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Mondschein & Silberblut - Der dritte Mond

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Zusammenfassung

Der Krieg ist nie wirklich vorbei gewesen – er hat nur gewartet. Während das Rudel versucht, nach den Ereignissen des ersten Bandes wieder Frieden im Tal zu finden, erwacht unter dem Berg ein Nest aus Splitterstaub, Fleisch und Erinnerung. Eine neue Welle von Schatten kriecht durch Fluss, Erde und Blut – und sie trägt Mareks Stimme. Luna Lena steht im Zentrum dieses aufziehenden Sturms: In ihr lodern nun zwei Lichter, Gold und Rot, Heilung und Zerstörung. Jeder Einsatz ihrer Macht rettet Leben – und füttert zugleich den Schatten in ihr. An Elias’ Seite kämpft sie um das Rudel, während Misstrauen, Verrat und heimliche Bündnisse mit den Menschen die Gemeinschaft zu zerreißen drohen. Als der dritte Mond blutrot über den Bergen aufgeht, entscheidet sich, ob Licht und Dunkelheit einander vernichten – oder ob Lena lernt, beide in sich zu tragen, ohne daran zu zerbrechen. Doch jeder Sieg hat seinen Preis, und nicht alle, die sie liebt, werden den neuen Morgen sehen.

Genre:
Fantasy
Autor:
Marie Ber
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
40
Rating
5.0 (1 Bewertung)
Altersfreigabe
16+

01 - Wenn das Licht zu hell wird

LENA

Der erste Schnee des Jahres kam früh. Er legte sich in der Nacht wie ein leiser Segen über das Tal, dämpfte die Geräusche, rundete die Kanten der Felsen und ließ die Dächer der Häuser aussehen, als hätte der Mond selbst sie mit einem silbernen Schleier zugedeckt.

Als ich am Morgen die Tür des großen Hauses öffnete und auf die Treppe trat, knirschte der frische Schnee unter meinen nackten Füßen, kalt und wachmachend, und der Atem stand mir als kleine Wolke vor dem Gesicht. Ich blieb einen Moment stehen, schloss die Augen und lauschte – nicht mit den Ohren, sondern mit dieser anderen Wahrnehmung, die seit dem Ritual in mir lebte.

Das Rudel war wach. Ich spürte es wie ein großes, verschlungenes Netz aus warmen Punkten in meinem Inneren. Dort hinten, bei den Ställen, Finns gedämpften Ärger über ein störrisches Pferd; am Brunnen Hannas geduldlose Konzentration, während sie Wasser schöpfte und dabei schon drei verschiedene Trainingsvarianten für den Tag durchging; im kleinen Haus nahe des Waldrands Klaras sanfte Müdigkeit, gemischt mit einem Anflug von Sorge über den Husten ihres jüngsten Welpen. Es war, als würde mein Geist über das Tal gleiten wie ein Raubvogel, der sich jederzeit entscheiden konnte, auf einem Punkt zu landen, tiefer zu blicken, näher zu fühlen.

Früher hatte mich diese Weite überwältigt. Heute war sie Teil meines Atems. Ich öffnete die Augen wieder. Der Himmel war klar, blassblau, der Mond verblasste über den Bergen wie eine Erinnerung. Unter mir, auf dem Platz, begannen die ersten Wölfe sich zu sammeln – in Menschengestalt, mit Mänteln gegen die Kälte, mit Stöcken und Holzwaffen für das Training. Jemand entdeckte mich, wies hoch, und eine kleine Bewegung ging durch die Menge.

Ein leises, ehrfürchtiges Murmeln: „Luna.“

Ich musste noch immer kurz innerlich lächeln, wenn ich das hörte. Vor einem halben Jahr war ich eine Fremde gewesen, zugelaufen mit zerrissener Vergangenheit, die mehr Rätsel als Antworten versprach. Jetzt war ich die, an der sich ihre Blicke festhielten, wenn der Wind aus dem Norden seltsam roch. Die, an die sie sich wandten, wenn Wunden zu tief waren und die Alte sagte, ihre Salben würden nicht reichen. Die, deren Licht sie „unser“ nannten.

„Du frierst“, sagte eine Stimme hinter mir.

Elias lehnte im Türrahmen, nur halb angekleidet, die Haare noch zerzaust vom Schlaf, die Kälte schien ihm nichts anzuhaben. Seine silbergrauen Augen ruhten auf meinen Füßen, dann auf meinem Gesicht. In seinem Blick lag dieses vertraute Gemisch aus Zärtlichkeit und mildem Tadel, das mich immer gleichzeitig zum Lachen und zum Knurren bringen konnte.

„Ich teste nur, ob der Schnee echt ist“, antwortete ich trocken und drehte mich halb zu ihm um. „Er ist kalt. Überraschung.“

Er trat neben mich, legte mir seinen warmen Arm um die Schultern und zog mich ein Stück näher an sich. Die Bindung summte angenehm auf, wie eine Saite, die leicht angeschlagen wurde.

„Der Schnee bleibt. Das ist der erste Winter, den wir ohne Schattenheulen erleben. Ich will, dass du dafür zumindest warme Füße hast.“

„Schatten heulen nicht, sie flüstern“, murmelte ich, fast mehr zu mir selbst als zu ihm.

