Juric Branovic Band 1

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Summary

IHRE FLUCHT WAR GEPLANT SEINE LIEBE NICHT ! Sie wurde ihm versprochen – als Rückzahlung für einen Gefallen. Doch bevor sie 24 wird, läuft sie davon … und trifft ausgerechnet auf ihn. Neela Petrova ist die Tochter eines einflussreichen Geschäftsmannes mit tiefen Verbindungen zur Bratva. Jahre zuvor rettete die Organisation ihrem Vater mit einem gefährlichen Gefallen das Leben – und als Preis versprach er seine Tochter. Die Vereinbarung war klar: Mit 24 Jahren soll Neela den Mann heiraten, dem sie gehört – den berüchtigten Bratva-Boss Juric Branovic. Doch Neele kennt diesen Mann nicht. Alles, was sie über ihn weiß, ist in Gerüchte getaucht – von Blut, Gewalt und rücksichtsloser Machtgier. Und als ihr 24. Geburtstag näher rückt, entscheidet sie sich für das Undenkbare: Sie plündert ihr Konto, lässt alles hinter sich und flieht nach New York – weit genug weg, um frei zu sein. Was sie nicht weiß: Auch dort ist Juric bereits ein Schatten in den Straßen. Ihm gehören Clubs, Casinos, ganze Netzwerke … und ausgerechnet in einem seiner Nachtclubs verdient sich Neele abends heimlich ihr Geld. Als sich ihre Wege zum ersten Mal kreuzen, wissen beide nicht, wer der andere wirklich ist. Zwischen ihnen lodert sofort etwas – roh, verboten, elektrisierend. Juric ist fasziniert von der schönen, eigensinnigen Frau mit dem Feuer in den Augen. Und Neele verliert sich mehr und mehr in seinem Blick … ohne zu ahnen, dass sie längst seine Braut ist.

Status
Complete
Chapters
40
Rating
5.0 4 reviews
Age Rating
18+

Das Versprechen

1. VERSPRECHEN 

**NEELE**

Die Wahrheit über mein Leben habe ich mit vierzehn Jahren durch einen Spalt in einer Tür erfahren.

Nicht bei einem ehrlichen Gespräch. Nicht in einem Moment der Nähe oder durch mütterlichen Rat. Nein. Es war ein kalter, unbedeutender Mittwochabend. Draußen lag der Schnee wie eine dicke Decke auf dem Gelände der Villa, und drinnen schien die Luft in diesen stummen Hallen schwerer als sonst.

Ich suchte nach meinem Skizzenbuch. Ironisch, nicht wahr? Als würde ein Mädchen wie ich einfach nur zeichnen wollen – ohne zu wissen, dass genau in diesem Moment das Bild meines Lebens bereits von anderen gemalt wurde.

Ich öffnete die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters ganz vorsichtig. Nur einen winzigen Spalt, kaum mehr als eine Fingerbreite. Das Licht war gedämpft, die Stimmen tief, das Timbre der Männer so anders als das gewohnte Personal.

„Sie wird ihm gehören“, sagte mein Vater.

Ich spürte, wie mir schlagartig schlecht wurde. Das Wort „gehören“ klebte an mir wie Dreck unter den Fingernägeln. Ich hatte es kaum begriffen, da kam schon die nächste Frage, eiskalt:

„Wann?“

„Mit vierundzwanzig. So wurde es vereinbart. Dann ist sie alt genug, um zu verstehen, was von ihr erwartet wird.“

Ein kurzes, zustimmendes Brummen. Dann: Gut es wird ihm gefallen das zu hören .“

„Er ist unberechenbar“, entgegnete mein Vater leise.„Unkontrollierbar in manchen Dingen. Es wäre vielleicht klüger, etwas anderes zu vereinbaren.“

Ein Moment Stille. Dann ein kehliges, fast erstauntes Lachen.„Petrova... versuchen Sie gerade, einen gemachten Pakt zu verhandeln?“

Mein Vater schwieg.

