In der Stille der Götter

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Zusammenfassung

Als der Offizier Ceptus, von Schulden geplagt, seinen Vater um Hilfe anfleht und abgewiesen wird, verspricht ein Auftrag seines Königs die Rettung: eine Reise in die neue Welt, um dort Land und Reichtum für die Krone in Besitz zu nehmen. Doch die Reise ist gefährlich, voller Tücken und Gewalt, und die Ureinwohner dieser fremden Welt sind nicht wehrlos. Ceptus' eigene Brutalität entfremdet ihm seine Männer, und als einige von ihnen, angeführt von den Freunden Hektor und Callidus, desertieren, beginnt eine Jagd auf Leben und Tod. Zur gleichen Zeit sieht sich X'er, König und Gott seines Volkes durch eine drohende Hungersnot genötigt, sein Nachbarvolk zu überfallen. X'exis, sein Hauptmann, kehrt als Sieger zurück, nur um in die höfischen Intrigen zu geraten und möglicherweise alles zu verlieren ...

Status:
In Arbeit
Kapitel:
61
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Altersfreigabe
16+

Prolog - P.1 - Betteln

Seit Jahren war Ceptus nicht mehr durch den Torbogen des alten Familiensitzes geritten. Damals hatte er sein Zuhause gegen das Leben in der Kaserne getauscht, hatte seinem Vater und seinen Brüdern den Rücken gekehrt und seitdem nicht mehr zurückgeblickt. Niemand wartete auf ihn. Es war den Umständen geschuldet, dass er seinen Vater aufsuchte; er hätte gerne auf die Begegnung verzichtet.

Ein paar Bedienstete liefen ihm entgegen und tuschelten erschrocken, als sie ihn erkannten. Er ritt an ihnen vorüber, ohne sie zu beachten, hielt sein Pferd vor dem Haupthaus und stieg ab. Salivar, sein Adjutant, stieg ebenfalls aus dem Sattel und nahm die Zügel entgegen.

“Nur Wasser für die Pferde”, sagte Ceptus, “wir bleiben nicht lange.”

“Ja, Hauptmann.” Salivars Augen wanderten unruhig über die altbekannten Gebäude. Er hatte seine eigenen Erinnerungen an dieses Anwesen.

Ceptus schob einen Hausdiener beiseite, der ihm entgegengeeilt war, und stieß die schwere Holztür des Haupthauses auf. Er zögerte einen kurzen Moment, brachte das Flattern in seiner Brust unter Kontrolle, dann trat er ein. Hier drinnen schien es noch kälter zu sein als in der winterlichen Luft draußen. Er nahm seinen Helm ab und klemmte ihn unter den Arm, strich mit der Hand seine Haare aus der Stirn, sah sich um.

Alles war wie am Tag seines Abschieds: die steinerne Treppe, die Bilder und Vorhänge, die hölzernen Stühle und Truhen. Alles war sauber, glänzte geradezu. Sein Vater herrschte noch immer mit eiserner Hand.

“Junger Herr!” Ein alter Diener war aus einer Tür getreten und eilte durch die Halle auf ihn zu.

Ceptus hob eine Hand, um den Alten abzuwehren, und der blieb in einigen Metern Entfernung stehen.

“Francisco.”

Francisco trat vorsichtig an ihn heran, gerade so, als näherte er sich einem wilden Tier. Und vielleicht war Ceptus das in seinen Augen auch. Als Kind und Jugendlicher war er nicht zu bändigen gewesen, und das Militär hatte seine stumpfen Krallen in scharfe Klauen verwandelt.

“Ich will zu meinem Vater”, sagte Ceptus, die Stimme fest und klar. Das erleichterte ihn. Er war nicht sicher gewesen, ob sie hielt, wenn er sich dem alten Diener gegenübersah.

“Don Pedro ist krank.”

“Nicht tot?”

Der Alte schüttelte den Kopf. “Nein, junger Herr. Aber er ist schwach. Er schläft viel.”

“Ist er jetzt wach?”

Francisco zögerte kurz, dann verbeugte er sich. “Ich werde nachschauen, junger Herr.”

Ceptus nickte und blickte dem Alten nach, der die Halle mit schlurfenden Schritten verließ. Er lauschte, hörte, wie eine Tür geöffnet und geschlossen wurde; kurz darauf eine weitere Tür. Dann Stille.

