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Off the Record

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Zusammenfassung

An der Westbridge University kennt jeder Nathaniel Blackwell. Außer Elizabeth Carter. Während Liz versucht, zwischen Vorlesungen, ihrem Job im Nook und dem ganz normalen Chaos des ersten Semesters ihren Platz zu finden, begegnet sie immer wieder ausgerechnet dem Studenten, den scheinbar jeder kennt. Nathaniel Blackwell ist arrogant, selbstsicher und viel zu überzeugt von sich selbst. Liz kann nicht nachvollziehen, warum ihm trotzdem halb Westbridge zu Füßen liegt. Nate wiederum ist noch nie jemandem begegnet, den sein Nachname so wenig beeindruckt. Eigentlich gehen sie sich nur auf die Nerven. Dumm nur, dass der Campus kleiner ist, als ihnen beiden lieb ist.

Status:
In Arbeit
Kapitel:
8
Rating
5.0 2 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1


„Wenn ich in diesem Auto sterbe, möchte ich, dass auf meinem Grabstein steht: Sie war jung, hoffnungsvoll und wurde von Umzugskartons erschlagen.“

Dad warf mir einen Blick durch den Rückspiegel zu. „Dramatisch. Gefällt mir.“

„Ich meine das ernst. Der Karton mit den Büchern rutscht seit zwanzig Minuten immer näher an meinen Kopf.“

„Das ist kein Karton mit Büchern. Das ist Bildung.“

„Bildung wiegt ungefähr dreißig Kilo.“

Mom drehte sich auf dem Beifahrersitz zu mir um und schob ihre Sonnenbrille ins Haar. Sie sah müde aus, aber auf diese ruhige Art, die sie immer hatte, wenn Dad und ich uns gegenseitig hochschaukelten. „Soll ich ihn nach vorne nehmen?“

„Nein“, sagte Dad sofort. „Ich habe das Auto perfekt gepackt.“

In genau diesem Moment rutschte etwas im Kofferraum nach rechts und knallte dumpf gegen die Seitenwand. Ich sah ihn im Rückspiegel an.

Er räusperte sich. „Fast perfekt.“

Mom lachte leise, und ich konnte nicht anders, als mitzulachen. Vielleicht, weil ich seit anderthalb Tagen zwischen Kissen, Taschen und einerZimmerpflanze saß, die Mom unbedingt hatte mitnehmen wollen. Vielleicht auch,weil ich sonst angefangen hätte zu weinen. Das wäre absolut lächerlich gewesen, immerhin hatte ich monatelang auf diesen Tag hingefiebert. Ich hatte die Zusage von Westbridge mindestens hundertmal gelesen, die Website der Universität auswendig gelernt und mich nachts dabei erwischt, wie ich mir vorstellte, wie es sein würde, dort anzukommen. Jetzt waren wir fast da, und plötzlich fühlte sich alles viel zu groß an.

„Noch zwölf Minuten“, sagte Dad und tippte auf das Navi. „Dann setzen wir dich offiziell in die große weite Welt aus.“

„Sehr liebevoll formuliert.“

„Ich übe schon mal für meine Abschiedsrede.“

„Bitte nicht.“

„Zu spät. Ich habe Stichpunkte.“

Mom seufzte. „Daniel.“

„Was denn? Sie soll wissen, dass ich vorbereitet bin.“

Ich zog die Beine etwas näher an mich heran und lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Draußen wechselte die Landschaft langsam von endlosen Baumreihen zu breiteren Straßen, gepflegten Vorgärten und Gebäuden, die eindeutig zu einer Universitätsstadt gehörten. Kleine Cafés, Buchläden,Fahrradständer, Studenten mit Rucksäcken. Alles wirkte beschäftigt und gleichzeitig seltsam leicht, als hätte jeder hier einen Ort, an den er gehörte.

Ich hatte noch keinen.

„Liz?“, fragte Mom.

Ich löste den Blick vom Fenster. „Hm?“

„Du bist still.“

„Ich versuche nur, nicht aus Versehen nervös auszusehen.“

Dad nickte ernst. „Scheitert.“

„Danke.“

„Immer ehrlich.“

Mom griff nach hinten und legte ihre Hand kurz auf mein Knie. „Du musst heute nicht so tun, als hättest du alles im Griff.“

Ich sah auf ihre Finger, die warm und vertraut auf meiner Jeans lagen. „Ich weiß.“

„Gut. Weil niemand erwartet das von dir.“

Das stimmte nicht ganz. Ich erwartete es von mir. Ich wollte nicht die sein, die direkt am ersten Tag überfordert war. Nicht an einer Universität wie Westbridge, an der vermutlich jeder Zweite schon mit fünf Jahren wusste, welches Hauptfach er wählen, welchen Abschluss er machen und welche Karriere er danach einschlagen würde. Ich kam aus einer Stadt, in der man wusste, welcher Nachbar am Samstag seinen Rasen mähte und wo man die besten Donuts bekam. Westbridge war eine andere Welt. Eine, in die ich irgendwie hineingeraten war, weil meine Noten gut genug gewesen waren und irgendein Ausschuss entschieden hatte, dass ein Mädchen wie ich eine Chance verdient hatte.

