Eine Nachricht um Mitternacht
Victoria Falkenberg (28) lebt in der malerischen Stadt Rosenhain, einer mittelgroßen Stadt mit alten Fachwerkhäusern, kleinen Cafés und einem Fluss, der sich silbern durch die Innenstadt schlängelt.
Victoria arbeitet als Grafikerin in einer Werbeagentur. Sie liebt Bücher, lange Spaziergänge im Regen, ihren etwas übergewichtigen Kater Merlin und romantische Filme, über die sie anschließend behauptet, sie würden sie überhaupt nicht berühren. Ihre Freunde würden sie als humorvoll, herzlich und manchmal hoffnungslos chaotisch beschreiben.
Seit drei Jahren ist sie Single.
Nicht, weil sie niemanden kennenlernt, sondern weil entweder die Männer langweilig, arrogant oder seltsam waren. Manchmal sogar alles gleichzeitig.
Adrian Winterberg (33) wohnt knapp zweihundert Kilometer entfernt in der Stadt Silberfurt.
Er arbeitet als Ingenieur bei einem Maschinenbauunternehmen und gilt bei seinen Kollegen als zuverlässig, intelligent und überraschend schlagfertig. Privat verbringt er seine Zeit mit Mountainbiken, Kochen und viel zu teuren technischen Spielereien, die er eigentlich gar nicht braucht.
Sein größtes Problem ist allerdings seine Familie.
Vor allem seine Mutter.
Sie fragt ungefähr alle acht Tage, wann sie endlich Enkelkinder bekommt.
Adrian beantwortet diese Frage mittlerweile mit der Präzision eines erfahrenen Diplomaten und der Fluchtgeschwindigkeit eines gehetzten Kaninchens.
Auch er ist seit einiger Zeit allein. Und ehrlich gesagt hatte er die Suche nach der großen Liebe fast aufgegeben.
An einem verregneten Donnerstagabend saß Victoria in ihrer Wohnung auf dem Sofa. Draußen trommelte der Regen gegen die Fensterscheiben, drinnen lag Merlin quer über ihren Beinen und schnarchte wie ein alter Traktor.
Victoria hatte gerade ihre dritte Folge einer Krimiserie beendet und scrollte gelangweilt durch ihr Handy.
Nebenbei öffnete sie ein Dating-Portal, das ihre beste Freundin Jana König ihr vor Wochen empfohlen hatte.
„Schlimmer kann es nicht werden“, murmelte Victoria.
Schon nach wenigen Minuten bereute sie diese Entscheidung.
Alexander, 31
“Ich suche eine Frau, die kochen, putzen und meine Freiheit respektieren kann.”
Victoria verdrehte die Augen.
„Beeindruckend. Er sucht also eine Mischung aus Haushaltshilfe und Geist.“
Weiter.
Sven, 29
“Mein Auto kommt an erster Stelle.”
„Dann heirate doch dein Auto.“
Weiter.
Kevin, 36
“Frage einfach.”
„Nein.“
Weiter.
Gerade wollte sie die App schließen, als ein neues Profil erschien.
Adrian Winterberg, 33
Das Profilbild zeigte einen Mann mit dunklen Haaren und freundlichen graublauen Augen.
Keine Sonnenbrille, kein Sportwagen, keine übertriebene Pose.
Einfach nur ein natürliches Foto auf einem Wanderweg.
Victoria hielt inne.
Sie begann zu lesen.
“Ingenieur mit chronischem Kaffeekonsum.
Kann kochen, wenn niemand zusieht.
Besitzer einer Zimmerpflanze namens Günther, die überraschenderweise seit zwei Jahren überlebt.
Suche keine perfekte Frau.
Perfekt ... klingt anstrengend.”
Victoria musste grinsen. Zum ersten Mal an diesem Abend. Sie klickte auf sein Profil. Weitere Bilder.
Auf einem hielt er einen riesigen Kürbis in die Kamera.
Auf einem anderen stand er neben einem Fahrrad, völlig verschlammt und offensichtlich glücklich.
