Kapite1 -Silas
Der Geruch von Oakhaven war immer derselbe gewesen, solange Silas denken konnte: eine Mischung aus frischem Heu, dem harzigen Duft der umliegenden Nadelwälder und der süßlichen, fast betäubenden Note von Backwerk aus der Bäckerei am Marktplatz. Es war ein Ort, der in der goldenen Nachmittagssonne friedlich wirkte. Die Häuser aus dunklem Eichenholz und verputztem Fachwerk schmiegten sich eng aneinander, als wollten sie sich gegenseitig vor der Außenwelt schützen, und die kopfsteingepflasterten Gassen waren so sauber gefegt, dass man kaum ein Blatt Erde darauf fand.
Doch heute Nacht war diese Idylle für Silas nur noch eine Kulisse für seinen Untergang.
Die Abenddämmerung war bereits in ein tiefes, unheilvolles Violett übergegangen, als Silas den Küchentisch abwischte. Seine Hände fühlten sich schwer an, fast fremd, als gehörten sie nicht zu ihm. Thalric saß am Kamin und arbeitete an einem zerbrochenen Mühlrad-Beschlag. Sein Gesicht, im flackernden Licht der Glut gezeichnet von tiefen Falten, wirkte in diesem Moment ungewohnt sanft. Silas beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Das Knistern des Feuers war das einzige Geräusch, das die Stille im Haus füllte.
Ein plötzliches Bedürfnis, das ihn fast physisch schmerzte, überkam ihn. Er musste es tun. Er musste sich verabschieden, ohne dass sein Vater es ahnte.
Silas trat hinter Thalric, zögerte einen Moment, bis sein Herzschlag fast die Lautstärke des prasselnden Feuers erreichte, und legte dann seine Arme fest um ihn. Er presste sein Gesicht gegen den rauen Stoff der Jacke seines Vaters. Thalric hielt in seiner Arbeit inne, die Hände auf dem Metall ruhend. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Dann legte Thalric seine schwieligen, warmen Hände über die seines Sohnes und drückte sie sanft.
„Ich… ich wollte nur sagen, dass ich dich lieb habe, Vater“, flüsterte Silas. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, beinahe im Kaminfeuer ertrunken. Er wusste, dass er bei seiner Geburt die Mutter verloren hatte – sie war beim ersten Schrei ihres Sohnes aus dem Leben geschieden, als hätte sie ihre letzte Kraft in seinen Atem gelegt. Thalric hatte ihm nie Vorwürfe gemacht, doch Silas sah die Trauer in seinen Augen bei jedem Blick auf das leere Bett der Mutter.
Thalric schmunzelte leise, eine Wärme breitete sich in seinem Gesicht aus, die Silas den Schmerz fast vergessen ließ. „Ich weiß, Junge. Ich hab dich auch lieb. Wir sind ein gutes Team, du und ich. Das haben wir schon immer geschafft, egal was kommt.“
Silas ließ ihn los, bevor die aufsteigenden Tränen ihn verraten konnten. „Gute Nacht, Vater.“
„Gute Nacht, Silas. Geh schlafen. Wir müssen vor Sonnenaufgang auf den Feldern sein. Die Inquisitoren der Krone ziehen morgen durchs Tal, wir wollen keine Aufmerksamkeit erregen.“
Silas stieg die knarrenden Stufen zu seiner Dachkammer hinauf. Jedes Treppenbrett schien unter seinem Gewicht zu klagen. Er erreichte sein Zimmer und schloss die Tür hinter sich ab, als würde er sich von der Welt aussperren.
Hier, in der Abgeschiedenheit unter dem geneigten Dach, war es still. Silas atmete tief durch. Er trat an den Balken, an dem das Bild seiner Mutter hing. Es war die einzige Erinnerung an sie – eine einfache Kohlezeichnung, die Thalric ihr gewidmet hatte. Silas nahm das Bild behutsam von der Wand. In ihren Zügen sah er eine melancholische Ruhe, die ihn fast zerriss.
Er legte das Bild auf sein Bett und blickte in den kleinen, blinden Spiegel an der Wand. Er sah einen jungen Mann von sechzehn Wintern, ein brünetter Bursche mit tiefen, klaren braunen Augen. Doch sein Gesicht wirkte im fahlen Kerzenlicht fast fremd. Er sah die Müdigkeit, die dunklen Schatten unter seinen Augen, und er wusste: Wenn sie in ihm das finden, was er in der Mühle entfesselt hatte, gab es für ihn keinen Rettungsweg mehr.
Die Strafe für die Seuche war seit Generationen unumstößlich. Jeder im Dorf wusste, was geschah, wenn die Inquisition jemanden als „Unrein“ brandmarkte. Es war nicht allein die Angst vor dem Feuer, die Oakhaven in den Schlaf drückte. Es war die Art der öffentlichen Vernichtung; man wurde nicht wie ein gewöhnlicher Krimineller behandelt, sondern wie ein auszusonderndes Geschwür. Die Inquisitoren errichteten auf dem Marktplatz den Scheiterhaufen aus trockenem Holz und Stroh, und dort, vor den Augen aller, wurde das Leben des Verurteilten ausgelöscht, damit der Rauch die Sünde direkt in den Himmel hinaustrug. Es war ein Spektakel der Angst, das den Gehorsam der Bewohner über Jahrzehnte hinweg in Stein gemeißelt hatte.
Silas bettete das Bild seiner Mutter auf das dünne Leinen seines Rucksacks, als würde er ein lebendiges Wesen zur Ruhe legen. Das Glas des Rahmens war kühl unter seinen Fingern, ein lebloser Schutz für die einzige Spur, die sie auf dieser Welt hinterlassen hatte. Er strich über den Holzrahmen, und als er dabei das zerknitterte Papier an den Rändern berührte, entwich ihm ein leises Schluchzen, das er sofort hinter seinen zusammengepressten Lippen erstickte.
Eine einzelne, heiße Träne löste sich von seinem Wimpernkranz, bahnte sich ihren Weg durch den feinen Staub auf seiner Wange und tropfte lautlos auf den staubigen Boden. Er starrte auf diesen kleinen, dunklen Fleck im Holz und sah darin das Ende seines bisherigen Lebens gespiegelt.
Thalric. Der Name brannte wie ein glühendes Eisen in seinem Gedächtnis. Silas versuchte sich vorzustellen, wie sein Vater morgen früh an seine Zimmertür klopfen würde, wie er vielleicht hereinkommen würde, wenn Silas nicht auf das Rufen reagierte, und wie er dann den leeren Raum vorfände. Er sah das Gesicht seines Vaters förmlich vor sich: diese tiefen Furchen, die sich bei Entsetzen noch weiter in die Haut graben würden, und die Augen, die erst verwirrt und dann von einem vernichtenden Verständnis erfüllt sein würden.