Dad bog rechts ab, und dann sah ich das Schild.

WESTBRIDGE UNIVERSITY.

Goldene Buchstaben auf dunklem Stein, eingerahmt von alten Bäumen und frisch geschnittenen Hecken. Dahinter öffnete sich der Campus mit roten Backsteingebäuden, breiten Wegen und modernen Glasfassaden, die zwischen all dem Alten standen, als hätten sie schon immer dazugehört. Überall liefen Menschen. Erstsemester mit Koffern, Eltern mit zu vielen Taschen, Studenten in Westbridge-Hoodies, die so entspannt aussahen, als wären sie hier geborenworden.

Mein Magen zog sich zusammen.

„Da wären wir“, sagte Dad leiser als sonst.

Keiner von uns machte einen Witz.

Für ein paar Sekunden fuhren wir einfach nur durch die Einfahrt, vorbei an Bannern, auf denen Welcome Week stand, vorbei an einem Brunnen, vo rdem eine Gruppe Mädchen Fotos machte, vorbei an einem Jungen, der versuchte, drei Kisten gleichzeitig zu tragen und dabei fast über seine eigenen Füße fiel. Ich wollte mir alles merken. Den Geruch nach Sommerregen und frisch gemähtem Gras. Das Stimmengewirr. Die Musik, die irgendwo aus einem offenen Fenster kam. Die Art, wie die Gebäude im Nachmittagslicht leuchteten.

Dad fand nach einigen Minuten einen Parkplatz vor Maple Hall. Mein Wohnheim und mein neues Leben, noch verpackt in einem alten Kombi mit Kratzern an der Stoßstange und einem Handschuhfach voller Tankstellenquittungen.

Als der Motor ausging, wurde es im Auto plötzlich still.

Ich legte die Hand auf den Türgriff, öffnete aber nicht sofort.

Mom sah mich an. „Bereit?“

Ich atmete tief ein und nickte, obwohl ich mir nicht sicher war.„Ja.“

Dad klatschte in die Hände. „Dann retten wir dich mal vor derBildung im Kofferraum.“

Das war besser, Witze konnte ich. Witze waren leichter als Abschiede. Also stieg ich aus, zog meinen Hoodie zurecht und ging nach hinten zum Kofferraum. Dad öffnete ihn mit einer Vorsicht, die er sich besser beim Packen hätte einfallen lassen sollen. Trotzdem rutschte sofort ein kleiner Karton heraus und landete direkt vor meinen Füßen.

Ich hob beide Augenbrauen.

Dad betrachtete den Karton, dann mich. „Der wollte zuerst studieren.“

Mom brach in Lachen aus, und diesmal lachte ich so sehr mit, dass der Knoten in meiner Brust für einen Moment lockerer wurde. Genau so waren wir. Mom mit ihrer warmen Ruhe, Dad mit seinen unmöglichen Sprüchen und ich irgendwo dazwischen, kurz davor, die beiden loszulassen und sich gleichzeitig alles in mir dagegen wehrte.

Vor Maple Hall standen bereits mehrere Familien. Manche umarmten sich, manche stritten über Kisten, manche wirkten so organisiert, dass ich sie sofort nicht leiden konnte. Ein Mädchen mit perfekt geglätteten Haaren trug zwei Kleidersäcke über dem Arm, während ihr Vater telefonierend einem Mann in Uniform Anweisungen gab. Neben ihr stand ein Junge in Designer-Sneakern und sah gelangweilt auf sein Handy, während seine Mutter sein Bettzeug trug.

Ich sah an mir herunter. Jeans, Sneaker, Hoodie. Meine Haare waren nach der langen Fahrt irgendwo zwischen Pferdeschwanz und Vogelnest gelandet.

Willkommen in Westbridge, Liz Carter.

Das konnte ja was werden.

„Liz?“

Ich blinzelte und merkte erst jetzt, dass ich das Wohnheim die ganze Zeit angestarrt hatte.

„Alles gut?“, fragte Mom.

Ich nickte. „Ja. Ich glaube, ich habe gerade zum ersten Mal realisiert, dass ich wirklich hier bin.“

Dad stellte den ersten Karton auf den Boden und klopfte sich die Hände ab. „Dann los. Bevor dir noch auffällt, dass wir wieder nach Hause fahren könnten.“

„Daniel.“

„War doch nur ein Scherz.“

„Ein schlechter.“

„Das sind die besten.“

Ich schüttelte grinsend den Kopf und griff nach einer der leichteren Kisten.

„Vergiss es“, sagte Dad sofort und nahm sie mir wieder aus der Hand.

„Ich kann wohl einen Karton tragen.“

„Du kannst gleich noch genug schleppen. Solange ich hier bin, trage ich die schweren Sachen.“

„Und ich die leichten?“, fragte Mom.

„Du koordinierst.“

„Ach, ich bin also fürs Organisieren zuständig?“

„Du bist seit fünfundzwanzig Jahren fürs Organisieren zuständig.“

Mom verdrehte lächelnd die Augen und hakte sich bei ihm unter. „Da hat er ausnahmsweise recht.“

Ich blieb einen Moment stehen und beobachtete die beiden. Sie liefen voraus, diskutierten darüber, welcher Karton zuerst ins Wohnheim musste und ich musste grinsen.

