Drei Reiche Band 2 von Marco1988 bei Inkitt
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Drei Reiche - Band 2

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Zusammenfassung

Sumeria steht am Rand des Untergangs. Im Süden erheben sich ein König und eine Königin, die nicht mehr herrschen, sondern besitzen wollen. Zehntausend Soldaten sollen ausgebildet werden – nicht aus Loyalität, sondern aus dem Wunsch des Unterwerfens. Ihr Ziel ist der Norden, der Hass gilt Walvegard, der uralten Stadt der Walküren, deren bloße Existenz ihrer Macht Grenzen setzen. Adam, einst ein einfacher Bauer aus dem Süden, gerät zwischen die Fronten der Völker. Was als diplomatische Mission beginnt, wird zu einem Spiel aus Loyalität, Misstrauen und unausgesprochenen Wahrheiten. Als er in den Norden reist, sucht er Verbündete, um den Krieg zu verhindern, der seine Heimat zu verschlingen droht. Stattdessen findet er Walvegard – eine uralte Stadt aus blauem Metall, bewacht von Walküren, deren Schweigen schwerer wiegt als jede Drohung. Und er findet etwas, womit er niemals gerechnet hätte. Wenn politische Interessen auf uralte Gesetze treffen, wenn Diplomatie versagt und Schwerter sprechen, entscheidet sich, ob Sumeria vereint oder im Feuer des Krieges zerbricht. Walvegard wird fallen – oder zum letzten Bollwerk gegen die Dunkelheit werden. Zwischen Pflicht und Liebe, Krieg und Familie, Licht und Dunkelheit wird sich das Schicksal entscheiden.

Genre:
Fantasy
Autor:
Marco1988
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
23
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

Reise in den Norden

Adam, Kethen und Malina waren bereit für ihre Reise in den Norden. Die letzten Worte waren gesprochen, die letzten Verabschiedungen getan. Nun gingen sie zum Nordrand des Großen Waldes, wo das dichte Grün langsam lichter wurde und die raue, kalte Weite des Nordens begann. Kommandant und Sohn des Königs Brontus und der Meisterjäger Aegratos begleiteten sie bis zur Grenze, schweigend und wachsam, als wüssten beide, dass dieser Weg sie womöglich lange Zeit nicht wiedersehen würde.

Die neuen Rüstungen schmiegten sich wie eine zweite Haut an ihre Körper – frisch geschmiedet, maßgearbeitet, geschaffen für Kälte, für Gefahr, für einen Feind, von dem man im Süden nur in alten Geschichten flüsterte.

Adam wirkte beinahe fremd in dieser neuen Gestalt. Sein schwarzes Haar war streng zu einem Pferdeschwanz gebunden. An Kragen, Armen und Beinen waren schwarze Pelze direkt an die Rüstung genäht worden, dicht, fest und warm. Ein schwerer Umhang aus dunkelstem Fell hing über seinen Schultern, fast wie ein Schatten, der ihn begleitete.

Kethen trug dieselbe Art von Rüstung – doch bei ihr waren die Pelze in warmem Braun gehalten. Sie wirkten wie eine natürliche Verlängerung ihrer gelockten, langen braunen Haare, als würde der Übergang bewusst gewählt sein. Bei jedem Schritt schimmerte das Fell in sanften, erdigen Tönen, wodurch sie zugleich gefährlich und anmutig wirkte.

Malina jedoch war anders. Ihre Rüstung war etwas, das selbst alte Zentauren hätten zweimal ansehen müssen. Ihr Brustpanzer bedeckte nun ihren gesamten Oberkörper, und darüber lagen mehrere Schichten dicker Pelze, die fest mit dem Metall vernäht waren. Ein langer Umhang hing von ihren Schultern hinab und verband sich fließend mit weiteren Pelzschichten, die über ihrem Pferdeleib befestigt waren. Es sah aus, als trüge sie einen einzigen, gewaltigen Mantel aus Fell, der sich wie ein Schutzschild um ihren gesamten Körper legte. Unter den Pelzschichten lag der neue Sattelschutz aus Panzerplatten. An beiden Seiten, sauber in Halterungen eingehakt, steckten ihre langen Speere – jederzeit griffbereit, jederzeit bereit, in einer einzigen schnellen Bewegung gelöst zu werden. Doch die größte Neuerung trug sie an ihren Beinen. Zentauren hatten ihre Beine nie gepanzert. Es galt als unpraktisch, schwerfällig, fast schon gegen die Tradition ihres Volkes. Nun aber schützten metallene Platten Malinas Pferdebeine, mit Fellschichten außen vernäht, um Beweglichkeit und Wärme zugleich zu gewährleisten. Ein Anblick, der selbst Aegratos, den besten Jäger seines Volkes, kurz verweilen ließ. Malina war nicht mehr nur eine Wächterin oder Ratsmitglied. Sie sah aus wie eine Kriegerin, die in Legenden erwähnt werden würde.

