Wicked Games
Die Luft in der Umkleide war fast greifbar. Es war eine dicke Mischung aus Schweiß, Salbe und dem eisernen Geruch von Blut. Dieser Ort war eine Kapelle aus Beton und Stahl, geweiht dem Schmerz und dem Sieg. Alles roch nach Anstrengung und Erschöpfung. Tina blieb direkt hinter der Tür stehen. Ihr Arztkoffer fühlte sich schwer und vertraut in ihrer Hand an. Sie atmete tief und ruhig durch. Das tat sie immer, bevor sie einen Behandlungsraum betrat.
Ihr Auftauchen brachte Farbe in das triste Grau des Raumes. Ein paar dunkle Strähnen hatten sich aus ihrem unordentlichen Dutt gelöst. Sie umrahmten ein Gesicht mit weichen, besorgten Zügen und wachen, braunen Augen. Sie trug einfache Arbeitskleidung. Doch der Kittel konnte ihre Kurven und die Kraft in ihren schlanken Händen nicht verbergen. Sofort spürte sie die Blicke auf sich. Vier Augenpaare musterten sie – neugierig, abweisend und einschüchternd.
„Na, verdammt“, sagte eine Stimme von einer Bank an der Wand. Ein Mann mit sonnengebleichtem Haar grinste sie an. Sein Lächeln war so charmant, dass es eine Schlange bezirzen könnte. Seine Lippe war aufgeplatzt und blutete noch. „Habe ich eine Gehirnerschütterung, oder ist gerade ein Engel in dieses Loch spaziert?“
Das war Pedro. Er war gebaut wie ein Schwimmer, schlank und drahtig. Ein gewaltiger lila Fleck breitete sich gerade über seinen Rippen aus. Selbst wenn er saß, wirkten seine Bewegungen locker und geschmeidig.
Vom Waschbecken her blickte Axel herüber, der eher düster wirkte. Sein Kopf war rasiert. Sein Körper bestand aus massiven Muskeln, die mit Tattoos von dornigen Ranken bedeckt waren. Er presste ein blutiges Handtuch auf einen Schnitt an seinem Oberarm. Er stieß seinen Nachbarn Kael an. Kael sah aus wie eine antike Statue, mit perfekten Muskeln. Nur seine Nase war gerade dick angeschwollen und schief. „Sie sieht nicht mal verängstigt aus“, brummte Axel mit tiefer Stimme. „Wie macht sie das?“
Kael betrachtete sie aufmerksam, obwohl seine Stimme wegen der Verletzung nasal klang. „Zart“, murmelte er zurück. „Und gleichzeitig gefährlich.“
Tina ignorierte die Sprüche scheinbar. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper. Stattdessen suchte sie sich einen freien Metalltisch. Sie stellte ihren Koffer mit einem leisen, entschlossenen Klicken ab. Das Geräusch klang professionell und zielgerichtet. Sie öffnete den Koffer und brachte Reihen von glänzenden Instrumenten zum Vorschein. Alles war ordentlich sortiert, von Verbänden bis zu Desinfektionsmitteln. Ihre Hände arbeiteten ruhig und präzise. Es waren die Hände einer Heilerin. Ihre sicheren Bewegungen bildeten einen harten Kontrast zu der gewalttätigen Energie im Raum.
Die Tür schwang erneut auf. Schlagartig wurde es respektvoll still. Don Marchetti trat ein. Er war in seinen Fünfzigern. Sein teurer Anzug konnte nicht verbergen, dass er ein gefährlicher Mann war. Er bewegte sich mit natürlicher Autorität. Sein Blick schweifte durch den Raum und blieb an Tina hängen.
