Quarterback Bingo
Die Musik vibrierte durch die Wände der Studentenwohnung, irgendwo zwischen Bass und Gelächter. Chloe Whitmore hatte längst aufgehört zu zählen, wie viele Leute sich im Raum befanden - zu viele, zu laut, zu wenig Luft für jemanden, der morgen früh um sechs Uhr laufen musste.
„Du bist viel zu ernst für diese Party", rief Mel und schob ihr ein Glas in die Hand.
„Ich bin nicht ernst", murmelte Chloe.
Kelly hob eine Augenbraue. „Du hast gerade eben zwei Leute beim Trinken beobachtet, als würdest du ihre Hydration und Elektrolyte analysieren."
Chloe nahm einen Schluck. „Berufsrisiko."
„Apropos Risiko", sagte Mel grinsend. „Wie sieht's eigentlich mit deinem Training morgen aus?"
Chloe verzog das Gesicht. „Langlauf. Zwanzig Kilometer."
„Schon wieder?" Kelly stöhnte. „Du bist unmenschlich."
Chloe zuckte mit den Schultern. „Der Chicago Marathon kommt näher."
Bei dem Wort Marathon wurde sie automatisch ein kleines bisschen ernster. Chicago. Oktober. Ihr Ziel seit Monaten. Nicht nur irgendein Lauf - ihr erster großer Stadtmarathon, etwas, das sie sich fest vorgenommen hatte, während der Rest ihres Lebens sich irgendwie sortiert hatte.
„Du brauchst Ablenkung", sagte Mel plötzlich.
„Ich brauche Schlaf", korrigierte Chloe.
Doch Mel hatte bereits ein zerknittertes Blatt Papier aus ihrer Tasche gezogen.
„Zu spät."
Auf dem Tisch landete ein Spielplan:
QUARTERBACK-BINGO
Chloe starrte darauf. „Bitte sag mir, dass das nicht ernst gemeint ist."
„Ist es nicht", sagte Kelly. „Es ist therapeutisch."
„Für wen?"
„Für dich", sagte Mel sofort.
Das Raster war voll mit Aussagen, die alle nur eine Person betrafen:
Logan Prescott.
„Jemand nennt ihn arrogant"
„Jemand sagt, er ist heiß"
„Logan wird mindestens dreimal erwähnt"
„Jemand behauptet, er bekommt alles zu leicht"
„Jemand sagt, er sei mehr als nur ein Quarterback"
Chloe seufzte. „Das ist lächerlich."
„Regeln sind einfach", sagte Mel und stellte drei kleine Plastikbecher auf den Tisch. „Jede Aussage, die auf dich zutrifft oder die du auslöst, zählt. Und wenn du eine Reihe voll hast..."
Kelly grinste langsam. „...dann bekommst du eine Strafe."
Chloe ahnte, dass sie diese Antwort nicht hören wollte. „Welche Strafe?"
Mel füllte die Becher mit Tequila. „Du schreibst Logan Prescott eine Nachricht."
Chloe lachte sofort. „Nein."
„Doch", sagten beide gleichzeitig.
„Ich muss morgen zwanzig Kilometer laufen", erinnerte Chloe sie. „Ich brauche mein Gehirn funktionstüchtig."
„Dann verlierst du halt nicht", sagte Kelly trocken.
Chloe warf einen Blick auf das Bingo-Blatt.
Fünf Minuten später bereute sie diesen Blick.
„Ihr habt das doch manipuliert."
„Du hast gerade wieder seinen Namen gesagt", stellte Mel fest.
„Das zählt nicht!"
„Trink", sagte Kelly ruhig.
Chloe tat es.
Dann noch einmal.
Irgendwann verschwamm die Musik ein bisschen mehr, die Stimmen wurden ein bisschen lauter, und das Blatt Papier wurde zu etwas, das viel zu sehr nach einer schlechten Idee aussah.
Später konnte Chloe nicht mehr genau sagen, wann sie verloren hatte.
Nur, dass Mel irgendwann triumphierend auf den Tisch klopfte.
„Bingo."
„Nein", sagte Chloe sofort.
Kelly zeigte auf das Raster. „Drei Reihen. Du hast es geschafft, ohne es zu merken."
„Das ist Betrug."
„Das ist Tequila", korrigierte Mel.
Stille.
Chloe dachte an morgen. Zwanzig Kilometer. Ihr Training. Der Marathon in Chicago, der immer näher rückte wie ein Ziel, das sie nicht verfehlen durfte.
Dann stellte Kelly den letzten Becher vor sie.
„Strafe."
Chloe starrte ihn an.
„Das ist keine gute Idee."
„Doch", sagte Mel.
„Ich werde das morgen bereuen."
„Sehr wahrscheinlich", bestätigte Kelly.
Chloe griff nach ihrem Handy.
„Ich schiebe das offiziell auf die Tequila-Shots", murmelte sie.
Dann öffnete sie den Chat.
"Na schön. Hat jemand von euch seine Nummer?"
Kelly zückte sofort ihr Handy und wenige Sekunden später erschien ein neuer Kontakt auf Chloes Display.
🔥 Logan Prescott
Chloe hob eine Augenbraue.
„Ernsthaft, Kelly? Ein Flammen-Emoji?"
Kelly zuckte unschuldig mit den Schultern. „Was denn? Passt doch."
„Was sollte ich nochmal schreiben?"
Mel grinste sofort.
„Hi Logan, du warst am Samstag richtig heiß auf dem Spielfeld - aber in der Dusche bist du sicher noch heißer."
„Ihr seid absolut gestört."
Trotzdem tippte Chloe die Nachricht.
Ein letzter skeptischer Blick. Dann drückte sie auf Senden.
Für einen kurzen Moment starrte sie einfach nur auf ihr Display.
Ein Häkchen.
Zwei Häkchen.
Zwei blaue Häkchen.
„Verdammt", murmelte sie.
Mel brach sofort in Gelächter aus.
„Ich verfluche den Tag, an dem ihr beide gezeugt wurdet. Hätten eure Eltern mal besser verhütet."
„Pfui, Chloe." Kelly verzog angewidert das Gesicht. „Jetzt stelle ich mir meine Eltern dabei vor."
„Beim Sex?"
„Scheiße, Chloe!", rief Mel empört.
Chloe hob grinsend die Hände. „Das habt ihr beide davon. Ich gehe jetzt in mein Zimmer, während ihr euch gegenseitig emotional traumatisiert."
„Du bist furchtbar", murmelte Kelly lachend.
„Und trotzdem liebt ihr mich." Chloe schnappte sich ihre Tasche. „Adios, Ladys. Wir sehen uns morgen."
Die beiden schauten ihr mit demonstrativ angeekelten Blicken hinterher, winkten ihr aber trotzdem.
Als Chloe das Wohnheim verließ, verstummte das Dröhnen der Musik endlich hinter ihr. Die kühle Nachtluft fühlte sich angenehm auf ihrer Haut an und ließ ihren Kopf langsam klarer werden.
Leider bedeutete das auch, dass ihr die Nachricht plötzlich wie eine noch schlechtere Idee vorkam.
Sie zog ihr Handy aus der Jackentasche, um nach der Uhrzeit zu sehen.
02:13 Uhr.
Und eine ungelesene Nachricht.
Von Logan Prescott.