Während ihres Marsches zur Nordgrenze verharrte Aegratos immer wieder mit dem Blick an den neuen Rüstungen. Besonders Malinas Erscheinung ließ ihn langsamer werden; Stolz mischte sich in seinen sonst so nüchternen Ausdruck. „Anvark leistete gute Arbeit“, murmelte er schließlich und schritt näher zu ihr. „Unglaublich, dass wir nicht schon früher darauf gekommen sind, auch für unsere Beine Rüstung zu schmieden.“

Malina hob leicht den Kopf, prüfte einen Schritt über das Laub, den Klang des Metalls, das federnd mitschwang. „Es ist noch etwas ungewohnt“, gab sie zu, „aber die Beweglichkeit ist hervorragend.“

Kethen musterte sie staunend. „Und es steht euch hervorragend“, sagte sie. „Ihr seht aus wie ein Kriegsross des Nordens… falls es so etwas dort oben überhaupt gibt.“

Malina lächelte kurz. „Das ist sehr lieb von euch.“

Brontus, der vorausging, blickte über die Schulter und verzog skeptisch den Mund. „Ich hoffe nur, Ihr friert mir da oben nicht ein. Zentauren sind nicht für solche Kälte geschaffen.“

„Wir wissen doch nicht, wie kalt es wirklich wird“, entgegnete Malina ruhig. „Vielleicht ist es gar nicht so schlimm.“

Brontus schnaubte. „Unsere Ahnen wussten es. Sie mussten nach wenigen Stunden umkehren, weil die Kälte sie beinahe erstarren ließ.“

Aegratos hob zustimmend die Hand. „Das ist wahr. Aber sie hatten nicht Anvark als Meisterschmied.“ Er nickte anerkennend zu Malina hinüber. „Schaut sie euch an. Keine Stelle ihres Körpers ist ungeschützt.“

„Die Kälte wird sich trotzdem einen Weg durch sie hindurch fressen“, beharrte Brontus. In seiner Stimme lag keine Missgunst, nur echte Sorge.

„Es wird schon nicht so schlimm werden“, antwortete Malina leiser, fast beruhigend.

Einige Schritte vergingen schweigend. Dann sagte Brontus, etwas weicher als zuvor: „Ihr könnt euch immer noch entscheiden, hier zu bleiben.“

„Ich habe meine Entscheidung getroffen, Brontus.“

Er seufzte schwer, blieb aber hartnäckig. „Und ich möchte immer noch nicht, dass Ihr diese Reise antretet.“

Malina blickte ihn fest an. „Ihr werdet mich nicht davon abbringen können.“

Brontus senkte seinen Blick, doch nicht aus Resignation – eher aus der Erkenntnis, dass ihr Wille stärker war als seine Sorge.

Adam hörte ihre Gespräche nur halb, wie Stimmen, die über eine weite Entfernung herüberwehten. Seine Gedanken waren längst an einem Ort, der weit nördlicher lag als der Rand des Großen Waldes. Einem Ort aus Legenden, aus Warnungen, aus eisigem Flüstern. Er wollte bloß eines: einen weiteren Krieg verhindern. Keine sinnlosen Befehle, keine massenhaft rekrutierten Bauern, die zu Soldaten gemacht wurden. Doch je näher sie der Grenze kamen, desto schwerer presste sich eine Frage in sein Bewusstsein: Was würde ihn dort oben erwarten? Und schlimmer noch: Wie sollte er zu einem Volk sprechen, das er nicht kannte – einem Volk, das sein eigenes vermutlich als Feind sah?

Nach vielen weiteren Stunden Fußmarsch war es schließlich soweit: Sie hatten die Nordgrenze erreicht. An diesem schmalen Streifen zwischen dem Reich der Zentauren und der ungezähmten Wildnis, würden sie sich voneinander verabschieden. Die Grenze lag in einer fast unheimlichen Stille. Kein Wind, der die Äste bewegte. Kein Rascheln im Unterholz. Nur das helle, klare Licht der Mittagssonne, das sich über das Land legte.

Zu beiden Seiten der Schneise standen in langen Reihen die Standfackeln, die sich wie zwei feurige Pfade von West nach Ost erstreckten. Ihre Flammen brannten ununterbrochen, Tag und Nacht, und ihr scharfer Schein erhellte die Mitte des Grenzstreifens so intensiv, dass selbst die Schatten keinen Boden fanden. Die Zentauren hatten diese Lichtgrenze vor Generationen errichtet, damit die Kreischer keinen Weg in den Wald fanden. Fackeln als Bollwerk gegen diese Kreaturen, gegen jene Wesen, die in der Dunkelheit lauerten und Licht verabscheuten wie Gift. Zwischen diesen beiden aufleuchtenden Linien wirkte selbst der helle Tag noch heller, fast Schutzhaft grell. Genau hier endete der große Wald – und begann der Norden.

Brontus stellte sich vor Malina, hob eine Hand und strich ihr sanft über die Wange. Seine Stirn war in Sorge gefurcht, seine Stimme brüchiger, als er es zeigen wollte. „Ich bitte euch ein letztes Mal“, sagte er leise. „Ihr könnt euch immer noch dazu entscheiden, hier zu bleiben.“

Malina legte ihre Hand auf seine, drückte sie kurz, warm, entschlossen. „Brontus… ich muss es tun. Sollten die Walküren nicht böse sein – und ich vertraue Adams Instinkt – dann wäre es töricht, keinen Vertreter unseres Volkes dort oben zu haben.“ Sie hielt seinem Blick stand. „Der Frieden auf Sumeria ist schließlich unser aller Belangen.“

Doch Brontus schüttelte den Kopf. „Dennoch… ich möchte nicht, dass Ihr geht.“

Brontus und Malina sprachen noch eine Weile abseits, ihr Gespräch gedämpft und schwer vor Bedeutung. Schließlich zogen sie sich in einer stillen, innigen Geste zueinander, küssten sich und hielten sich ein letztes Mal wie zwei Wesen, die wussten, dass dieser Abschied länger dauern konnte, als beide ertrugen. Dann lösten sie sich voneinander und kehrten langsam zu Adam zurück.