Sie stritten nie wirklich, sie diskutierten. Über die Spülmaschine.Über den schnellsten Weg zum Supermarkt. Darüber, ob Ananas auf Pizza gehörte.Am Ende hatte Mom meistens recht und Dad behauptete trotzdem, gewonnen zu haben.

Gemeinsam gingen wir die wenigen Meter bis zum Eingang von Maple Hall.

Vor der Tür herrschte das reinste Chaos.

Überall standen Familien mit Rollkoffern, Umzugskartons und Wäschekörben. Zwei Mädchen versuchten gleichzeitig, einen riesigen Spiegel durch die Eingangstür zu bugsieren, während ein älterer Herr mit hochrotem Kopf diskutierte, dass der Wagen mit den Gepäckrollern schon wieder leer sei.

„Das beruhigt mich irgendwie“, murmelte ich.

Mom sah mich fragend an.

„Ich dachte, nur wir wären so unorganisiert.“

Dad nickte anerkennend. „Nein, wir sind nur besser darin, es zu überspielen.“

Noch bevor wir die Eingangstür erreichten, kam uns eine junge Frauin einem dunkelblauen Westbridge-Shirt entgegen. Sie trug ein Klemmbrett unter dem Arm und lächelte so freundlich, dass ich sofort das Gefühl hatte, sie hätte diesen Gesichtsausdruck seit sechs Stunden nicht abgelegt.

„Willkommen in Maple Hall!“, sagte sie. „Erstsemester?“

„Sieht man das so deutlich?“, fragte ich.

Sie lachte.

„Nur ein bisschen.“

Dad hob den Karton in seinen Armen an. „Woran liegt’s? An unserem eleganten Umzugsstil?“

„Eher an den Eltern.“

„Frech.“

„Dafür wahr.“

Ich mochte sie sofort.

„Name?“, fragte sie und sah auf ihr Klemmbrett.

„Elizabeth Carter.“

Sie fuhr mit dem Finger eine Liste entlang.

„Zimmer 214. Zweiter Stock. Deine Mitbewohnerin ist schon eingecheckt.“

Mitbewohnerin.

Das Wort ließ meinen Magen wieder ein Stück enger werden.

Bis gerade hatte ich nur an die Universität gedacht. An Vorlesungen. An neue Menschen. Daran, dass ich niemanden kannte.

Jetzt wurde mir bewusst, dass ich gleich einem völlig fremden Menschen die Tür öffnen und wahrscheinlich die nächsten Monate mit ihr verbringen würde.

Bitte lass sie nett sein.

Oder wenigstens nicht verrückt.

„Hier ist dein Schlüssel, deine Campuskarte und der Plan für die Welcome Week.“ Sie reichte mir eine dunkelblaue Mappe. „Ach, und falls ihr Hilfe beim Tragen braucht, draußen laufen genug freiwillige Studenten herum. Einfach jemanden mit einem blauen Shirt ansprechen.“

Dad schaute auf seinen Karton.

„Heißt das, ich darf mich jetzt offiziell alt fühlen?“

„Keine Sorge“, antwortete die Studentin grinsend. „Das passiert den meisten Eltern hier.“

„Unverschämt.“

„Danke.“

Ich biss mir auf die Lippe, um nicht laut loszulachen.

Dad schaffte es wirklich, innerhalb von drei Minuten mit völlig fremden Menschen zu diskutieren, als würden sie sich seit Jahren kennen.

„Na los“, sagte Mom schließlich und nickte Richtung Treppenhaus. „Lass uns dein neues Zuhause anschauen.“

Ich schloss meine Hand etwas fester um die Schlüsselkarte.

Zimmer 214.

Ab jetzt wurde es ernst.

Ich folgte meinen Eltern ins Gebäude. Sofort schlug mir kühle Luft entgegen. Nach anderthalb Tagen im Auto fühlte sich die Klimaanlage fast wie ein Luxus an. Überall herrschte Chaos. Rollkoffer rumpelten über den Boden, irgendwo weinte ein kleiner Junge, weil er lieber draußen geblieben wäre, und aus dem Aufenthaltsraum drang das Stimmengewirr von mindestens zwanzig Familien gleichzeitig.

„Also“, sagte Dad und blieb mitten in der Eingangshalle stehen. „Ich sehe zwei Möglichkeiten.“

Mom sah nicht einmal von der Mappe auf, die sie gerade durchblätterte.

„Du findest den Aufzug oder du jammerst über die Treppe.“

„Woher weißt du immer sofort, was ich denke?“

„Weil wir seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet sind.“

„Romantik pur.“

„Nein“, sagte sie trocken. „Erfahrung.“

Ich musste grinsen.

Dad stemmte die Hände in die Hüften und sah sich demonstrativ um.

„Gut. Dann suchen wir jetzt gemeinsam den Aufzug.“

„Daniel“, sagte Mom, ohne aufzusehen.

„Ja?“

„Du weißt ganz genau, dass du den Aufzug nur nehmen willst, weil du den schwersten Karton eingepackt hast.“

„Ich habe nicht den schwersten Karton eingepackt.“

Ich hob eine Augenbraue.

„Ach nein? Welcher wiegt dann mehr als der mit den Büchern?“

Er dachte kurz nach.