Thalric war ein Mann der Gesetze, ein Mann, dessen ganzer Stolz in seiner untadeligen Treue zum Ältestenrat lag. Er betete jeden Sonntag mit einer Inbrunst, die für Silas schon immer eine Grenze zwischen ihnen gezogen hatte – eine Grenze, die nun zu einem Abgrund geworden war. Sein Vater verabscheute die „Seuche“ nicht nur; er fürchtete sie mit einer Leidenschaft, die an Besessenheit grenzte. Für Thalric war Magie kein Zufall, kein Fluch, der einen trifft – sie war eine Entscheidung, ein bewusster Pakt mit dem, was Oakhaven vor fünfzig Jahren fast vernichtet hätte.
„Du würdest es nicht verstehen, Vater“, flüsterte Silas in die leere Kammer. Seine Stimme klang brüchig, fast wie das Ächzen der alten Dachbalken über ihm. „Du würdest mich nicht als deinen Sohn sehen, wenn du wüsstest, was in meinen Händen schläft. Du würdest nur die Gefahr sehen. Du würdest mich fürchten.“
Er konnte den Schmerz in seinem Inneren kaum noch von der Angst unterscheiden. Es war eine grausame Ironie: Er musste fliehen, um seinen Vater zu beschützen, und doch würde genau diese Flucht ihn das Einzige kosten, was er in der Welt noch hatte. Thalric würde das Erbe seines Sohnes als eine Schande betrachten, eine Schande, die er vielleicht sogar mit dem Schrein der Reinheit abzubüßen versuchen würde, indem er den Namen Silas aus seinem Leben tilgte.
Silas setzte sich auf die Bettkante. Der Raum um ihn herum wirkte plötzlich so fremd, als gehörte er jemand anderem. Die Ecken waren in Schatten getaucht, die wie lauernde Tiere wirkten, und das ferne Grollen des Donners draußen ließ die Wände leicht vibrieren. Er legte eine Hand auf seine Brust, dort, wo das blaue Leuchten vor Stunden so gewaltsam aus ihm herausgebrochen war. Es fühlte sich jetzt wieder ruhig an, fast lauernd, wie ein Raubtier, das in seinem Käfig schlief.
Er wollte bleiben. Er wollte morgen früh einfach zur Ernte gehen, mit Thalric über die Qualität des Weizens sprechen und so tun, als gäbe es kein inneres Brennen. Doch das Bild der Mutter in seinem Rucksack erinnerte ihn an die Wahrheit. Er konnte den Schmerz seines Vaters nicht verhindern, aber er konnte verhindern, dass dieser Schmerz ihn auf den Marktplatz führte.
Er umklammerte das Leder seines Rucksacks so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Jeder Atemzug in diesem Zimmer fühlte sich wie ein Abschied an – ein Abschied von der Unschuld, vom Kindsein, vom Sohnsein. Er sah noch einmal zu dem Platz an der Wand, wo das Bild gehangen hatte, und dann auf die geschlossene Tür, hinter der das Leben seines Vaters einfach weiterlief, während seines in diesem Moment unwiderruflich zerbrach..
Silas berührte sein Spiegelbild. Er war erst sechzehn, doch er spürte, dass diese Nacht seine letzte in Freiheit sein würde. Er musste das Bild seiner Mutter einpacken – es war der einzige Schatz, den er besaß. Mit zitternden Fingern begann er, den Rucksack zu füllen.
Silas blickte sich in seiner Kammer um. Jeder Gegenstand, den er sah, schien plötzlich eine eigene Stimme zu haben, ein leises Flüstern aus einer Zeit, in der die Welt für ihn noch einfach und sicher gewesen war. Sein Blick blieb auf dem kleinen Regalbrett hängen, auf dem die verblichenen Erinnerungen an seine Kindheit ruhten.
Mit zitternden Fingern griff er nach der kleinen Holzfigur, die dort in der Ecke stand. Es war ein grob geschnitzter Wolf, dessen Ohren über die Jahre hinweg stumpf geworden waren und dessen Beine ein wenig schief standen. Thalric hatte sie ihm an seinem vierten Geburtstag geschenkt. Silas erinnerte sich noch genau an das Gefühl der rauen, warmen Hände seines Vaters, die ihm den kleinen Wolf in die Hand gedrückt hatten, während der Kamin in der Stube prasselte. Silas strich über das Holz, das vom Schweiß unzähliger Berührungen über die Jahre glatt und dunkel geworden war. Er legte das kleine Spielzeug behutsam in seinen Rucksack. Es war nun ein Talisman aus einer Zeit, bevor das Blut in seinen Adern zu einer Gefahr für den Menschen geworden war, den er am meisten liebte.
Er wandte sich dem schmalen Schrank zu. Seine Bewegungen waren mechanisch, fast wie in Trance. Er griff nach einem groben Leinentuch, einem Stück Stoff, das Thalric beim Ernten immer um die Schultern trug, um sich vor der prallen Sonne zu schützen. Er faltete es sorgfältig zusammen, als wäre es ein kostbares Gewand, und stopfte es in die Lücken seines Rucksacks. Der Stoff roch noch immer ganz schwach nach Thalric – nach schwerer Arbeit, nach dem Mehl der Mühle und dem trockenen Sommergras. Dann nahm er den Proviant. Ein Stück harten, gereiften Ziegenkäse, in ein sauberes Tuch gewickelt, dessen Rinde vom Salz der Bergweiden gezeichnet war. Dazu legte er einen halben Laib dunkles Roggenbrot, das er noch am Morgen selbst gebacken hatte. Es war einfaches Essen, das Essen eines Bauern, doch in dieser Nacht fühlte es sich an wie die letzte Verbindung zu einer Normalität, die er in wenigen Minuten für immer verlassen würde.
Während er den Rucksack festzog, schlichen sich die Bilder der Mühle erneut in seinen Kopf. Es war kein bloßes Erinnern; es war ein erdrückendes, lebendiges Durchleben.
Der Geruch von altem Eisen und gemahlenem Getreide stieg ihm wieder in die Nase, so intensiv, dass er die Augen zusammenkniff. Er sah den schweren Eisenbalken, wie er sich mit einem markerschütternden Kreischen aus der Deckenverankerung gelöst hatte. Die Welt um ihn herum war in Zeitlupe zerfallen, eine gewaltige, dunkle Masse stürzte auf ihn herab, bereit, ihn zu zermalmen.
