeit nur, und er machte uns klar, dass er uns für Abschaum hielt.

Ich begann, Beren ein winziges bisschen Vertrauen entgegenzubringen. Er wΓΌrde uns nichts tun. Aber er arbeitete mit Isan zusammen, den ich mit Inbrunst verachtete. Deshalb verachtete ich auch Beren. Es war eine einfache Schlussfolgerung, und ich hielt mich daran fest.

Irgendwann schmerzten unsere MÀgen vor Hunger, und wir begannen zu essen. Zâgernd, mechanisch, nicht weil wir Appetit hatten, sondern weil unsere Kârper danach schrien. WÀhrend die Kutsche unterwegs war, begannen wir, uns sicher zu fühlen. Denn dann stârten uns Beren und Isan nicht. Und als Cara einmal anfing zu reden, hârte sie nicht mehr damit auf. Sie redete ununterbrochen, erfand Geschichten, versank in ihrer eigenen Fantasie, sang Kinderlieder, und ich hârte zu. Ließ mich von ihrer Stimme Stück für Stück aus dem tiefen, tiefen Brunnen ziehen, in den ich im Geiste hoffnungslos versunken gewesen war. Bis ich irgendwann auch anfing, zu reden. Wir weinten gemeinsam um unsere Familien, lagen nachts dicht an dicht gekuschelt, flüsterten uns gegenseitig ihre Namen zu. Wir hatten Angst, sie zu vergessen. Vielleicht vergaßen wir dann auch noch unsere eigenen Namen. Und wenn die Namen noch jemand anderes wusste, dann konnte er sich vielleicht daran erinnern.

Die Risse in unseren Seelen begannen, ein wenig zu verheilen.

Und dann, irgendwann, war es nicht Beren, der durch die Tür trat, sondern Frauen mit sanften Gesichtern, liebevollem LÀcheln und wunderschânen weißen Kleidern. Wir gingen klaglos mit ihnen, denn sie versprachen WÀrme, Liebe, eine neue Heimat. Etwas Besseres als die Gewalt und die KÀmpfe, die wir hinter uns gelassen hatten.

Eine bittersüße Lüge.


Kapitel
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Überzeugende Handlung

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Toller Charakter

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Starker Dialog

2

Starker Dialog

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author

Das ist wundervoll! Ich war schockiert als ich gelesen habe, dass Lyra erst 5 Jahre alt ist.🫒

9 Monate
1
author

Starker Anfang. GefΓ€llt mir sehr gut.

8 Monate
1
author

Sehr guter Anfang spannend. Bin gespannt wie es weitergeht, gefΓ€llt mir sehr gut. πŸ‘

7 Monate
1

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