Prolog
Der Schnee Alaskas war nicht rein. Er war ein Leichentuch.
Jeder Atemzug brannte wie flüssiges Glas in meiner Lunge. Meine Beine fühlten sich an wie Blei, taub vor Kälte und schwer von den Giften, die sie mir wochenlang durch die Venen gejagt hatten. Ich stolperte, stürzte vornüber in eine Schneewehe und spürte den eisigen Schmerz nicht einmal mehr richtig. Der Entzug fraß sich durch meinen Verstand, verzerre die Realität in ein Zerrbild aus Schatten und paranoiden Stimmen.
Lauf, Talia. Wenn sie dich einholen, wirst du diese Klinik nie wieder verlassen.
Ich zwang mich hoch. Meine Finger waren blau gefärbt, steif und zittrig. Ich hatte nichts bei mir. Kein Geld, keine Jacke, kein Telefon. Das Einzige, was mir geblieben war, war das brennende Wissen in meinem Kopf. Eine einzige, geheime E-Mail-Adresse. Zeilen aus Zahlen und Buchstaben, die meine Lebensversicherung waren. Und meine Rache.
Hinter mir, weit oben auf dem Hügel, schnitten die Scheinwerfer der SUVs durch das tosende Schneegestöber von Shadow Creek. Sie suchten nach mir.Ersuchte nach mir. Der Mann, der mir das Leben geschenkt und es mir vor genau acht Wochen wieder genommen hatte. Ich konnte das Echo seiner Stimme immer noch in meinen Albträumen hören. Ich konnte immer noch das kalte Metall spüren, den Geruch von Blut und Teer, den Moment, in dem meine Welt in Stücke gerissen wurde und das Monster seine Maske fallen ließ.
„Niemand wird dir glauben, Täubchen. Für die Welt bist du ab heute verrückt.”
Ein markerschütterndes Heulen schnitt durch die Nacht – das Heulen eines Wolfes, gefolgt von einem tiefen, metallischen Grollen, das den gefrorenen Boden erzittern ließ. Kein Tier. Ein Motor.
Ich wusste nicht, ob es meine Rettung war oder das nächste Monster, das im Schutz der Dunkelheit auf mich wartete. Aber als ich auf die Lichter einer abgelegenen Werkstatt am Waldrand zustolperte, brach ich zusammen.
Ich verbarg mich nicht mehr nur vor den Geistern meiner Vergangenheit. Ich rannte direkt in das Revier der Wölfe.