Aegratos trat nun zu ihnen, sein Blick ruhig, aber von einer Schwere getragen, die Adam sofort spürte. „Wenn ich euch einen Ratschlag geben dürfte“, begann er.

Adam nickte. „Natürlich.“

Aegratos verschränkte die Arme und blickte in die helle Schneise zwischen den Fackeln, als könnte er dort bereits den Schatten des Nordens sehen. „Geht bei Nacht“, sagte er schließlich. „Und schlaft bei Tag.“

Malina runzelte die Stirn. „Weshalb?“

„Wegen den Kreischern.“ Aegratos senkte die Stimme. „Nachts werden sie aktiv. Wenn ihr ruht, seid ihr angreifbarer – also müsst ihr zu dieser Zeit in Bewegung bleiben. Und noch etwas:“ Er sah jeden von ihnen einzeln an. „Haltet Fackeln in euren Händen. Malina am besten sogar zwei. Ihr werdet so viel Licht und Wärme wie möglich brauchen.“

Adam antwortete als Erster. „Wir danken euch, Aegratos.“

Der Zentaur nickte schwer. In seinem Blick lag ein unausgesprochener Wunsch: dass sie diese Ratschläge nicht nur hörten, sondern auch überlebten. Als Meisterjäger wusste Aegratos nur zu gut, wie man verhinderte, selbst zur Beute zu werden. Die Kreischer, diese Schatten der Nacht, waren den Zentauren schon lange vertraut. Ihre Schwächen, ihre Gewohnheiten, ihr grausames Jagdverhalten – all das war Wissen, das die Zentauren über hunderte von Wintern gesammelt hatten. Wissen, das sie mit bitteren Verlusten bezahlen mussten.

Die drei verabschiedeten sich von Brontus und Aegratos. Dann setzten sich Adam, Kethen und Malina in Bewegung. Langsam ritten sie zwischen den Standfackeln hindurch, deren Flammen in der hellen Mittagsstille knisterten und den letzten warmen Schein des großen Waldes auf ihre Rüstungen warfen. Hinter ihnen lag das Reich der Zentauren – vertraut, lebendig, voller Stimmen und Licht. Vor ihnen begann das Reich des Nordens. Ein Gebiet, über das weder die Zentauren noch Adam oder Kethen mehr wussten als spärliche Legenden und uralte Warnungen. Ein Land aus Kälte, aus Finsternis, aus Dingen, die im Süden nur in Geschichten existierten. Irgendwo dort oben lag die Festung der Walküren. Und die drei mussten sie erreichen – ohne zu erfrieren. Ohne zu verhungern. Und ohne den Kreischern zum Opfer zu fallen. Der letzte Fackelschein flackerte über ihre Rücken, dann verschluckte die endlose Weite des Nordens ihre Silhouetten.

Die ersten Stunden führten sie noch durch den nördlichen Ausläufer des Waldes. Jeder Schritt ihrer Pferde war von Vorsicht geprägt, denn die Schatten zwischen den Stämmen waren zu dicht, zu tief. Sie suchten so schnell wie möglich einen Weg hinaus, wo das Licht stärker war und die Gefahr geringer. Schließlich fanden sie die Schneise: ein breiter Pfad, an dem die Bäume endeten und die offene Landschaft begann. Vor ihnen erstreckte sich eine Welt aus Bergen und schmalen, schlangenartigen Pfaden. Die Sonne stand hoch am Himmel und erhellte den steilen Anstieg, den sie einschlugen. Doch das Licht wärmte nicht – es glitzerte nur kalt auf der weißen Fläche vor ihnen. Der Schnee lag hoch. Höher als alles, was sie im Süden je erlebt hatten. Ein kalter Wind strich über die Hänge, trug feine Flocken mit sich, die im Sonnenlicht tanzten – ein schöner, aber verräterischer Anblick. Der Norden zeigte ihnen bereits in den ersten Stunden, dass er kein leichtes Land war.

Sie beherzigten Aegratos’ Rat und suchten sich bereits einen Schlafplatz, obwohl die Sonne den Norden noch klar erhellte. Zwischen zwei schroffen Felsen fanden sie eine halbgeschützte Mulde, in der der Wind weniger biss. Malina stampfte den Schnee fest, Adam und Kethen richteten eine kleine Stelle zum Ruhen her, und für einige Stunden gönnten sie ihren erschöpften Körpern Schlaf. Als die Sonne schließlich hinter den Bergen versank und der Himmel in ein tiefes Blau glitt, brachen sie erneut auf. Die Dunkelheit war sofort dichter, schwerer als im Süden, als lege sie sich wie ein Gewicht auf die Schultern. Doch sie taten, was Aegratos ihnen geraten hatte: Sie blieben in Bewegung. Adam und Kethen hielten in der einen Hand die Zügel, in der anderen Hand eine Fackel, während Malina dazu in der Lage war zwei Fackeln zu tragen. Das Licht flackerte unruhig, warf lange Schatten auf den Schnee und ließ jeden Felsvorsprung wie den Umriss eines lauernden Wesens wirken. Doch genau das war nötig. Stillstand bedeutete Gefahr. Stillstand hätte den Tod bedeuten können.