„Meine Herren“, sagte er mit einer Stimme, die so glatt wie alter Whiskey klang. „Das ist Tina. Sie ist eure neue Sanitäterin. Sie kommt mit besten Empfehlungen aus einer Klinik vom Militär. Sie wird euch am Leben halten – oder zumindest vor bleibenden Schäden bewahren. Ihr werdet sie mit Respekt behandeln.“
Pedros Grinsen wurde breiter. „Besser als jeder Trottel, den wir bisher hatten, Don. Ich verspreche, ich benehme mich anständig.“
In der Ecke lehnte Corvin an den Spinden. Er beobachtete das Ganze amüsiert. Er war drahtig und wirkte hellwach, mit flinken Reflexen. Seine Haut war über und über mit geometrischen Tattoos bedeckt. Ein tiefer Cut über seiner Augenbraue hatte bereits aufgehört zu bluten. „Passt auf“, sagte Corvin mit einem Schmunzeln. „Mit einem einzigen Lächeln führt sie uns alle an der Nase herum.“
Tina lächelte nur kurz und sanft. Es war ein schüchternes, aber festes Lächeln. Sie ließ sich nicht provozieren. Sie wandte sich wieder ihrem Koffer zu und bereitete alles vor. Die Sprüche waren ein Test gewesen, den sie einfach ignorierte.
„Schön, wer ist der Erste?“, fragte sie. Ihre Stimme war weicher als erwartet, aber klar und bestimmt.
Pedro war sofort zur Stelle. Er zuckte nur kurz zusammen, als er zum Tisch ging. „Die Rippen, Doc. Ich glaube, eine davon spielt verrückt.“
Sie bedeutete ihm, sich zu setzen. Ihre Berührung an seiner Schulter war leicht und professionell. „Mal sehen.“ Ihre Finger tasteten vorsichtig seine Seite ab. Sie war sichtlich konzentriert. „Atmen Sie tief ein.“ Er tat es, und sie nickte. „Stark geprellt, aber wohl nicht gebrochen. Sie haben Glück gehabt.“ Sie nahm ein Kühlpack aus ihrem Koffer und drückte es sanft auf die lila Stelle. Ihre Berührung war kühl und beruhigend. Pedro atmete erleichtert auf.
Als Nächster war Kael dran. „Die Nase“, sagte er mit dumpfer Stimme.
„Das wird jetzt kalt“, warnte sie ihn leise. Sie legte vorsichtig ein Eispack auf seinen Nasenrücken. Mit der anderen Hand hielt sie seinen Kiefer fest, damit er stillhielt. Ihr Daumen ruhte leicht auf seinem Wangenknochen. Sie war ihm sehr nah. Er roch ihre saubere Haut und einen Hauch von Lavendelseife. Kael, der sonst Schläge von Riesen einsteckte, ohne zu blinzeln, hielt unbewusst den Atem an.
Dann ging sie zu Axel. Sie reinigte den Schnitt an seinem Arm mit einem Desinfektionstuch. Er spannte sich an. Doch ihre Hände waren unglaublich sanft. Sie tupfte die Wunde vorsichtig ab. Dann klebte sie ein Klammerpflaster mit fast künstlerischer Präzision auf. „Versuchen Sie, den Muskel ein paar Stunden nicht zu stark zu belasten“, riet sie ihm. Ihre Augen trafen kurz die seinen. Sie wirkten warm und klug. Er nickte nur kurz, sichtlich irritiert von ihrer sanften Art.
Schließlich trat sie an Corvin heran. Die Wunde an seiner Stirn war sauber, aber tief. „Das muss wohl genäht werden“, sagte sie und holte das Nähzeug heraus.
„Bist du sicher, dass du das hinkriegst, Schätzchen?“, stichelte er, beobachtete sie aber genau.
„Ich habe schon Männer genäht, die Schlimmeres als eine Schlägerei hinter sich hatten“, antwortete sie ruhig. Sie ließ sich nicht provozieren. Sie setzte eine örtliche Betäubung mit einem geschickten, schmerzlosen Stich. Minuten später schloss sie die Wunde mit winzigen, perfekten Stichen. Sie war völlig konzentriert. Corvin beobachtete sie. Sein spöttisches Grinsen wich einem nachdenklichen, beeindruckten Blick.
Es war fast hypnotisch, wie sicher und sanft sie im Raum regierte. Diese harten Kämpfer wurden durch ihre schlichte Fürsorge völlig entwaffnet.
Dann öffnete sich die Haupttür der Umkleide erneut.
Und die Welt blieb stehen.
