Kapitel 1: Willkommen Im Stream
(Saison 1) Anfang
(System-Bootup initiiert…)
(Optische Sensoren kalibriert. Batteriestatus: 87 %)
(Suche nach Netzwerk… Sub-Orbitaler Notfall-Satellit Delta 9 gefunden.)
(Verbindung zur Notfall-Cloud hergestellt: Signal stabil.)
(Aufnahme startet in 3… 2… 1…)
Das grelle Morgenlicht Nevadas brannte sich unbarmherzig durch die zersprungenen, aber noch immer imposanten Panoramafenster meines Penthouses.
Ich blinzelte die Müdigkeit weg, schlug die schweren, weinroten Seidendecken zurück ein kleines Souvenir aus der Präsidentensuite drei Stockwerke unter mir und schwang die Beine aus dem Bett. Der kühle Marmorboden unter meinen nackten Füßen fühlte sich fast an wie ein normales Leben.
Fast.
Wenn da nicht das dumpfe, rhythmische Kratzen wäre, das hin und wieder durch den massiven Stahlbeton des Gebäudes drang. Ein ständiger Reminder, dass die Welt da draußen längst gestorben war.
Ich fuhr mir mit der Hand durch die zerzausten Haare, griff nach der klobigen High Tech Brille auf meinem Nachttisch und setzte sie auf. Ein kurzes, befriedigendes Surren erklang direkt an meiner Schläfe. Mein Sichtfeld füllte sich mit semi transparenten Datenströmen.
Ein rotes REC Symbol begann am oberen rechten Rand fröhlich zu blinken. Ich atmete tief ein, rollte die Schultern nach hinten, verbannte die morgendliche Melancholie in die tiefste Ecke meines Verstandes und knipste meinen inneren Schalter um. Showtime.
„Yoooo, was geht ab, Chat?!“, brüllte ich mit einer Energie in die leere Suite, die glatt einen Toten hätte aufwecken können Wortwitz beabsichtigt.
„Euer Boy Lucas ist wieder am Start, live und direkt aus dem sonnigen, wunderschönen und… na ja, leicht verwesten Las Vegas! Ich hoffe, ihr habt euer Popcorn bereit und die Schutzwesten eng geschnallt, denn heute haben wir ein echtes Special Programm für euch auf dem Kanal!“
Ich grinste breit in die Leere, fuchtelte wild mit den Händen vor der Kameralinse meiner Brille herum und stellte mir vor, wie in diesem Moment Tausende von Nachrichten auf meinem HUD explodierten. Natürlich war da kein Chat. Da war absolut niemand. Die Server, auf die ich hochlud, waren alte militärische Datenbunker, die stumm ihre Runden im Orbit zogen.
Wenn ich irgendwann den Löffel abgab, würde die Menschheit oder was auch immer in den sicheren Bastionen noch davon übrig war wenigstens mein gigantisches Cloud Archiv finden. Ein virtuelles Denkmal für Lucas Mason, den bestaussehenden und hartnäckigsten Überlebenden von ganz Nevada.
„So, liebe Leute“, redete ich munter weiter, während ich durch das absurd große, aber mittlerweile ziemlich chaotische Wohnzimmer schlenderte. Überall lagen Maschinenteile, aufgeschlagene Bücher über Botanik und Waffenpflege sowie leere Dosen.
„Bevor wir mit der heutigen Roomtour und dem Daily Grind starten, erst mal ein paar Basics für die neuen Zuschauer im Stream. "Xx_ZombieSlayer_xX" fragt in den Kommentaren ‚Lucas, mein Dude, wie alt bist du eigentlich und warum bist du so verdammt gut im Überleben? Ist das ein Cheat-Code?"
Ich tippte mir gespielt nachdenklich ans Kinn. „Berechtigte Frage, Bro! Ich bin knackige einundzwanzig Jahre alt. Und falls ihr euch jetzt fragt, warum ich nicht in einer Universität sitze oder auf illegalen Hauspartys abhänge… Tja, als die Welt vor genau zehn Jahren den Bach runterging, war ich gerade mal elf.
Zehnjähriges Jubiläum heute, Chat! Ein verdammtes Jahrzehnt in der Apokalypse! Lasst dafür sofort ein Abo da, drückt die Glocke und spammt ein paar W Emojis in den Chat!“
Ich schlenderte rüber zu meiner Küchenzeile. Die Schränke bestanden aus tiefschwarzem Edelholz, aber darauf thronten keine Designer Küchenmaschinen mehr.