In diesem Sekundenbruchteil, als der Tod nur noch eine Handbreit vor seinem Gesicht war, geschah es. Ein stechender, eisiger Schmerz schoss aus dem Zentrum seiner Brust in seine Arme. Er hatte die Hände hochgerissen, die Finger weit gespreizt, eine verzweifelte Geste der Abwehr. Und in diesem Moment war es ausgebrochen.
Zuerst war es nur ein feines, elektrisches Flimmern unter der Haut gewesen, das sich wie Ameisenlaufen anfühlte. Dann, mit einem Geräusch, das wie berstendes Glas in seinem Kopf klang, war das blaue Leuchten explodiert. Es war kein Licht, wie er es von einer Fackel kannte – es war ein kaltes, intensives Glühen, das pulsierend aus seinen Fingerspitzen geschossen war. Das Blau war so rein und hell, dass es die staubige Luft der Mühle in einen fast überirdischen, neonfarbenen Schleier getaucht hatte.
Das Licht hatte sich um das Eisen gewunden, hatte sich in die Oberfläche des Balkens gefressen, als wäre es flüssige Energie. Silas hatte gesehen, wie die kleinen Staubpartikel um seine Hände in einem wilden, kreisförmigen Tanz erstarrten, gefangen in dem Sog seiner Aura. Das Leuchten war so hell gewesen, dass es die dunklen Ecken der Mühle für einen Herzschlag in ein gleißendes, blaues Tageslicht getaucht hatte, während er die unvorstellbare Schwere des Balkens in seinen eigenen Sehnen spürte, als wäre sein ganzer Körper plötzlich zum Anker der Materie geworden. Es war ein Gefühl von absoluter, beängstigender Macht gewesen, das ihn mit einer abgrundtiefen Übelkeit erfüllt hatte.
Er war kein Bauer mehr. Er war nicht mehr der Junge, der Sensen schliff. Er war das geworden, was die Ältesten seit fünfzig Jahren in den Feuern zu vernichten suchten.
Silas blickte auf seine Handflächen, die er im schwachen Kerzenschein betrachtete. Sie sahen wieder normal aus, doch er spürte das Echo jenes blauglühenden Zorns noch immer tief in seinem Fleisch. Was würde geschehen, wenn er die Kraft erneut rief? Was, wenn sie wieder aus ihm herausbrach, genau dann, wenn er jemandem begegnete, der ihm eigentlich nur helfen wollte?
Er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Die Welt hinter den Whispering Woods war für ihn ein weißer Fleck auf einer Karte, von der er nur die Schrecken kannte. Doch während er seinen Rucksack auf die Schultern hob, spürte er, wie die Angst in einen kalten, harten Entschluss umschlug.
Er war Silas. Er war der Sohn von Thalric. Und ab dieser Sekunde war er ein Fremder in seinem eigenen Leben. Ein letztes Mal sah er sich in dem winzigen, ärmlichen Zimmer um, das alles gewesen war, was er je sein durfte, dann blies er die Kerze aus. Silas trat an das Fenster, drückte es leise auf und schwang die Beine über den Fenstersims, bis seine Stiefel Halt auf dem rutschigen Dach der Veranda fanden, von wo aus er sich lautlos in den nassen Schlamm des Hinterhofs gleiten ließ.
Silas bewegte sich wie ein Schatten durch Oakhaven. Die Gassen, die er sein ganzes Leben lang als sein Zuhause betrachtet hatte, wirkten im dichten Regen und der Dunkelheit wie ein Labyrinth aus fremden, drohenden Kulissen. Jeder Schritt auf dem unebenen Kopfsteinpflaster fühlte sich an wie ein Verstoß gegen ein Gesetz, das er nicht mehr zu brechen brauchte – denn sein bloßes Existieren war bereits das größte Verbrechen.
Er drückte sich tief in den Schatten der alten Bäckerei, deren Steinwände noch die wohlige Wärme des Tages speicherten. Durch die kleine, beschlagene Fensterscheibe fiel ein goldener Lichtkegel auf den nassen Boden. Silas hielt inne. Sein Atem ging stoßweise, und er spürte, wie der kalte Regen an seinem Rücken hinablief, doch er konnte den Blick nicht abwenden. Drinnen saß eine Familie. Ein Vater schnitt ein Stück Brot ab, eine Mutter lachte, während sie ihren Kindern etwas erzählte. Es war ein Bild vollkommener, einfacher Harmonie. Silas sah das flackernde Licht des Kamins, die spielenden Schatten an der Wand, die Vertrautheit eines Lebens, das keinen Platz für Angst vor dem Morgengrauen kannte.
In diesem Moment traf ihn die Einsamkeit mit der Wucht eines Schlages. Er würde nie wieder so sitzen. Er würde nie wieder die Wärme eines sicheren Zuhauses spüren, nie wieder ein Teil dieser Gemeinschaft sein, die in ihrem ahnungslosen Frieden den Untergang derer forderte, die wie er waren. Er war ein Aussätziger, ein Geist, der noch atmete, aber bereits aus der Welt der Lebenden ausgestoßen worden war.
Warum ich?, schrie es in seinem Inneren, ein stummer Schrei, der an seinen Rippen zerrte. Was habe ich verbrochen?
Er starrte auf seine Hände, die in der Dunkelheit fast unsichtbar waren. War es eine Sünde, die er begangen hatte, von der er nichts wusste? Hatte er im Schlaf etwas geflüstert, das die Mächte des Verderbens angezogen hatte? Er hatte immer versucht, ehrlich zu sein, Thalric bei der Arbeit zu unterstützen, die Gebete der Reinheit mitzusprechen. Er war ein einfacher Junge gewesen, der sich nie nach Macht oder Geheimnissen gesehnt hatte. Und doch war diese „Seuche“ nun das Einzige, was in ihm lebte. Sie war wie ein Parasit, der sich in seinem Blut eingenistet hatte, eine ungezähmte, blaue Energie, die auf einen blinden Befehl wartete, den er niemals geben wollte.
Die Bitterkeit stieg ihm die Kehle hoch, heiß und zäh. Es erschien ihm ungerecht, eine grausame Willkür des Schicksals. Warum wurde er gezwungen, eine Bürde zu tragen, die ihn vernichten würde, nur weil sein Körper zu einem Gefäß für eine Kraft geworden war, die die Welt nicht verstehen konnte? Er spürte, wie die Wut in ihm aufzusteigen begann – eine Wut auf die Ältesten, auf die Inquisition, auf die Gesetze, die ihn verurteilten, ohne ihn jemals gefragt zu haben. Aber darunter lag eine noch tiefere, dunklere Angst: die Angst, dass diese Wut die Magie wieder wecken würde.