„Wissen Sie“, fuhr der andere fort, seine Stimme jetzt butterweich – und genau deshalb so beängstigend, „wir haben sehr viel für Sie getan. Erinnern Sie sich an den Sommer ’98? Oder an Karel Morozov? Ich erinnere mich noch gut, wie Ihr Auto ganz zufällig explodieren sollte. Wie viele Männer mussten wir abziehen, um Ihre jämmerliche Existenz zu retten? Vier? Fünf?“

Mein Vater atmete langsam aus. „Ich vergesse das nicht.“

„Nein, das tun Sie nicht. Aber Sie vergessen vielleicht, dass Sie nichts besitzen, was nicht jederzeit wieder genommen werden kann.“

„Sie ist meine Tochter.“

„Und sie ist Dein Versprechen.“ Ein Stuhl quietschte. Jemand stand auf. Schritte auf dem Marmor.

„Ich bitte Sie nur zu bedenken“, setzte mein Vater erneut an, diesmal mit spürbarer Schärfe in der Stimme, „dass Juric... eigen ist. Er hat eine Art, Dinge zu zerstören, die man ihm zu früh in die Hände legt.“

„Das ist ja das Schöne“, sagte der andere. „Sie ist nicht zu früh. Sie ist exakt richtig. Hübsch, gebildet, stolz – genau das, was ein Mann wie Juric braucht. Er wird sie mögen.“

Mein Vater erhob sich jetzt ebenfalls. Ich konnte es an der Stimme hören, die sich hob. „Ich werde ihm andere Optionen vorschlagen. Sie glauben, er will ein Mädchen, das man wie eine Vase irgendwo hinstellt? Er braucht eine Frau mit Zähnen. Neele... sie ist nicht geeignet für diesen Mann.“

Stille. Eiskalt. Schwer.

„Das entscheidet nicht sie. Und schon gar nicht Sie Petrov .“

Ein bedrohliches Klicken. Ich wusste nicht, ob es eine Pistole war – oder ob ich es mir nur einbildete. Aber mein Magen zog sich zusammen.

„Sie machen einen Fehler, wenn Sie glauben, dieser Pakt sei verhandelbar“, sagte der Fremde. „Wir haben Blut gegeben, damit Sie atmen. Ihre Tochter ist ein kleiner Preis. Oder wollen Sie, dass wir die Sache neu bewerten? Mit Zinsen?“

„Das war nicht Teil der Abmachung.“

„Dann halten Sie sich besser daran.“

Mein Vater schwieg. Ich wünschte, ich hätte in diesem Moment eine Reaktion gesehen. Reue. Wut. Scham. Irgendetwas. Aber es kam nichts. Nur ein hartes, trockenes Ausatmen.„Sie bekommen, was vereinbart wurde“, sagte er dann leise.

„Gut“, erwiderte der Fremde. „Sagen Sie ihr nichts. Noch nicht. Lassen Sie sie schön in dem Glauben, sie hätte eine Zukunft. Es macht den Bruch später umso reizvoller.“

Dann war es still. Nur ein Rascheln, das Klacken eines Feuerzeugs – diesmal war es sicher –, und dann entfernten sich die Schritte.

Ich stand immer noch vor der Tür. Meine Knie zitterten. Mein Herz raste. Aber ich konnte mich nicht bewegen. Ich hatte alles gehört. Und ich wusste, nichts in meinem Leben würde je wieder so sein wie vorher. Ich wusste nicht, wer „der Junge“ war. Aber das war auch egal. Mir war nur eines klar: Mein Vater hatte mich verkauft. Wie eine Währung. Ein Stück Fleisch, ein Versprechen, ein Schuldenausgleich. Ich konnte nicht atmen. Ich wich von der Tür zurück, Schritt für Schritt. Die Stimme hallte noch in meinem Kopf, obwohl ich sie nicht mehr hörte. „Sie wird ihm gehören.“

Ich war vierzehn Jahre alt. Und in dieser Nacht verlor ich meine Kindheit.

Ich habe niemandem davon erzählt. Nicht meiner Mutter. Nicht den Hausangestellten. Ich behielt es für mich. Ich trug es wie einen Stein in der Brust. Und jedes Jahr, das verging, wurde dieser Stein schwerer.