Stattdessen glich die Arbeitsplatte einem Frankenstein Labor aus Schläuchen, Trichtern, Autobatterien und dreckigem Plastik. Ich schnappte mir eine verbeulte Blechtasse und goss eine tiefschwarze, ölig wirkende Flüssigkeit aus einem Glaskolben ein.
„Ah, seht ihr das?“, fragte ich und hielt die dampfende Tasse direkt vor die Linse. „Das ist mein patentierter Post-Apokalypse Kaffee.
Er besteht aus gerösteten Löwenzahnwurzeln, die in den Ritzen des Balkons wachsen, und… na ja, ein paar alten Kaffeebohnen, die ich vor drei Jahren im Keller eines Diners gefunden habe.
Schmeckt wie flüssige Holzkohle mit einem Schuss reiner Verzweiflung, aber hey, der Koffein Kick hält wach. Und wach bleiben heißt am Leben bleiben.“
Ich nahm einen großzügigen Schluck, verdrängte den extrem bitteren Nachgeschmack, der mir die Tränen in die Augen trieb, und wies auf die monströse Apparatur neben mir.
„Viele von euch haben beim letzten Mal gefragt, wie ich überhaupt an Trinkwasser komme. Ganz einfach, Freunde: Ingenieurskunst der Meisterklasse! Da wir hier in der Wüste von Nevada sind, regnet es verdammt selten.
Aber wenn, dann leiten meine improvisierten Regenrinnen vom Dach jeden verdammten Tropfen durch ein Rohrsystem direkt hier rein. Das Wasser durchläuft drei Stufen.
Stufe Eins Grober Sand und Kies von den zerstörten Zen Gärten der Lobby. Stufe Zwei: Aktivkohle, die ich aus den verbrannten Überresten von Black Jack Tischen gewonnen habe.
Stufe Drei Ein extrem feinmaschiges Tuch aus den teuersten Designer Kleidern, die ich in den Boutiquen unten looten konnte. Danach wird es abgekocht. Keime? Ein Fremdwort für uns. Wir wollen schließlich episch im Kampf fallen und nicht an einer banalen Magen Darm Grippe sterben, richtig?“
Ich lachte laut auf, klatschte in die Hände und drehte mich um. Die Energie pulsierte in mir. Auch wenn es nur ein Spiel war, es hielt meinen Geist scharf. Isolation ist ein gnadenloser Killer, oft schneller als die Infizierten da draußen. Der Stream war meine Therapie.
„Als Nächstes kommen wir zur Sicherheit. "GamerGirl99" schreibt ‚Lucas, du lebst in einem verdammten Hochhaus mitten in Zone 5? Bist du lebensmüde? Da spawnen doch die härtesten Gegner!‘“ Ich nickte anerkennend.
„Gute Beobachtung. Für alle, die die Map noch nicht kennen Zone 5 ist die absolute Todeszone. Wenn hier jemand ohne Vorbereitung spawnt, ist der Run nach zehn Minuten vorbei.
Die Beißer Dichte ist hier höher als die Promidichte beim alten Coachella Festival. Aber, und das ist ein großes Aber Mein Reich ist eine absolute Festung.“
Ich marschierte mit ausladenden Schritten in den Flur und hielt vor der massiven Doppel Eingangstür des Penthouses. Ich legte die Hand auf den kühlen Stahl und öffnete einen der schweren Riegel, um die Tür einen Spalt breit aufzuziehen. Die Kamera fokussierte sich auf das Treppenhaus dahinter.
„Seht euch dieses Meisterwerk an.“
Dort, wo eigentlich Marmorstufen in die Tiefe führen sollten, türmte sich eine undurchdringliche, fast schon surreale Wand auf. Ich hatte über die Jahre Hunderte von verwaisten Spielautomaten, massiven Pokertischen, eisernen Tresortüren und Betonblöcken die Treppen hinaufgeschleppt mit einem improvisierten Flaschenzugsystem, das mich fast jeden Nerv gekostet hatte. Es war ein Tetris-Spiel auf Leben und Tod gewesen.
„Das sind drei komplette Etagen pures Gaming Gold, Leute. Die ‚Mega Jackpot‘ Maschinen stehen so eng verkeilt, dass nicht mal eine Kakerlake dazwischenpasst.
Selbst wenn die Beißer anfangen würden, Leitern zu bauen oder sich wie die Ameisen übereinander zu stapeln hier kommen sie niemals durch.