Nach drei langen Wochen, in denen sie nur bei Nacht reisten und bei Tag schliefen, änderte sich die Landschaft endlich. An einem der hellen Morgen, als die Sonne gerade über den zackigen Bergkämmen aufstieg, hörten sie ein tiefes, grollendes Donnern. Erst leise, dann immer stärker, bis es in ihrem Brustkorb vibrierte. Wenige Schritte später öffnete sich vor ihnen ein Tal. Ein gewaltiger Wasserfall stürzte dort über einen breiten Felsvorsprung, das Wasser funkelte im Sonnenlicht wie zerschlagene Diamanten. Der Fall ergoss sich in drei große, klar schimmernde Seen, die wie polierte Spiegel dalagen. Nebelschwaden stiegen auf und glitten über die Oberfläche; ein kalter Duft von frisch zerschnittenem Eis lag in der Luft. In dieser einsamen Schönheit, machten sie Rast.

Adam stieg von seinem Pferd, blickte auf das grollende Wasser und sagte ruhig: „Halvar erzählte mir von diesem Wasserfall. Er liegt nahe an der Walküren-Festung.“

Kethen rieb sich die müden Augen, doch ein Funken Hoffnung glomm in ihrem Blick. „Also bloß noch einmal schlafen und wir werden unser Ziel erreichen.“

Malina sah zum Wasserfall hinauf, ihr Atem mischte sich mit dem aufsteigenden Nebel. Ein leiser Gedanke schlich sich in ihre Miene: Stolz, Furcht, vielleicht beides. Die Festung der Walküren war nun zum Greifen nah. Das Ende ihrer Reise – oder der Anfang von etwas völlig Ungewissem.

Bei Einbruch der Dunkelheit reisten die drei weiter. Die Fackeln warfen zitternde Lichtkegel auf den Schnee, und der kalte Atem der Nacht hing schwer über dem Pfad. Stunden vergingen, während sie stetig weiterstiegen, und allmählich wurde der Weg, den sie entlanggingen, weniger steil. Der harte Anstieg ging in ein sanftes Gefälle über.

Malina hob leicht den Kopf, ihre Schritte wurden sicherer. „Ich glaube, wir erreichen das Plateau bald.“

Kethen seufzte erschöpft und zugleich hoffnungsvoll. „Endlich.“

Noch einige Minuten wanderten sie weiter – dann öffnete sich die Landschaft plötzlich vor ihnen. Der Weg mündete in eine breite, ebene Fläche: das Plateau. Hier oben war der Wind schärfer, der Schnee glatter und unberührt. Doch das eindrucksvollste war der Pfad, der sich vor ihnen erstreckte. Ein gerader, scheinbar endloser Weg. So lang, dass er im Dunkel der Entfernung einfach verschwand, als würde er in den Himmel selbst führen. Zu beiden Seiten dieses Weges erhoben sich Wälder – dichte, weiße Wälder, manche der Bäume standen exakt an der Linie des Pfades. Sie bildeten eine perfekte, symmetrische Begrenzung, als wachte jeder Baum darüber, dass niemand abwich und niemand ungebeten kam. Während sie den langen, breiten Pfad entlangritten, schweifte Malinas Blick immer wieder zu den Bäumen links und rechts. Ihr Schritt verlangsamte sich leicht, als würde sie jeden Stamm aufmerksam prüfen.

„Manche dieser Bäume stehen direkt am Pfad“, sagte sie nach einer Weile. „Es wirkt… gewollt.“

Kethen blickte zu ihr hinüber. „Ihr meint, jemand hat sie dort gepflanzt?“

Malina schüttelte den Kopf. „Nein. Wären sie gepflanzt, wären sie alle etwa im selben Alter. Doch sind sie es nicht. Sie müssen natürlicherweise gewachsen sein.“

Adam strich gedankenverloren über den Hals seines Pferdes. „Glaubt Ihr, das gesamte Plateau war einst komplett bewaldet?“

„Genau das glaube ich“, bestätigte Malina. Ihre Stimme war ruhig, aber fest. „Als hätte jemand alle Bäume gefällt – bis auf diese an den Rändern. So könnte dieser breite Pfad entstanden sein.“

Kethen sah den scheinbar endlosen Weg entlang. „Wie ein Weg zu einer Festung.“

„Das wäre möglich“, sagte Malina.

Adam richtete sich im Sattel auf und blickte in die Dunkelheit voraus, wo der Pfad im Nichts verschwand. „Dann müssen wir bloß diesem Weg folgen“, sagte er. „Er wird uns zur Festung führen.“

Die Sonne begann am Horizont aufzusteigen, zunächst als blasser, bläulicher Schimmer, dann als kalter Lichtstreif, der die Welt erhellte, ohne sie zu wärmen. Der endlose Ritt über das Plateau hatte ihnen jedes Gefühl für Zeit geraubt; der Pfad schien sich ins Unendliche zu strecken. Doch nun – endlich – veränderte sich etwas. Zuerst war es nur ein fernes Glitzern, kaum mehr als ein zittriger Schimmer im Morgenlicht. Dann ein erster Umriss, schwer zu greifen, der über dem Schnee flimmerte. Je näher sie kamen, desto klarer wurde die Kontur.