„Der mit deinen Schuhen.“

„Da sind sechs Paar Sneaker drin.“

„Eben.“

„Du wolltest unbedingt, dass ich alle mitnehme.“

„Natürlich. Stell dir vor, du lernst am ersten Tag den Mann fürs Leben kennen und hast nur zwei Paar Schuhe dabei.“

Mom sah ihn an.

„Das ist dein ernst gemeintes Argument?“

„Ich finde, das ist ein ausgezeichnetes Argument.“

Ich schüttelte lachend den Kopf.

„Du bist unmöglich.“

„Und trotzdem wirst du mich vermissen.“

„Das bezweifle ich.“

„Liz.“

„Was?“

„Du wirst spätestens in zwei Wochen anrufen und sagen: ‘Dad, kannst du bitte vorbeikommen und mein Regal aufbauen?’“

„Das Regal baust du heute auf.“

„Stimmt.“ Er nickte zufrieden. „Dann wird es die Lampe.“

„Die hänge ich selbst auf.“

„Den Wasserhahn.“

„Warum sollte ich einen Wasserhahn reparieren müssen?“

„Keine Ahnung.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich möchte nur sicherstellen, dass ich gebraucht werde.“

Mom schloss ihre Mappe und lächelte ihn an.

„Daniel.“

„Ja?“

„Du wirst immer gebraucht.“

Er grinste sie an.

„Siehst du? Deshalb habe ich sie geheiratet.“

„Nein“, sagte Mom. „Du hast mich geheiratet, weil du nach unserem ersten Date vergessen hast, wo dein Auto stand und ich dich nach Hause fahren musste.“

Ich musste so laut lachen, dass sich zwei Eltern kurz zu uns umdrehten.

Dad zeigte mit dem Finger auf Mom.

„Diese Geschichte wird jedes Jahr schlimmer.“

„Sie wird jedes Jahr wahrer.“

„Ich wusste genau, wo mein Auto stand.“

„Daniel.“

„Ungefähr.“

„Wir haben es nach vierzig Minuten gefunden.“

„Es war dunkel.“

„Es war drei Uhr nachmittags.“

„Es war bewölkt und dunkel.“

Diesmal musste sogar Mom lachen.

Ich beobachtete die beiden einen Moment und merkte, wie sich der Knoten in meinem Bauch ein kleines Stück löste. Solange die beiden miteinander diskutierten, fühlte sich alles noch vertraut an. Fast so, als wären wir nicht gerade dabei, mein komplettes Leben in ein Wohnheim zu tragen.

Dad zeigte schließlich auf den Aufzug.

„Gut. Abstimmung.“

„Es gibt keine Abstimmung.“

„Claire.“

„Daniel.“

„Demokratie ist wichtig.“

„Wir nehmen die Treppe.“

„Du hast die Demokratie aber schnell wieder abgeschafft.“

„Nur in diesem Gebäude.“

„Das ist erschreckend spezifisch.“

„Lauf endlich.“

Er seufzte so theatralisch, dass ich schon wieder lachen musste, hob den Karton an und setzte sich in Bewegung.

„Falls ich oben zusammenbreche“, murmelte er, „möchte ich wenigstens, dass ihr in meiner Grabrede erwähnt, wie tapfer ich gewesen bin.“

Ich ging neben ihm her.

„Ich schreibe drauf: Hier ruht Daniel Carter. Besiegt von zwei Stockwerken.

Er sah mich von der Seite an.

„Weißt du was?“

„Hm?“

„Das hast du von deiner Mutter.“

„Natürlich“, sagte Mom zufrieden. „Von dir hat sie schließlich nur den Humor.“

Dad blieb auf dem Treppenabsatz stehen, stellte den Karton kurz ab und streckte den Rücken durch.

„Weißt du eigentlich, dass ich dich als Baby problemlos mit einem Arm getragen habe? Du hast kaum etwas gewogen. Und jetzt schleppe ich seit einer Viertelstunde Kartons durch ein Wohnheim, weil du der Meinung warst, dass man für ein Semester unbedingt sieben Paar Schuhe braucht.“

„Es sind sechs“, verbesserte ich ihn. „Und du warst derjenige, der meinte, ich solle lieber ein Paar zu viel als eins zu wenig mitnehmen. Du kannst jetzt schlecht so tun, als wäre das allein meine Idee gewesen.“

„Natürlich kann ich das.“ Er sah mich an, als wäre das die selbstverständlichste Antwort der Welt. „Ich bin dein Vater. Es gehört praktisch zu meinem Job, Entscheidungen im Nachhinein auf andere zu schieben.“

Mom schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Du meinst, es gehört zu deinem Job, nie zuzugeben, dass du selbst schuld bist.“

„Claire, ich gebe Fehler zu.“

„Nenn mir einen.“

Dad überlegte einen Moment.

„2009.“

„Was war 2009?“

„Keine Ahnung. Aber statistisch gesehen muss ich da irgendwann mal einen Fehler gemacht haben.“

Ich lachte so laut, dass eine vorbeilaufende Familie sich kurz zu uns umdrehte. Dad bemerkte die Blicke sofort, hob entschuldigend die Schultern und sagte mit gespieltem Ernst: „Keine Sorge, wir sind nur ganz leicht anstrengend. Das legt sich normalerweise nach den ersten drei Tagen.“

„Das ist gelogen“, murmelte ich.