Er presste die Lippen aufeinander, bis er den metallischen Geschmack von Blut schmeckte. Er musste weiter. Jede Sekunde, die er hier in der Nähe des Dorflebens verbrachte, war ein weiteres Risiko. Er löste sich aus dem Schatten der Bäckerei und huschte weiter. Die Häuser zogen an ihm vorbei wie Grabsteine. Oakhaven war nicht mehr der Ort, der ihn großgezogen hatte; es war nun ein Käfig, aus dem er entkommen musste, bevor die Jäger der Krone die Fährte aufnahmen.
Seine Stiefel hinterließen matschige Abdrücke auf der Straße, eine Spur, die ihn unweigerlich entlarven würde, wenn man ihn suchte. Er vermied die Hauptwege, schlich durch die schmalen Gassen zwischen den Scheunen und Ställen, dort, wo der Geruch von feuchtem Stroh und Tierkot die Luft schwängerte. Die Dunkelheit war sein einziger Verbündeter, und doch war sie es, die ihm jeden Moment vor Augen führte, dass er nun zu den Dingen gehörte, die man im Dunkeln fürchtete. Er fühlte sich nicht wie Silas, der Sohn des Müllers. Er fühlte sich wie ein Stück Treibholz, das von der Strömung eines unaufhaltsamen, dunklen Flusses in die Tiefe gezogen wurde, während er verzweifelt versuchte, die Oberfläche noch ein letztes Mal zu erblicken.
Der Stadtrand von Oakhaven war kein Ort, an dem man den Abschied zelebrierte; es war eine scharfe Grenze, eine Linie, die das Bekannte vom Unaussprechlichen trennte. Silas erreichte den äußersten Rand der Siedlung, wo die gepflegten Wege der Bauern in einen Pfad übergingen, der kaum mehr als eine durch Vieh und Zeit gezeichnete Furche im Boden war. Hier endete das schützende Fachwerk, hier hörten die Lichter der Häuser auf, die Wärme der Menschen zu versprechen.
Vor ihm öffnete sich das Schlund des Flüsterwaldes.
Kaum hatte er die letzte Hecke der äußersten Weide hinter sich gelassen, schien die Welt sich zu verändern. Es war, als wäre die Luft dort, wo die Bäume begannen, in eine andere Konsistenz übergegangen. Ein dichter, fast greifbarer Nebel kroch aus dem Unterholz, ein waberndes, milchiges Weiß, das sich wie ein hungriges Wesen um seine Knöchel legte. Er schluckte das spärliche Licht des Mondes und ließ die Welt um Silas herum in eine grau-schwarze Unendlichkeit verschwimmen.
Die Kälte war nun nicht mehr nur das Ergebnis des Sommerregens; sie war ein physikalischer Druck, der sich unter seine Kleidung fraß. Der Regen, der zuvor wie ein Rhythmus auf die Dächer geprasselt war, verwandelte sich hier in ein leises, stetiges Tropfen von den hohen, dunklen Kronen der uralten Eichen. Es klang, als würden tausend winzige Finger auf die Blätter trommeln. Der Nebel kondensierte auf seinem Haar, auf den Schultern seines Mantels, und hinterließ eine feuchte, eisige Schicht, die ihn schaudern ließ.
Der Flüsterwald machte seinem Namen alle Ehre. In der Stille zwischen den Regenschauern glaubte Silas, ein Wispern zu hören, das nicht vom Wind kam. Es war ein tiefes, grollendes Ächzen des Holzes, ein Knarren der Äste, das in seinen Ohren wie menschliche Laute klang – abgehackte Sätze, warnende Rufe, ein hämisches Glucksen, das sich in der feuchten Luft verlor. Die Bäume hier draußen waren anders als im Wald bei der Mühle. Sie waren gewaltig, mit Stämmen, die so dick waren, dass ein Dutzend Männer sie kaum umspannen konnten, und ihre Äste krümmten sich wie knöcherne Klauen in den grauen Himmel. Sie wirkten nicht wie Pflanzen, sondern wie uralte Wächter, die Silas’ Anwesenheit mit einer fast schon spürbaren Ablehnung quittierten.
Der Boden unter seinen Stiefeln war eine tückische Mischung aus aufgeweichter Erde, verrottendem Laub und schlüpfrigen Wurzeln, die wie Stolperfallen aus der Finsternis hervorbrachen. Jeder Schritt war ein Wagnis. Der Nebel verschluckte die Sichtweite; nach zwei Metern endete die Welt in einer undurchdringlichen Wand aus Schwaden. Silas musste seine Hände ausstrecken, um nicht gegen die rauen Stämme der Bäume zu laufen, die plötzlich wie aus dem Nichts vor ihm auftauchten.
Die Einsamkeit in diesem Wald war erdrückend. Er war nicht mehr nur gejagt von den Männern der Krone; er war nun umgeben von der Unwirtlichkeit eines Ortes, der seit Generationen gemieden wurde. Die feuchte Kälte drang ihm bis in die Knochen, ließ seine Muskeln versteifen und machte jede Bewegung beschwerlich. Er fühlte sich winzig, ein kleiner, zitternder Funken Leben in einer Umgebung, die danach gierte, ihn in ihrem Nebel zu ersticken.
Hier draußen gab es keine Ordnung, keine Regeln der Ältesten, keine Sicherheit der Mühle. Es gab nur das Rauschen, das Tropfen und das Gefühl, dass etwas – oder jemand – ihn aus dem tiefen, nebligen Dickicht heraus beobachtete. Silas schlang seinen Mantel enger um seinen Körper, doch das Leinen war längst durchnässt und bot keinen Schutz mehr vor der eisigen Nässe, die nun wie ein zweiter Umhang an ihm klebte. Er war nun allein. Vollkommen allein in einer Welt, die für ihn nicht mehr vorgesehen war.
Das Geäst peitschte wie trockene Knochen gegen seinen Körper, als Silas tiefer in das Labyrinth aus uralten Stämmen und dichtem Nebel eindrang. Sein Atem ging in kurzen, stoßweisen Stößen, die in der eisigen Luft als weiße Wölkchen stehen blieben. Sein Herz hämmerte so hart gegen seine Rippen, dass es schmerzte – ein Rhythmus aus nackter Panik, der die Stille des Waldes zerriss.
Dann, durch das wabernde Weiß, sah er sie.
Zwei Lichter. Sie glühten in einer unnatürlichen, gelblichen Farbe tief in der Finsternis vor ihm. Silas erstarrte, sein ganzer Körper wurde zu Eis. Sein erster Gedanke war ein archaischer Instinkt: Ein Raubtier. Ein Untier aus den Legenden, das in den Schatten des Flüsterwaldes auf verloren gegangene Seelen wartete. Er hielt den Atem an, seine Finger krallten sich in das raue Leder seines Rucksacks, und er presste sich gegen den modrigen Stamm einer Buche, in der Hoffnung, mit dem dunklen Holz zu verschmelzen.