Zögerlich ging er ein paar Schritte durch den Raum. Früher war dies sein Zuhause gewesen: hier war er aufgewachsen, durch diese Hallen war er als kleiner Junge gestürmt. Nun war alles fremd. Er gehörte nicht hierher, dafür hatten sein Vater und seine Brüder gesorgt; sie hatten ihm alles genommen. War es nicht an der Zeit, ihm ein wenig unter die Arme zu greifen?

Er dachte an den jungen Mann, der ihn in der Kaserne besucht hatte: Andros. Ein grobschlächtiger Kerl, einen Kopf größer als Ceptus, doppelt so breit, aber stählerne Muskeln und ein tödlicher Blick.

“Ihr habt Freunde in hohen Kreisen”, hatte Andros nach der Begrüßung gesagt. Ceptus hatte das bestätigt. “Freunde, denen ihr eine Menge Geld schuldet.”

Ceptus hatte gezögert. Er kannte den Mann nicht, hatte ihn noch nie gesehen. Er hatte abstreiten wollen, aber der Fremde hatte Dokumente aus dem Wams gezogen und ihm auf den Tisch gelegt: Schuldscheine. Ceptus hatte sie betrachtet und genickt. Er erinnerte sich an die Dokumente, erinnerte sich an seine Unterschrift, erinnerte sich bei jedem einzelnen an die Umstände ihrer Unterzeichnung.

“Es ist Zeit, die Schulden zu begleichen”, hatte Andros erklärt. Ceptus hatte darauf nichts erwidern können. So schnell sein Stern am Firmament der feinen Gesellschaft emporgestiegen war, so schnell begann er nun zu sinken.

Francisco kehrte zurück und riss ihn aus seinen trüben Gedanken.

“Es tut mir leid, junger Herr.” Der Alte rang verzweifelt die Hände. “Don Pedro wird euch nicht empfangen.”

“Schläft er?“, fragte Ceptus barsch.

“Nein.” Francisco schüttelte den Kopf. “Aber er ist schwach. Er ruht.”

Ceptus zögerte noch einmal, bevor er den Alten an der Schulter packte und zur Seite schob. Francisco war eine gute Erinnerung in einer Vergangenheit voller schlechter Erfahrungen; es tat ihm leid, den Diener grob zu behandeln.

“Er wird mich empfangen”, sagte Ceptus und trat durch die Tür.

Er folgte einem kurzen, schmalen Gang, trat an die Tür zum Schlafgemach seines Vaters. Kindheitserinnerungen stürmten auf ihn ein: diese Tür war verboten gewesen, keiner der Söhne hatte sie ohne die besondere Erlaubnis ihres Vaters durchqueren dürfen. Ceptus konnte nicht zählen, wie oft er für die Missachtung dieser Regel bestraft worden war. Er legte die Hand auf den Knauf, atmete tief ein, stieß dann die Tür auf, ohne anzuklopfen. Francisco kam hinter ihm durch den Gang geschlurft, aber Ceptus trat ein und schlug dem Alten die Tür vor der Nase zu.

Sein Vater saß in seinem Bett, den Oberkörper auf große Kissen gestützt. Er war alt, eingefallen, blass. Nur ein bleicher Schatten des Mannes, der ihn vor Jahren vertrieben hatte. Aber die Augen funkelten voller Leben und Abscheu.

“Noch immer ungehorsam”, begrüßte sein Vater ihn. Seine Stimme war leise, aber schneidend. Ceptus spürte die alte Wut.

“Vater.” Er deutete eine Verbeugung an. “Ich bin einen weiten Weg gereist, um dich zu besuchen.”

Don Pedro lachte heiser. Seine Brust hob und senkte sich schwerfällig, sein Atem rasselte.

“Du hast hier nichts zu erwarten”, sagte er. “Die Reise hättest du dir sparen können.”

“Ich war einst dein Sohn.”

“Das ist lange her.” Don Pedro winkte ab. “Du warst für mich bereits gestorben, ehe du gingst.”

“Das hast du mich immer spüren lassen.” Ceptus spürte die alte Bitterkeit. “Für dich war ich tot, als ich noch hier lebte.”

