Lesbarkeit anpassen
Aa

Das Gewebe des Seins

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Wer hat sich nicht schon einmal gewünscht der Lieblingsmensch käme mit Handbuch? Hier ist es. Lies den umständlichsten Liebesbrief aller Zeiten. Wanderschuhe dringend empfohlen! Wer braucht schon Fantasy oder Scifi, wenn die Kluft zwischen den Paralleluniversen quer durchs Wohnzimmer verläuft? Nimm teil an der allerersten immersiven Expedition durch ein neurodivergentes Betriebssystem.

Status:
vor 2 Stunden
Kapitel:
16
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Sedimente des Seins



Grau. Dumpf. Stumpf. Dicht. Geruchlos. Formlos. Ein hochfrequentes Summen? Surren? Brummen?

Ein dichtes Flirren, ein Nebel aus allem und nichts. Nichts ist greifbar, fühlbar, kein Wo, kein Wann, die absolute Monotonie der Ereignislosigkeit.

So viele Worte für Nichts, für alles auf einmal. Alles. Nichts. Einerlei. Allerlei. Einheitsbrei.

Wer beobachtet das Grau ohne ein Ich? Wer kann davon erzählen? Es war noch bevor sich ein Ich aus dem Schlamm geformt und herausgelöst hat.

In der Erinnerung bleibt ein diffuses Gefühl, statisch. Aber ich kann einen Pfad im Nebel ausmachen. Ich folge ihm.

Der Nebel ist hellgrau, milchig, legt sich über alles, ein Flimmern und Rauschen.

Er ist dichter als Luft und schwerer. Der Widerstand ist größer.

Einzelne Erinnerungen erscheinen punktuell entlang des Pfades im Nebel. Ich schiebe den Nebel beiseite und die Erinnerung wird abrupt scharf.

Klebrig. Dort. Das sind meine Füße auf der Wickelunterlage. Sie sind nackt und feucht? Ich wackle mit den Zehen. Das bin ich.

Danach versinkt meine Erinnerung lange Zeit im Einheitsbrei. Ein Teppich, Fransen, Einheitsbrei.

Diesem einen Aufflackern eines statischen Ich-Gefühls jage ich einen Großteil meines Lebens hinterher, angetrieben von der Sorge ich könne mich im Nebel verlieren, einfach auflösen.

Wie fühlt es sich an, ich zu sein? Es flutscht mir immer wieder durch die Finger, verflüchtigt sich im Nebel.

Meine Füße sind auf dem gedämpften Untergrund des weichen Pfades und bewegen sich auf einen Lichtpunkt zu.

Mit vier möchte ich unbedingt eine Schale töpfern. Die ganze Zeit schon habe ich genau beobachtet, wie die großen Kinder ihre Schalen töpfern, habe die unsauber verschmierten Kanten gesehen.

"Das möchte ich auch machen," dachte ich.

“Ich kann das besser,” dachte ich.

Eigentlich ist das erst ab acht, aber die Frau meint zu meiner Mutter:

“Sie kann ja einfach ein bisschen mit dem Ton rummatschen.”

Schnell, bevor sie mir den Ton wieder wegnehmen: Erst eine Kugel. Platt drücken. Jetzt Fetzen an die Ränder. Ringsum. Verschmieren….

“Das hast du aber toll gemacht,” sagt die Frau, “Dann kann ich deine Schale mit brennen und du kannst sie abholen, wenn du wieder hier bist.”

“Ich bin noch nicht fertig,” rufe ich schnell.

Die Ränder sind noch nicht sauber verschmiert. Das ist noch nicht die Schale in meinem Kopf.

“Die ist so toll geworden,” sagt meine Mutter, “Es wäre doch schade, wenn du sie jetzt kaputt machst.”

“Aber ich bin noch nicht fertig!”

Ich arbeite schneller. Ich muss zumindest die Ränder verschmieren. Dann ist meine Schale weg. Ich weiß nicht mehr, wie genau ich reagiert habe, aber die Wut spüre ich noch heute.

“Die hast du wirklich toll gemacht", lobt meine Mutter, als wir die Schale abholen.

Das macht mich noch wütender. Heute steht die unfertig gebrannte Schale auf meinem Schreibtisch.

Noch immer sehe ich die unsauberen Kanten. Ich werde jedes Mal wieder aufs neue wütend, wenn ich sie sehe.

Der schwere Nebel schließt sich wieder um die scharfen Bruchkanten dieser Erinnerung, für immer konserviert.

Der schmatzende Pfad führt weiter durch das hellgraue Rauschen.

Es leuchtet ein Stückchen weiter dort hinten, ein großer warmer Fleck.