Doch dann hörte er es. Das rhythmische, metallische Klirren von Kettenhemd-Gliedern. Das schwere, ungeduldige Schnauben eines Pferdes, dessen Hufe den matschigen Boden aufwühlten.
Kein Untier. Soldaten.
Die Lichter gehörten zu den Sturmlaternen einer Patrouille der Inquisition. Die gelben Strahlen schnitten wie glühende Klingen durch den Nebel, tanzten über die Farne und ließen die Tropfen auf den Blättern wie Juwelen aufleuchten. Silas spürte, wie ihm etwas über die Schläfe lief. Er wischte mit dem Handrücken darüber, doch er wusste nicht, ob es der bittere, eiskalte Regen war oder der Schweiß seiner eigenen Todesangst. Es brannte in seinen Augen. Er war so nah an der Entdeckung, dass er das Flüstern der Männer hören konnte – eine raue, barsche Unterhaltung über den Befehl, das Tal zu säubern.
In diesem Moment der extremen, alles durchdringenden Todesangst spürte er es.
Ein heißes, pulsierendes Stechen in seiner Brust. Es war kein Schmerz, den man mit einem Verband stillen konnte; es war das Erwachen eines ungezähmten Feuers in seinen Venen. Unter der Haut seiner rechten Hand begann es zu glühen. Erst schwach, wie ein ferner Blitz, doch dann breitete sich das neonblaue Leuchten mit rasender Geschwindigkeit aus. Es wanderte über seine Fingerknöchel, pulsierte in den Adern seines Handgelenks, als wollte es den Käfig seines Fleisches sprengen.
Nein. Bitte nicht jetzt. Nicht hier.
Silas presste die Hand mit all seiner verbliebenen Kraft gegen seine Brust, versuchte die Energie mit seinem Mantel zu ersticken, sie in seinem Körper einzusperren. Doch das war sein Verhängnis. Seine Panik, das wilde Beben seiner Muskeln und die lähmende Furcht, entdeckt zu werden, wirkten wie Benzin auf das Feuer. Die Magie reagierte nicht auf seinen Willen zur Unterdrückung, sie reagierte auf seine Emotionen. Je mehr er gegen das Leuchten ankämpfte, je verzweifelter er versuchte, es zu verstecken, desto heller, desto unbändiger brannte es.
Es war, als hätte er eine Lawine losgetreten, die er mit bloßen Händen aufhalten wollte. Das blaue Licht drang durch den Stoff seines Mantels, warf lange, unnatürliche Schatten gegen die Baumstämme und ließ den Nebel um ihn herum in einem schmerzhaft hellen Blau erstrahlen. Die Farbe war so intensiv, dass sie die gelben Laternen der Soldaten fast in den Schatten stellte.
„He! Da!“, brüllte eine Stimme aus der Dunkelheit, kaum zehn Meter entfernt. „Was ist das für ein Licht?“
Das Klappern der Hufe beschleunigte sich. Das dumpfe Dröhnen der Pferde erreichte seine Ohren wie das Schlagen einer Kriegstrommel. Silas sah seine Hand, die nun so hell strahlte, dass er die feinen Linien in seiner Handfläche wie bei Tageslicht sehen konnte. Er war entlarvt. Das Leuchten in ihm war kein Geschenk, es war ein Leuchtfeuer für den Scheiterhaufen, das direkt aus seinem Innersten nach dem Tod rief. Er krallte sich in den Waldboden, während das blaue Licht pulsierte – lautlos, gnadenlos und vollkommen außer Kontrolle.
Silas schloss die Augen und ließ den Kopf in den Nacken fallen, die Stirn gegen die raue, feuchte Rinde der Buche gepresst. Ein unterdrücktes Schluchzen entwich seiner Kehle. Das war es also. Er hatte den ersten Schritt in die Freiheit gewagt und war schon an der Schwelle zum Ende angelangt. Sein Vater würde erfahren, dass er ein Unreiner war; sein ganzes Leben in Oakhaven würde in der Erinnerung der Dorfbewohner zu einem schwarzen Fleck verblassen. Die Aussicht auf den Scheiterhaufen, auf die Schmach und das bittere Ende, schnürte ihm den Hals zu. Es war, als stünde er bereits inmitten der Flammen.
„Da! Im Gebüsch! Ein Verseuchter!“, dröhnte die raue Stimme des Hauptmanns durch den Wald. „Er leuchtet wie ein Irrlicht! Schnappt ihn, bei der Reinheit des Ältestenrates, lebendig oder tot!“
Das dumpfe Grollen der Hufe auf dem morastigen Boden wurde zu einem gewaltigen Donnern. Silas’ Instinkte, die bisher von einer Mischung aus Trauer und Angst gelähmt waren, peitschten plötzlich in ihn hinein wie ein Peitschenhieb. Er konnte hier nicht sterben. Nicht heute. Nicht so.
Er riss die Augen auf. Das blaue Licht an seiner Hand schien die Dunkelheit des Waldes regelrecht aufzufressen, doch er dachte nicht mehr daran, es zu unterdrücken. Er riss sich vom Baum los und stürmte los, als hätte das Schicksal selbst ihn auf die Jagd geschickt.
Er rannte. Die Zweige der tiefhängenden Tannen schlugen ihm ins Gesicht wie knöcherne Finger, hinterließen brennende Striemen auf seiner Haut, doch er spürte den Schmerz kaum. Sein ganzer Körper war eine einzige, vibrierende Anspannung. Er sprang über morsches Totholz, das unter seinen Stiefeln laut knackte, und hechtete über eine knietiefe Schlucht, die von einem schmalen Bach durchzogen war. Das Wasser spritzte hoch, als er landete, und der Schlamm drohte ihn bei jedem Schritt festzuhalten, doch er riss sich immer wieder los.
Hinter ihm schrien die Wachen. Ihre Rufe klangen hasserfüllt und triumphierend. „Er läuft! Er hat die Seuche in den Händen! Seht euch das an – er brennt förmlich!“
Sie konnten ihn nicht klar erkennen. Durch den dichten Nebel und das gleißende Licht, das wie eine unnatürliche Aura von Silas ausging, wirkte er wie ein Schemen, ein Wesen aus reiner, gefährlicher Energie. Sie sahen nur das, was sie sehen wollten: ein Monster, einen Verseuchten, den es zu tilgen galt. Das Wissen, dass sie ihn für etwas hielten, das er selbst nicht einmal definieren konnte, schnitt tiefer als jedes Schwert. Er war für sie keine Person mehr, kein sechzehnjähriger Junge, der Angst um seinen Vater hatte – er war ein Jagdwild, eine Bedrohung, die in den Augen der Krone nicht einmal den Anspruch auf ein menschliches Schicksal besaß.