Ich beobachtete meinen Vater fortan anders. Suchend. Zweifelnd. Und ich fand, was ich nicht sehen wollte: Wahrheit in allem. Seine Kälte. Seine Sätze wie Befehle. Die Art, wie er Entscheidungen über mein Leben traf, ohne je meinen Willen zu berücksichtigen.

„Mach das.“

„Zieh das an.“

„Du wirst dort sein.“

„Erwarte keinen Widerspruch.“

Ich wuchs in einem goldenen Käfig auf. Gefüttert mit Designerstücken, Bildung und Benehmen. Aber alles war gelenkt. Jedes Detail. Selbst meine Hobbys waren ausgewählt – Harfe statt Klavier, weil er meinte, es wirke feiner. Nur das Zeichnen hatte ich mir heimlich genommen. Und manchmal, wenn ich wirklich mutig war, auch das Träumen.

Mit sechzehn recherchierte ich das erste Mal den Namen, den ich damals gehört hatte. Juric Branovic

Es war kein besonders seltener Name – aber in Verbindung mit „Bratva“, „Geschäfte“ und „Moskau“ tauchte er mehrfach auf. Zeitungsartikel. Halbseidene Blogeinträge. Ein paar düstere Foren. Nichts Offizielles. Aber überall dieselbe Botschaft: Er war kein Mann, dem man widersprach. Einer, der verschwinden lässt. Der sich nahmt, was ihm gehört. Der seine Deals einhielt. Und der dafür sorgt, dass es jeder andere auch tat.

Es gab kaum Fotos. Und die wenigen, die ich fand, zeigten einen Mann in der Ferne. In Schwarz. Groß. Breit. Das Gesicht halb verdeckt von Rauch oder Schatten. Ich konnte mir sein Lächeln nicht vorstellen. Ich wollte es auch nicht.

Mit achtzehn – als ich bereits fünf Sprachen sprach, mit Messer und Gabel tötlich korrekt aß und wusste, wie man sich auf Gala-Abenden elegant langweilte – versuchte ich, mit meinem Vater darüber zu sprechen. Ich wählte den Moment mit Bedacht: ein ruhiger Abend, wir beide im Wintergarten, Kaminfeuer, Cognac in seinen Händen, Pfefferminztee in meinen.

„Papa...“, sagte ich.

Er sah nicht auf. „Was ist, Neele?“

Ich holte tief Luft. Zählte innerlich bis drei. Hielt den Blick gesenkt. „Ist es wahr, dass ich Juric Branovic heiraten soll?“

Stille.

Ich hob langsam den Kopf. Er sah mich an und da war nichts. Kein Zucken, kein Schock, kein „Wer hat dir das erzählt?“ – nur dieser eiskalte Ausdruck in seinen Augen, den ich so gut kannte.

„Ja“, sagte er. Kein Zögern. Kein Bedauern.

„Warum?“, flüsterte ich.

„Weil ich es ihm schulde.“

„Und was ist mit mir?“, fragte ich.

„Du wirst verstehen, wenn du älter bist.“

Ich wollte aufschreien. Ich wollte das Porzellan zerschlagen, ihm die heiße Tasse ins Gesicht schleudern, ihn zwingen, mich anzusehen und zu erkennen, dass ich kein Pfand war.

Aber ich tat nichts. Ich schluckte. Ich lächelte schwach. Und ich hasste ihn ein kleines bisschen mehr.

****

Die Jahre danach wurden ein Spiel auf Zeit. Kein offenes Auflehnen, keine dramatischen Ausbrüche – sondern präzises Schweigen.

Ich lernte zu beobachten. Nicht mit großen Augen, sondern mit kleinen Gesten, mit dem Ohr an den Schatten, mit dem Herzschlag einer Tochter, die jeden Tag ein Stück mehr verstand, wie wenig sie in diesem Haus wirklich zählte.

Ich wurde zur perfekten Fassade. Gehorsam. Grazil. Unangreifbar. Und während ich an Klaviersonaten feilte, bei Empfängen das Kristallglas mit geübter Eleganz hob und auf Veranstaltungen wie ein wertvolles Erbstück neben meinem Vater stand, formte sich unter der Oberfläche etwas Anderes.