“Inke wird des öfteren von kleinen Träumereien abgelenkt", heißt es in meiner Beurteilung in der ersten Klasse.

Das klingt nach märchenhaften Szenen, die sich da in diesen Zeiten des Leerlaufs in meinem Kopf abspielen, aber da ist nichts.

Ich bin nicht mehr auf Sendung, empfange nur noch Rauschen, Nebel, Flimmern, Rauschen, gar nichts, fast wie der Schnee beim Störsignal eines Analogfernsehers, auf der Haut, in meinem Kopf.

Ich habe kein Gefühl für Zeit. Ich bin weg. Nicht da. Ausgeschaltet, sehe nichts, höre nichts, merke nichts.

Es ist das Gefühl, das einsetzt, wenn nach einer Ohnmacht das Bewusstsein gerade wieder hochfährt.

Das Flackern, Flimmern und Summen der Neonröhren überlagert alles. Mein Kopf brummt, meine Knochen summen .

Die lauten Stimmen sind zu viel. Oft halte ich mir die Ohren zu. Es soll aufhören.

Damals habe ich noch nicht einmal gemerkt, dass ich anders war. Der Nebel war zu dicht und träge.

Die ersten Jahre meiner Grundschulzeit sind nicht einsam. Zusammen mit zwei Freundinnen erschaffe ich so fantasievolle Welten, dass die ganze Klasse mitspielen will.

Wir bauen Staudämme am Bach und Höhlen im Gestrüpp. Dort kann ich ganz tief in geheimnisvolle Fantasiewelten eintauchen und alles um mich herum vergessen.

Aus dem Wäldchen wird ein riesiger Märchenwald, unwirklich, nebelig mit seinen ganz eigenen Gesetzen. Ratten und Kröten machen das Bild perfekt.

Abends komme ich immer dreckig, manchmal mit nassen Füßen und manchmal mit zerrissener Hose nach Hause.

Ich folge dem glitschigen Pfad durch den Nebel zum nächsten Lichtpunkt auf dem Weg. Er ist klein aber grell.

Während ich gerne und viel lese, ist das Abschreiben eine Qual. Basteln und kleben führt zu klebrigen unförmigen Ergebnissen und klebrigen Fingern.

Irgendwie werde ich auch nie fertig. Alles klebt mehr an mir als dort, wo es eigentlich hin soll, ein klebriger Widerstand im watteweichen Rauschen.

Die Lehrerin in textiles Gestalten ist gruselig. Sie tut so nett, zuckersüßes, klebriges Lächeln, säuselnde Stimme und dabei super streng. Brr.

Mir läuft es jedes Mal wieder eiskalt über den Rücken. Damals konnte ich dieses Gefühl der schrillen Dissonanz noch nicht einordnen, das entsteht, wenn der äußere Schein so offensichtlich eine Fälschung ist.

Mein Mathelehrer ist toll. Seine Stimme ist ein tiefes, donnerndes Grollen. Er ist sehr streng. Sein Lob ist kostbar, weil hart verdient.

Im Matheunterricht sitze ich gebannt, in atemloser Stille, während er wie ein Märchenonkel über Zahlen und Rechenoperationen spricht.

Ich stapfe zielstrebig weiter auf dem Pfad. Er wird steiniger und steiler, dunkler. Meine Füße sinken immer wieder tief ein. Der Lichtpunkt vor mir ist ein kaltes Blau im zähen Nebel.

Die erste Phase der Einsamkeit bricht über mich herein, als alle drei Freundinnen auf einmal wegziehen, ans andere Ende der Stadt die eine und die beiden anderen raus aufs Land.

Zunächst wollen immer noch alle mit mir spielen, aber ich verstehe nicht, dass ich meine Stellung behaupten muss, wenn jemand ruft:

“Jetzt möchte ich auch mal der Chef sein."

Für mich ist der Rollenwechsel Teil des Spiels, letztlich unwichtig.

Die Spiele ändern sich. Jetzt spielen die Kinder auf dem Hof Serien nach, die ich nicht gucken darf, nicht gucken kann, weil das im Kabelfernsehen kommt und wir nur die sechs Sender über Antenne empfangen.

Eigentlich möchte ich die Serien auch gar nicht gucken. Sie wirken langweilig, wie eine ewige Wiederholung.

Der Nebel, ein hochfrequentes Surren, flimmert auf der Haut, schwingt in mir.

Die anderen Kinder machen sich über mich lustig, weil ich langsam bin.

Ich bin jähzornig. Das Surren wird lauter und schärfer, vibriert in mir. In den letzten beiden Jahren meiner Grundschulzeit bin ich mehrmals in heftige Prügeleien verwickelt.