Der Wald wurde dichter, die Eichen standen so eng, dass Silas sich wie durch ein Gefängnisgitter zwängen musste. Er atmete schwer, die Luft brannte in seinen Lungen wie flüssiges Feuer. Jeder Muskel in seinen Beinen schrie nach Aufgeben, doch das blaue Glühen an seinem Handgelenk pulste unaufhörlich, als würde es ihn anfeuern, als wäre es eine eigene Entität, die seinen Körper besetzt hielt und ihn dazu drängte, weiterzurennen.
Lauf, dachte er verzweifelt. Lauf, Silas, oder die Asche wird alles sein, was von dir bleibt.
Die Soldaten waren dicht hinter ihm. Er hörte das schwere Atmen der Pferde, das Klirren der Rüstungen und die unaufhaltsame Entschlossenheit in ihren Schritten. Sie waren Jäger, die keine Gnade kannten. Silas war allein, gehetzt durch eine Welt, die ihn schon vor seiner Geburt verurteilt hatte, und während er durch das tiefe, finstere Dickicht preschte, begriff er mit einer schrecklichen Klarheit, dass er Oakhaven nicht nur räumlich verlassen hatte. Er hatte den Pfad der Menschen verlassen und war in eine Dunkelheit geraten, aus der es kein Zurück mehr gab.
Das gleißende Licht, das eben noch den Wald in ein geisterhaftes Blau getaucht hatte, verblasste so plötzlich, wie es gekommen war. Mit dem Verschwinden der Magie verließ auch der letzte Rest seines Adrenalins Silas’ Körper. Seine Knie gaben nach, und er wäre fast vornüber in den Schlamm gestürzt, hätte er nicht die massive, von Pilzen überwucherte Wurzel einer uralten Eiche gespürt.
Er war schwach. Jede Faser seines Seins fühlte sich an, als wäre sie von innen heraus ausgebrannt. Seine Hand zitterte so heftig, dass er sie nicht einmal zu einer Faust ballen konnte. Er quetschte sich in das hohle Innere des gewaltigen Baumes, dessen Rinde sich wie kaltes, totes Fleisch gegen seinen Rücken legte. Der Hohlraum roch nach Fäulnis und nasser Erde – ein Grab für Lebende.
Er zog die Beine an die Brust und presste die Stirn gegen seine Knie, wobei er versuchte, sein rasendes Herz zu ersticken. Draußen war das Geräusch der Jagd verstummt. Nur noch das langsame, bedrohliche Trab der Pferde war zu hören. Es war kein hastiges Reiten mehr; es war das methodische Absuchen eines Jägers, der weiß, dass seine Beute am Ende ihrer Kräfte ist.
Bitte nicht, hauchte er, und der Satz war kaum mehr als ein Zittern in der Luft. Seine Stimme brach, ein kläglicher Laut in der Finsternis des Waldes. Bitte nicht.
Er wünschte sich so sehr, einfach unsichtbar zu werden, sich in die Erde aufzulösen. Er dachte an Thalric, an den ruhigen Abend in der Küche, an die Wärme des Kaminfeuers. Wie weit weg das alles war. Hier, in der Kälte des Flüsterwaldes, war er nur noch ein verängstigter Junge, dem der Tod im Nacken saß. Die Hufe kamen näher. Er hörte das Schnauben der Pferde, das aufgeregte Flattern der Zügel und das gedämpfte Fluchen der Soldaten, die sich gegenseitig zuraunten, wo sie suchen sollten.
Silas hielt den Atem an, bis seine Lungen brannten. Er spürte, wie die Tränen über sein Gesicht liefen und einen Pfad durch den Schlamm auf seinen Wangen zogen. Jedes Geräusch draußen war ein Hammerschlag auf sein zersplitterndes Nervenkostüm. Er wollte nicht, dass sie ihn fanden. Er wollte nicht, dass sie sahen, was er war. Er wollte einfach nur... leben.
Dann, als die Hufe fast direkt vor seiner hohlen Eiche zum Stehen kamen und ein Soldat laut den Befehl gab, die Laternen tiefer zu halten, geschah es.
„Ich bin hier, ihr Speichellecker der Krone!“
Die Stimme war hell, spöttisch und schnitt wie ein rasiermesserscharfer Dolch durch die feuchte Luft. Sie kam von der anderen Seite der Lichtung, weit entfernt von Silas’ Versteck.
Das Geräusch von aufgeschreckten Pferden, die laut wieherten und unter der plötzlichen Hektik der Reiter tänzelten, ließ die Erde beben. Silas riss die Augen auf. Er konnte durch einen Spalt in der Rinde des Baumes ein violettes, grelles Aufflackern sehen, das weit entfernt über den Baumwipfeln aufstieg wie ein böses Omen.
„Dort! Er hat sich abgesetzt! Hinterher, ihr Narren!“, brüllte der Anführer der Patrouille. Das Donnern der Pferde setzte sofort wieder ein, diesmal noch wilder, noch schneller, als sie der neuen Spur folgten.
Silas blieb zusammengekauert in seinem hohlen Baum sitzen, das Herz schlug nun nicht mehr aus Angst, sondern aus purer Verwirrung. Wer hatte das gerufen? Wer hatte sich absichtlich in Gefahr gebracht, um ihn – einen Fremden, einen Verseuchten – zu retten? Er wagte es nicht, sich zu bewegen, doch er konnte nicht verhindern, dass ein leises, verwirrtes Schluchzen aus seiner Brust drang. Er war nicht allein im Wald. Und die Person, die dort draußen den Zorn der Inquisition auf sich zog, hatte ihm gerade ein Leben geschenkt, das er selbst längst aufgegeben hatte.
Silas kauerte in der feuchten Dunkelheit des Baumstammes, die Knie fest gegen seine Brust gepresst, als würde er versuchen, sich selbst zu einem Nichts zu schrumpfen. Die Stille des Waldes, die eben noch durch das suchende Trab der Pferde bestimmt wurde, zerriss in einem Augenblick, der sich in sein Gedächtnis brannte wie ein glühendes Siegel.
Ein ohrenbetäubender Knall – als würde der Himmel selbst unter einer gewaltigen Last bersten – explodierte nur wenige Dutzend Meter entfernt. Sekunden später leuchtete der dichte Nebel in einem unnatürlichen, giftigen Violett auf. Es war kein sanftes Leuchten, wie Silas es an seinen eigenen Händen gespürt hatte; es war ein aggressives, sprühendes Feuer, das den dunklen Wald in ein grelles, fast schmerzhaftes Licht tauchte.
