Prolog: Das Gespenst von 2016
In der Garage roch die Luft nach Motoröl, altem Sommerregen und dem dezenten, zitronigen Duft des Shampoos, das Sloane immer benutzte. Silas wurde mit einem plötzlichen Stechen in der Brust bewusst, dass er ab morgen lernen musste, ohne diesen Geruch zu leben.
„Wenn Milo hier reinkommt, bringt er dich um“, flüsterte Sloane. Ihre Stimme zitterte, während sie sich gegen die Werkbank lehnte. „Und dann bringt er mich um, weil ich schuld daran bin, dass sein Leadsänger für das Debüt-Showcase ein blaues Auge hat.“
Silas wich nicht zurück. Stattdessen trat er näher an sie heran und legte seine Hände auf ihre Taille. Mit seinen neunzehn Jahren entwickelte sich sein Körper bereits zu einer echten Erscheinung – groß, breitschultrig und mit einer Intensität, die für diese Kleinstadt einfach eine Nummer zu groß war.
„Lass ihn“, murmelte Silas und legte seine Stirn gegen ihre. „Er soll tun, was er will. Fünf Minuten allein mit dir sind das wert.“
Sloane sah zu ihm auf und suchte seinen Blick. Silas war bereits auf dem Weg zum „King“ – ein markanter Kiefer, Augen mit einem Ehrgeiz so flüssig wie Gold. Doch hier, im fahlen Licht der Garage ihres Bruders, war er einfach nur Silas. Der Junge, der ihr beigebracht hatte, Fahrrad zu fahren. Der Junge, der ihr mit sechs Jahren versprochen hatte, sie niemals zu verlassen.
„Du fliegst in vier Stunden nach Seoul“, erinnerte sie ihn. Ihre Hand glitt an seinem Oberkörper nach oben zu der silbernen Kette um seinen Hals. „Der Van kommt bald. Das Label, die Trainer... die Welt. Sie alle warten darauf, dich zu holen.“
„Sie können meine Stimme haben, Sloane. Sie können sogar meinen Namen haben“, sagte Silas mit rauer, verzweifelter Stimme. Er nahm ihre Hand und presste sie flach gegen sein Herz. Bumm-bumm. Bumm-bumm. „Aber das hier bleibt hier. Bei dir. Für immer.“
„Versprich es mir“, hauchte sie, während die erste Träne über ihre Wange lief.
„Ich baue eine Zukunft für uns auf“, beharrte er und umklammerte sie fester. „Jeder Tanzschritt, jede nächtliche Studioaufnahme... alles geschieht nur für den Tag, an dem ich zurückkehren und dich aus dieser Stadt holen kann. Wir müssen nur warten. Kannst du auf mich warten?“
Sloane antwortete nicht mit Worten. Sie konnte nicht. Ihr Kloß im Hals war zu groß, denn sie ahnte, dass die Welt ihm ein so einfaches Versprechen nicht halten lassen würde. Stattdessen zog sie ihn zu einem Kuss an sich.
In dieser Nacht, in dem beengten, geheimen Zufluchtsort auf dem Dachboden über der Garage, hörte die Welt draußen auf zu existieren. Es gab keine Kameras, keine kreischenden Fans, keine ausbeuterischen Verträge. Es gab nur die Hitze ihrer Körper, die hektischen, ungelenken Bewegungen zweier Menschen, die sich gegenseitig einprägen wollten, bevor sie zu Erinnerungen wurden.
Silas fuhr mit den Fingern sanft über ihre Schulter, als bestünde sie aus dem feinen Porzellan, das sie eines Tages restaurieren würde. Er merkte sich, wie ihr Atem stockte, wenn er ihren Namen flüsterte, und sie prägte sich ein, wie seine Augen aussahen, wenn er für niemanden performte außer für sie.
Als die Sonne durch die Ritzen in den Holzwänden zu kriechen begann und die Ankunft des Vans ankündigte, der ihn in sein Schicksal bringen würde, zog Silas sein Hemd an. Er sah sie ein letztes Mal an – Sloane, verstrickt in den Laken, sie sah aus wie ein Meisterwerk.
„Warte auf mich, Sloane Vance“, flüsterte er an der Tür.
Sie sah ihm nach und streckte die Hand nach ihm aus. „Ich bin genau hier“, flüsterte sie in den leeren Raum. „Bis die Sonne aufhört aufzugehen.“