Eine gewaltige Mauer aus eisblauem Metall, das im Licht des aufsteigenden Tages matt schimmerte. Sie ragte hoch und bedrohlich auf, unnatürlich glatt, makellos, als wäre sie aus einem einzigen, gigantischen Stück geschmiedet worden. Und sie wurde mit jedem Schritt deutlicher. Malina richtete sich im Schritt auf, ihre Augen weit vor Erstaunen. Kethen starrte fassungslos auf die flache Linie, die sich am Horizont abzeichnete. Adam spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Die Mauer rückte näher und näher – lautlos, unbeweglich, wie ein schlafender Riese aus Metall. Sie hatten das Bollwerk der Walküren erreicht.

Als die drei schließlich vor den gewaltigen Mauern aus eisblauem Metall standen, blieb ihnen für einen Moment der Atem stehen. All die Geschichten, die sie über die Festung der Walküren gehört hatten, all die Erzählungen über das kalte Metall und die unnahbare Größe – nichts davon konnte sie auf das vorbereiten, was nun vor ihnen lag. Es war eine Sache, die Legenden zu kennen. Aber hier zu stehen, am Fuß einer Mauer, die wie ein einziger endloser Block aus gefrorenem Himmel wirkte, das war etwas völlig anderes. Das Metall schimmerte matt im Licht, doch unter der Oberfläche bewegte sich ein Hauch von Farbe, als glitte dort eisiges Blau über helles Silber. Keine Muster, keine Nähte, keine Verstärkungen. Nur glatte, makellose Fläche. Die Geschichten hatten recht gehabt. Aber sie hatten die Wahrheit kaum berührt.

Malina ließ ihren Blick über die glatte, unendlich wirkende Fläche der Mauer gleiten. „Es gibt keinen Eingang“, sagte sie fassungslos. „Wo ist das Tor?“

Kethen schüttelte langsam den Kopf, als versuche sie selbst, die Erinnerung aus den Erzählungen der Überlebenden zusammenzusetzen. „Die Soldaten von damals, die wenigen, die nach Havenbruck zurückgekehrt sind, sie erzählten, die Mauer hätte sich von selbst geöffnet. Ohne Tor. Einfach so.“

Malinas Stirn legte sich in tiefe Falten. „Wie ist so etwas möglich?“

Adams Blick prüfte die metallene Fläche. „Lasst uns näher herangehen. Vielleicht öffnet sie sich nur, wenn man sich ihr annähert.“

Je näher sie kamen, desto monumentaler wirkte die Mauer, als würde sie weiter wachsen. Bald standen sie nur noch wenige Meter davor – so nah, dass das glänzende eisblaue Metall in ihren Augen reflektierte. Doch nichts geschah. Die Mauer blieb still. Stumm. Unverändert. Kein Geräusch, kein Riss, kein Zeichen von Leben. Bloß die absolute, beinahe ehrfurchtgebietende Stille des Plateaus. Und die Festung, die dort stand war wie aus Eis geschmiedet – schön, kalt und vollkommen unzugänglich.

Malina runzelte die Stirn. „Sie ist immer noch verschlossen“, murmelte sie.

Kethen warf einen Blick die Mauer hinauf. „Vielleicht muss man ihr einfach befehlen, sich zu öffnen.“ Bevor Adam protestieren konnte, holte Kethen tief Luft und brüllte: MAUER ÖFFNE DICH!

Der Ruf hallte so laut über das Plateau, dass selbst die Pferde nervös zur Seite tanzten. Adam wandte sich entgeistert zu ihr. „Was… macht Ihr da?“

Kethen hob das Kinn, völlig überzeugt von ihrem Vorgehen. „Ich befehle der Mauer sich zu öffnen.“

Adam wollte gerade etwas erwidern – da geschah es. Zuerst war es nur ein kaum spürbares Zittern unter ihnen. Dann begann der Boden stärker zu vibrieren, als würde tief im Inneren der Welt etwas erwachen. Die eisblaue Mauer gab ein dumpfes, metallisches Grollen von sich – kalt, fremd und uralt. Ein feiner Riss erschien in der Mitte. Langsam, aber unaufhaltsam, als würde der Stahl selbst auseinandergleiten. Die drei gingen instinktiv ein paar Schritte zurück. Das Grollen wurde lauter, der Riss wuchs zu einer schmalen Öffnung, die sich zu einem gewaltigen Eingang verbreiterte. Ein eiskalter Wind brach aus dem Inneren hervor und schoss den dreien entgegen, so heftig, dass sie die Arme vor ihre Gesichter reißen mussten. Schnee wirbelte auf, die Pferde wieherten, die Haare wurden nach hinten gerissen, als die Öffnung groß genug war, ebbte das Grollen ab. Der Wind erstarb.