„Hexe! Bei den Göttern, es ist eine Hexe!“, schrie eine Stimme, die vor unvermittelter Panik fast überschnappte.
Das Geräusch, das folgte, war pures Chaos. Silas hörte, wie das Holz des Waldes unter der Wucht der violetten Funken erzitterte. Es klang, als würde der Boden selbst aufbrechen. Dann begannen die Pferde zu rebellieren. Das Wiehern war kein normales Tiergeräusch mehr; es war ein Schrei aus purer, instinktiver Todesangst. Er hörte das hektische Stampfen der Hufe, das rhythmische Schlagen gegen die Baumstämme, das Knacken von brechendem Geäst, als die Tiere blindlings gegen die Hindernisse des Waldes preschten.
„Haltet die Zügel! Ihr verdammten Narren, haltet sie fest!“, brüllte der Anführer, doch seine Autorität war in der Kakophonie der Angst ertrunken.
Silas presste die Hand auf seinen Mund, um keinen Laut von sich zu geben. Er sah durch den Riss in der Eichenrinde, wie das violette Licht aufblitzte und tanzte, als hätte jemand eine Handvoll Blitze in die Luft geschleudert. Jedes Mal, wenn ein Funkenregen niederging, folgten neue Detonationen, kleine Explosionen, die den Boden unter Silas vibrieren ließen. Die Ritter fluchten – derbe, rohe Flüche, die von Verzweiflung und dem ungeschönten Zorn der Inquisition zeugten. Sie kämpften nicht mehr gegen Silas, sie kämpften gegen die unbändige, magische Gewalt, die ihre Welt aus den Angeln hob.
„Sie zähmt die Pferde nicht! Sie verflucht sie!“, rief ein anderer Soldat, während das Geräusch von schlagenden Hufen und zerreißendem Leder immer weiter in den Hintergrund rückte, als würden die Tiere ihre Reiter in den wildesten Galopp des Todes in den Wald hineinreißen.
Silas zitterte am ganzen Körper. Jede Explosion, jeder violette Blitz war eine Demonstration einer Kraft, die ihm bis vor wenigen Stunden noch völlig fremd war. Es war keine kalte Energie wie seine eigene; es war heiß, impulsiv und bösartig. Die Dunkelheit um ihn herum fühlte sich plötzlich nicht mehr nur leer an, sondern geladen mit einer elektrischen Spannung, die seine Nackenhaare aufstellte.
Wer auch immer das war, sie spielte mit der Inquisition wie eine Katze mit einer Maus, die sie nicht einmal für wert hielt, getötet zu werden. Er fühlte eine Mischung aus abgrundtiefem Entsetzen und einer seltsamen, fast schmerzhaften Faszination. Die Ritter, die noch vor Minuten wie unbezwingbare Götter des Gesetzes gewirkt hatten, klangen jetzt wie verängstigte Jungen, die ihre Kontrolle über die Welt verloren hatten.
Die Schreie der Pferde hallten immer weiter weg, bis sie schließlich in der Weite des Flüsterwaldes verstummten. Was blieb, war eine unnatürliche, fast andächtige Stille, die nur noch vom prasselnden Regen auf den Blättern unterbrochen wurde. Silas wagte nicht, sich zu rühren. Sein Herz hämmerte gegen seine Rippen wie ein gefangenes Tier, das den Atem anhält, kurz bevor der Jäger den Baumstamm öffnet. Er war allein, umgeben von dem Nachhall einer Macht, die ihn zugleich abstieß und auf eine Art und Weise lockte, die er noch nicht zu benennen wagte.
Die Stille, die nach dem infernalischen Lärm der fliehenden Patrouille im Wald zurückblieb, war schwer und atemlos. Minuten vergingen, in denen Silas nur das unregelmäßige Tropfen des Regens auf dem modrigen Laub hörte und das eigene, schmerzhaft pochende Echo seines Herzschlags. Er wartete, bis seine Muskeln vor Anspannung zu krampfen begannen, bis er sicher war, dass die Ritter nicht umkehren würden.
Vorsichtig, jeden Knochen einzeln bewegend, schob er sich aus der hohlen Eiche. Der Schlamm schmierte an seinen Knien, als er sich aufrichtete. Sein gesamter Körper fühlte sich an, als bestünde er nur noch aus wunden Punkten und kalter Nässe. Er scannte die Dunkelheit, seine Augen tasteten die nebelverhangenen Stämme nach einer erneuten Bedrohung ab. Alles war grau, feucht und totenstill.
Er war gerade dabei, seinen Rucksack fester zu schnallen und die erste Fluchtrichtung zu wählen, als sich die Schatten vor ihm verdichteten. Eine Bewegung, so flüssig und lautlos wie die eines Raubtieres, ließ ihn zusammenzucken.
Silas wollte zurückweichen, doch seine Stiefel rutschten auf dem glitschigen Untergrund. Er stolperte und prallte fast gegen den Körper, der plötzlich – wie aus dem Nichts – vor ihm stand. Er blickte nach oben und erstarrte.
Vor ihm stand eine Frau in einem tiefen, dunkelgrünen Kapuzenmantel, dessen Stoff vom Regen schwer und dunkel geworden war. Die Kapuze verbarg ihr Gesicht so vollkommen, dass Silas für einen Moment glaubte, vor einem leeren Gewand zu stehen. Doch dann hob sie die Hand. Mit einer einzigen, eleganten Bewegung strich sie den schweren Stoff zurück.
Silas stockte der Atem. Er hatte eine greise Hexe erwartet, ein Wesen aus Albträumen, wie man sie ihm in Oakhaven in den Schreckensgeschichten beschrieben hatte. Stattdessen blickte er in ein Gesicht, das kaum älter war als sein eigenes. Es war ein schmales, ausdrucksstarkes Gesicht mit hohen Wangenknochen und einer Haut, die im fahlen Restlicht des Waldes beinahe porzellanfarben wirkte. Doch was ihn am meisten traf, waren ihre Augen: smaragdgrün, hellwach und von einer beunruhigenden Klarheit, die ihn zu durchleuchten schien. Sie trug ein Lächeln auf den Lippen – nicht das Lächeln einer Freundin, sondern ein freches, fast provokantes Grinsen, das den Ernst der Situation in eine fast unerträgliche Spannung verwandelte.
In ihrer Rechten hielt sie einen Stab aus poliertem, dunklem Holz. Er wirkte wie eine Verlängerung ihres Körpers, kunstvoll geschnitzt mit Mustern, die Silas im Halbdunkel nicht deuten konnte. Die Spitze des Stabes rauchte noch – dünne, violette Schwaden wanden sich wie lebendige Finger in den feuchten Nebel des Waldes.