Er füllte den gesamten Türrahmen aus. Er war ein Berg aus Muskeln und Narben, eine stille Bedrohung. Er war größer als die anderen. Sein Körper war nicht im Fitnessstudio geformt, sondern im Kampf entstanden. Jede Sehne an seinem Hals und jeder Muskel an seinem Bauch zeichnete sich unter der Haut ab. Sein Körper erzählte eine Geschichte aus Schmerz: silberne Narben, ein riesiger Drache als Tattoo auf Brust und Rücken und frisches Blut an einem aufgeplatzten Knöchel. Seine Hände waren furchteinflößend, groß und brutal. Die Knöchel waren von alten und neuen Verletzungen gezeichnet.
Das war Riven.
Die lockere Stimmung im Raum war sofort verflogen. Es wurde spürbar kälter. Er sagte kein Wort. Seine Augen, die die Farbe eines Wintersturms hatten, suchten den Raum ab und blieben an Tina hängen.
Der Blick traf sie wie ein Schlag. Sie spürte es flau im Magen. Es war eine Mischung aus Urangst und einem heißen, gefährlichen Gefühl. Sein Blick war wild und besitzergreifend. Er betrachtete sie nicht wie einen Menschen. Er taxierte sie wie eine Beute oder eine Trophäe. Dieser Blick raubte ihr die Professionalität und Fassung. Er schien direkt durch ihre Kleidung bis zu der verletzlichen Frau darunter zu sehen.
Corvin hatte den stummen Moment beobachtet. Er lehnte sich zu Tina und flüsterte amüsiert: „Süße… von dem hältst du dich besser fern. Er versteht sich nicht gut mit anderen.“
Aber Tina hörte ihn kaum. Sie war in diesem stürmischen Blick gefangen. Zwischen ihnen funkte es sofort und gewaltig. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen wie ein Vogel im Käfig. Hitze stieg in ihr auf. Ihre Finger, die eben noch so ruhig waren, zitterten leicht an der Pinzette.
Für einen langen Moment rührte sich niemand. Die vier anderen Kämpfer sahen zu. Tina war unter Rivens Blick wie erstarrt. Und Riven stand da wie eine Statue aus purer Gewalt. Seine Brust hob und senkte sich schwer beim Atmen.
Dann drehte er sich wortlos um. Der Bann war gebrochen. Er ging zu seinem einsamen Spind in der hintersten Ecke. Seine Schritte klangen schwer und endgültig. Er sah sich nicht mehr um.
Man konnte im Raum wieder atmen, aber die Luft fühlte sich jetzt elektrisch geladen an.
Tina merkte erst jetzt, dass sie die Luft angehalten hatte. Sie atmete zittrig aus. Ihr Mund war staubtrocken. Sie wollte eigentlich etwas sagen und ihre Hilfe anbieten, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie sah nach unten und zwang ihre Hände, das Nähzeug wegzuräumen. Ihre Bewegungen waren zwar noch präzise, aber die Leichtigkeit war weg. Sie musste sich jetzt konzentrieren. Trotzdem wanderten ihre Augen immer wieder zu dem düsteren Mann in der Ecke. Eine Kraft, die sie nicht verstand, zog sie magisch an.
Die vier Männer tauschten vielsagende Blicke aus. Pedro zog die Augenbrauen hoch. Axel schüttelte kaum merklich den Kopf. Kael schaute mitleidig drein. Corvins Grinsen kehrte zurück, diesmal breiter. Er roch, dass hier gerade ein gewaltiger Sturm aufzog.
Tina packte ihre Sachen zu Ende. Sie schloss ihren Koffer mit einem leisen Klicken, das im stillen Raum wie ein Schuss wirkte. Ihre Zärtlichkeit und Schönheit wirkten kurz zuvor noch völlig fehl am Platz. Jetzt fühlten sie sich wie das einzige Licht in einer heraufziehenden Dunkelheit an. Diese Dunkelheit hatte einen Namen, eine Form und ein Paar sturmgraue Augen, die sie bereits markiert hatten. Die Herausforderung war ausgesprochen worden. Nicht mit Worten, sondern mit einem Blick. Und das Spiel, ein gefährliches, verlockendes und furchteinflößendes Spiel, hatte gerade erst begonnen.