Der totale Filmriss, ich sehe nur rot, unaufhaltsam. Mir ist das selbst sehr gruselig.

Mit etwas Genugtuung muss ich dennoch feststellen, dass meine Gegnerin im allgemeinen schlimmer aussieht als ich und zum anderen aber trotzdem sie als Hauptschuldige ausgemacht wird. Ha.

Danach sind wir immer wieder gut befreundet.

Ich kapsel das bedrohliche Rot meiner Erinnerung wieder ein, im samtigen Nebel und folge dem holprigen Pfad durch den Matsch zum nächsten blassen Punkt.

Ich bin im Schwimmverein, aber durch häufige Erkältungen und wegen der ganzen gackernden Hühner trete ich schließlich aus. Das Gackern der Hühner in der Schwimmhalle mischt sich mit dem Chlor in der Nase, ein Wabern.

Ich lasse Chlor und Gackern im Nebel zurück und schiebe mich weiter durch den Nebel meiner Kindheit.

Ich verweile in der ruhigen Geborgenheit des häuslichen Nebels.

Mit einer Freundin verbindet mich die Begeisterung für Anton und der kleine Vampir. Wochen und Monate lang verbringen wir unsere Nachmittage bei mir Zuhause im Keller, der authentisch modrig duftet. Riesige alte Pappkartons sind unsere Särge.

Wir basteln uns Figuren aus Pappe, die wir auf Eisstiele kleben und in die Schule mitnehmen, damit wir dort auch Anton und der kleine Vampir spielen können.

Ich schlendere weiter auf dem Pfad auf den nächsten Lichtpunkt zu. Er flackert rötlich. Der Nebel wird bleiern und schwül, der Pfad schmaler und felsiger.





Lass Felina Flausch wissen, was du von diesem Kapitel hältst!
Ich liebe es

1

Ich liebe es

Lustig

0

Lustig

Pikant

0

Pikant

Spannend

0

Spannend

Emotional

0

Emotional

Tiefgründig

0

Tiefgründig

Herzerwärmend

0

Herzerwärmend

Schockierend

0

Schockierend

Gutes Schreiben

1

Gutes Schreiben

Überzeugende Handlung

1

Überzeugende Handlung

Toller Charakter

0

Toller Charakter

Starker Dialog

0

Starker Dialog

Weitere Empfehlungen

The Last Year

Magdalena: Tolle Story und starke Charaktere. Dein Buch lässt keine Wünsche offen. Ich hoffe das da noch ein zweiter Teil angeschlossen wird. Mach bitte bitte weiter so.....💕

Jetzt lesen
Grace in the Dark

user-F037X5WAR9: Wie geht es weiter

Jetzt lesen
Only one kiss

karina: Was für eine Story. Ich liebe es. Ein Wechselbad der Gefühle was da abgeht. Bitte mehr davon

Jetzt lesen
Australian love: Riley (Band 1)

Tanja : Ein wirklich sehr schönes Buch. Sehr schön geschrieben ,wie sich die Beziehung der beiden entwickelt hat im laufe der Geschichte mit allen Höhen und Tiefen, mit Drama und Gefühlen und einem schönen Happy End. Riley und Lindsay passen perfekt zusammen. Hat mir sehr gut gefallen und freu mich auf den...

Jetzt lesen
Typing...-You were never the plan

whiteFox2: Das Buch ist eins der besten die ich seit langem lese.Die Handlung ist top. Die Charaktere sind super, alles toll.Logan ist nur der einzige der mir ein bisschen leid tut, aber er hat tolle Freunde und schafft das. Die Rechtschreibung ist so auch sehr gut nur hier und da ein paar Schusselfehler, über...

Jetzt lesen
Cinderella in Chucks

Ilona: Sehr ansprechende, fesselnde und trotz ihrer Themen nicht allzu schwer auf der Seele liegende Geschichte. Die Charaktere sind liebevoll gestaltet und in ihren Handlungen authentisch und sympathisch!!!

Jetzt lesen
The ruler of my soul!

Silke Beermann: Ein spannendes Buch,gut geschrieben und die Wortwahl ist auch gut

Jetzt lesen
Between the Lines

Tante Zwerg: Es war ein super schönes gefühlvolles Buch ♡ konnte es nicht aus der Hand legen! Toll geschrieben ♡

Jetzt lesen
Liebe auf Umwegen

Sina: Eine wunderschöne bewegende Geschichte Hat mich voll mitgerissen Super flüssig geschriebenHat sich super lesen lassen Dankeschön das ich sie lesen durfte 🥰

Jetzt lesen
Das Gewebe des Seins