Wenn sie an der falschen Maschine rütteln, lösen sie außerdem Stolperdrähte aus, die Farbeimer, Schutt und ein paar sehr unangenehme, selbstgebastelte Überraschungen auf sie regnen lassen.
Der einzige Weg hier hoch ist der Lastenaufzugschacht.
Den habe ich so modifiziert, dass die Kabine nur noch manuell über eine riesige Kurbel auf dem Dach bewegt werden kann. Keine Elektrizität, kein Hacken, keine ungebetenen Gäste.“
Ich knallte die Tür wieder zu, schob den massiven Bolzen vor und drehte mich mit einem breiten, stolzen Grinsen zurück zur Linse.
„Sicherheit Check. Wasser: Check. Kommen wir zum Loot und meiner geheimen Basis Erweiterung!“
Ich führte meine unsichtbaren Zuschauer den Flur hinunter in das Zimmer, das früher die Master Suite des Penthouses gewesen sein musste. Der Bodenbelag war längst entfernt worden, stattdessen roch es hier intensiv nach feuchter Erde, Pflanzen und einem Hauch von… etwas Strengerem.
Es war ein einziger, grüner Dschungel. In der gigantischen, ehemals weißen Whirlpool Badewanne und in Dutzenden von aufgereihten Plastikwannen wuchsen ordentliche Reihen von satten, grünen Pflanzen.
„Willkommen in meiner Gourmet Küche, Chat!“, rief ich begeistert und strich sanft über die Blätter einer Pflanze. „Frische Kartoffeln, direkt aus dem Jacuzzi. Ich züchte hier außerdem Tomaten und ein paar extrem zähe Karotten. Gordon Ramsay würde wahrscheinlich in Tränen ausbrechen, wenn er mein Setup sieht.
Vielleicht aus Rührung, vielleicht auch vor Ekel, weil mein Dünger zu zwanzig Prozent aus, äh, ‚lokal bezogener Biomasse‘ besteht sprich, verrotteten Beißer Resten, die ich abkoche und kompostiere. Bevor ihr mich jetzt im Chat cancelt Es funktioniert! Die Nährstoffdichte ist absurd hoch. Pure Bio Qualität, null Pestizide.“
Ich zupfte eine kleine, rötliche Tomate vom Strauch, rieb sie an meinem staubigen T-Shirt ab und biss hinein. Der saure, aber frische Geschmack war eine absolute Explosion auf meiner Zunge im Vergleich zu dem ekligen Kaffee von vorhin.
„Delicious“, murmelte ich mit vollem Mund und hob den Daumen in die Kamera.
Dann wurde es Zeit für den ernsten Teil des Streams. Das Finale jeder guten Episode. Ich wischte mir den Mund ab, straffte meine Haltung und trat durch die große, zersplitterte Glasschiebetür hinaus auf den riesigen Balkon des Penthouses.
Sofort peitschte mir der heiße, trockene Wind Nevadas ins Gesicht. Er trug den vertrauten, leicht süßlichen Geruch von Staub, Ozon und Verwesung mit sich. Ich trat an das Geländer, stützte meine Unterarme darauf ab und ließ die Kamera meiner Brille nach unten schwenken.
Vor mir lag der Las Vegas Strip. Einst die hellste, lauteste und lebendigste Straße der Welt, das leuchtende Herz des Exzesses. Jetzt war es ein endloses Tal aus grauem Schutt, verrosteten Autowracks und den ausgebrannten Skeletten von Luxushotels.
Die berühmten Fontänen des Bellagio waren ausgetrocknet und voller Knochen. Die Nachbildung des Eiffelturms war in der Mitte eingeknickt und lehnte sich wie ein müder Riese an ein benachbartes Casino.
Und dazwischen herrschte Bewegung.
Wenn man genau hinsah, wimmelte es unten auf den von Rissen durchzogenen Straßen von schwarzen Punkten. Hunderte. Tausende. Sie schlurften ziellos durch den Staub, stießen gegen Autowracks oder standen reglos in der prallen Sonne, bis ein Geräusch sie aufschreckte.
Die Beißer.
Aus dieser Höhe sahen sie harmlos aus, fast wie kleine Ameisen. Aber ich wusste aus schmerzhafter Erfahrung, wie schnell diese Dinger werden konnten, wenn sie frisches Blut witterten. Ich sah eine kleine Gruppe von ihnen, die sich um den Kadaver eines Kojoten stritt wild, reißend, gnadenlos.