Die Stille, die Riven hinterließ, war schwer und fast lebendig. Tina zwang ihre Hände zur Bewegung. Sie packte das Nahtset mit einem Klappern weg, das unanständig laut wirkte. Ihr ruhiger Rhythmus war dahin. Sie spürte seine Anwesenheit von der anderen Seite des Raumes. Er war wie ein kalter, dunkler Stern, der sie anzog.
Sie wurde fertig mit Corvins Augenbraue. Ihr Griff war immer noch geschickt, aber jetzt hektisch. „Lassen Sie es für vierundzwanzig Stunden trocken“, wies sie ihn an. Ihre Stimme klang ein wenig atemlos. Sie wandte sich ihrem großen Koffer zu und kramte an Verbandsrollen und Desinfektionsmitteln vorbei. Dann holte sie vier Ein-Liter-Flaschen mit einer klaren Elektrolytlösung heraus.
„Also gut“, sagte sie. Ihre Stimme wurde fester, als sie sich wieder den vier Männern zuwandte. Dabei hielt sie Riven in der Ecke bewusst den Rücken zu. Sie reichte jedem von ihnen eine Flasche. Pedro, Axel, Kael und schließlich Corvin. „Das ist nicht verhandelbar. Ihr müsst die Flüssigkeit und die Elektrolyte ersetzen, die ihr verloren habt. Trinkt die ganze Flasche leer, bevor ihr diesen Raum verlasst. Danach gibt es eine ordentliche Mahlzeit. Protein und komplexe Kohlenhydrate. Kein fettiges Fast Food.“
Pedro nahm seine Flasche mit einer Grimasse entgegen. „Doc, das schmeckt wie die reine Verzweiflung.“
„Es schmeckt eher danach, morgen keine Krämpfe zu haben“, korrigierte sie ihn sanft. Ein kleines, entschlossenes Lächeln umspielte ihre Lippen.
In diesem Moment griff Corvin nach seiner Flasche. Er holte aus einer kleinen Kühlbox bei seinen Füßen eine beschlagene Bierdose hervor. Mit einem scharfen *Psschtt* öffnete er sie.
Tina sagte kein Wort. Sie sah ihn einfach nur an. Ihren Kopf legte sie leicht schief und fixierte ihn mit ihren großen braunen Augen. In ihrem Blick lag keine Wut und kein Befehl. Es war ein Blick tiefer, sanfter Enttäuschung, gemischt mit einer stillen, unerschütterlichen Erwartung. Es war der Blick, den eine Mutter einem Kind gibt, das es eigentlich besser weiß.
Die Umkleide hielt den Atem an. Axel sah fasziniert zu. Kael verbarg ein Lächeln und tat so, als würde er den Eisbeutel auf seiner Nase richten. Pedro grinste offen und wartete auf den Showdown.
Corvin hielt ihren Blick für einen langen Moment aus. Die Bierdose war schon halb an seinen Lippen. Er seufzte laut und theatralisch. „Sie sind eine grausame Frau, Medic.“ Aber er stellte das Bier ungetrunken zurück in die Kühlbox. Dann nahm er die Elektrolytflasche. „Zufrieden?“
„Das bin ich, wenn die leer ist“, sagte sie. Ihr Lächeln erreichte nun auch ihre Augen und ließ ihr Gesicht strahlen. „Eure Körper sind eure Werkzeuge. Ihr würdet ja auch keinen Zucker in einen Hochleistungsmotor schütten.“
„Da täuschen Sie sich“, murmelte Kael. Aber er trank bereits brav seine Portion.
Sie ging durch den Raum und sammelte den Rest ihrer Vorräte ein. Vier Augenpaare verfolgten sie dabei. Sie beobachteten sie nicht mit dem Raubtierhunger, den Riven gezeigt hatte. Es war eine Mischung aus Ehrfurcht, Belustigung und aufkeimendem Respekt. Sie war eine Ausnahmeerscheinung. Ein Wesen von sanfter Ordnung in ihrer Welt voller chaotischer Gewalt.