„Natürlich ist das gelogen“, antwortete Mom. „Nach drei Tagen werden wir meistens erst warm.“

Dad nickte zufrieden.

„Siehst du? Ehrlichkeit ist in dieser Familie sehr wichtig.“

Ich blieb vor der Tür stehen.

214.

So oft ich mir in den letzten Monaten vorgestellt hatte, wie dieserMoment aussehen würde, in meiner Vorstellung war ich immer einfach durch dieTür gegangen. Ohne nachzudenken, ohne Herzrasen. Ohne das Gefühl, plötzlichwieder fünf Jahre alt zu sein und den ersten Schultag vor mir zu haben.

„Na?“, fragte Dad.

„Ich überlege gerade, ob ich vielleicht doch lieber wieder ins Autosteige.“

Er nickte langsam, als hätte ich gerade einen völlig vernünftigenVorschlag gemacht.

„Kann ich nachvollziehen. Wir fahren nach Hause, bestellen Pizzaund erzählen einfach allen, Westbridge hätte dich abgelehnt.“

Ich musste lachen.

„Das fällt spätestens dann auf, wenn ihr mein Zimmer leer räumt.“

„Nicht, wenn wir überzeugend genug sind.“

„Daniel“, sagte Mom und verschränkte die Arme. „Du hilfst geradeüberhaupt nicht.“

„Doch. Ich biete Lösungen an.“

„Du bietest Ausreden an.“

„Ausreden sind auch Lösungen. Nur mit weniger Aufwand.“

Ich schüttelte grinsend den Kopf.

„Weißt du eigentlich, dass du auf fast alles eine Antwort hast?“

„Fast?“

Er legte sich gespielt empört eine Hand auf die Brust.

„Liz, ich bin dein Vater. Natürlich habe ich auf alles eineAntwort.“

„Nicht auf alles.“

„Doch.“

„Wie funktioniert TikTok?“

Er sah mich einen Moment schweigend an.

„Das war ein Tiefschlag.“

„Ich dachte, du hast auf alles eine Antwort.“

„Hatte ich auch. Bis ihr Kinder beschlossen habt, dass jede Wocheeine neue App erfunden werden muss.“

Mom lachte leise.

„Er hat sich übrigens letztes Jahr einen Account gemacht.“

Ich drehte mich überrascht zu ihr.

„Bitte was?“

Dad hob sofort beide Hände.

„Moment. Das war reine Neugier.“

„Du hast mich angerufen und gefragt, warum dein Handy plötzlich nurnoch Videos mit Waschbären zeigt.“

„Der Algorithmus hat sich verschätzt.“

„Der Algorithmus hat genau verstanden, wer du bist.“

„Ich habe einmal ein Video angesehen.“

„Du hast drei Stunden Waschbären beim Klauen von Hundefutterzugesehen.“

„Sie waren erstaunlich organisiert.“

Ich schüttelte lachend den Kopf.

„Ihr seid unmöglich.“

„Nein“, sagte Dad grinsend. „Wir sind einfach alt. Das wirkt aufjunge Menschen manchmal ähnlich.“

Für einen Moment wurde es still. Nicht unangenehm, weil jederwusste, dass wir den eigentlichen Moment nur noch ein bisschen hinauszögerten.

Dad stellte den Karton neben der Tür ab und sah sich auf dem Flurum.

„Weißt du noch, wie du mit acht unbedingt alleine im Baumarkteinkaufen wolltest?“

Ich runzelte die Stirn.

„Ich war acht.“

„Du hast steif und fest behauptet, du wärst jetzt groß genug.“

„War ich doch auch.“

„Du bist genau vier Minuten alleine durch den Baumarkt gelaufen.“

„Und dann?“

„Dann hast du mich angerufen.“

Ich musste lachen.

„Ich hatte Angst, mich zu verlaufen.“

„Im Baumarkt.“

„Der war riesig!“

„Liz, der Baumarkt hatte sechs Gänge.“

„Das reicht völlig.“

„Du hast geweint.“

„Habe ich gar nicht.“

„Fast.“

„Daniel“, mischte Mom sich ein. „Sie hat nicht geweint.“

Ich grinste triumphierend.

„Siehst du?“

„Sie stand kurz davor.“

Mein Grinsen verschwand sofort wieder.

„Mom!“

Sie hob entschuldigend die Schultern.

„Ich lüge doch nicht.“

Dad nickte zufrieden.

„Danke für deine Ehrlichkeit.“

Ich sah die beiden fassungslos an.

„Unglaublich. Ihr haltet echt immer zusammen.“

„Natürlich“, sagte Dad. „Das gehört zum Ehevertrag.“

„Das steht da garantiert nicht drin.“

„Kleingedruckt.“

„Es gibt keinen Ehevertrag.“

„Deshalb findest du ihn auch nicht.“

Ich verdrehte lachend die Augen.

„Ich werde euch vermissen.“

Der Satz war einfach herausgerutscht.

Niemand machte einen Witz.