Alles wirkte ehrlich. Sympathisch. Bodenständig.
Vor allem aber hatte er Humor.
Ohne groß nachzudenken schrieb sie:
“Hallo Adrian.
Lebt Günther wirklich noch oder wurde das Profil geschönt?”
Victoria starrte auf die Nachricht. Dann bemerkte sie, dass sie tatsächlich einem fremden Mann geschrieben hatte.
Ihr Herz begann plötzlich schneller zu schlagen. „Warum mache ich sowas?“
Merlin öffnete träge ein Auge.
Als wolle er sagen:
Du wirst schon nicht direkt heiraten.
Sie legte das Handy weg. Holte es nach zwei Minuten wieder. Legte es erneut weg. Nahm es wieder auf.
Keine Antwort. Natürlich nicht.
Es waren erst fünf Minuten vergangen.
Victoria ging ins Bad. Kam zurück.
Noch keine Antwort.
Sie machte sich einen Tee.
Keine Antwort.
Sie beschloss, dass sie völlig entspannt sei.
Danach prüfte sie innerhalb von drei Minuten siebenmal ihr Handy.
Um 23:57 Uhr vibrierte es plötzlich.
Victoria verschluckte sich beinahe an ihrem Tee.
Eine Nachricht.
Von Adrian.
“Hallo Victoria.
Günther lebt. Wobei ich vermute, dass er mich überleben wird.
Ich bin mir relativ sicher, dass er nachts wächst, wenn ich schlafe.
Vielleicht plant er etwas.”
Victoria lachte laut.
Merlin erschrak und fiel beinahe vom Sofa.
Sie tippte zurück:
“Dann solltest du vorsichtig sein.
Zimmerpflanzen übernehmen oft zuerst die Fensterbank und später die Weltherrschaft.”
Die Antwort kam nur Sekunden später.
“Zu spät. Die Fensterbank gehört bereits ihm.”
Victoria grinste.
Dann schrieb sie.
Und Adrian antwortete.
Und wieder schrieb sie.
Und wieder antwortete er.
Was als kurze Nachricht begonnen hatte, wurde plötzlich ein Gespräch.
Über Zimmerpflanzen, missglückte Kochversuche, Serien, Reisen.
Über die Tatsache, dass Adrian einmal seine eigene Haustür ausgesperrt hatte und drei Stunden auf dem Balkon festsaß.
Über Victorias legendären Versuch, einen Kuchen zu backen, der so hart geworden war, dass ihre Freundin ihn als Türstopper benutzt hatte.
Kurz nach Mitternacht bemerkten beide gleichzeitig die Uhrzeit.
“Wir sollten vermutlich schlafen.” schrieb Victoria.
“Wahrscheinlich.” schrieb Adrian.
Zwei Minuten vergingen.
“Gute Nacht, Victoria.”
Victoria lächelte. Ein echtes Lächeln.
Eines, das sich langsam in ihrem Gesicht ausbreitete.
“Gute Nacht, Adrian. Und pass auf Günther auf.”
Bevor sie das Handy weglegte, erschien noch eine letzte Nachricht.
“Keine Sorge. Falls er mich heute Nacht angreift, schreibe ich dir morgen einen Bericht.”
Victoria lachte erneut. Dann legte sie das Handy auf den Nachttisch. Der Regen prasselte noch immer gegen das Fenster.
Merlin rollte sich neben ihr zusammen.
Und während sie langsam einschlief, ahnte sie nicht, dass diese alberne Unterhaltung über eine Zimmerpflanze ihr Leben verändern würde.
Denn manchmal beginnt die größte Liebesgeschichte nicht mit Feuerwerk oder mit Schicksal und auch nicht mit einem magischen Augenblick.
Manchmal beginnt sie einfach mit einer Nachricht um Mitternacht.









🤣🤣🤣🤣🤣Auch diese Kurzgeschichte gefällt mir und ist jetzt auf meiner Leseliste 😘😘😘😘😘
Danke, freut mich sehr.
Ein wunderbarer Anfang 🫶