Kapitel 1
Es war viel zu spät.
So spät, dass ich das Büro beinahe fluchtartig verließ, mit hastigen Schritten durch den leeren Flur, während das kalte Neonlicht über mir flackerte. Für einen Moment war ich mir nicht einmal sicher, ob ich die Tür überhaupt richtig abgeschlossen hatte. Mein Schlüssel klirrte noch leicht in meiner Hand, als ich schon die Treppe hinunter hetzte.
Draußen schlug mir die Kälte sofort entgegen.Verdammt.
Ich zog meinen Mantel enger um mich, während ich zur Haltestelle rannte, meine Schritte viel zu laut auf dem dunklen Asphalt, mein Atem in kleinen weißen Wolken vor mir sichtbar.
Zu spät. Natürlich. Der Bus war längst weg.
Keine Lichter, keine Spur, nichts außer einer leeren Straße und dieser stillen, unangenehmen Ruhe, die sich nachts über alles legte.
Es war bereits 22:58 Uhr.
Ich starrte einen Moment auf mein Handy, als würde sich die Zeit aus Mitleid zurückdrehen. Das tat sie natürlich nicht.
Ich hatte Spätschicht im Büro gehabt. Nichts Wichtiges, nichts Weltbewegendes. Daten sortieren, Rechnungen prüfen, endlose Tabellen pflegen, die wahrscheinlich niemand jemals wirklich ansah. Mein Chef hatte früher gehen müssen und natürlich blieb alles an mir hängen.
Wie immer.
Für ein Taxi hatte ich kein Geld. Nicht dabei und definitiv auch nicht auf meinem Konto. Blieben also fünfunddreißig Minuten zu Fuß. Das war machbar, eigentlich. Wenn es nicht so verdammt kalt wäre und dunkel. Es war viel zu dunkel.
Ich atmete langsam aus und zwang mich zur Ruhe.„Na gut, Evie…“ murmelte ich leise. „Dann lauf halt.“
Der Weg war mir vertraut. Ich ging ihn oft, auch spät und trotzdem fühlte sich jede Straße nachts anders an. Irgendwie verzerrt, leer und bedrückend. Als würde die Stadt ein anderes Gesicht zeigen, sobald die meisten Menschen verschwunden waren.
Vielleicht war ich auch einfach zu paranoid. Zu viele Nachrichten. Zu viele Geschichten.
Oder es waren zu viele Abende, an denen ich halb zuhörte, während Juno wieder irgendeinen True Crime Podcast laufen ließ.
Juniper Novak.
Meine Mitbewohnerin, Technikfreak durch und durch, mit einer ungesunden Faszination für alles, was mit Mord, Verschwinden und digitalen Spuren zu tun hatte. Sie hatte sich an einer Universität für digitale Forensik beworben und ehrlich gesagt… es passte erschreckend gut.
Früher hatte sie gekellnert. Ein absoluter Witz. Sie hasste Menschen. Mit Computern und Toten kam sie definitiv besser klar.
Mein Handy vibrierte in meiner Hand. Es war eine Nachricht von ihr.
,,Wo bleibst'n?"
Ich musste leicht schmunzeln. Typisch Juno. Kurz, knapp, aber dahinter steckte genug Sorge, um mich gleichzeitig zu nerven und irgendwie zu wärmen.
Ich tippte eine Antwort, während ich weiterlief, den Blick auf den Bildschirm gerichtet.
Großer Fehler.
Ich prallte gegen etwas. Hart.
Eine Wand ... Nein, nicht wie gegen eine Wand.
Ich ging fluchtartig einen Schritt zurück, mein Gleichgewicht wankte, mein Herz schlug plötzlich viel zu schnell.
„Verzeihung, ich hab Sie nicht gesehen—“
Die Worte blieben mir fast im Hals stecken. Wie konnte man jemanden wie ihn nicht sehen?
Er war groß. Nein. Nicht einfach nur groß.
Er wirkte… massiv. Präsenz. Als würde die Luft um ihn herum dichter sein. Schwerer. Sein Schatten verschluckte fast das schwache Licht der Straßenlaterne.
Für einen Moment vergaß ich zu atmen.
Dann bemerkte ich die anderen. Zwei Männer. Links und rechts von ihm. Alle sammt edel und dunkel gekleidet. Schwarze Anzüge mit roten Details.
Und plötzlich… fühlte sich alles falsch an.
Mein Körper spannte sich an, ohne dass ich es bewusst steuerte. Mein Instinkt flackerte auf, laut, schrill, eindeutig.
Lauf.
Sie bewegten sich nicht. Sagten nichts. Beobachteten mich einfach. Wie ... wie Raubtiere.
Ein kalter Schauer kroch mir den Rücken hinunter. Für einen Sekundenbruchteil glaubte ich, ihre Augen aufleuchten zu sehen.