Dad lächelte nur. Dieses kleine, ehrliche Lächeln, das ich vielseltener zu sehen bekam als sein Grinsen.

„Wir dich auch.“

Mom trat einen Schritt auf mich zu und strich mir eine Haarsträhnehinters Ohr.

„Aber genau deshalb sind wir hier.“

Ich schluckte.

„Ich weiß.“

„Nein.“ Sie lächelte warm. „Ich glaube, du weißt es noch nicht. ImMoment fühlt sich das wahrscheinlich nur beängstigend an. Aber irgendwannläufst du über diesen Campus und denkst gar nicht mehr darüber nach, ob duhierhergehörst. Dann gehst du einfach zur Vorlesung, triffst deine Freunde,ärgerst dich über Hausarbeiten und regst dich darüber auf, dass dieWaschmaschinen schon wieder besetzt sind. Und genau an dem Tag wirst du merken,dass Westbridge sich wie Zuhause anfühlt.“

Ich sah sie einen Moment einfach nur an.

Dad räusperte sich.

„Bevor jetzt jemand anfängt zu heulen …“

Mom warf ihm einen Blick zu.

„… möchte ich nur kurz erwähnen, dass ich seit ungefähr zehnMinuten einen Karton halte, der definitiv schwerer wird.“

Ich lachte durch das Kribbeln in meinem Bauch hindurch.

„Du bist unmöglich.“

„Das hast du heute schon dreimal gesagt.“

„Weil es stimmt.“

„Und trotzdem hast du mich lieb.“

„Leider.“

„Reicht mir.“

Ich atmete einmal tief durch, hob die Schlüsselkarte an dasLesegerät und wartete auf das leise Piepen.

Dann drückte ich die Klinke herunter.

Die Tür schwang langsam nach innen auf.

Das Zimmer war heller, als ich erwartet hatte. Die Nachmittagssonnefiel durch zwei große Fenster und tauchte den Raum in warmes Licht. Links undrechts standen zwei identische Betten, daneben jeweils ein Schreibtisch und einKleiderschrank. Die Möbel waren schlicht, aber modern. Nichts Besonderes.Trotzdem wirkte alles überraschend gemütlich.

Das Bett auf der rechten Seite war bereits bezogen.

Ein hellgraues Plaid lag ordentlich über der Decke, auf demSchreibtisch stand eine kleine Pflanze und an der Wand hing eine Lichterkette,die wahrscheinlich erst abends richtig zur Geltung kam. Daneben stapelten sichein paar Kartons, auf einem lag ein Bilderrahmen mit dem Gesicht einer Familie,die ihrer Tochter beim Einzug offenbar genauso geholfen hatte wie meine Elternmir.

Ich lächelte unwillkürlich.

Gut.

Meine Mitbewohnerin schien tatsächlich zu existieren und nicht erstmorgen anzureisen.

„Hallo?“

Die Stimme kam aus dem Badezimmer.

Ich zuckte leicht zusammen.

„Ähm … hi?“

„Bin sofort da! Ich kämpfe nur noch mit diesem bescheuertenDuschvorhang.“

Dad stellte seinen Karton vorsichtig auf dem Boden ab und sah zurBadezimmertür.

„Soll ich schon mal wetten, wer gewinnt?“

„Daniel“, sagte Mom, während sie einen Blick durchs Zimmerschweifen ließ. „Du kennst den Duschvorhang nicht einmal.“

„Eben deshalb setze ich auf ihn.“

Ich verdrehte grinsend die Augen.

„Du würdest auch gegen mich wetten.“

„Kommt auf die Disziplin an.“

„Danke.“

„Gern.“

Aus dem Badezimmer war ein dumpfer Schlag zu hören.

„Aua!“

Dad hob den Kopf.

„Der Duschvorhang schlägt zurück.“

Ich biss mir auf die Lippe, um nicht zu lachen.

Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen.

Ein Mädchen mit schulterlangen kastanienbraunen Haaren tratrückwärts aus dem Badezimmer. In der einen Hand hielt sie den Duschvorhang, inder anderen eine dieser kleinen Metallstangen, an denen er befestigt wurde.

„Ich gebe diesem Ding genau noch eine Chance“, murmelte sie mehr zusich selbst als zu uns. „Wenn es jetzt wieder runterfällt, dusche ich das ganzeSemester ohne Vorhang.“

Sie machte noch einen Schritt zurück, bemerkte erst dann, dass sienicht mehr allein war, und drehte sich erschrocken um.

„Oh Gott.“

Für einen Moment sahen wir uns einfach nur an.

Dann fing sie an zu lachen.

„Das war jetzt wahrscheinlich der denkbar schlechteste ersteEindruck.“

„Ach was“, sagte ich. „Du hast immerhin gegen einen Duschvorhanggekämpft und nicht gegen deine Mitbewohnerin.“

„Noch nicht“, sagte sie grinsend. „Je nachdem, wie ordentlich dubist, kann sich das natürlich ändern.“

„Dann sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich manchmal Klamottenüber den Schreibtischstuhl hänge.“

„Manchmal?“

„Okay … öfter.“

„Perfekt.“

Sie legte die Metallstange auf den Schreibtisch und kam auf michzu.