Ich begann zu zählen. Blicke. Wege. Sicherheitslücken. Ich wusste bald, wann welcher Leibwächter Pause hatte, welches Überwachungssystem nachts für fünf Minuten auf Stand-by ging. Ich lernte, wie man unauffällig Türen testet, welche Schlösser einfach nur gut aussehen, aber sich mit einem Draht öffnen lassen. Ich beobachtete das Personal – wer redete zu viel, wer schwieg zu gut, wer trug seine Loyalität wie ein rotes Halstuch. Ich speicherte alles. Lautlos. Lächelnd.

Wenn mein Vater mich ansah, dachte er wahrscheinlich, er hätte mich gebrochen. Dass ich mich gefügt hätte. Dass ich verstand, was es bedeutete, eine Petrova zu sein.

Dabei hatte ich längst begonnen, alles zu planen, was mich aus seinem Schatten führen würde. Ich begann, Geld beiseite zulegen. Keine großen Beträge – das wäre aufgefallen. Aber kleine Summen, systematisch verschwunden aus Ausgabenposten, die keiner überprüfte. Trinkgelder. Scheinkäufe. Bargeldgeschenke zu Feiertagen, die ich nie feierte.

Ich sammelte jede Banknote wie eine Spur in die Freiheit.

Dann kam Mira.

Sie war Anfang dreißig, rau, klug, mit einer Stimme, die nach Zigarette klang und einem Blick, der zu viel gesehen hatte. Offiziell war sie meine „persönliche Stilberaterin“. Inoffiziell war sie die erste und einzige Person, der ich einen Bruchteil meiner Wahrheit anvertraute.

„Willst du abhauen ?“, hatte sie gefragt , noch bevor ich den Mund aufmachen konnte. Ich schwieg. Aber das war Antwort genug.

Sie nickte nur. Zog eine Zigarette aus ihrer Bluse, zündete sie mit einem goldenen Feuerzeug an, auf dem ein schwarzer Totenkopf prangte. Und dann sagte sie den Satz, der mir bis heute in den Knochen liegt: „Dann brauchst du einen anderen Namen, andere Papiere .“

Es war Mira, die mir den ersten Kontakt zu einem Mann in Litauen verschaffte. Er hieß Lasko, sprach fünf Sprachen, roch nach Minze und Leder und konnte Identitäten basteln wie andere Leute Origami. Er fertigte mir eine neue Geburtsurkunde, zwei gefälschte Ausweise, einen ukrainischen Führerschein und ein Backup-Passdokument mit einer anderen Haarfarbe. Ich zahlte in bar. Kein Wort zu viel. Kein Blick zurück.

Dann begann ich zu üben.

Ich übte, wie man sich in Menschenmengen bewegt, ohne aufzufallen. Wie man die Kamera über der Tür so passiert, dass sie nur den Scheitel erfasst. Wie man eine Wohnung verlässt, ohne Spuren zu hinterlassen – keine Haare, keine Fingerabdrücke, keine Wärme.

Ich übte, wie man Angst in Entschlossenheit verwandelt. Zuerst war es eine zitternde Vorstellung. Ein Szenario. Ein “Was wäre wenn”. Doch mit jedem Tag wurde es realer. Greifbarer. Und mein Körper gewöhnte sich daran. Die Flucht war kein Traum mehr. Sie wurde zu einem Teil meines Reflexes.

Ich las Bücher über Spionage. Schaute mir Videos an über Körpersprache, Mikroexpressionen, Verhalten unter Druck. Ich trainierte, meine Atmung zu kontrollieren, selbst wenn mein Herz raste. Ich lernte zu lügen, ohne zu blinzeln.

Und mit jedem Jahr wurde ich wütender. Aber es war keine hitzige, laute Wut. Nein – sie war kalt. Präzise. Wie ein Skalpell. Nicht dazu gemacht, blind zuzuschlagen – sondern um genau da anzusetzen, wo es am meisten wehtat.

Ich sprach nie darüber. Nicht einmal mit Mira. Denn ich wusste: Wenn ich es laut aussprach, wurde es real. Und Reales konnte man zerstören. Also ließ ich meine Gedanken wachsen wie unterirdische Wurzeln.

Tief. Verzweigt. Unaufhaltsam.