Kethen blinzelte, richtete sich stolz im Sattel auf und sagte mit völlig ernstem Gesicht: „Seht ihr? Man musste es der Mauer bloß befehlen.“

Malina lächelte ungläubig und schüttelte den Kopf. „Gut, dass wir euch haben. Sonst würden wir wahrscheinlich immer noch vor einer verschlossenen Mauer stehen.“

Die drei blickten durch die Öffnung der Mauer, der Nebel hing noch dicht und schwer in der Luft. Für einen Moment war nur undeutliche Schwärze zu sehen, ein flimmerndes Grau, das sich langsam legte. Dann Bewegung. Zwei Silhouetten traten aus der Nebelwand hervor. Lautlose Schritte. Geradlinig, kontrolliert, unaufhaltsam. Als sie näher kamen, gewann ihre Gestalt an Schärfe. Es waren zwei Frauen. Die beiden Walküren blieben direkt vor ihnen stehen. Keine Begrüßung. Kein Zeichen von Feindseligkeit. Nur ein stilles, eindringliches Beobachten.

Adam spürte sein Herz schlagen. Er zwang sich zu einem tiefen Atemzug, richtete sich auf, und sprach mit so viel Ruhe wie er aufbringen konnte: „Wir grüßen euch. Mein Name ist Adam.“ Seine Stimme hallte überraschend deutlich zwischen den Mauerflächen wider. „Wir stehen hier vor euch nicht als Feinde, sondern als Freunde. Ereignisse im Süden veranlassten uns, euch aufzusuchen. Wir müssen dringend mit eurer Königin sprechen.“

Zu Adams Überraschung sagten die beiden Frauen zunächst kein einziges Wort. Sie rührten sich nicht, keine Regung ging durch ihre Gesichter. Es war, als würden sie Adam nicht nur ansehen – sondern abwägen, als prüften sie etwas, das er selbst nicht verstand. Dann wanderten ihre Blicke weiter. Von Adam zu Malina. Und dort verharrten sie länger. Malina spürte, wie sich ein Knoten aus Unbehagen in ihrer Brust bildete. Die eisblauen Augen der Walküren waren nicht feindselig, aber sie waren durchdringend, unergründlich, so hart und kühl wie das Metall ihrer Festung. Es war ein Blick, der sie innerlich frösteln ließ – ein Blick, der sie fühlbar anders machte.

Trotzdem zwang Malina sich zu einem Lächeln. Es wirkte steif, aber aufrichtig bemüht. Ihre Stimme zitterte kaum merklich, als sie sprach: „Ich… also… ich grüße euch ebenfalls. Mein Name ist Malina, und ich bin eine Vertreterin der Zentauren. Ich versichere euch, auch mein Volk ist friedlich und sucht keinen Konflikt mit eurem.“

Doch die beiden Walküren reagierten nicht. Sie starrten sie weiter an – unbeweglich, unlesbar, wie Statuen aus lebendigem Eis. Ein Windzug strich über das Plateau, bewegte ihre blonden Haare leicht – und selbst das wirkte kontrollierter als die Bewegungen gewöhnlicher Menschen. Es war, als wäre der Norden selbst in diese beiden Frauen gegossen worden.

Kethen neigte sich etwas zu Adam und Malina herüber und flüsterte: „Vielleicht sahen sie noch nie zuvor eine Zentaurin.“

Malina nickte leicht. „Das ist sehr wahrscheinlich. Mein Volk meidet die Kälte.“ Sie blickte die beiden Walküren erneut an, ihre Stirn in Sorge gefurcht. „Aber weshalb sprechen sie nicht?“

Adam ließ den Blick nicht von den beiden Frauen. Je länger er sie ansah, desto stärker wuchs in ihm das Gefühl, dass er etwas Entscheidendes über sie verstehen musste. Sie standen vor ihm wie zwei lebendige Statuen. Kein Muskel in ihren Gesichtern verzog sich, keine Regung verriet ihre Gedanken. Es war, als würden sie nicht nur die Worte hören, sondern das Wesen der drei Reisenden prüfen. Jede Regung, jedes kleinste Zögern, jede Absicht. Adam musterte ihre Rüstungen. Makellos. Ohne sichtbare Nähte, ohne Scharniere, ohne jede Form von Befestigung. Es war, als wären sie aus einem einzigen Stück gegossen. Wie Metall, das lebte und atmete. Dann ihre Haare. Beide Hellblond. Ihre Augen Eisblau. Unwirklich. Als wären sie aus dem gleichen Stoff wie die Mauern hinter ihnen.

Plötzlich wurde sein Atem langsamer. Ruhiger. Ein seltsamer Frieden legte sich über ihn. Die Anspannung in seinen Schultern löste sich, und ein kaum erklärbares Gefühl von Wohlbefinden durchströmte ihn – warm, trotz der Kälte. Selbst die frostige Luft schien weniger zu beißen. Adam runzelte leicht die Stirn. Er wusste nicht, was es war. Doch eines begriff er in diesem Moment: Dieses Volk war anders. Tiefgreifend anders. Nicht nur wegen ihrer Erscheinung – sondern wegen etwas, das fast wie eine unsichtbare Macht wirkte. Etwas, das ihn zugleich beruhigte und verunsicherte. Adam wagte einen Blick durch die halb geöffnete Passage. Hinter dem sich langsam legenden Nebel erkannte er Strukturen in der Ferne. Reihen von Häusern, von der Morgensonne beleuchtet, ihre Fassaden aus hellem Stein gefertigt – schlicht, robust, aber sorgfältig angeordnet.