„Ich bin Harper.“

„Liz.“

„Freut mich.“

„Mich auch.“

Sie lächelte kurz, dann wanderte ihr Blick zu meinen Eltern.

„Und Sie müssen die Verstärkung sein.“

Dad streckte ihr sofort die Hand entgegen.

„Daniel Carter. Offizieller Kartonschlepper, Regalbauer und selbsternannter Experte für alles, was einen Schraubenzieher erfordert.“

Harper schüttelte lachend seine Hand.

„Harper Mitchell. Offiziell Erstsemesterstudentin. Inoffizielljemand, der innerhalb von zwanzig Minuten einen Duschvorhang zerstören kann.“

„Das ist eine Fähigkeit, die man nicht unterschätzen sollte.“

„Danke. Endlich erkennt das mal jemand an.“

„Daniel“, sagte Mom kopfschüttelnd.

„Was denn? Talent muss gefördert werden.“

Claire trat lächelnd einen Schritt nach vorne.

„Ich bin Claire. Schön, dich kennenzulernen.“

„Freut mich ebenfalls.“

Harper lächelte sie offen an. Es war kein aufgesetztes Lächeln.Eher die Art, bei der man sofort das Gefühl bekam, dass sie selten lange fremdmit jemandem blieb.

„Ihre Tochter hat übrigens Glück.“

Dad sah sich gespielt irritiert um.

„Moment. Meinst du unsere Tochter?“

„Ja.“

„Gut. Ich dachte schon, hier wäre noch eine zweite.“

Harper lachte.

„Ich meine das ernst. Meine Eltern sind heute Morgen schon wiedergefahren. Seitdem rede ich hauptsächlich mit diesem Duschvorhang. Ehrlichgesagt ist Ihre Familie deutlich unterhaltsamer.“

„Das sagen viele.“

Ich sah zu Dad.

„Wer denn?“

„Na …“

Er überlegte einen Moment.

„Eigentlich nur ich.“

„Das dachte ich mir.“

Harper lachte wieder, diesmal lauter.

Und zum ersten Mal, seit wir den Campus betreten hatten, merkteich, wie die Anspannung langsam von mir abfiel.

Vielleicht würde das hier tatsächlich funktionieren.

Nicht perfekt, aber gut genug, um mich auf mein neues Leben zu freuen.

Harper trat einen Schritt zur Seite, damit Dad mit dem ersten Karton an mir vorbeikam. Er stellte ihn vorsichtig neben meinem Bett ab, richtete sich auf und sah sich im Zimmer um.

„Gar nicht schlecht“, stellte er fest. „Deutlich größer als mein erstes Zimmer damals.“

„Wie groß war deins denn?“, fragte ich.

Dad überlegte kurz.

„Sagen wir so: Wenn ich morgens aufstehen wollte, musste ich vorherden Stuhl aus dem Weg räumen. Und wenn Besuch kam, musste einer auf dem Bettsitzen, weil für einen zweiten Stuhl einfach kein Platz war.“

„Das klingt gemütlich.“

„Das klingt nach den Achtzigern“, warf Mom ein, während sie eine Stofftasche auf den Schreibtisch stellte.

„Wir waren damals genügsam.“

Ich öffnete meinen Rucksack und begann, die ersten Dinge herauszunehmen. Mein Laptop landete auf dem Schreibtisch, daneben mein Notizbuch und das Federmäppchen, das mich seit der Oberstufe begleitete. Es fühlte sich seltsam an, diese vertrauten Sachen hier auszubreiten. Zu Hause wusste ich blind, in welche Schublade alles gehörte. Hier musste jeder Gegenstand seinen Platz erst noch finden.

„Schreibst du viel?“

Ich sah zu Harper hinüber.

Sie hatte das Notizbuch entdeckt und nickte in seine Richtung.

„Fast jeden Tag. Meistens nur Kleinigkeiten. Gedanken, Ideen oderGespräche, die ich irgendwo aufschnappe.“

„Fürs Studium?“

„Hoffentlich irgendwann für meinen Beruf.“

Sie lächelte.

„Dann passt Westbridge wahrscheinlich ziemlich gut zu dir.“

„Das hoffe ich.“

Mehr sagte sie nicht. Sie nahm den nächsten Karton, zog eine Reihe Bücher heraus und begann, sie langsam ins Regal zu stellen. Sie sortierte sie nicht nach Größe oder Farbe, sondern einfach so, wie sie sie gerade in der Handhatte. Nach dem dritten Buch hielt sie inne, schob zwei wieder zur Seite und tauschte ihre Plätze.

„Ich wusste doch, dass das komisch aussieht“, murmelte sie.

Ich musste grinsen.

„Du redest mit Büchern.“

„Nur, wenn sie sich daneben benehmen.“

„Das beruhigt mich.“

„Wieso?“

„Weil ich manchmal mit meinem Laptop diskutiere.“

„Dann sind wir ungefähr gleich verrückt.“

„Das klingt nach einer guten Voraussetzung für eine WG.“

Während wir beide weiter auspackten, räumte Mom ganz selbstverständlich ein paar Dinge auf meinen Schreibtisch. Das Familienfoto, eine kleine Schreibtischlampe und den Becher mit meinen Stiften. Sie stellte alles hin, trat einen Schritt zurück und verschob den Bilderrahmen um vielleicht einen Zentimeter.