„Sag mal, Tina“, fing Pedro an und nahm einen Schluck aus der Flasche. „Eine Militäreinrichtung, was? Was verschlägt dich in unser… charmantes Etablissement?“
Sie sah ihn nicht an und wischte vorsichtig ihren Tisch ab. „Der Don hat mir ein unwiderstehliches Angebot gemacht. Und ich bevorzuge… die Praxis.“
„Die Praxis“, wiederholte Axel nachdenklich mit tiefer Stimme. „Du hast dich gut geschlagen. Die meisten Leute zucken zusammen, wenn eine Wunde genäht wird.“
„Ich bin es gewohnt, mit Menschen zu arbeiten, die Schmerzen haben. Sie haben nicht immer die Geduld für Sanftheit, aber sie verdienen sie immer.“ Schließlich schloss sie ihren Koffer und hob ihn an. „Trinkt das aus. Wir sehen uns morgen.“
Sie schenkte ihnen ein letztes, allgemeines Lächeln. Es war eine sanfte Geste, die alle einschloss, außer der finsteren Gestalt in der Ecke. Dann ging sie hinaus. Die Tür fiel mit einem leisen Klicken hinter ihr ins Schloss.
Sobald die Tür zu war, war der Bann gebrochen. Die Umkleide schien aufzuatmen. Die Spannung löste sich in aufgeregtem Gemurmel auf.
Die Haupttür flog auf. Ein paar andere Kämpfer der Vorrunde stürmten herein, eine Welle aus Lärm und Prahlerei. Sie waren jünger, lauter und weniger erfahren. Es waren die Höhlenmenschen im Vergleich zu den gestandenen Rittern in diesem Raum.
„Wer zum Teufel war *das*?“, platzte einer von ihnen heraus. Es war ein schlaksiger Schläger mit einem Blumenkohlohr. Er starrte auf die Tür, durch die Tina gerade verschwunden war.
„Das, mein Freund“, sagte Pedro und hob seine Elektrolytflasche wie zum Toast, „ist unser neuer Engel der Barmherzigkeit. Und sie ist furchteinflößend.“
„Sie ist etwas ganz Besonderes“, stimmte Kael zu. Er nahm endlich den Eisbeutel von der Nase. „Sie hat mich genäht, ohne dass ich mit der Wimper gezuckt habe. Hände wie ein Chirurg.“
„Und sie hat Corvin dazu gebracht, sein Bier wegzustellen!“, rief Pedro begeistert. „Sowas habe ich noch nie gesehen. Sie hat ihn einfach nur… angesehen.“
Die Neuankömmlinge kamen neugierig näher. „Oh Mann, geht das schon los“, stöhnte einer halb im Scherz. „Ihr seid ja schon total weichgeklopft. Ein hübsches Gesicht und schon trinkt ihr… was ist das, Batteriesäure?“
„Das sind Elektrolyte, du Neandertaler“, sagte Axel, obwohl auch er trank. „Sie hat recht. Wir kämpfen zwar wie Tiere, aber ab jetzt erholen wir uns wie Profis. Oder wir fangen zumindest damit an.“
Corvin hatte den Austausch ruhig beobachtet. Jetzt meldete er sich mit belustigter Stimme zu Wort. „Sie ist gefährlich.“
„Gefährlich inwiefern?“, fragte der schlaksige Kämpfer. „Sie sieht aus, als würde sie bei einem Windstoß umkippen.“
„Das ist ja der Punkt, du Idiot“, sagte Corvin und schüttelte den Kopf. „Sie spaziert hier rein, mit sanften Augen und zarten Händen. Und in fünf Minuten bringt sie vier der stursten Kerle der Stadt dazu, genau das zu tun, was sie will. Sie hat nicht befohlen und nicht gedroht. Sie hat es einfach… erwartet. Und wir haben gespurt. Das ist eine ganz andere Art von Macht. Sie bekämpft unsere Stärke nicht, sie entwaffnet sie.“
Der Raum dachte darüber nach. Es stimmte. Ihre Macht war nicht körperlich, sie war psychologisch. Es war die Macht der unerschütterlichen Fürsorge und einer stillen Kompetenz, die Respekt verlangte.
