Kapitel 1: Schicksal.
Ich stand vor ihm und blickte in seine blauen Augen. Die meisten Mädchen im Dorf würden dafür morden ihm so Nah sein zu können. Nur ich nicht.
Tirgan Enaei ist der Sohn des Juweliers unseres Dorfes, einer der wohlhabendsten Männer der Stadt und noch dazu sah er wohl perfekt aus. Eisblaue Augen, blondes sanftes Haar und ein perfektes Lächeln mit Grübchen. Sportlicher schlanker Körper und immer gut gekleidet. Sein Aussehen, sein Status und sein Geld machten ihn zum perfekten Gefährten. Doch zu meinem bedauern, hatte mein Vater mich als Braut angeboten und niemand fragte mich nach meiner Meinung. Tirgans Vater hat das Angebot natürlich abgenommen, da mein Vater genauso viel Einfluss im Dorf hatte. Jeder wusste zwar wie er mich behandelte, doch alle sahen weg und wagten es nicht sich in seine Angelegenheiten einzumischen.
Vielleicht sollte ich froh sein aus dem Haus meiner Eltern zu entkommen und vielleicht sollte ich froh sein, dass Tirgans Vater dem Ehevertrag zugestimmt hat. Auch Tirgan war das vermutlich nicht ganz recht, aber der alte Herr Enaei würde ihn schon zwingen. Und so müssen wir uns beide unserem Schicksal beugen. Vielleicht sollte ich das annehmen und versuchen glücklich zu werden. Vielleicht sollte ich wie die anderen Mädchen danach gieren, den schönsten und reichsten Gefährten zu bekommen. Doch irgendwie waren die Männer im Dorf noch nie mein Geschmack gewesen. Sie waren alle gleich und sie waren ziemliche Idioten. Ob das wohl überall so ist? Ich weiß es nicht und es ist auch egal, da ich nach dem Eheschluss mit Tirgan sowieso nie mehr hier wegkomme und sobald er mich makiert hat, könnte ich auch keinen anderen Mann mehr haben.
Ich seufzte und sah wieder zu Tirgan. Dieser hatte sich zu seinem Vater gedreht und versuchte mit diesem zu diskutieren, doch wurde ganz schnell zum schweigen gebracht. Meine Eltern mischten sich ein um zu besprechen, wann die Hochzeit stattfinden sollte. „So bald wie möglich“, hörte ich Mutter sagen. Sie wollte mich schon lange loswerden, hatte aber immer gedacht, keiner würde mich zur Gefährtin nehmen. „Mein Sohn und ich werden Ihnen Morgen zu Sonnenaufgang das Kleid für die Hochzeit bringen und dann soll sie zum essen kommen um alles weitere zu besprechen. Übermorgen findet die Hochzeit statt.“ Die Stimme seines Vaters ließ keine Widerworte zu und so war es beschlossen und unsere Väter gaben sich die Hand und lächelten zufrieden. Ich blickte hinauf zum Himmel und versuchte nicht in Tränen auszubrechen. Ich hatte keine andere Wahl, als mich meinem Schicksal zu beugen. Ich hätte weglaufen können, doch wohin? Ich hatte kein Wissen über die Welt außerhalb des Dorfes. Ich war noch nie in einem anderen Teil des Reiches und vorallem noch nie außerhalb. Die wenigstens verließen je das Königreich. Also blieb mir wohl nichts anderes übrig.
„Nun komm Lavira. Wo bist du nur wieder mit deinem Kopf?“ Mutter klang genervt. „Denkst du Tirgan wird das gefallen eine Frau zu haben die mehr in ihren eigenen Gedanken lebt?“ Mutter sah mich mit einem kalten tadelten Blick an. Da war keine mütterliche Liebe in ihren Augen, falls sie überhaupt wusste was das ist. Ich hatte keine Lust auf diese Diskussion und lief meinen Eltern schweigend nach zu unserem Haus. Mutter erklärte mir noch einige Sachen für das kennenlernen seiner Eltern und befahl mich dann auf mein Zimmer und ich solle mir ein Kleid für das Essen morgen aussuchen. Ich hatte recht schöne Kleider, auch wenn es nicht die teuersten waren, ich möchte sie. Ich entschied mich am Ende für ein enges Schwarzes Samtkleid, das zu den Füßen hin weiter wurde. Der Ausschnitt des Kleides war mit kleinen Steinchen besetzt und es hatte wunderschöne Ärmel aus Rüschen. Außerdem ging es fast bis zum Boden und ich liebte solch lange Kleider. Ich bertrachtete mich im Spiegel. Ich sah hübsch aus, bis auf die Narben die Vater und Mutter mir zugefügt hatten. Eine Narbe zog sich über meine Brust bis zum Bauch und schaute leicht aus dem Ausschnitt des Kleides hervor.
Ob Tirgan mich trotzdem zu seiner Gefährtin machen wird? Und was wenn nicht? Meine Eltern werden mir die Schuld geben und die Narben werden mehr. Vielleicht solte ich weinen, aber das habe ich schon lange aufgegeben. Es wird sich sowieso nichts ändern. Früher konnte ich wenigstens noch mit meiner Schwester reden, doch umso älter sie wurde umso mehr nahm auch sie den Hass an, den meine Eltern auf mich hatten.
Ich setzte mich auf den Boden vor dem Spiegel und lehnte mich nach hinten an die Wand. Ich blickte mich selbst im Spiegel an und merke wie müde ich eigentlich bin. Die ganze Sache heute hat mich ziemlich fertiggemacht. Ich werde mich beugen und Tirgan heiraten, aber ich kann ich nicht lieben. Vielleicht war die Liebe einrach nicht für mich bestimmt. Meine Augen fielen langsam zu und ich schlief auf dem Boden ein.
Ein Schrei. Ein lautes knallen. Panische Schritte. Mama weint.
Ich schreckte aus dem Schlaf auf, als ich draußen meine Mutter schreien hörte. Da waren Männer vor dem Haus und sie brüllten irgendwelche Befehle hin und her. Auf einmal knallte es und das schreien einer Frau vor dem Haus verstummte plötzlich.