“Was willst du von mir? Nach all den Jahren? Vergebung? Geld?”

Ceptus ballte die Fäuste. Nur mühsam gelang es ihm, sich zu kontrollieren. Es war das besondere Talent seines Vaters, ihn mit wenigen Worten zum Äußersten zu treiben. Inzwischen waren es nicht einmal mehr die Worte, sondern nur noch die Verachtung in seiner Stimme.

“Du bist derjenige, der um Vergebung bitten sollte”, knurrte Ceptus. “Du hast mir viel angetan.”

Don Pedro schüttelte resignierend den Kopf. “Schon immer eine Enttäuschung”, murmelte er. “Du hattest nie, was deine Brüder auszeichnet. Primus, Secundus, Tertius ... Sie werden das Gut einst unter sich aufteilen. Du hingegen ... Pah.” Mühsam drehte er sich zur Seite und spuckte in einen kleinen Napf neben seinem Bett. Ceptus respektierte die Mühe, die der alte Mann für die Beleidigung auf sich genommen hatte.

“Ich habe Schulden”, erklärte er schließlich. Er sah keinen Grund, länger mit seinem Vater zu sprechen als unbedingt notwendig. “Dein Name hat mir Türen geöffnet, aber er zahlt nicht meine Zeche. Das kann nur dein Geld.”

Don Pedro keuchte. “Nichts weiter als ein Schmarotzer.”

Ceptus spürte den Zorn in sich aufsteigen, wie Dampf in einem Kessel kochenden Wassers. Der Zorn füllte ihn aus, brach sich Bahn, und mit einem wütenden Schrei schlug er auf einen kleinen Holztisch vor dem Bett. Für einen kurzen Augenblick sah er Angst in den Augen seines Vaters aufblitzen, und das besänftigte ihn ein wenig. Noch nie hatte sein Vater Angst vor ihm gezeigt.

Eine Tür wurde aufgestoßen und zwei Bedienstete kamen hereingelaufen: junge, kräftige Männer, von der Arbeit auf dem Feld gestählt. Francisco musste sie zur Unterstützung herbeigeholt haben. Ceptus warf ihnen einen überraschten Blick zu, aber Don Pedro hob die Hand und die beiden erstarrten.

“Es ist gut”, keuchte Don Pedro leise.

Für einen kurzen Augenblick standen die beiden mitten im Raum, hatten Ceptus fixiert, ihren Blick auf das Schwert an seiner Seite geheftet. Einen Offizier des Königs anzugreifen war ein schweres Vergehen, aber den eigenen Herren vor einem gewalttätigen Sohn zu schützen, galt in Don Pedros Haus mehr.

“Jähzornig, gewalttätig ...” Don Pedro hustete einmal. “Als Kind habe ich dich bedauert. Als jungen Mann habe ich dich verabscheut. Heute? Ich blicke auf dich herab, Ceptus. Ich verabscheue dich.”

Ceptus lachte freudlos. “Immerhin erinnerst du dich an meinen Namen, Vater.”

“Ich erinnere mich an alles. Vor allem an Dinge, die ich vergessen will. Du hast Spielschulden, sagst du? Du hast meinen Namen genutzt, dir Türen zu öffnen? Wie immer warst du voreilig. Mein Name wird dir nicht helfen, deine Rechnungen zu begleichen. Das muss dir aus eigener Kraft gelingen.”

Ceptus knurrte, die beiden Bediensteten spannten ihre Muskeln, waren sprungbereit.

“Ich hatte gehofft, das Militär könnte dich zu einem Mann formen”, fuhr Don Pedro nach einer Weile fort. “Aber du bist noch immer der gleiche jähzornige, verwöhnte Junge. Kein Verantwortungsbewusstsein. Du bist kein Mann, Ceptus. Verschwinde.”

Ceptus legte die Hand auf den Knauf seines Schwertes, und noch einmal sah er einen Hauch von Angst in den Augen seines Vaters aufflackern. Dann warf er den beiden jungen Männern einen finsteren Blick zu und wandte sich ab. Er hatte nicht daran geglaubt, dass sein Vater ihm beistehen würde. Das hatte er noch nie getan. Er musste einen anderen Weg finden.