Rot.
Nur ganz kurz. Ich blinzelte sofort. Blödsinn. Es war meine Müdigkeit, Einbildung. Nichts weiter. …oder?
Mein Blick wanderte zurück zu dem Mann vor mir. Und etwas in mir zog sich zusammen. Nicht nur Angst. Es war etwas ganz anderes, das spürte ich sofort. Etwas Tieferes. Etwas... mir unverständliches.
In seinen Augen brannte etwas. Kein gewöhnliches Licht, kein einfaches Spiegeln der Straßenlaterne. Es war ein Feuer, wild und unruhig, als würde etwas darin toben, das längst hätte erlöschen sollen.
Und plötzlich... waren da Bilder. Schreie. Raue Stimmen, laut und ungeordnet. Männer, die durcheinander riefen. Metall, das auf Metall schlug. Chaos. Meuterei. Mord.
Mir wurde schlagartig übel.
Ich wusste nicht, woher diese Gedanken kamen. Sie gehörten nicht mir. Und doch drängten sie sich in meinen Kopf, laut, aufdringlich, als würden sie mich von innen heraus zerreißen.
Es fiel mir schwer, sie abzuschütteln. Unmöglich. Schmerz und Angst machte sich ich mir breit, als wäre ich da gewesen.
„Evangeline...“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
Leise, brüchig… und so voller Schmerz, dass sich meine Brust zusammenzog. Als hätte er diesen Namen schon tausendmal geflüstert, immer wieder, über eine Ewigkeit hinweg.
Ein Zittern lief durch meinen Körper. Der Klang riss mich zurück.
Ich blinzelte mehrmals, versuchte, die Realität wieder zu greifen, die eben noch so weit entfernt gewesen war. Die beiden Männer neben ihm wirkten ebenso aus dem Gleichgewicht gebracht wie ich. Ihre Blicke huschten zueinander, suchend, unsicher, bevor sie wieder zu mir zurückfanden. Und schließlich zu ihm. Dem Mann in der Mitte.
Er starrte mich an, als hätte er etwas Unmögliches gesehen. Seine Augen waren weit geöffnet, seine Hände leicht erhoben, als wüsste er selbst nicht, ob er mich berühren oder auf Abstand bleiben sollte. Ein feines Zittern lag darin, kaum sichtbar, aber unübersehbar, wenn man genau hinsah.
Langsam lichtete sich der Nebel in meinem Kopf. Die fremden Gedanken zogen sich zurück, verblassten, bis nur noch ein unangenehmes Echo blieb.
Was zur Hölle…? Warum stand ich überhaupt noch hier?
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.Ich zwang mich zu einem Atemzug, dann noch einem, versuchte, meine Stimme halbwegs ruhig klingen zu lassen.
„Okay… dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend.“ Meine Worte klangen fremd in meinen eigenen Ohren, zu schnell, zu glatt.
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte ich mich zur Seite und setzte mich in Bewegung. Erst zügig, dann schneller, meine Schritte fast automatisch, als würde mein Körper endlich aufholen, was mein Instinkt schon längst begriffen hatte.
Weg hier.
Ein Auto schoss an mir vorbei, viel zu nah. Ich zuckte zusammen, wich erschrocken zurück. Reifen quietschten, ein lautes Hupen durchschnitt die Stille, gefolgt von wütendem Geschrei aus dem offenen Fenster.
Ich verstand kein Wort davon. Es interessierte mich auch nicht.
Mein Magen krampfte sich zusammen, Übelkeit wogte in mir auf, so stark, dass mir kurz schwarz vor Augen wurde. Gleichzeitig breitete sich dieses seltsame Brennen in meiner Brust aus, zog sich bis in meinen Kopf, pulsierend, stechend.
Ich presste die Lippen zusammen. Nicht stehen bleiben. Ich beschleunigte meine Schritte, so gut es ging, ohne ins Rennen zu verfallen. Dafür war mein Körper zu angespannt, zu erschöpft, zu… überfordert.
Die Dunkelheit um mich herum war heute nicht das Schlimmste. Nicht einmal ansatzweise. Immer wieder warf ich einen Blick über die Schulter.
Niemand.
Nur leere Straßen. Schatten. Stille. Und trotzdem blieb dieses Gefühl. Als würde mich etwas verfolgen. Als würde jemand mich beobachten.
Ganz nah.
Mein Herz schlug schneller.
Evangeline.
Das Wort hallte durch meinen Kopf, immerwieder, es war fremd und doch irgendwas in mir reagierte.
Evangeline.
Evangeline.
Ich schluckte schwer. Was auch immer das bedeutete… es nahm mir die Angst nicht.
Ganz im Gegenteil.