Während Adam diesen Gedanken verarbeitete, richteten die beiden Walküren ihren Blick, der zuvor auf Malina verharrt hatte, wieder auf ihn. Dann streckten sie die Arme aus. Ihre Stimmen, kühl und klar, erhoben sich erstmals: „Ihr werdet eure Waffen abgeben müssen… wenn ihr Walvegard betreten möchtet.“

Adam spürte, wie Kethen neben ihm die Atmung anhielt, Malina richtete sich langsam auf, als wolle sie ihre Waffen instinktiv schützen, doch die beiden Walküren verharrten unbeweglich, wartend. Der Weg nach Walvegard führte über Gehorsam. Und über Vertrauen.

Kethen lehnte sich im Sattel etwas zu Adam hinüber und senkte die Stimme so sehr, dass nur er sie hören konnte. „Wenn wir ihnen unsere Waffen geben, gehen wir völlig schutzlos dort hinein.“

Adam sah weiterhin zu den beiden Walküren, die unbeweglich wie zwei Statuen auf ihn warteten. „Ich hörte, sie haben ein Heer von über eintausend Frauen“, antwortete er ebenso leise. „Wenn wir dort hineingehen, spielt es keine Rolle, ob wir bewaffnet sind oder nicht.“ Er richtete sich auf. „Also gebt ihnen eure Waffen.“

Ohne einen Moment zu zögern zog Adam sein Schwert aus der Scheide. Die Klinge glitzerte kurz im Licht, bevor er es einer der Walküren überreichte. Sie nahm es entgegen, ohne Worte, ohne sichtbare Anstrengung, so ruhig wie alles an ihr schien. Kethen zögerte einen Moment. Doch dann folgte sie Adams Beispiel, löste ihr Schwert aus der Scheide und reichte es der zweiten Walküre. Diese nahm auch ihre Waffe entgegen, so präzise und kontrolliert, als gehöre jede Geste zu einem uralten Ritual. Malina löste ihre beiden langen Speere aus der Halterung an ihrem Sattel und reichte sie den Walküren. Die Metallspitzen funkelten kalt, und die Schäfte waren länger, als die Walküren selbst groß waren. Die beiden Frauen musterten die gewaltigen Speere. Sie betrachteten sie nicht mit Staunen, sondern mit einer Art kühler, prüfender Aufmerksamkeit – als würden sie das Gewicht, die Länge und die Art der Waffe in einem einzigen Blick analysieren. Dann traten sie zur Seite und gaben den Eingang frei. Adam, Kethen und Malina betraten Walvegard – langsam, fast ehrfürchtig, als bestünde die Gefahr, dass ein zu hastiger Schritt die Stille dieser Stadt zerschneiden würde.

Zu beiden Seiten standen die Häuser aus hellem Stein, makellos und in einem Muster angeordnet, das Adam und Kethen noch nie irgendwo gesehen hatten. Es erinnerte an eine Honigwabe – regelmäßig, symmetrisch, leise vollkommen. Zwischen ihnen verlief ein einziger, gewaltiger Hauptweg. So breit, dass gewiss zehn Wagen nebeneinander hätten fahren können. Und so lang, dass er sich in der Ferne verlor, als sei er unendlich. Diese Stadt wirkte sogar noch größer als Zentarith. Die drei blieben kurz stehen, der Mund halb geöffnet vor Staunen.

„Wie ist es möglich, dass diese Stadt uns so lange verborgen blieb?“ fragte Kethen leise.

Adam schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

Malinas Blick wanderte über die Häuserzeilen. Dann sah sie Bewegung. Menschen. Männer, Frauen, Kinder. Einige standen in den Türöffnungen, andere traten aus den Häusern heraus, und alle richteten ihre Blicke auf den breiten Pfad – auf die drei, die dort entlangritten. Und besonders auf Malina. Ihre Präsenz schien die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen wie ein helles Licht in einer dunklen Halle. Mit jedem Schritt schienen mehr Menschen innezuhalten, zu schauen, zu flüstern.

„Hier wohnen tatsächlich Menschen…“ flüsterte Malina. „Oder… sind es auch Walküren?“

Adam antwortete leise, seinen Blick wachsam zwischen den Gesichtern bewegend: „Ich hörte, die Walküren seien alle Frauen.“ Er senkte die Stimme weiter. „Diese hier müssen Menschen sein. Und sie haben vermutlich noch nie eine Zentaurin gesehen.“

Malina senkte den Blick, ihr Schweif zuckte leicht. „Ich fühle mich unwohl unter all diesen Blicken“, hauchte sie kaum hörbar.

Adam reagierte sofort, seine Stimme ruhig und beruhigend: „Macht euch keine Sorgen. Sie scheinen friedlich.“

Malina nickte leicht – aber ihr Blick sprach von etwas anderem: Faszination. Unruhe. Und dem Gefühl, gerade in eine Welt eingetreten zu sein, die sich nicht an den Regeln der südlichen Länder hielt.

Vor ihnen traten zwei weitere Walküren hervor, sie stellten sich vor ihnen auf und musterten die drei nur einen kurzen Augenblick lang – prüfend, aber ohne jegliche Regung. Dann sprach eine von ihnen, mit ruhiger, klarer Stimme: „Hier entlang.“

Ohne eine weitere Erklärung drehten sie sich um und gingen voraus. Adam, Kethen und Malina folgten, begleitet von den Blicken der Menschen, die sich weiterhin an den Rändern des Pfades versammelten. Die Walküren führten sie den breiten Weg entlang, vorbei an den endlosen Reihen der steinernen Häuser, die in ihrer makellosen Ordnung fast unwirklich wirkten. Ein dünner Nebel schwebte in der Ferne über dem Pfad. Als sie sich näherten, begannen sich dahinter gewaltige Konturen abzuzeichnen. Langsam, wie aus dem Dunst eines Traumes, erhob sich die Treppe.

