Kapitel 1 – Das stille Mädchen
(Das Mädchen, das der Hölle entkam)

„Sie dachte, sie würde vor ihren Dämonen davonlaufen. Sie wusste nicht, dass einer von ihnen ihren Namen gelernt hatte.“
Die Geschichte beginnt…
Milan lag in ihrem Schlafzimmer und las einen heißen Mafia-Liebesroman, den sie bei Amazon bestellt hatte, als Lärm aus dem Erdgeschoss ihr Unterbewusstsein durchdrang. Sie zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel. Sie fürchtete den Moment, da ihr Ehemann endlich von seiner langen Geschäftsreise zurückkehrte.
Sie umklammerte das Buch mit ihren zitternden Händen. Sie erwartete schon seine Schreie, in denen er wissen wollte, wo zur Hölle sie steckte.
Milans Geist blendete das Ticken der Wanduhr aus. Ihr Herzschlag trat an dessen Stelle.
Sie verharrte regungslos und lauschte aufmerksam.
„Mr. Vito, kommen Sie rein und fühlen Sie sich wie zu Hause.“ Giovannis Stimme klang laut und aufgesetzt, gefolgt von dem Geräusch seiner schweren Schritte.
„Wo ist mein Zeug, Giovanni?“ Eine feste, tiefe Stimme antwortete.
Milan stieß einen Atemzug aus, den sie unbewusst angehalten hatte.
Ein Gast?
Das war noch nie passiert.
Ihr teuflischer Ehemann hatte außer seinem Bruder noch nie einen anderen Mann mit nach Hause gebracht. Hin und wieder brachte er lediglich verschiedene Frauen mit und fickte sie in ihrem Ehebett.
„Entweder ich verlasse diesen Ort mit meinem Pulver oder mit deiner Leiche. Du wirst dich bald entscheiden müssen, Rocci.“
Mr. Vitos Stimme drang an ihr Ohr und trug eine schwere Drohung in sich.
Warte … Vito?
„Nicht jeder, der Vito heißt, ist dein Vito, Milan“, erinnerte sie sich selbst. Sie ließ das Buch auf das Bett fallen und eilte zum Türspion.
„Natürlich kann das nicht mein Vit—”
Ihr stockte der Atem.
Da war er.
Ihr Herz begann gegen ihre Rippen zu hämmern, als sie den Mann auf der anderen Seite der Tür sah – den Jungen, der sie in der Highschool schikaniert hatte.
Alles an ihm war gleich geblieben. Nur hatten ihn die neun Jahre in etwas noch Gefährlicheres verwandelt – eine Schönheit, die zu einer Waffe geschliffen war. Oder vielleicht ein Monster.
Sein dunkles Haar, das straffe Kinn, die lange, gerade Nase und diese seltenen violetten Augen … genau wie sie es in Erinnerung hatte.
Aber was zum Teufel macht Vito Salvatore in meinem Haus?
Sie wollte schreien, doch ihr Geist wurde benebelt und ihre Beine zitterten vor tiefer Angst.
„Ich habe Ihr Pulver an einem sicheren Ort, Mr. Vito“, sagte Giovanni ruhig, als würde Vito nicht gerade sein Leben bedrohen.
Ein trockenes Lachen von Vito drang einen Moment später an ihre Ohren. Der Klang ließ ihre Haut vor Schaudern kriechen; in diesem Lachen verbarg sich ein Mord. Giovanni schien es nicht zu bemerken. Nicht, bis das unverkennbare Klicken einer entsicherten Waffe die Luft erfüllte.
„Sie haben MEIN Pulver an einem sicheren Ort? Was sind Sie? Ein verdammter Ladenbesitzer?“
Ein Schauer lief Milan über den Rücken, als sie sah, wie Vito seine Pistole auf den Kopf ihres Mannes richtete.
Giovannis Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, als würde er Vito dazu herausfordern, den Abzug zu drücken.
Milan blinzelte und schnappte nach Luft, während sich Schweißperlen auf ihrer Schläfe bildeten.
Was zum Teufel ist hier los? Wie hat Giovanni Vito kennengelernt? Von welchem Pulver sprechen sie?
„Wenn du mich tötest, wirst du dein Zeug nie finden, Vito“, sagte Giovanni mit einem spöttischen Lachen. „Wir beide wissen, dass du dir das nicht leisten kannst, oder?“
Er drehte sich langsam zu Vito um; die Pistole zielte nun auf seine eigene Schläfe. Die zwei mächtigen Männer starrten sich düster an, ein Sturm braute sich in dem engen Raum zwischen ihnen zusammen.
Für eine Sekunde schien alles stillzustehen.
Ihr hämmerndes Herz.
Die tickende Uhr.
Sogar die Luft selbst.
Der Raum wirkte wie gefangen zwischen Leben und Tod, zwischen zwei der gefährlichsten Männer, denen Milan je begegnet war.
„Lass uns ein nettes Gespräch führen, Vito. Ich habe dich zu mir nach Hause geholt, um meine Aufrichtigkeit zu zeigen, nicht um von dir getötet zu werden“, seufzte Giovanni, doch Vitos angespannter Gesichtsausdruck änderte sich nicht.
Milan war nicht überrascht. Wenn er noch der Vito Salvatore war, an den sie sich erinnerte, würde er niemals wanken.