„Da unten ist die Party, Chat“, sagte ich. Meine Stimme verlor schlagartig ihren hyperaktiven Streamer Tonfall. Die aufgesetzte Maske bekam Risse, und ein Hauch von echter, ungeschönter Ernsthaftigkeit schlich sich ein. „Zone 5. Wer hier unvorbereitet einen Fuß auf den Boden setzt, überlebt keine verdammten zehn Minuten. Es gibt keine Gnade, kein Respawn.“
Ich griff in die vordere Tasche meiner Cargohose und zog mein abgegriffenes, in Leder gebundenes Tagebuch heraus. Die Seiten waren voll mit dichten Notizen, Skizzen und mühsam gezeichneten Karten, die ich aus alten Reiseführern und Radio Übertragungen rekonstruiert hatte. Ich hielt eine der Karten in die Kamera.
„Die Welt ist da draußen in fünf Zonen eingeteilt. Zone 5 ist das pure Chaos. Zone 4 ist Wüste, übersät mit Plünderern und Clans, die verrückter sind als die Infizierten. Aber ganz im Osten… da drüben an der Küste. New New York. Und etwas weiter südlich die Bastion von New Washington DC. Das ist Zone 0.“
Ich strich mit dem Daumen über den markierten Punkt auf der Karte.
„Die Regierung hat es irgendwie geschafft. Sie haben gewaltige, befestigte Mauern hochgezogen. Ein funktionierendes System. Wenn man es durch Zone 1 schafft den heavily bewachten Todesstreifen , hat man eine Chance auf ein echtes Leben. Ohne ständige Angst. Ohne jeden Tag Filterkohle aus verdammten Spieltischen kratzen zu müssen.“
Ich starrte auf die endlose Wüste am Horizont, die hinter den Ruinen von Las Vegas begann. Der Weg dorthin war purer Wahnsinn. Eine Selbstmordmission. Tausende Kilometer durch ein zerstörtes Land, bevölkert von Monstern sowohl toten als auch lebendigen.
„Ich sitze hier am Arsch der Welt in meinem sicheren Turm“, flüsterte ich mehr zu mir selbst als zur Kamera. „Aber ich werde nicht ewig hierbleiben. New New York ist das Ziel.
Es wird ein verdammt harter Weg. Aber ich weigere mich, als alter Mann in diesem Penthouse zu sterben, ohne jemals wieder einen anderen Menschen gesehen zu haben. Wir werden das durchziehen, Chat. Ihr und ich. Die größte Quest der Menschheitsgeschichte.“
Ich zwang mich, mich vom Geländer loszureißen. Ich klappte das Notizbuch zu, verstaute es in meiner Tasche und setzte mit einem Ruck wieder mein markenzeichenhaftes, überbreites Streamer-Grinsen auf. Ich pochte zweimal mit dem Zeigefinger gegen den Rahmen der Brille.
„Aber hey, eins nach dem anderen! Das war’s erst mal für den ersten Einblick in mein Daily Life! Schaltet auch das nächste Mal wieder ein, wenn wir versuchen, ein paar Solarzellen vom Nachbardach zu looten, ohne von einem mutierten Beißer gefressen zu werden! Lasst Liebe da, smasht den Like Button und vergesst nicht, das Abo zu drücken. Euer Boy Lucas checkt aus. Peace!“
Ich schloss die Augen und gab den Sprachbefehl.
(Aufnahme beendet.)
(Datei wird verschlüsselt und hochgeladen… 100 %)
(Upload erfolgreich. Cloud-Speicher aktualisiert.)
Das kleine rote Licht an meinem HUD erlosch. Und im selben Bruchteil einer Sekunde brach die drückende, absolute Stille von Las Vegas wieder über mich herein. Das Lächeln fiel von meinem Gesicht, so schnell, als hätte jemand den Stecker gezogen. Ich war wieder allein. Nur ich, die Pflanzen und das ferne Kratzen der Toten.
Ich atmete schwer aus, drehte mich um und ging zurück in den dunkleren Teil des Wohnzimmers. Dort, auf einem kleinen Beistelltisch, stand mein wertvollster Besitz, der nichts mit Überleben zu tun hatte: ein altes, klobiges Kurzwellenradio, angeschlossen an eine klobige Autobatterie. Ich strich behutsam über die verstaubten Drehregler.
„Morgen…“, flüsterte ich in die Stille des Raumes. „Morgen schalte ich dich wieder ein. Vielleicht gibt es ja doch irgendwann mal gute Nachrichten.“