Doch ich fühlte, wie er um ein Haar nachhakte, dann aber darauf verzichtete. Es war eine dieser Kleinigkeiten, die er gelernt hatte: Es gab Momente, da musste er nicht der Alpha sein, sondern nur der, der neben mir stand.

Etwas in der Tiefe des Hauses regte sich. Eine leichte, kaum wahrnehmbare Vibration, die nicht vom Wind und nicht von den Stimmen unten kam. Es war wie ein ganz leises Klopfen, weit unter unseren Füßen, verborgen unter Holz und Stein und Runen. Ich wusste, was es war, noch bevor ich bewusst hinsah: das Ei in der Kammer unter dem Versammlungshaus, getragen von einem schwachen, aber stetigen Puls. Drei Monde lang hatte es geschlafen. Drei Monde lang war sein Herzschlag mit jedem Tag leiser geworden. Seit drei Nächten wurde er wieder klarer. Ich zog unbewusst die Schultern hoch.

„Die Jungen warten“, sagte ich, um den Faden meines Gedankens zu wechseln, bevor er in die Tiefe abdriftete. „Wenn wir sie im Schnee trainieren, sind sie im Frühling doppelt so schnell.“

„Und doppelt so großspurig“, ergänzte Elias trocken. „Aber gut. Die Luna will Schnee – sie bekommt Schnee.“

Er gab mir einen kurzen Kuss auf die Schläfe, ließ den Arm sinken und wandte sich nach innen, um seine Stiefel zu holen. Ich blieb noch einen Atemzug länger stehen, sog den kalten Morgen tief in die Lungen und ließ die Wölfin in mir nach vorn treten. Sie schnupperte an der Luft, schickte mir Eindrücke: frischer Schnee, altes Harz, Rauch von Fichtenholz, kein Rot in der Nähe. Kein fremder Schatten im Wald. Nur das eine, leise Schlagen unter den Dielen.

Später, dachte ich zu ihr, und sie knurrte zustimmend – oder unzufrieden. Bei ihr war das manchmal schwer zu unterscheiden. Dann ging ich die Stufen hinunter, barfuß in den Schnee, jeder Schritt ein kleines Prickeln. Ein paar der Jüngeren starrten mich an, und ich sah in ihren Augen gleichzeitig Bewunderung und dieses kindliche „Das ist verrückt“-Staunen. Gut. Eine Luna durfte ruhig ein bisschen verrückt wirken.

„Heute“, begann ich, als wir im Kreis standen, „lernen wir zwei Dinge: wie man im Schnee kämpft – und wie man fällt, ohne sich jedes Mal etwas zu brechen.“

Gelächter. Locker, erleichtert. Das mochte ich an ihnen. Wir hatten Blut und Schatten gesehen, ja, aber sie konnten noch lachen. Ich ließ meinen Blick über die Gruppe wandern: fünf Teenager, ein halbes Dutzend jüngerer Wölfe, zwei, die im letzten Kampf verletzt gewesen waren und jetzt wieder langsam einsteigen wollten. Ihre Namen kannte ich mittlerweile alle, ihre Gerüche, ihre Art, sich zu bewegen.

„Luna?“, meldete sich ein Mädchen aus der ersten Reihe, helles Haar, Sommersprossen, wilde Augen. Rina. „Zeigst du uns wieder die Drehung, bei der Finn auf der Fresse gelandet ist?“

Finn, der etwas abseits stand, verschränkt die Arme, tat gekränkt. „Einmal! Es war einmal!“

„Es war sehr eindrucksvoll“, entgegnete ich ernst. „Und lehrreich. Für uns alle.“

Wieder Gelächter. Finn grinste jetzt selbst, schüttelte den Kopf. Wir begannen mit einfachen Übungen – Stand im Schnee, Gewicht verlagern, die Balance finden, wenn der Boden unter den Füßen nachgibt. Ich demonstrierte langsam, ließ die anderen mir nachmachen, korrigierte Haltungen, schob Schultern, drehte Knöchel. Die Wölfin in mir liebte solche Momente: körperliche Nähe, Bewegung, der Geruch von Anstrengung, ohne dass Blut fließen musste. Ich merkte, wie sie ihre eigene Freude in meine Muskeln schickte, mich leicht, schnell, sicher machte. Die Wölfin in mir blühte auf in der Bewegung, der Nähe, dem Geruch von Anstrengung.

Dann griff Rina an – schnell, ungestüm, voller Mut. Ich wich aus, packte ihren Arm für eine sanfte Drehung. Meine Finger berührten ihre Haut. Ein Funke explodierte.Goldene Hitze schoss durch meine Hand in ihren Arm. Rina keuchte, ihre Muskeln verhärteten sich wie Stein. Die Drehung vollendete sich – sie krachte hart in den Schnee, dumpf, unkontrolliert. Der Kreis erstarrte. Ich kniete bei ihr, Hand auf ihrer Schulter. Wieder der Funke.

„Kribbelt“, murmelte sie verwundert. „Als hätte ich mich gestoßen und doch nicht.“

Ihre Augen waren klar, nichts gebrochen. Aber ich hatte es gefühlt: etwas Tieferes hatte sich verändert.

„Gut gefallen“, sagte ich ruhig, half ihr auf.

Das Training lachte weiter, Finn scherzte. Aber in mir hallte der goldene Funke nach – unkontrolliert, fremd.

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