Fragen rasten durch ihren Kopf.
Warum ließ sich Giovanni plötzlich mit der gefürchtetsten Mafia-Familie in Mailand ein? Er musste doch von der Rücksichtslosigkeit der Salvatores gehört haben.
Er glaubt wohl, er könne jeden tyrannisieren, wie er es mit mir tut, dachte sie bitter und schüttelte den Kopf.
„Wenn mein Pulver nicht hier in deinem Haus ist, kannst du dich als toten Mann betrachten“, sagte Vito. Seine tiefe Stimme schnitt wie eine Klinge durch den Raum.
Der Klang fuhr Milan direkt durch den Körper und ließ sie an Ort und Stelle erstarren.
Ihre Lippen begannen vor Angst zu beben. Und vielleicht, nur vielleicht, auch vor Hoffnung.
„Ich habe dein Pulver nicht hier bei mir“, sagte Giovanni, während ein Grinsen seine Lippen verzerrte, „aber ich habe eine hübsche Schlampe für dich.“
Für einen Herzschlag dachte Milan, sie hätte sich verhört. Er kann doch nicht mich meinen … oder?
Ihr Puls raste. Ein heftiges Pochen in ihrer Brust, als sie vor Schock von der Tür zurücktaumelte.
Ihr Ehemann hatte sie doch nicht etwa wie ein Spielzeug dem gefährlichsten Mann der Welt angeboten. Das konnte er nicht getan haben.
Ihre Knie gaben nach. Sie stürzte auf den weichen Fellteppich; der Aufprall raubte ihr den Atem, während Tränen in ihren Augen brannten.
War es nicht genug?
War es nicht genug, sein Sandsack, sein Spielzeug, seine verborgene Schande zu sein?
Er hatte sie bereits eingesperrt und zum Schweigen gebracht, während er andere Frauen in ihrem Zuhause und in seinen sozialen Medien wie Trophäen zur Schau stellte.
Hatte er keinen Funken Reue mehr in sich?
„… Bietest du mir eine Schlampe an, um deinen Tod hinauszuzögern?“ Vitos Stimme durchschnitt die Stille, ruhig, aber tödlich.
Das Wort Schlampe traf Milan wie eine Ohrfeige. Ihr Magen zog sich zusammen und ihre Haut kroch vor Scham und Ekel.
Ist das, was ich bin?, dachte sie benommen. Ist das alles, was ich für ihn geworden bin – der Mann, für den ich meine Familie und meine Träume verlassen habe?
Vitos Tonfall wurde kälter, beinahe neugierig.
„Sag mir, Giovanni. Weiß sie, womit du dein Leben erkauft hast?“
Milan presste eine zitternde Hand auf ihren Mund.
Die Luft fühlte sich zu schwer an, die Wände zu nah.
Sie wollte einfach verschwinden, im Teppich versinken und für immer weg sein.
Giovanni lachte wieder, hoch und falsch. „Du mochtest schon immer feine Dinge, Vito. Sie ist das Feinste, das ich je besessen habe.“
„Milan! Milan!! Komm sofort her, du verdammtes Miststück!“
Giovannis erwartete Schreie folgten und rissen Milan aus ihrer Verwirrung.
Ihr Körper begann zu beben, während hastige Atemzüge aus ihrer Kehle drangen.
Ich kann nicht nach unten gehen. Ich darf nie zulassen, dass Vito mich sieht.
Er würde mich vor ihm lächerlich machen und verspotten.
Milan flüsterte diese panischen Worte vor sich hin, während sie spürte, wie die Gefahr in der Luft lag wie statische Elektrizität vor einem Gewitter.
Ihr ganzer Körper bebte. Angst durchdrang jeden Nerv, doch unter all dem regte sich ein unerwünschtes Gefühl.
„Milan!!“
„Du schreist.“ Vitos Stimme war plötzlich entspannt, und sie blinzelte verwirrt.
Er hatte noch nicht herausgefunden, dass sie es war – oder doch?
„Sie ist manchmal etwas dumm“, sagte Giovanni mit einem trockenen Lachen. „Kannst du wenigstens deine Waffe senken, damit ich sie holen kann?“
Milan riss sich auf die Füße, als sie hörte, dass Giovanni auf dem Weg zu ihr war. Panik kratzte in ihrer Brust, während sie nach einem Versteck suchte – egal wo.
Das Badezimmer? Nein. Da würde er zuerst nachsehen.
Unter dem Bett? Zu offensichtlich.
Ihre zitternden Beine trugen sie zum begehbaren Kleiderschrank. Sie schlüpfte zwischen die Reihen teurer Kleider, die sie nie tragen durfte. Seide und Samt streiften ihre Arme, während sie sich in den Schatten drückte.
Von unten erklang das dumpfe Geräusch von Giovannis Schritten auf der Treppe. Sie waren langsam, bedächtig und schwer.
Er kam, um sie zu holen.
Er fand sie immer.
Wäre er kein Krimineller gewesen, hätte er ein verdammt guter Detektiv werden können.
Der Gedanke blitzte nur kurz auf, bevor ihre Tür knarrend aufging.
Milan presste eine Hand auf den Mund und zwang die Luft aus ihren Lungen, um keinen Laut von sich zu geben, während das Geräusch seines schweren Atems den Raum erfüllte.