Kethen riss die Augen weit auf. „Bei Gott… diese Treppe ist gewaltig.“

Die Treppe wirkte nicht wie ein Bauwerk, sondern wie ein Prüfstein. Ein Weg zu etwas Höherem. Zu jemandem, der sie bereits erwartete. Die beiden Walküren führten sie bis an den Fuß der gewaltigen Treppe. Dort standen bereits zwei weitere Walküren Wache, unbeweglich wie aus Eis gemeißelt. Ohne ein Wort oder eine Geste kehrten die beiden, die sie hergebracht hatten, auf leisen Schritten wieder um und verschwanden im Nebel der Stadt, so lautlos, als wären sie nie da gewesen.

Malina sah zu der Treppe hinauf, dann zu Adam. „Adam, ich werde dort nicht hinaufkommen. Mein Körper ist nicht geschaffen für Treppen.“

Adam löste seinen Blick vom endlosen Anstieg und wandte sich an eine der beiden Walküren am Fuß der Stufen. „Müssen wir dort hinaufsteigen, um eine Audienz zu erhalten?“

Die Walküre sah ihn an, ohne Blinzeln, ohne jede Regung. „Bloß einer von euch.“

Adam nickte langsam. Die Entscheidung war schnell gefällt, vielleicht zu schnell, aber notwendig. „Kethen, Ihr bleibt mit Malina hier unten.“

Kethen sah ihn an, besorgt, fast als hätte sie gehofft, er würde seine Worte zurücknehmen. „Habt Ihr euch das gut überlegt?“

„Das habe ich“, antwortete Adam ruhig.

Malina streckte eine Hand aus und fasste sanft seinen Arm. Ihre Stimme war warm, trotz der Kälte um sie herum. „Viel Erfolg.“

Adam erwiderte den Blick der Zentaurin. Einen Moment verweilte seine Hand auf ihrer, dann löste er sich und wandte sich zu den Treppenstufen, die sich wie ein Weg in eine andere Welt vor ihm erhoben. Er schaute die Treppen hinauf. Und höher. Und höher. Doch selbst nach langem Suchen fand er kein Ende. Die Stufen verschwanden im hellen Nebel und im gleißenden Licht, als führten sie in den Himmel selbst. Ein Weg, der weniger wie eine Treppe und mehr wie eine Prüfung wirkte. Nur diese Stufen trennten ihn jetzt noch von der Frau, die er um Hilfe bitten wollte. Von der einzigen Frau, die vielleicht imstande war, Kayne und Theresia aufzuhalten. Sie musste sich nur bereit erklären. Bloß zustimmen. Doch wie sollte er mit ihr sprechen? Wie sollte er ein Volk erreichen, das so anders war als jedes, das er jemals kennengelernt hatte? Er drehte sich leicht zu der Walküre, die neben ihm Wache stand. Ihr Gesicht war so reglos wie Eis im tiefsten Winter.

„Wie hoch ist es?“ fragte er schließlich.

Die Walküre senkte nicht einmal den Blick. „Hoch.“

Das war alles. Kalt. Knapp. Eine Antwort, die ihm weder half noch ihn beruhigte. Adam atmete tief durch. Wenn er hoch wollte, musste er einfach anfangen zu steigen — egal, wie weit der Weg war. Er stieg vom Pferd und atmete noch einmal tief durch. Ein letzter Blick zu den beiden hinter ihm, dann setzte er den Fuß auf die erste Stufe. Und begann den Aufstieg.

Kethen und Malina sahen ihm nach, während er immer weiter hinaufstieg. Zuerst konnten sie noch seine Konturen erkennen, die Bewegung seiner Arme, sein entschlossenes Vorwärtsdrängen. Doch mit jeder weiteren Stufe verschluckte der Nebel immer mehr von ihm, bis er nur noch eine Silhouette war. Dann ein Schatten. Dann nichts mehr.

Kethen presste die Lippen zusammen. „Ich hoffe, er wird Erfolg haben. Diese Walküren sind unsere letzte Möglichkeit.“

Malina richtete den Blick weiterhin nach oben, als könnte sie ihn dadurch im Sichtfeld halten. „Wenn Adam eines kann,“ sagte sie leise, „dann ist es überzeugend zu sein.“

„Hoffentlich wird das genügen“, murmelte Kethen.

Malina antwortete nicht. Sie nickte nur, langsam, nachdenklich, während ihre Augen versuchten, irgendwo im flirrenden Nebel den kleinsten Hinweis auf Adams Gestalt zu finden. Doch er war verschwunden – auf einem Weg, den nur er gehen konnte. Der Wind strich kalt über das Plateau. Unten warteten eine Frau und eine Zentaurin, voller Sorge und Hoffnung. Oben wartete ein Volk, das niemand im Süden je verstanden hatte. Und zwischen ihnen stieg Adam weiter in die unbekannte Welt der Walküren hinauf.

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