„Sie gehört hier nicht her“, brummte eine neue Stimme aus der Ecke.
Alle sahen zu Riven. Er hatte gesprochen, ohne sie anzusehen. Er konzentrierte sich darauf, seine Knöchel mit brutaler, geübter Effizienz zu bandagieren. Das rohe, aufgerissene Fleisch verschwand unter dem weißen Tape.
„Natürlich gehört sie hier nicht her, Riven“, schoss Pedro zurück, ermutigt durch die Gruppe. „Sie ist wie eine Rose, die aus dem Asphalt wächst. Das ist doch mal eine Verbesserung.“
Riven sah schließlich auf. Sein stürmischer Blick schweifte über sie und brachte das Geplapper zum Verstummen. „Sie passt hier nicht rein. Diese Welt zermahlt Dinge wie sie. Sie ist weich. Sie ist sauber.“ Er sprach die Worte wie Flüche aus. „Der Don hat ein Lamm gebracht, das sich um Wölfe kümmern soll. Das ist ein Fehler.“
„Du hältst sie für ein Lamm?“, fragte Corvin interessiert. „Ich habe ihre Augen gesehen, als du reinkamst. Ein Lamm wäre abgehauen. Sie ist zwar erstarrt, ja, aber sie ist nicht weggerannt. Sie ist stehen geblieben.“
„Das war Dummheit, kein Mut“, knurrte Riven und stand auf. Er überragte sie alle. Sein Schatten legte sich über den Raum. Das frische Blut auf seinen bandagierten Knöcheln war ein deutlicher, roter Fleck. „Sie sieht uns an, als wären wir Menschen. Das sind wir nicht. Wir sind Waffen. Und wenn sie das endlich kapiert, wird sie zerbrechen. Oder sie wird zerbrochen.“ Er machte einen Schritt auf sie zu, und die Gruppe wich instinktiv zurück. „Ich traue ihr nicht. Ich traue niemandem, der so fehl am Platz wirkt. Das ist entweder eine Lüge oder eine Schwäche.“
Er drängte sich an der Gruppe der jüngeren Kämpfer vorbei. Diese schreckten vor seiner spürbaren Gewaltbereitschaft zurück. Er stapfte aus der Umkleide und hinterließ eine neue, noch kältere Stille.
Der schlaksige Kämpfer pfiff leise. „Na toll. Der hat ja mal wieder Laune.“
„Er hat immer schlechte Laune“, stellte Axel fest. Sein Gesicht war ernst. „Aber bei ihr irrt er sich.“
„Tut er das wirklich?“, fragte Kael leise und sah zur Tür. „Dieses Leben… es lässt nichts Weiches zu. Es härtet dich entweder ab oder es macht dich kaputt.“
Pedro trank seine Elektrolytflasche mit einer letzten Grimasse leer. Dann warf er sie in den Mülleimer. „Vielleicht. Oder vielleicht“, sagte er mit einem nachdenklichen Blick, „ist etwas Weiches genau das, was wir brauchen. Vielleicht ist es das Einzige, das hart genug ist, um uns vor uns selbst zu retten.“
Das Gespräch verstummte. Die Kämpfer verteilten sich an ihre Spinde. Das Bild von Tinas sanftem Lächeln und Rivens brutalem Misstrauen hing in der Luft. Zwei gegensätzliche Kräfte waren aufeinandergeprallt. Draußen vor der Umkleide lehnte Tina an der kühlen Betonwand. Ihr Koffer stand bei ihren Füßen. Sie wartete darauf, dass sich ihr Herzschlag beruhigte. Sie hatte die lauten Stimmen gehört, auch wenn sie die Worte nicht verstand. Sie hatte den Konflikt gespürt. Und sie wusste mit einer Sicherheit, die sie frösteln ließ: Die schlimmste Verletzung in diesem Raum war keine geplatzte Lippe oder geprellte Rippen. Es war das wilde, verwundete und tief misstrauische Herz des Mannes, den sie Riven nannten. Und gegen jede Vernunft, gegen jeden Selbsterhaltungstrieb, war es genau diese Wunde, die sie heilen wollte.