Ich beobachtete sie lächelnd.

„Du konntest es nicht lassen, oder?“

„Was denn?“

„Der Bilderrahmen stand höchstens einen Millimeter zu weit rechts.“

„Jetzt steht er perfekt.“ Mom lächelte nur.

Harper sah kurz zu mir.

„Meine Mutter macht das mit Kissen.“

„Echt?“

„Wenn sie irgendwo zu Besuch ist und ein Kissen schief liegt, richtet sie es automatisch. Sie merkt das nicht einmal.“

„Das scheint so ein Mutterreflex zu sein.“

„Oder eine geheime Fortbildung, von der wir nichts wissen.“

Ich lachte leise.

„Gut möglich.“

In diesem Moment erschien Dad wieder in der Tür. Unter einem Arm klemmte die Stehlampe, in der anderen Hand balancierte er einen Karton.

„Ich brauche mal kurz jemanden, der mir erklärt“, sagte er, während er versuchte, gleichzeitig durch die Tür zu kommen und den Lampenschirm nicht gegen den Rahmen zu stoßen, „warum diese Lampe plötzlich doppelt so groß ist wie unten im Auto.“

„Vielleicht, weil du sie jetzt tragen musst“, meinte ich.

„Das ist eine völlig unlogische Erklärung.“

„Findest du?“

„Natürlich. Vor zehn Minuten war sie noch handlich.“

„Vor zehn Minuten lag sie auch.“

„Details.“

Er machte noch einen Schritt nach vorne. Der Lampenschirm blieb am Türrahmen hängen. Dad schloss kurz die Augen.

„Das hier hat keiner gesehen.“

„Wir stehen direkt davor.“

„Dann möchte ich euch bitten, eure Aussage später entsprechend anzupassen.“

Harper musste lachen.

„Ich glaube, die Lampe gewinnt.“

„Noch“, sagte Dad und drehte sie vorsichtig ein Stück. „Aber sie unterschätzt meinen Dickkopf.“

Diesmal passte sie problemlos durch die Tür.

Er stellte sie mitten im Zimmer ab und nickte zufrieden.

„Siehst du? Man muss nur ruhig bleiben.“

Mom hob eine Augenbraue.

„Du hast gerade mit einer Lampe verhandelt.“

„Und das offensichtlich erfolgreich.“

Eine gute Stunde später waren die meisten Kartons leer.

Die zusammengefalteten Kartons lehnten an der Wand, meine Kleidung lag im Schrank und auf dem Schreibtisch standen inzwischen mein Laptop, ein paar Bücher und das Familienfoto, das Mom trotz meiner Proteste an genau den Platz gestellt hatte, den sie für richtig hielt.

Es war noch längst nicht alles eingeräumt. Einige Kisten würden mich wahrscheinlich noch Tage lang begleiten. Trotzdem sah das Zimmer inzwischen so aus, als würde hier tatsächlich jemand wohnen.

Dad ließ den Blick langsam durch den Raum schweifen. Er kontrollierte die Lampe ein letztes Mal, drückte noch einmal prüfend gegen das Regal und nickte schließlich zufrieden.

„Ich glaube, wir haben unseren Teil erledigt.“

Niemand antwortete.

Harper war gerade mit ihrem Handy auf den Flur gegangen. Wahrscheinlich telefonierte sie mit ihren Eltern. Das Zimmer war plötzlich ungewohnt ruhig.

Ich setzte mich auf mein Bett und ließ den Blick durch den Raumwandern.

Vor einer Stunde war das hier noch irgendein Zimmer gewesen.

Jetzt lag mein Pullover über der Stuhllehne, mein Notizbuch auf dem Schreibtisch und mein Ladekabel hing bereits an der Steckdose. Es waren Kleinigkeiten, aber genau sie machten den Unterschied.

Hier würde ich schlafen, hier würde ich lernen. Hier würde ich wahrscheinlich viel zu oft Fertiggerichte essen und viel zu spät merken, dass ich wieder einmal vergessen hatte, Wäsche zu waschen.

Der Gedanke fühlte sich gleichzeitig aufregend und beängstigend an.

Ich bemerkte erst, dass Mom mich ansah, als sie sich neben mich setzte.

„Alles okay?“

Ich nickte automatisch.

Sie kannte mich gut genug, um sofort zu merken, dass das gelogen war.

„Du musst nichts beweisen, Liz.“

Ich sah sie fragend an.

„Nicht heute. Nicht morgen. Und auch nächste Woche nicht.“

Sie lächelte.

„Du musst hier nicht vom ersten Tag an alles können. Niemand erwartet das.“

Ich spürte, wie sich der Kloß in meinem Hals langsam zurückmeldete.

Nicht, weil ich Angst vor der Uni hatte, sondern weil ich wusste, was als Nächstes kam.

Dad zog den Autoschlüssel aus der Hosentasche und ließ ihn einmal durch seine Finger gleiten.

„Wir sollten langsam los“, sagte er schließlich.

Der Satz war ruhig, fast schon beiläufig und trotzdem traf er mich härter als alles andere an diesem Tag.

Ich nickte.

Mehr brachte ich im Moment nicht heraus.

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