Track 01- Lithium
Kurt Cobains melancholische Stimme drang aus den Kopfhörern ihres Walkmans.
„I’m so happy ’cause today I’ve found my friends. They’re in my head. I’m so ugly, but that’s okay, ’cause so are you. We’ve broken our mirrors.”
Abrupt brach die Stimme ab und riss sie aus ihrer Gedankenwelt.
Aus der Illusion, nicht in diesem Kaff festzusitzen, sondern irgendwo in Seattle in einem angesagten Club am Bühnenrand zu stehen. Wo der Lärm die Realität einfach übertönte.
„Fuck!“, hallte ihre hell-raue Stimme durch den Raum.
Rasch sprang sie vom Bett auf und schnappte sich einen gelben Bleistift, um den Kabelsalat zu entwirren. Ein blutendes Band war die wahre Hölle.
Es erforderte Fingerspitzengefühl und Geduld.
Während ihre Hände beschäftigt waren, das empfindliche Magnetband vorsichtig mit der Kante des Bleistifts zu führen, blickte sie aus dem Augenwinkel zu ihrem staubigen Fenster, als sich ein geflügelter Schatten auf dem Fensterbrett niederließ.
„Warte verdammt...“, knurrte sie und entwirrte das Band sorgfältig.
Sie drehte die feinen Räder, bis die Kassette wieder zurück gespult war. Manchmal wünschte sie sich, dass so was auch im echten Leben funktionierte. Einfach einen Bleistift nehmen, das Chaos entwirren und alles war gut. Den gestrigen Abend einfach zurückspulen. Bevor es geschah.
Die Kassette wieder eingelegt und auf ▶ gedrückt, legte sich ein erleichtertes Grinsen auf Samanthas Lippen. Kurt sang wieder. Die Welt war für ein paar Minuten sicher.
Der Vogel erschrak nicht, als das Fenster mit einem lauten Quietschen nach oben geschoben wurde.
Er war ein alter Bekannter, ein Vertrauter, den sie mit Krumen aus einer kleinen Tonschale fütterte - wie heute auch wieder. Sein spitzer Schnabel kratzte dabei auf ihrer Handfläche. Es war ein fast schmerzhafter, aber ehrlicher Reiz.
„Dieses Wort nur sprach der Rabe dumpf und hohl, wie aus dem Grabe, als ob seine ganze Seele in dem einen Worte wär’. Nimmermehr ...” Flüsterte sie diese berühmte Zeile.
„Samantha!”
Sie hatte die schweren Schritte im Flur nicht gehört. Betäubt mit Nirvana und Edgar Allan Poe. Die Außenwelt existierte für sie nicht mehr, bis sie gewaltsam in ihre Realität drang. Der Rabe flog davon, als sie das Fenster herunterknallte.
„Samantha! Komm runter!“, hallte seine tiefe Stimme wieder und ließ ihr Herz schneller schlagen.
Sie knabberte die schon angekauten Fingernägel nahe der Unterlippe ab, an der noch ein Rest eingetrocktenen Blutes klebte. Die Wunde brannte noch immer.
„Bin sofort da!“, rief sie nach unten, riss sich den Walkman vom Kopf und schleuderte ihn auf das Bett. Das Plastikgehäuse federte auf der Matratze ab.
Die Treppenstufen knarrten unter ihren Füßen.
Er blockierte den Flur und blickte sie dabei aus finsteren Augen an, in seiner Hand ein Sixpack warmes Dosenbier. Harlan ging langsam auf seine Tochter zu, jeder Schritt begleitet von dem schweren Geruch nach kaltem Rauch und billigem Rasierwasser.
Er berührte mit dem Daumen den Cut auf ihrer Unterlippe. Sie zuckte leicht zusammen, aber schaffte es dennoch seinen Blick zu erwidern. Kurz meinte sie, so etwas wie Reue in seinen Augen lesen zu können. Aber Reue war in diesem Haus ein Fremdwort.
„Mach dich fertig. Wir gehen zum Schießen”, brummte er und stellte das Bier in den Kühlschrank.
Ein leichtes, zynisches Grinsen legte sich auf ihre Lippen. Es war wohl mal wieder Zeit für ein bisschen Vater-Tochter-Qualitytime.