Sie beobachtete ihn eine Weile, ohne den Stab zu bewegen, während Silas verzweifelt versuchte, die Fassung zu wahren. Die Angst, die eben noch seinen Körper dominiert hatte, wandelte sich in ein beklemmendes Gefühl der Unterlegenheit.
„Du solltest wirklich lernen, deine Aura zu verbergen, Junge“, sagte sie leise. Ihre Stimme war keine Drohung, sondern ein kühler, fast amüsierter Kommentar. Sie stützte den Stab lässig auf den Waldboden, wobei ein leises Knistern zu hören war. „Du leuchtest ja wie ein Glühwürmchen im Paarungsrausch.“
Silas presste die Kiefer zusammen. Jedes Wort von ihr fühlte sich an wie eine Entblößung. Er wollte etwas erwidern, sich verteidigen, doch seine Zunge fühlte sich schwer und nutzlos an. „Wer... wer bist du?“, brachte er schließlich hervor, seine Stimme klang brüchig und erschöpft vom kalten Nachtwind.
Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, das smaragdgrüne Leuchten ihrer Augen blitzte im violetten Restlicht ihres Stabes auf. Das provokante Lächeln blieb, doch in ihrem Blick lag nun eine Tiefe, die Silas das Gefühl gab, dass sie ihn schon viel länger beobachtet hatte, als ihm lieb war. „Jemand, der keine Lust hat, morgen früh zuzusehen, wie ein weiterer Funke in diesem Tal einfach ausgelöscht wird“, antwortete sie, und die Leichtigkeit in ihrem Tonfall wich einer untergründigen, ernsten Schwere, die den gesamten Wald für einen Moment zum Schweigen brachte.
Silas starrte auf die junge Frau, unfähig, die widersprüchlichen Bilder in seinem Kopf in Einklang zu bringen. Vor ihm stand die Verkörperung all dessen, wovor ihn Thalric und die Ältesten sein Leben lang gewarnt hatten. Sie war das, was man in Oakhaven in den tiefsten Nächten nur flüsternd beim Namen nannte: eine Hexe. Doch die Angst, die normalerweise wie ein Eispanzer um sein Herz liegen sollte, wurde von einer seltsamen Taubheit überlagert. Seine Hände, die noch vor Minuten vor Angst gezittert hatten, hingen nun schwer und leblos an seinen Seiten.
„Ich... ich bin kein Hexenmeister“, brachte Silas schließlich hervor, und das Wort klang in seinem eigenen Mund so fremd wie der Wald um ihn herum. Er strich sich das feuchte, strähnige Haar aus der Stirn, ein Reflex aus alter Gewohnheit, der hier, unter den knorrigen Eichen, vollkommen fehl am Platz wirkte. „Ich bin ein Bauerssohn. Mein Vater bewirtschaftet die Mühle am Bach. Das vorhin... das war ein Unfall. Ein bloßer Zufall.“
Er suchte in ihrem Gesicht nach einem Anzeichen von Spott, doch sie musterte ihn nur mit dieser unendlichen, kühlen Geduld. Silas’ Gedanken überschlugen sich. Er fühlte sich wie ein Ertrinkender, der verzweifelt nach einer Erklärung greift, die ihn retten könnte. Wenn es nur ein Unfall war – eine Laune der Natur, ein Fehler in der Ordnung der Welt –, dann war er vielleicht doch kein Monster. Vielleicht konnte er einfach umkehren. Vielleicht würde der Ältestenrat ihm glauben, wenn er nur ehrlich genug bereute.
„Ein Unfall“, wiederholte er leiser, fast zu sich selbst. „Ich will mit all dem nichts zu tun haben. Ich habe nichts gemacht, ich habe nichts gerufen. Es ist einfach... es ist aus mir herausgebrochen.“
Die Vorstellung, dass diese Macht ein Teil von ihm sein sollte, war so abstoßend, dass es ihm in der Magengegend zusammenzog. Er dachte an die Sensen, an den herabstürzenden Eisenbalken, an das blaue Leuchten, das wie ein lebendiges, hungriges Tier aus seinen Fingerspitzen gekrochen war. Es fühlte sich an, als hätte er ein tiefes, dunkles Geheimnis verschluckt, das ihn nun von innen heraus zersetzte. Er war kein Gelehrter, kein Magier, kein Kämpfer. Er war Silas. Er wusste, wie man Roggen erntet, wie man Wolle sortiert und wie man schweigt, wenn die Inquisitoren das Dorf durchstreifen.
Die Frau vor ihm ließ den Stab sinken, sodass die Spitze das feuchte Moos berührte. Die violetten Rauchschwaden erloschen. „Ein Unfall“, sagte sie und wiederholte das Wort mit einer solchen Trostlosigkeit, dass es ihm einen Schauer über den Rücken jagte. „Du denkst wirklich, die Natur begeht Fehler? Du denkst, das, was in deinen Adern pulsiert, ist wie eine verbeulte Sense, die man einfach zur Seite wirft, damit sie nicht weiter stört?“
Silas wich einen Schritt zurück, bis sein Rücken erneut gegen einen Baumstamm stieß. Er wollte es nicht hören. Er wollte zurück in seine Dachkammer, in das Leben, das er kannte, auch wenn es ein Leben in Angst war. „Ich weiß nicht, was du willst“, sagte er, und seine Stimme schwankte zwischen Verzweiflung und aufkeimender Wut. „Ich habe nichts verbrochen. Ich wollte nur... ich wollte einfach nur in Ruhe leben.“
Sie trat einen Schritt näher, und Silas konnte nun das schwache, fast rhythmische Pochen spüren, das von ihrem Stab ausging – eine Resonanz, die ihn unangenehm an das blaue Leuchten in der Mühle erinnerte. „Ruhe“, sagte sie leise und schüttelte den Kopf. „Ruhe ist ein Privileg derer, die nicht wissen, was sie sind, Silas. Und diese Ruhe hast du in dem Moment verloren, in dem der Balken vor deinem Gesicht stehen blieb.“
Silas schloss die Augen. Der Name. Woher kannte sie seinen Namen? Alles an dieser Situation war falsch, gefährlich und so unendlich viel größer als das, was er zu begreifen imstande war. Er war nur ein Junge, der in den Wald gelaufen war, um seinen Vater vor der Schande zu retten. Und jetzt stand er hier, im Herzen des Flüsterwaldes, gegenüber einer Fremden, die seine Existenz als einen Zustand akzeptierte, den er selbst mit jeder Faser seines Seins ablehnte.








